Al­les nur zu Ih­rer Si­cher­heit

Die Po­li­tik zwingt Air­lines, im­mer mehr Da­ten über Pas­sa­gie­re ein­zu­sam­meln. Wei­te­re Re­geln sind ge­plant. Rei­sen­de müs­sen noch mehr Ge­duld mit­brin­gen

Der Tagesspiegel - - WIRTSCHAFT - Von Rai­ner W. Du­ring

Ber­lin - Nach ei­ner vom In­nen­mi­nis­te­ri­um un­ter­stütz­ten Ge­set­zes­in­itia­ti­ve des Bun­des­ra­tes sol­len die Flug­ge­sell­schaf­ten in Deutsch­land künf­tig ver­pflich­tet wer­den, die Bord­kar­ten mit den Per­so­nal­pa­pie­ren der Pas­sa­gie­re ab­zu­glei­chen. Die meis­ten Air­lines leh­nen dies auf­grund viel­sei­ti­ger recht­li­cher Be­den­ken ab. Die we­nigs­ten Rei­sen­den wis­sen, dass ih­re Bu­chungs­da­ten seit ei­ni­gen Mo­na­ten oh­ne­hin schon an die Si­cher­heits­be­hör­den über­mit­telt und aus­ge­wer­tet wer­den, bis hin zu der Kre­dit­kar­ten­num­mer, mit der das Ti­cket ge­bucht wur­de.

Grund­la­ge für die eu­ro­pa­wei­te Da­ten­er­fas­sung ist die EU-Richt­li­nie 2016/681 „über die Ver­wen­dung von Flug­gast­da­ten­sät­zen zur Ver­hü­tung, Auf­de­ckung, Er­mitt­lung und Ver­fol­gung von ter­ro­ris­ti­schen Straf­ta­ten und schwe­rer Kri­mi­na­li­tät“. Das Ver­fah­ren in Deutsch­land ist im Flug­gast­da­ten­ge­setz ge­re­gelt, das am 25. Mai die­ses Jah­res im kom­plet­ten Um­fang in Kraft ge­tre­ten ist. Da­nach müs­sen die Flug­ge­sell­schaf­ten von al­len Pas­sa­gie­ren Na­men, Bu­chungs- und Rei­se­da­ten, An­schrif­ten, Te­le­fon­num­mern, Email-Adres­sen, An­ga­ben zum mit­ge­führ­ten Ge­päck, zum Sitz­platz und zu even­tu­el­len Mi­t­rei­sen­den über­mit­teln. Er­fasst wer­den auch der Viel­flie­ger-Sta­tus, „al­le Ar­ten von Zah­lungs­in­for­ma­tio­nen“und – so­weit er­ho­ben – Pass- oder Aus­weis­da­ten, Ge­burts­da­tum und Ge­schlecht des Rei­sen­den so­wie­so.

Die Da­ten wer­den 48 bis 24 St­un­den vor der ge­plan­ten Start­zeit so­wie un­mit­tel­bar nach dem Bo­ar­ding dem Bun­des­ver­wal­tungs­amt über­mit­telt. Sie wer­den dort im Auf­trag des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes mit Da­ten­be­stän­den und Ver­hal­tens­mus­tern ab­ge­gli­chen. Ziel ist es, Per­so­nen zu iden­ti­fi­zie­ren, die ei­ne ter­ro­ris­ti­sche oder staats­ge­fähr­den­de Straf­tat be­gan­gen ha­ben oder in­ner­halb ei­nes über­seh­ba­ren Zei­t­rau­mes be­ge­hen könn­ten. Gleich­zei­tig wird nach Per­so­nen ge­fahn­det, die we­gen ei­nem von 26 Straf­tat­be­stän­den ge­sucht wer­den, von Be­trugs-, Um­welt- und Tö­tungs­de­lik­ten über Kin­der­por­no­gra­fie und Ver­ge­wal­ti­gung bis zu Wirt­schafts­spio­na­ge.

Die Er­geb­nis­se kön­nen zur wei­te­ren Prü­fung oder zwecks ge­eig­ne­ter Maß­nah­men an BKA, Lan­des­kri­mi­nal­äm­ter, Bun­des­po­li­zei, Zoll, Ver­fas­sungs­schutz, Mi­li­tä­ri­schen Ab­schirm­dienst und Bun­des­nach­rich­ten­dienst wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Auch der Aus­tausch der Da­ten zwi­schen den Mit­glieds­staa­ten der EU und selbst die Über­mitt­lung an Dritt­staa­ten ist zu­läs­sig. Erst nach sechs Mo­na­ten wer­den die er­fass­ten Da­ten de­per­so­na­li­siert und nach fünf Jah­ren ge­löscht. Von all dem ahnt der Pas­sa­gier in der Re­gel nichts. Va­ge Hin­wei­se fin­den sich nur in den Da­ten­schutz­be­stim­mun­gen auf den Web­sei­ten der Flug­ge­sell­schaf­ten, die kaum je­mand stu­die­ren dürf­te. So nennt die Luft­han­sa am En­de der vier­ten von 20 (!) Sei­ten schlicht „staat­li­che Stel­len und Be­hör­den“als Emp­fän­ger.

Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) hält es in ei­nem Gut­ach­ten für grund­sätz­lich zu­läs­sig, Flug­gast­da­ten an Grenz­kon­troll­be­hör­den zu über­mit­teln und aus­zu­wer­ten. Wenn sich kei­ne kon­kre­ten An­halts­punk­te für ge­plan­te schwe­re Straf­ta­ten er­ge­ben ha­ben, sieht der EuGH je­doch kei­ne Rechts­grund­la­ge für ei­ne Spei­che­rung über die Rei­se­dau­er hin­aus.

Als „pro­ble­ma­tisch“be­zeich­net die Bun­des­da­ten­schutz­be­auf­trag­te Andrea Voß­hoff die Ein­be­zie­hung der in­ner­eu­ro­päi­schen Flü­ge. Sie schrän­ke den Grund- satz des frei­en Per­so­nen­ver­kehrs im Sin­ne der Schen­gen-Ver­trä­ge ein. Die eu­ro­päi­schen Ge­setz­ge­ber sei­en in der Pflicht, die eu­ro­päi­schen und na­tio­na­len Re­ge­lun­gen zum Um­gang mit den PNR (Pas­sen­ger Na­me Re­cor­ds)-Da­ten zu über­ar­bei­ten und grund­rechts­kon­form aus­zu­ge­stal­ten. In Si­cher­heits­krei­sen wird die Ef­fek­ti­vi­tät des Ge­set­zes in­fra­ge ge­stellt, weil nur die Da­ten von Flug­rei­sen­den er­fasst wer­den. Be­reits heu­te sei zu be­ob­ach­ten, dass Kri­mi­nel­le in­ner­halb Eu­ro­pas das Flug­zeug mei­den und lie­ber Bahn, Bus oder Pkw nut­zen, er­klärt ein Ex­per­te.

Un­ge­ach­tet des­sen sol­len die Flug­rei­sen­den jetzt noch stär­ker ins Vi­sier ge­nom­men wer­den. Auf Initia­ti­ve des nie­der­säch­si­schen In­nen­mi­nis­ters Bo­ris Pis­to­ri­us (SPD) hat der Bun­des­rat kürz­lich ei­nen Ent­wurf zur Än­de­rung des Luft­si­cher­heits­ge­set­zes be­schlos­sen, mit dem sich der Bun­des­tag vor­aus­sicht­lich noch im No­vem­ber be­fas­sen wird: Die Air­lines sol­len ver­pflich­tet wer­den, beim Ein­stieg die Aus­weis­pa­pie­re der Flug­gäs­te zu prü­fen und mit den bei der Bu­chung an­ge­ge­be­nen Da­ten ab­zu­glei­chen.

Pis­to­ri­us be­zieht sich bei sei­nem Vor­stoß auf den Fall des Mord­ver­däch­ti­gen Ali R., der vom Flug­ha­fen Düs­sel­dorf in die Tür­kei flie­gen und wei­ter in den Irak flie­hen konn­te, ob­wohl das Ti­cket auf ei­nen fal­schen Na­men ge­bucht war. Da es sich um ei­nen Flug in ein Land au­ßer­halb des Schen­gen-Rau­mes han­del­te, wur­den sei­ne Per­so­nal­pa­pie­re in Düs­sel­dorf von der Bun­des­po­li­zei über­prüft. R. stand zu die­sem Zeit­punkt noch nicht auf der Fahn­dungs­lis­te. Auf­fal­len hät­te den Be­am­ten nur der an­ders­lau­ten­de Na­me auf der Bord­kar­te kön­nen, doch die­ser Ab­gleich fin­det bei den Pass­kon­trol­len in Deutsch­land bis­her nicht statt.

Ziel die­ser Pass­kon­trol­len sei „ins­be­son­de­re die zwei­fels­freie Fest­stel­lung der Iden­ti­tät der Rei­sen­den an­hand der vor­ge­leg­ten Grenz­über­tritts­do­ku­men­te so­wie die Fest­stel­lung von ver­fälsch­ten oder ge­fälsch­ten oder miss­bräuch­lich ver­wen­de­ten Iden­ti­täts­do­ku­men­ten“, so das In­nen­mi­nis­te­ri­um. „Zu­dem er­folgt ein Ab­gleich mit den Fahn­dungs­no­tie­run­gen. Flug­ti­ckets und Bord­kar­ten sind kei­ne be­hörd­li­chen Iden­ti­täts- bzw. Grenz­über­tritts­do­ku­men­te, die zu die­sem Zweck und im Sin­ne die­ser recht­li­chen Be­stim­mun­gen zu über­prü­fen sind.“

Weil es al­so of­fen­sicht­lich kei­ne recht­li­che Grund­la­ge gibt, Per­so­nal­pa­pie­re und Ti­cket­da­ten bei der amt­li­chen Pass­kon­trol­le ab­zu­glei­chen, sol­len das jetzt die Luft­ver­kehrs­ge­sell­schaf­ten über­neh­men. Zwar wer­den die Bord­kar­ten beim Ein­stieg oh­ne­hin ge­prüft. Der von man­chen Air­lines be­reits heu­te prak­ti­zier­te Ab­gleich mit ei­nem Aus­weis­pa­pier soll bis­her le­dig­lich die un­zu­läs­si­ge Wei­ter­ga­be von Ti­ckets oh­ne meist ge­büh­ren­pflich­ti­ge Um­bu­chung ver­hin­dern. Le­dig­lich in Bel­gi­en, Groß­bri­tan­ni­en, Spa­ni­en und zeit­wei­lig in Frank­reich ist er amt­lich vor­ge­schrie­ben, wird in der Re­gel je­doch nur sehr ober­fläch­lich durch­ge­führt.

Be­den­ken ge­gen die an­ge­streb­te Ge­set­zes­än­de­rung ha­ben die Air­lines gleich in mehr­fa­cher Hin­sicht. An­ders als die An­ge­hö­ri­gen der Si­cher­heits­un­ter­neh­men, die im Auf­trag der Bun­des­po­li­zei die Per­so­nen- und Hand­ge­päck­kon­trol­len durch­füh­ren, han­delt es sich bei dem Ab­fer­ti­gungs­per­so­nal nicht um Be­lie­he­ne des Bun­des, die zur Wah­rung ho­heit­li­cher Auf­ga­ben be­rech­tigt sind. Und wie soll ein Mit­ar­bei­ter, der häu­fig auch noch von ei­nem ex­ter­nen Di­enst­leis­ter stammt, oh­ne ent­spre­chen­de Schu­lung die Echt­heit ei­nes Per­so­nal­do­ku­men­tes er­ken­nen oder oh­ne ent­spre­chen­de Sprach­kennt­nis­se, den Na­men auf der Bord­kar­te mit ei­nem bei­spiels­wei­se nur in ara­bi­scher oder ky­ril­li­scher Schrift ab­ge­fass­ten Per­so­nal­do­ku­ment ab­glei­chen?

Der Air­lines will man sich of­fen­bar auch be­die­nen, um bei den Kon­trol­len un­ge­ach­tet der be­reits bei der Pas­sa­gier­da­ten­spei­che­rung be­ste­hen­den Be­den­ken auch den Schen­gen-Raum ein­zu­be­zie­hen. Die laut Luft­si­cher­heits­ge­setz von den Flug­ge­sell­schaf­ten zu tref­fen­den „Si­cher­heits­maß­nah­men“wür­den auch hier gel­ten, be­ton­te das Mi­nis­te­ri­um in ei­ner Stel­lung­nah­me an den Ta­ges­spie­gel.

An­ders als die Pas­sa­gier- und Ge­päck­kon­trol­len weh­re die an­ge­streb­te Ge­set­zes­än­de­rung kei­ne An­grif­fe auf die Si­cher­heit des Luft­ver­kehrs ab, son­dern die­ne den al­lein im Ver­ant­wor­tungs­be­reich der Po­li­zei lie­gen­den Auf­ga­ben der Straf­ver­fol­gung, heißt es in ei­nem neu­en Po­si­ti­ons­pa­pier des Bun­des­ver­ban­des der Deut­schen Luft­ver­kehrs­wirt­schaft, das dem Ta­ges­spie­gel vor­liegt. Am Ge­set­zes­ent­wurf be­män­gelt man auch das Feh­len kon­kre­ter Kon­se­quen­zen für den Fall, dass ein Ab­gleich nicht er­fol­gen kann oder ne­ga­tiv ver­läuft. Wür­de die je­wei­li­ge Air­line ei­nem Pas­sa­gier dar­auf­hin die Be­för­de­rung ver­wei­gern, wä­re sie un­ter Um­stän­den zu Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen we­gen der Nicht­be­för­de­rung ver­pflich­tet.

Fo­to: Bo­do Marks/dpa

Der letz­te Auf­ruf für Flug­rei­sen­de dürf­te an Flug­hä­fen bald frü­her er­klin­gen. Denn das Bo­ar­ding braucht mehr Zeit. Seit den Ter­ror­an­schlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001 wer­den Si­cher­heits­re­geln ste­tig ver­schärft. Nicht al­le Maß­nah­men schei­nen durch­dacht.

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