Das Ver­ges­sen be­kämp­fen

Die Vor­stel­lung von Micha­el Ruetz’ und As­trid Köp­pes Fo­to­band „Po­grom 1938“in der AdK

Der Tagesspiegel - - KULTUR - To­masz Ku­ria­no­wicz

Gera­de mal 80 Jah­re ist es her, da brann­ten in Deutsch­land Sy­nago­gen. Deut­sche Nach­barn trie­ben ih­re jü­di­schen Mit­bür­ger durch die Stra­ßen, be­schimpf­ten Frau­en, die sich in jü­di­sche Män­ner ver­lieb­ten, war­fen Fens­ter­schei­ben von jü­di­schen Ge­schäf­ten ein, mor­de­ten und zer­stör­ten. Der 9. No­vem­ber 1938 war der Be­ginn des Ho­lo­caust. Und er be­gann nicht ver­ein­zelt, nicht nur an sym­bol­träch­ti­gen Or­ten wie Ber­lin, Ham­burg und Mün­chen, son­dern in der gan­zen Re­pu­blik: von Am­rum bis in die ver­win­kelts­ten Ecken Bay­erns und Schwa­bens.

Als Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er die Büh­ne der Aka­de­mie der Küns­te be­tritt, um Micha­el Ruetz’ und As­trid Köp­pes Buch „Po­grom 1938. Das Ge­sicht in der Men­ge“zu prä­sen­tie­ren und der Op­fer der Reichs­po­grom­nacht zu ge­den­ken, wa­bert mit Blick über den Pa­ri­ser Platz ei­ne be­drü­cken­de Fra­ge durch den Raum: Wä­re so ei­ne Nacht der Zer­stö­rung heu­te wie­der mög­lich? Wür­den deut­sche Bür­ger wie 1938 jü­di­sche Frau­en und Män­ner al­lein we­gen ih­res Glau­bens schla­gen und schi­ka­nie­ren? Wür­den an­de­re ta­ten­los zu­schau­en?

St­ein­mei­er spart die Fra­gen be­wusst aus. Statt­des­sen er­in­nert er an den kürz­lich statt­ge­fun­de­nen An­griff auf ei­ne Sy­nago­ge in Pitts­burgh und sagt: „Wenn ich an die­se ab­scheu­li­che Tat den­ke, be­kom­me ich es mit der blan­ken Angst zu tun.“Die Re­de will dar­an er­in­nern, dass im Jahr 2018 das Si­cher­heits­ge­fühl vie­ler Ju­den ins Wan­ken ge­ra­ten ist, gera­de in Deutsch­land: „Doch nur dann, wenn sich al­le Ju­den si­cher füh­len, fin­det die Bun­des­re­pu­blik voll­kom­men zu sich selbst.“Der Wi­der­stand ge­gen den An­ti­se­mi­tis­mus, so St­ein­mei­er, sei heu­te wie mor­gen deut­sche Staats­rä­son. Für die­sen Satz be­kommt St­ein­mei­er von der 97-jäh­ri­gen Ho­lo­caust-Über­le­ben­den Mar­got Fried­län­der ei­nen Kuss auf die Wan­ge.

Da­nach spricht der His­to­ri­ker Wolf­gang Benz über die Ins­ze­nie­rung der Ge­walt bei der Reichs­po­grom­nacht. Wer je­doch ei­nen prä­zi­sen Ein­druck be­kom­men will, muss nur in den Fo­to­band des Braun­schwei­ger De­sign­pro­fes­sors Micha­el Ruetz schau­en, den die­ser mit sei­ner Kol­le­gin As­trid Köp­pe zu­sam­men­ge­stellt hat. Be­wusst hat der Fo­to­graf Bil­der der Reichs­po­grom­nacht aus­ge­wählt, die nicht nur bren­nen­de Sy­nago­gen und zer­stör­te Ge­schäf­te zei­gen, son­dern die Ge­sich­ter der Men­schen, die die­se Ta­ten ver­bro­chen ha­ben. Mit zy­ni­schen, spöt­ti- schen Kom­men­ta­ren, die im Duk­tus an Brechts Kriegs­fi­bel er­in­nern, ver­sucht sich der Wis­sen­schaft­ler ei­nen Reim dar­auf zu ma­chen, was die Deut­schen bei den Schi­ka­nen ge­fühlt, wel­che Lust sie bei der Zer­stö­rung ver­spürt ha­ben mö­gen.

Die Bei­spie­le sind de­pri­mie­rend. Zu se­hen ist et­wa ein Fo­to aus dem frie­si­schen Nor­den, auf dem die Jü­din Eli­se Extra von ei­nem Mob durch die Stadt ge­trie­ben wird. Da­bei hat sie ein Schild um den Hals hän­gen mit der Auf­schrift: „Ich bin ein deut­sches Mäd­chen und ha­be mich von ei­nem Ju­den schän­den las­sen.“Da­ne­ben sieht man zwei Frau­en, die ver­gnügt la­chen und wie bei ei­nem Fa­schings­um­zug glück­lich durch die Stadt mar­schie­ren.

Der Fo­to­band zeigt das Aus­maß des Schre­ckens: Sie­ge­ner Bür­ger, die lust­voll da­bei zu­schau­en, wie ein jü­di­sches Got­tes­haus in Flam­men auf­geht. Düs­sel­dor­fer, die jü­di­sche Ge­schäf­te plün­dern. Fran­ken­ber­ger Kin­der, die das Au­to ih­res jü­di­schen Leh­rers um­wer­fen und stolz auf dem Wrack po­sie­ren. Bre­mer, die jü­di­sche Män­ner ins Zucht­haus het­zen. Zum Ab­schluss er­klärt Ruetz im Ge­spräch mit Jea­ni­ne Meer­ap­fel, der Prä­si­den­tin der Aka­de­mie, dass es ihm wich­tig war, das Glot­zen der ta­ten­los Her­um­ste­hen­den zu zei­gen. Die Do­ku­men­ta­ti­on sei sei­ne Art des Pro­tests, ein Weg, um zu ver­hin­dern, dass sich ei­ne Reichs­po­grom­nacht je­mals wie­der­holt. „Er­in­nern ist ein Kampf ge­gen die Zeit. Wir dür­fen die­sen Kampf nicht auf­ge­ben.“

— Micha­el Ruetz, As­trid Köp­pe:

1938: Das Ge­sicht in der Men­ge.

Nim­bus Verlag, Wä­dens­wil am Zü­rich­see 2018, 144 Sei­ten, 29,80 €

Po­grom

Fo­to: Sie­ger­län­der Hei­mat- und Ge­schichts­ver­ein

Schre­ckens­bild. Der Brand der Sy­nago­ge am Ober­gra­ben in Sie­gen am 10. No­vem­ber 1938.

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