Shop­pen auf Man­da­rin

Deut­sche zah­len bar, Chi­ne­sen mo­bil. Für die zah­lungs­freu­di­gen Tou­ris­ten rüs­ten vie­le Shops nun tech­nisch auf „Chi­ne­sen sind ne­ben lo­ka­len Kun­den die um­satz­stärks­te Grup­pe“

Der Tagesspiegel - - WIRTSCHAFT - Von Lau­rin Mey­er Da­vid Freund, KaDeWe-Ma­na­ger

Ber­lin - Das KaDeWe hat noch gar nicht ge­öff­net, da ste­hen schon die ers­ten Kauf­wü­ti­gen vor dem gro­ßen Haupt­ein­gang. Das Ber­li­ner Lu­xus­kauf­haus ver­sprüht auch von au­ßen sei­nen Charme. Doch des­halb sind sie nicht ge­kom­men, die zahl­rei­chen Tou­ris­ten aus Chi­na. Sie war­ten nur dar­auf, durch die Re­ga­le mit teu­ren Hand­ta­schen oder ed­len Schu­hen zu stö­bern.

Und seit Ok­to­ber dürf­ten die sich im KaDeWe ganz be­son­ders wohl­füh­len. Da bie­tet das Kauf­haus näm­lich et­was, das sie aus ih­rer Hei­mat ken­nen: Alip­ay, den Zah­lungs­dienst Num­mer eins in Chi­na. An vor­erst sie­ben Kas­sen kön­nen sie mit Alip­ay be­zah­len. Da­bei braucht man we­der Bar­geld noch ei­ne Kar­te – statt­des­sen ein Smart­pho­ne. An der Kas­se zeigt der Kun­de le­dig­lich das Dis­play mit sei­nem per­sön­li­chen Co­de vor. Der Ver­käu­fer scannt die­sen nur noch ein, und der Kauf­preis wird vom hin­ter­leg­ten Kon­to des Kun­den ab­ge­bucht.

Alip­ay hat über 520 Mil­lio­nen Nut­zer und be­herrscht in Chi­na mehr als die Hälf­te des Mark­tes. Die Zah­lungs­platt­form ge­hört zu Ali­ba­ba, dem zwei­ten chi­ne­si­schen Tech-Gi­gan­ten ne­ben Ten­cent. „Der Ser­vice wird sehr gut an­ge­nom­men“, freut sich Da­vid Freund, ver­ant­wort­lich für das Tou­ris­mus-Ma­nage­ment der KaDeWe-Grup­pe. Seit dem Start sei auch schon ein kon­ti­nu­ier­li­cher An­stieg der täg­li­chen Trans­ak­tio­nen zu er­ken­nen.

Händ­ler wol­len es den Gäs­ten aus dem Reich der Mit­te so an­ge­nehm wie mög­lich ma­chen. Das hat ei­nen ein­fa­chen Grund: Chi­ne­sen sind Welt­meis­ter im Geld­aus­ge­ben. Auf ih­ren Fern­rei­sen wür­den sie durch­schnitt­lich über 3000 Eu­ro im Land las­sen – mehr als je­de an­de­re Na­ti­on, be­haup­tet der Fi­nanz­dienst­leis­ter Wi­re­card. Ei­ne Zah­lung, die das Fi­nanz­haus über Alip­ay un­ter an­de­rem auch für das KaDeWe ab­wi­ckelt, ist im Schnitt knapp 800 Eu­ro schwer.

„Ne­ben un­se­ren lo­ka­len Kun­den sind chi­ne­si­sche Rei­sen­de seit Jah­ren die um­satz­stärks­te Grup­pe im KaDeWe“, sagt Freund. Die Ver­kaufs­schla­ger dort sei­en Ac­ces­soires fran­zö­si­scher und ita­lie­ni­scher Lu­xus­mar­ken. Aber auch Rei­se­ge­päck und Haus­halts­wa­ren stün­den hoch im Kurs – vor al­lem von deut­schen Her­stel­lern.

Das chi­ne­si­sche Geld bleibt hier­zu­lan­de vor al­lem in den Ein­kaufs­zen­tren, weiß Chris­ti­an Tänz­ler vom Ber­li­ner Stadt­ver­mark­ter „Vi­sit Ber­lin“: „Chi­ne­sen ge­hen lie­bend ger­ne shop­pen.“Und vor al­lem Mar­ken, wie sie im KaDeWe zu be­kom­men sind, sei­en ge­fragt. So sei ein Mar­ken­ar­ti­kel, vor­nehm­lich ei­ne teu­re Hand­ta­sche oder ein Rei­se­kof­fer, für vie­le Chi­ne­sen ein Sta­tus­sym­bol. Das un­ter­schei­de Chi­ne­sen auch von an­de­ren Tou­ris­ten-Na­tio­nen, sagt Tänz­ler. Rei­sen­de aus Russ­land sei­en vor al­lem auf Schmuck aus, Ar­gen­ti­ni­er oder Bra­si­lia­ner in­ter­es­sier­ten sich häu­fig für Tech­nik und Kin­der­spiel­zeug.

Das fa­vo­ri­sier­te Shop­ping-Ter­rain der Chi­ne­sen ist wohl auch des­halb der Ber­li­ner Kur­fürs­ten­damm – dort, wo sich al­le be­kann­ten Lu­xus­mar­ken an­ein­an­der­rei­hen. Dem Per­so­nal sind die Vor­lie­ben der Chi­ne­sen be­kannt. In vie­len Lä­den kann man an­geb­lich schon mit Alip­ay zah­len, wenn nicht, soll das schon ganz bald mög­lich sein, ver­si­chern die Mit­ar­bei­ter. Bis da­hin hält es so manch ein Sto­re noch spon­tan: „Wir pro­bie­ren erst ein­mal al­les, was der chi­ne­si­sche Kun­de wünscht“, sagt ei­ne Ver­käu­fe­rin. „Und dann schau­en wir, ob die Be­zah­lung funk­tio­niert hat.“Falls nicht, lie­ßen sich meis- tens aber Al­ter­na­ti­ven fin­den. Tänz­ler lobt die­se Hal­tung der Händ­ler: „Beim Shop­pen er­war­ten Chi­ne­sen die Stan­dards, die sie auch zu Hau­se ha­ben“, sagt er. Und für die Ber­li­ner Wirt­schaft sei es för­der­lich, die­se Stan­dards zu er­fül­len.

Den­noch hin­ke die Haupt­stadt im in­ner­deut­schen Ver­gleich hin­ter­her. „An­de­re Städ­te wie Mün­chen sind un­ter den Chi­ne­sen noch be­kann­ter.“Auch des­halb, weil es dort­hin mehr di­rek­te Flug- ver­bin­dun­gen gibt. Die Haupt­stadt hat über die Air­line Hai­n­an ak­tu­ell nur ei­ne Di­rekt­flug­an­bin­dung nach Chi­na. „Für Ber­lin ist das ein Wett­be­werbs­nach­teil“, sagt Tänz­ler.

Im ver­gan­ge­nen Jahr buch­ten Tou­ris­ten aus Chi­na laut Be­her­ber­gungs­sta­tis­tik rund 300 000 Über­nach­tun­gen in Ber­lin, fast sie­ben Pro­zent mehr als 2016. Die­ser Trend dürf­te sich fort­set­zen. Tou­ris­mus­ver­bän­de schät­zen, dass sich die Zahl chi­ne­si­scher Aus­lands­rei­sen bis 2030 knapp ver­drei­fa­chen wird. Der Wirt­schafts­boom und die dras­tisch ge­sun­ke­ne Ar­mut im letz­ten Jahr­zehnt ha­ben da­zu ge­führt, dass sich mehr und mehr Men­schen aus Chi­na Aus­land­rei­sen leis­ten kön­nen. Bis­lang ha­ben schät­zungs­wei­se aber nur rund sie­ben Pro­zent der 1,3 Mil­li­ar­den Ein­woh­ner ei­nen Rei­se­pass. Aber die Chi­ne­sen, die hier sind, wür­den im­mer­hin viel Geld aus­ge­ben, sagt Tänz­ler.

Das er­ken­nen zu­neh­mend auch an­de­re ab­seits des Lu­xus­seg­ments. Als die Mas­sen­mar­ke H& M ver­gan­ge­ne Wo­che die Kol­lek­ti­on ei­nes be­rühm­ten US-De­si­gners ver­trieb, wa­ren es dort vor al­lem Chi­ne­sen, die sich mit den ex­klu­si­ven Stü­cken ein­deck­ten. Die Kol­lek­ti­on war vie­ler­orts noch am sel­ben Tag aus­ver­kauft. Aber es ge­be auch ei­nen star­ken Trend weg von den be­kann­ten in­ter­na­tio­na­len Mar­ken hin zu lo­ka­len Brands. „Das La­bel ‚Ma­de in Ber­lin‘ kommt zum Bei­spiel gut an“, sagt Tänz­ler.

Und noch wei­te­re rüs­ten auf, dar­un­ter der Be­steck- und Topf­händ­ler WMF. Als Pi­lot­pro­jekt kön­nen chi­ne­si­sche Kun­den zu­nächst an den Kas­sen in ei­ner Fi­lia­le in Frank­furt über Alip­ay zah­len, bald soll das auch bun­des­weit funk­tio­nie­ren, so der Plan. Seit Ok­to­ber geht das zu­dem auch in den Fi­lia­len der Dro­ge­rie­ket­te Mül­ler. Der Händ­ler hat Alip­ay pünkt­lich zur „Gol­den Week“an den Start ge­bracht, ei­ner chi­ne­si­schen Fei­er­tags­wo­che, die häu­fig für län­ge­re Rei­sen ge­nutzt wird.

Pio­nier­geist in die­sem Be­reich zeig­te Ross­mann. In den Fi­lia­len der Dro­ge­rie­ket­te kön­nen Kun­den schon seit Som­mer 2017 mit Alip­ay be­zah­len. „Chi­ne­si­sche Tou­ris­ten sind für uns ei­ne zu­neh­mend wich­ti­ge­re Ziel­grup­pe“, sag­te Ge­schäfts­füh­rer Raoul Roß­mann da­mals zur Ein­füh­rung. Die Kun­den aus Fer­n­ost ste­hen vor al­lem auf Kos­me­tik- und Bio­pro­duk­te, aber auch auf Ba­by­nah­rung. So ist deut­sches Milch­pul­ver im­mer noch sehr be­liebt, nach­dem vor knapp zehn Jah­ren Hun­dert­tau­sen­de Kin­der in Chi­na an ver­un­rei­nig­tem Milch­pul­ver er­krankt wa­ren.

Im KaDeWe kön­nen die um­wor­be­nen Kun­den nicht nur chi­ne­sisch be­zah­len, sie kön­nen sich auch auf Chi­ne­sisch be­ra­ten las­sen. Denn ei­ni­ge der Ver­käu­fer des Lu­xus­kauf­hau­ses spre­chen ih­re Spra­che flie­ßend. „Gera­de chi­ne­si­schen Kun­den ist ei­ne Be­ra­tung in ih­rer Mut­ter­spra­che sehr wich­tig“, sagt KaDeWe-Ma­na­ger Freund. Ak­tu­ell sucht das Haus so­gar Ver­stär­kung. Dem­nächst soll ein neu­er chi­ne­si­scher „Sa­les As­sis­tent“an­fan­gen – und zwar in Voll­zeit.

Voll mo­bil.

Fo­tos: Thi­lo Rück­eis/Ima­go/Lu­kas Schul­ze/dpa

Chi­ne­sen zah­len ger­ne mit dem Smart­pho­ne. Für Gäs­te aus dem Reich der Mit­te hat das KaDeWe des­halb sei­ne Kas­sen auf­ge­rüs­tet. An­de­re wie der Be­steck­ver­käu­fer WMF zie­hen nach. Für deut­sche Händ­ler sind die Chi­ne­sen lu­kra­ti­ve Kun­den. Das wuss­te Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel schon 2014, als sie mit dem chi­ne­si­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Li ein­kau­fen ging.

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