Von der Kunst, ei­ne Re­pu­blik aus­zu­ru­fen

Das „Eu­ro­pean Bal­c­o­ny Pro­ject“er­in­nert an den de­mo­kra­ti­schen Auf­bruch 1918 – und grün­det sym­bo­lisch ei­nen Viel­völ­ker­staat

Der Tagesspiegel - - KULTUR - Fre­de­rik Hans­sen

„Es ist Zeit, das Ver­spre­chen Eu­ro­pas zu ver­wirk­li­chen und sich an die Grün­dungs­idee des eu­ro­päi­schen Ei­ni­gungs­pro­jekts zu er­in­nern.“Die Schau­spie­le­rin Co­rin­na Kirch­hoff steht auf der Wei­den­dam­mer Brü­cke zwi­schen dem S-Bahn­hof Fried­rich­stra­ße und dem Ber­li­ner En­sem­ble und spricht in die kal­te Ber­li­ner Nach­mit­tags­luft.

Sie ver­liest ein vom ös­ter­rei­chi­schen Schrift­stel­ler Ro­bert Me­n­as­se, der deut­schen Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin Ul­ri­ke Gué­rot und dem Schwei­zer Thea­ter­ma­cher Mi­lo Rau ver­fass­tes Ma­ni­fest, das „in Ton und Stil“an die Re­pu­blik-Aus­ru­fun­gen von 1918 er­in­nern will. Die Initia­to­ren nen­nen es das „Eu­ro­pean Bal­c­o­ny Pro­ject“. Zeit­gleich mit Co­rin­na Kirch­hoff re­zi­tie­ren am Sams­tag rund 150 Mit- strei­ter in ganz Eu­ro­pa den Text. Mit da­bei sind un­ter an­de­ren das Na­tio­nal­thea­ter Gent, das Burg­thea­ter Wi­en, das Mu­seo del Ma­re di Na­po­li, das Bochu­mer Schau­spiel­haus oder auch das Ham­bur­ger Tha­lia Thea­ter.

In Ber­lin fin­det die Ak­ti­on auch am Ro­ten Rat­haus statt, zu­mAb­schluss ei­ner Eu­ro­pa- und Städ­te­kon­fe­renz, im Kunst­quar­tier Betha­ni­en, woKul­tur­se­na­tor Klaus Le­de­rer als Spre­cher in Er­schei­nung tritt, auf der Fried­richs­brü­cke an der Mu­se­ums­in­sel, wo das Jun­ge Thea­ter Kreuz­berg zum Flashmob auf­ge­ru­fen hat, so­wie im Schö­ne­ber­ger Mu­se­um.

An die 100 Men­schen ha­ben sich an der Wei­den­dam­mer Brü­cke um Co­rin­na Kirch­hoff ver­sam­melt, sie blo­ckie­ren den Bür­ger­steig, so­dass die Pas­san­ten auf die Stra­ße aus­wei­chen müs­sen. An­ge­mel­det scheint die Ak­ti­on nicht zu sein, zu­min­dest zeigt sich nir­gend­wo ein Po­li­zist, der sich um den re­gel­kon­for­men Ver­kehrs­fluss küm­mern könn­te.

Über dem guss­ei­ser­nen Reich­sad­ler, der in der Mit­te der 1896 er­bau­ten Brü­cke thront, ha­ben die „Eu­ro­pean Bal­c­o­ny Pro­ject“-Ak­ti­vis­ten ei­ne kun­ter­bunt ge­streif­te Fah­ne ge­hängt, aus der sich – bei aus­rei­chen­der Sach­kennt­nis – die ein­zel­nen Na­tio­nal­flag­gen der EU-Mit­glieds­län­der her­aus­le­sen las­sen.

Frau Kirch­hoff spricht in ein schwach­brüs­ti­ges Me­ga­phon und hat es dar­um schwer, ge­gen den Lärm der vor­bei­fah­ren­den Bus­se und Au­tos an­zu­kom­men. Wer nicht zu­vor im In­ter­net auf der Web­site www.eu­ro­pean­bal­c­ony­pro­ject.eu den Text des Ma­ni­fests her­un­ter­ge­la­den hat und jetzt mit­le­sen kann, ver­steht kaum ein Wort.

Gera­de er­klärt die Schau­spie­le­rin „al­le, die sich in die­sem Au­gen­blick in Eu­ro­pa be­fin­den“, zu Bür­ge­rin­nen und Bür­gern der „Eu­ro­päi­schen Re­pu­blik“und for­dert da­zu auf, das uni­ver­sa­le Er­be der all­ge­mei­nen Er­klä­rung der Men­schen­rech­te an­zu­neh­men und die­se end­lich zu ver­wirk­li­chen. „Wir sind uns be­wusst, dass der Reich­tum Eu­ro­pas auf Jahr­hun­der­ten der Aus­beu­tung an­de­rer Kon­ti­nen­te und der Un­ter­drü­ckung an­de­rer Kul­tu­ren be­ruht. Wir tei­len des­halb un­se­ren Bo­den mit je­nen, die wir von ih­rem ver­trie­ben ha­ben. Eu­ro­pä­er ist, wer es sein will. Die Eu­ro­päi­sche Re­pu­blik ist der ers­te Schritt auf dem Weg zur glo­ba­len De­mo­kra­tie.“

Von den Aus­flugs­boo­ten, die auf der Spree vor­bei­fah­ren, win­ken Leu­te hin­auf. „Der Eu­ro­päi­sche Rat ist ab­ge­setzt“, re­zi­tiert die Schau­spie­le­rin. „An die Stel­le der Sou­ve­rä­ni­tät der Staa­ten tritt die Sou­ve­rä­ni­tät der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. Es le­be die Eu­ro­päi­sche Re­pu­blik!“. Die Sym­pa­thi­san­ten klat­schen aus­dau­ernd, und da­mit die gan­ze Ak­ti­on nicht gar so schnell vor­bei ist, wird der Text an­schlie­ßend er­neut vor­ge­tra­gen, dies­mal von den Or­ga­ni­sa­to­ren, die je­weils nach ei­nem Ab­satz das Me­ga­phon wei­ter­rei­chen. Dann be­ginnt sich die Men­ge lang­sam zu zer­streu­en, wer mag, kann noch In­fo­ma­te­ri­al mit­neh­men. Um 16.12 Uhr ist die Ak­ti­on vor­bei, lang­sam senkt sich die Däm­me­rung über die Haupt­stadt.

Fo­tos: Dar­mer/Sven Da­vids, Mi­che­le Ga­l­as­si

Am Ro­ten Rat­haus gab’s zum Ma­ni­fest auch Mu­sik, auf der Wei­den­dam­mer Brü­cke er­hob die Schau­spie­le­rin Co­rin­na Kirch­hoff ih­re Stim­me.

Es le­be Eu­ro­pa!

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