Völ­li­ge Über­for­de­rung

Der Tagesspiegel - - LESER MEINUNG - — Chris­tel Graaf, Son­der­päd­ago­gin i. R., Ber­lin

„Schee­res will’s wis­sen“vom 5. No­vem­ber Vor­ab die An­mer­kung, dass es schwer­fällt oh­ne ei­nen ge­wis­sen Sar­kas­mus und ru­hig zu ar­gu­men­tie­ren ... Wie ge­ni­al die Idee, die St­un­den­ta­fel der Ler­n­an­fän­ger auf Kos­ten von Sprach­för­der­stun­den aus­zu­wei­ten! Das hilft der Viel­zahl der Kin­der mit in­di­vi­du­el­len Lern­pro­ble­men, die sich – auf­grund der groß­ar­ti­gen, zu­kunfts­ori­en­tier­ten Ber­li­ner Schul­po­li­tik – über­wie­gend ei­nem ein­zel­nen Leh­rer/ei­ner ein­zel­nen Leh­re­rin ge­gen­über se­hen, der/die i. d. R. trotz gu­ter Kom­pe­tenz völ­lig über­for­dert ist. Zwan­zig St­un­den Un­ter­richt un­ter den ge­ge­be­nen Be­din­gun­gen über­for­dern schon jetzt Ler­n­an­fän­ger. Im Üb­ri­gen ist es zy­nisch, die Sprach­för­der­stun­den als „Re­ser­ven im Sys­tem“zu be­zeich­nen. Dies ist nicht nur kurz­sich­tig, son­dern igno­rant!

Gera­de Sprach­ent­wick­lungs­ver­zö­ge­run­gen, Le­se-Recht­schreib-Schwie­rig­kei­ten, nicht­deut­sche Her­kunfts­spra­che so- wie emo­tio­nal-so­zia­le Be­ein­träch­ti­gun­gen stel­len ei­ne be­son­de­re Her­aus­for­de­rung in der Grund­schu­le dar, zu­mal die ent­spre­chen­den För­der­be­dar­fe häu­fig kein iso­lier­tes Pro­blem, son­dern ei­ne sich wech­sel­sei­tig be­din­gen­de Pro­ble­ma­tik dar­stel­len. Ganz zu schwei­gen von den Pro­ble­men der üb­ri­gen Kin­der, die man frü­her als „be­hin­dert“be­zeich­net hat, die nun er­freu­li­cher­wei­se ein­be­zo­gen sind, aber selbst­ver­ständ­lich in­di­vi­du­ell ge­för­dert wer­den müs­sen.

Be­reits jetzt sind die Grund­schul­päd­ago­gen trotz größ­ten Be­mü­hens durch die be­son­de­ren An­for­de­run­gen der In­klu­si­on über­for­dert, da die Lern­be­din­gun­gen so sind, wie sie sind.

Frau Schee­res soll­te sich ein­mal in die Si­tua­ti­on hin­ein­ver­set­zen, für die schu­li­sche Ent­wick­lung von Kin­dern, spe­zi­ell Ler­n­an­fän­gern die Haupt­ver­ant­wor­tung zu tra­gen, oh­ne die­ser Ver­ant­wor­tung auch nur an­nä­hernd ge­recht wer­den zu kön­nen. War­um wird im­mer so ge­tan, als ob sich die Si­tua­ti­on in den Schu­len bes­sert durch For­ma­li­en wie St­un­den-Um­ver­tei­lung, Er­stel­lung ei­ner Schü­ler­da­tei, Aus­wei­tung von Leis­tungs­tests für Schü­ler, Ein­stel­lung von un­zu­rei­chend aus­ge­bil­de­ten Aus­hilfs­kräf­ten? (Ent­schul­di­gung, es gibt sehr wohl et­li­che en­ga­gier­te, kom­pe­ten­te Quer­ein­stei­ger, die ei­ne Schu­le be­rei­chern.) In die­sem Zu­sam­men­hang ist auch dar­auf zu ver­wei­sen, dass für Leh­rer*in­nen die Be­las­tun­gen bü­ro­kra­ti­scher Art in un­zu­mut­ba­rer Wei­se zu­ge­nom­men ha­ben und ak­tu­ell wei­ter zu­neh­men. Und dies, oh­ne dass aus die­sen Fak­ten ir­gend­wel­che Kon­se­quen­zen im Sin­ne päd­ago­gi­scher Ver­bes­se­rung re­sul­tie­ren wür­den. Dau­er­haf­te Über­las­tun­gen för­dern nicht nur Ver­druss, son­dern auch Krank­heit. Dies gilt für Leh­re­rin­nen und Leh­rer genau­so wie für Schü­le­rin­nen und Schü­ler.

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