Gro­ße Ver­dum­mungs­ma­schi­ne

Das Vier­tel um den Mer­ce­des-Platz nimmt For­men an. Nur fehlt es ihm an Iden­ti­tät und Ur­ba­ni­tät

Der Tagesspiegel - - KULTUR - Ger­rit Bar­tels Von Udo Ba­delt

Seit ei­ni­ger Zeit hat man den Ein­druck, dass die deut­schen Mu­sik­charts ein Par­al­lel­uni­ver­sum ei­ge­ner Art dar­stel­len, ins­be­son­de­re die Top zehn der pro Wo­che am meis­ten ver­kauf­ten, ge­klick­ten, ge­stream­ten Songs, al­so die Sing­le-Charts. Selbst in Krei­sen, die der Pop­mu­sik nicht ganz fern ste­hen, die sich, sa­gen wir: die „Spex“(so­lan­ge es sie noch gibt) oder den „Rol­ling Sto­ne“kau­fen, die bei „Pitch­fork“un­ter­wegs sind oder sich brav durch die neu­es­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen bei Spo­ti­fy oder Ti­dal hö­ren, selbst in sol­chen Krei­sen stößt man oft auf Kopf­schüt­teln, wenn Na­men wie Trett­mann, Grin­go, Bo­nez MC, Ca­pi­tal Bra oder Raf Ca­mo­ra fal­len. Nie ge­hört, heißt es dann, ob­wohl es gera­de die­se Mu­si­ker sind, ge­nau­er: die­se Deutsch-Rap­per, die Wo­che für Wo­che mit neu­en Songs her­aus­kom­men und es da­mit so­fort auf die Spit­zen­plät­ze schaf­fen. Seit sie 2008 am Fried­richs­hai­ner Spree­ufer ge­lan­det war, wirk­te die erst O–2-, dann Mer­ce­des-Benz-Are­na hei­ßen­de Mehr­zweck­hal­le wie ein bul­li­ges und sehr ein­sa­mes Ufo. Das Ge­län­de, auf dem sie steht, ist nie schön ge­we­sen. Mit ty­pisch Ber­li­ner Wursch­tig­keit war hier aus­ge­rech­net die nörd­li­che, al­so die Son­nen­sei­te des Flus­ses der In­dus­trie und den gro­ßen Bahn­strän­gen nach Os­ten über­las­sen wor­den. Wo­bei, so ty­pisch ber­li­ne­risch ist das auch wie­der nicht. Dass man sich am Was­ser er­ho­len kann, ist ei­ne Er­fin­dung des spä­ten 20. Jahr­hun­derts, in vie­len Städ­ten war die Was­ser­la­ge his­to­risch ganz selbst­ver­ständ­lich für Ver­kehr und Pro­duk­ti­on re­ser­viert.

Nach dem Mau­er­fall fiel das Ge­biet zwi­schen Ost­bahn­hof und War­schau­er Stra­ße in ei­nen Schlum­mer, der zahl­rei­che Träu­me ge­bar – vor al­lem se­xu­el­le, auf den Tech­no­par­tys in der Ma­ria oder im Ost­gut, das bis 2003 in ei­nem eins­ti­gen Gü­ter­bahn­hof un­ter­ge­bracht war. Nach des­sen Ab­riss ret­te­ten sich die Be­trei­ber ein paar hun­dert Me­ter wei­ter in ein ehe­ma­li­ges Fern­heiz­werk, das einst die Sta­lin­bau­ten an der Frank­fur­ter Al­lee ver­sorgt hat­te, grün­de­ten das Berg­hain und si­cher­ten mit klu­gen Ver­trä­gen des­sen Exis­tenz in ei­nem sich ra­sant wan­deln­den Um­feld. Denn hier blüh­ten noch ganz an­de­re Träu­me, In­ves­to­ren­träu­me. 2001 kauf­te die ame­ri­ka­ni­sche An­schutz En­ter­tain­ment Group das ge­sam­te Are­al, auf dem jetzt tat­säch­lich, erst­mals in sei­ner Ge­schich­te, so et­was wie Stadt ent­stan­den ist. Die Er­öff­nung war am 13. Ok­to­ber. 200 Mil­lio­nen Eu­ro hat An­schutz in­ves­tiert, und auch wenn im­mer noch Bau­ar­bei­ter zu­gan­ge und die Ho­tels noch nicht er­öff­net sind, ist das gan­ze für Ber­li­ner Ver­hält­nis­se atem­be­rau­bend schnell fer­tig ge­wor­den. Das Ufo ist nicht mehr al­lein, es hat Brü­der und Schwes­tern be­kom­men, ei­ne gan­ze Fa­mi­lie. Aber wer in dem neu­en Quar­tier spa­zie­ren geht, merkt schnell: Es ist ei­ne Ad­dams Fa­mi­ly.

Vor al­lem die neue East Si­de Mall, das 69. Ein­kaufs­zen­trum in Ber­lin, gibt sich auf­müp­fig, macht dem Mut­ter­schiff den Sta­tus des Leit-Ufos strei­tig. Mit dem nie­der­län­di­schen Ar­chi­tek­ten Ben van Ber­kel, Er­bau­er der Eras­mus­brü­cke in Rot­ter­dam, hat sie im­mer­hin ei­nen Schöp­fer, der na­ment­lich iden­ti­fi­zier­bar ist.

Die Mall ist stra­te­gisch so plat­ziert, dass sie die Kauf­kraft di­rekt vom S-Bahn­hof War­schau­er Stra­ße ab­schöpft. Sie ent­springt, wie al­le Ein­kaufs­zen­tren, dem Glau­ben, Men­schen könn­ten nicht aus sich her­aus ein le­ben­di­ges, le­bens­wer­tes Stadt­vier­tel her­vor­brin­gen, bräuch­ten Le­bens­sinn ser­viert in Form von Kon­sum, Event, Be­spa­ßung. Wer die East Si­de Mall be­tritt, tau­melt, ge­flasht von lau­ter Déjà-vus, so­fort wie­der hin­aus. Der viel­fäl­ti­ge Pla­net wird in der Welt der Malls er­schre­ckend klein, schnurrt zu­sam­men zu ei­ner Wohl­fühl­höl­le aus im­mer glei­chen künst­li­chen Stim­mungs­düf­ten und dem Lä­cheln im­mer glei­cher ka­pi­tal­star­ker Ein­zel­han­dels­ket­ten.

Auch hier be­stä­tigt sich die Er­kennt­nis: Malls sind das Ge­gen­teil von Ur­ba­ni­tät. Sie sau­gen Men­schen ein und ge­ben dem Stadt­raum nichts zu­rück, weil sie voll- stän­dig nach au­ßen ab­ge­schot­tet sind. Es sind schwar­ze Lö­cher der Stadt­ent­wick­lung, auch wenn sie schwein­chen­ro­sa an­ge­stri­chen sind wie am Alex­an­der­platz. Au­ßer­dem: Wirkt es in Zei­ten des Kli­ma­wan­dels, den die Malls durch ih­ren enor­men Ener­gie­ver­brauch zu­gleich mit­be­för­dern, nicht ab­surd und un­nö­tig, sich in tem­pe­rier­ten Räu­men auf­zu­hal­ten, wenn gleich­zei­tig der Win­ter aus­stirbt?

Herz­stück des Quar­tiers ist der Mer­ce­des-Platz ne­ben­an, be­nannt nach dem Au­to­mo­bil­her­stel­ler aus dem Süd­deut­schen. Der hat als

Spon­sor bis 2035 die Na­mens­rech­te an Platz und Mehr­zweck­hal­le. Ei­gen­tü­mer und Be­trei­ber des Are­als bleibt An­schutz. Er wirkt auf den ers­ten Blick wie ein tra­di­tio­nel­ler eu­ro­päi­scher Groß­stadt­platz, weil er kla­re Kan­te zeigt.

Sprich: Er hat

Wän­de in Gestalt von Fas­sa­den. Trotz­dem ist er ein Alb­traum, ei­ne Dys­to­pie. Weil er ei­nen ag­gres­siv be­läs­tigt, weil er Kon­sum auf­zwingt, weil Stadt­be­woh­ner sein hier be­deu­tet: ins Ki­no ge­hen und es­sen, es­sen, noch mehr es­sen. Und weil er maß- und scham­los den äl­tes­ten Lock­stoff der Mensch­heit ein­setzt, um von der krea­ti­ven Dürf­tig­keit der Ar­chi­tek­tur ab­zu­len­ken: Licht. Bla­de Run­ner ist hier kei­ne Fik­ti­on mehr. Rie­si­ge Lein­wän­de flu­ten den Platz Tag und Nacht mit Na­mens­bran­ding, da­zu kom­men acht sym­me­tri­sche LED-Säu­len, die von ih­rer Her­kunft aus dem Reichs­par­tei­tag nichts wis­sen und doch das Herz von Le­ni Rie­fen­stahl er­freut hät­ten. Sie spre­chen ja auch die Wahr­heit, er­füll­te der Mer­ce­des-Platz bei Pop­kon­zer­ten und Spie­len von Al­ba oder der Eis­bä­ren doch die Funk­ti­on ei­nes Auf­marsch­ge­län­des für die Mas­sen.

Aber wie soll so ein Ort Iden­ti­tät ge­win­nen? Zu­mal sich sein Na­me wahr­schein­lich mit je­dem Spon­so­ren­wech­sel än­dert? Ist dies über­haupt öf­fent­li­cher Raum, dürf­ten hier zum Bei­spiel, nach An­mel­dung, an­ti­fa­schis­ti­sche De­mos statt­fin­den wie am Ora­ni­en­platz? Apro­pos, ei­ne klei­ne Kreuz­ber­ger Wi­der­stän­dig­keit gab es doch. Nach Re­cher­chen der „Zeit“hat es ei­nen ein­fa­chen Grund, war­um der Platz nicht „Mer­ce­des-Benz-Platz“heißt. Im Be­zirk Fried­richs­hain-Kreuz­berg gilt die Re­gel, dass al­le Stra­ßen und Plät­ze nach Frau­en be­nannt wer­den müs­sen, bis Gleich­stand mit den männ­li­chen Na­men er­reicht ist. Und was ist Mer­ce­des? Ge­nau, ein Frau­en­na­me, in Spa­ni­en. Bit­te, war­um nicht gleich Ber­tha-Benz-Platz? Die re­so­lu­te Da­me hat schließ­lich im Au­gust 1888 durch ih­re ei­gen­mäch­ti­ge Fahrt von Mann­heim nach Pforz­heim oh­ne Wis­sen des Gat­ten die Eig­nung des neu­en Ge­fährts auf der Langstre­cke be­wie­sen und da­mit das au­to­mo­bi­le Zeit­al­ter ein­ge­läu­tet. Man hät­te auch ein­fach die Ehe­frau Gott­lieb Daim­lers neh­men kön­nen. Hat ja schon mal funk­tio­niert: Weil der Platz vor dem Jü­di­schen Mu­se­um nicht nach Mo­ses Men­dels­sohn be­nannt wer­den durf­te, heißt er jetzt prag­ma­tisch Fro­met-und-Mo­ses-Men­dels­sohn-Platz. Es führt wohl kein Weg am Em­ma-und-Gott­lieb-Daim­ler-Platz vor­bei.

Rich­tig ernst wird es üb­ri­gens an der He­len-Ernst-Stra­ße. Der 1948 an den Fol­gen der La­ger­haft ge­stor­be­nen Zeich­ne­rin und Wi­der­ständ­le­rin hat man or­dent­lich ein­ge­schenkt; die nach ihr be­nann­te Stra­ße ist die häss­lichs­te des Quar­tiers. Weil sie nur die Rück­sei­ten be­dient, al­so: Park­haus­ein­fahr­ten, Not­aus­gän­ge, Per­so­nal­ein­gän­ge, ver­schlos­se­ne Tü­ren, to­te Erd­ge­schos­se. Der Hin­tern des Vier­tels. Nir­gend­wo ist Stadt so fer­nes Wunsch­den­ken wie hier. Was zu­gleich ein ge­ne­rel­les Pro­blem zeit­ge­nös­si­scher Ar­chi­tek­tur be­leuch­tet. Weil sie sich zu­vor­derst auf das In­ne­re kon­zen­triert, ist ihr das Äu­ße­re völ­lig zweit­ran­gig. Die Hül­le ist nur der Ab­druck der in­ne­ren Funk­ti­on. Ir­gend­wie muss das Ge­bäu­de ja aus­se­hen. Wer hin­ge­gen am na­hen Box­ha­ge­ner Platz spa­ziert, merkt schnell: Grün­der­zeit­vier­tel, heu­te die be­lieb­tes­ten Wohn­ge­gen­den, ken­nen kei­ne Rück­sei­te. Al­les ist nach au­ßen ge­rich­tet, will wir­ken, re­prä­sen­tie­ren, et­was er­zäh­len.

Wo sind die Bau­meis­ter, die heu­te wie­der Or­te wie den Hein­rich­platz oder den Vik­to­ria-Lui­se-Platz schaf­fen kön­nen, die ja auch in we­ni­gen Jah­ren am Reiß­brett ent­stan­den sind und Ur­ba­ni­tät aus­strahl­ten? Plät­ze, die von Gas­tro­no­mie ge­prägt sind, wo man aber ver­wei­len kann, oh­ne stän­dig zu­ge­brüllt zu be­kom­men: „Iss was!“De­ren Rand­be­bau­ung klein­tei­lig Blick auf den Ein­gang der Mer­ce­des-Ben­zA­re­na, zu der sich jetzt auch ei­ni­ge an­de­re Ge­bäu­de­en­sem­bles ge­sellt ha­ben, un­ter an­de­rem das 69. Ein­kaufs­zen­trum Ber­lins, die East Si­de Mall. und da­mit mensch­lich ist? Rund um den Mer­ce­des-Platz sind, wie üb­ri­gens auch am Pots­da­mer Platz, ei­ne Hand­voll rie­si­ger Neu­bau­ten ent­stan­den, wo Dut­zen­de Platz ge­habt hät­ten. Die 50 bis 100 Me­ter lan­gen Fas­sa­den sind mo­no­ton, re­gen kei­ne Ge­dan­ken an. Das Re­sul­tat: Stumpf­sinn. Das neue Vier­tel ist auch ei­ne gi­gan­ti­sche Ver­dum­mungs­ma­schi­ne. Es schreit und hat doch so we­nig zu sa­gen.

Ei­ne un­ter­schwel­li­ge Bot­schaft trans­por­tiert es gleich­wohl. An der wie­der­um al­les falsch wirkt: Pfei­fe auf Res­sour­cen­und Kli­ma­schutz, flüs­tern die Ge­bäu­de, die Welt ge­hört dir, be­nut­ze und ver­brau­che sie! Die Ener­gie kommt aus der Steck­do­se. Dass wir al­le we­ni­ger kon­su­mie­ren müss­ten statt mehr, dass wir nur al­le fünf Jah­re flie­gen und die Koh­le dort las­sen soll­ten, wo sie hin­ge­hört, näm­lich in der Er­de, dass wir of­fen­siv Bäu­me pflan­zen müss­ten, um der At­mo­sphä­re CO2 zu ent­zie­hen, an­statt sie ro­den zu wol­len wie im Ham­ba­cher Wald – von all dem er­fährt man hier nichts. Be­grif­fe wie Ver­zicht oder De­mut sind dem Quar­tier fremd. So ver­lässt man es er­leich­tert. Und denkt: In 100 Jah­ren viel­leicht, nach­dem sie zwei oder drei Re­no­vie­rungs­zy­klen hin­ter sich hat, könn­te die­se Ar­chi­tek­tur an­fan­gen, in­ter­es­sant zu wer­den und so et­was wie Cha­rak­ter zu ent­wi­ckeln. Als Si­gnum ei­ner Epo­che. Aber na­tür­lich ist sie bis da­hin längst ab­ge­ris­sen. Res­sour­cen sind ja ge­nug da.

Hier kann man nur ins Ki­no ge­hen und es­sen, es­sen und es­sen

Fo­to: Andre­as Go­ra/Ima­go

über den an­hal­ten­den Er­folg des deutsch­spra­chi­gen Raps Bul­li­ges Ufo

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