Al­les Schaf­fen ist Zer­stö­rung

Zwi­schen Ord­nung und Un­ord­nung: Ju­dith Schalans­ky er­zählt von zwölf Mo­men­ten des Ver­lusts

Der Tagesspiegel - - LITERATUR - Von Stef­fen Rich­ter

Es ge­be zwei For­men, mit Ver­lus­ten um­zu­ge­hen, schreibt Sieg­mund Freud 1917 in ei­nem klei­nen Text, des­sen Ti­tel die­se bei­den Mo­di be­zeich­net: „Trau­er und Me­lan­cho­lie“. Wäh­rend Trau­er­ar­beit zur Wie­der­er­lan­gung der „see­li­schen Ge­sund­heit“füh­re und das Ich für neue Bin­dun­gen be­freie, sei die mit ihr ver­wand­te Me­lan­cho­lie ei­ne „pa­tho­lo­gi­sche“Spiel­art der „nor­ma­len“Trau­er, in der der Me­lan­cho­li­ker dem Ver­lo­re­nen ver­haf­tet blei­be.

Die­se Me­lan­cho­lie mag psy­cho­lo­gisch ein De­sas­ter sein, li­te­ra­risch ist sie ei­ne Pro­duk­tiv­kraft. Sie hält prä­sent, was sie nicht ver­ar­bei­ten kann. Der Schmerz­punkt, von dem die zwölf Tex­te in Ju­dith Schalans­kys „Ver­zeich­nis ei­ni­ger Ver­lus­te“aus­ge­hen, scheint die Er­fah­rung ei­ner un­rei­nen Ab­we­sen­heit zu sein: Nichts ist vor­über, das Ab­we­sen­de ist in ver­schie­dens­ten Zei­chen doch im­mer an­we­send – so wie das An­we­sen­de im­mer schon Zei­chen sei­ner künf­ti­gen Ab­we­sen­heit mit sich führt.

Das be­trifft das Süd­see-Atoll Tua­na­ki, das wäh­rend ei­nes See­be­bens ver­sank, aber auf Kar­ten bis 1875 noch ver­zeich­net ist. Das be­trifft die Lie­bes­lie­der der Sap­pho, die erst aus Zeug­nis­sen Drit­ter re­kon­stru­iert wur­den und so­mit zu­gleich vor­han­den und doch nicht vor­han­den sind. Das be­trifft auch den Pa­last der Re­pu­blik, der, bei Schalans­ky noch vor­han­den, die Ku­lis­se für das En­de ei­ner Lie­be ab­gibt und so schon auf sein ei­ge­nes Ver­schwin­den vor­aus­deu­tet.

Ju­dith Schalans­ky über­rascht uns – wie­der ein­mal – mit ei­nem im bes­ten Sin­ne selt­sa­men Buch. Ein recht non­fik­tio­na­ler Ap­pa­rat mit Vor­be­mer­kung, Vor­wort und aus­führ­li­chem Per­so­nen­ver­zeich­nis flan­kiert die Tex­te.

Schon die Vor­be­mer­kung aber hat selbst li­te­ra­ri­schen Cha­rak­ter, in­so­fern sie ei­ne Viel­falt par­al­le­ler Zei­ten in­sze­niert und die Schreib­zeit des Bu­ches mit den Da­ta der Welt­ge­schich­te kurz­schließt: „Wäh­rend der Ar­beit an die­sem Buch ver­glüh­te die Raum­son­de Cas­si­ni in der At­mo­sphä­re des Sa­turn; (…) ver­schwand ei­ne Bo­eing 777 spur­los auf dem Weg von Kua­la Lum­pur nach Pe­king; (…) stürz­te bei ei­nem Erd­be­ben in Kath­man­du zum zwei­ten Mal der Dha­ra­ha­ra-Turm ein.“

Das Vor­wort lie­fert dann ei­ne klei­ne es­say­is­ti­sche Theo­rie des Ver­lusts, die ihn zum un­er­läss­li­chen Be­stand­teil des Le­bens er­klärt, das Ver­lie­ren ge­gen das Be­wah­ren ab­wägt und zwei Ho­ri­zon­te des Ver­ge­hens oder Fort­le­bens an­deu­tet: den auf­klä­re­ri­schen Zeit­strahl, auf dem wir froh­ge­mut in ei­ne lich­te Zu­kunft rei­ten, und die un­kal­ku­lier­ba­re Ver­qui­ckung von Zu­fall und An­pas­sung in der bio­lo­gi­schen Evo­lu­ti­on. Das klingt zu­wei­len et­was groß und mar­kig: „Am Le­ben zu sein be­deu­tet, Ver­lus­te zu er­fah­ren.“Und was wä­re mit der apo­dik­ti­schen – und nicht eben neu­en – Be­haup­tung ge­won­nen, dass „je­des Ding im­mer schon Müll, je­des Ge­bäu­de im­mer schon Rui­ne und al­les Schaf­fen nichts als Zer­stö­rung“sei? Ist denn, möch­te man ge­gen die­ses ba­rock an­mu­ten­de Be­kun­den ein­wen­den, nicht je­des Ding, Ge­bäu­de und Schaf­fen eben­so Plan, Pro­jekt und Zu­ver­sicht? Und war Kul­tur nicht im­mer ein Aus­wahl­pro­zess, der Ver­lus­te nicht nur ein­kal­ku­lier­te, son­dern brauch­te, um Neu­heit zu pro­du­zie­ren?

Es fol­gen die Tex­te, die Ver­lus­te er­zäh­len und ih­rer­seits Er­fun­de­nes und Fak­ti­sches amal­ga­mie­ren. Sie nar­ra­ti­vi­sie­ren Na­tur­wis­sen­schaft an­ge­sichts des Auss­ter­bens des Kas­pi­schen Ti­gers oder be­trei­ben klas­si­sches Na­tu­re Wri­ting ent­lang des Flus­ses Ryck – aus­ge­hend von Cas­par Da­vid Fried­richs ver­brann­tem Ge­mäl­de „Ha­fen von Greifs­wald“, dem Ge­burts­ort so­wohl des Ma­lers als auch der Au­to­rin. Über­haupt ist hier ein ge­rüt­telt Maß Au­to­fik­ti­on im Spiel, al­so die er­zäh­len­de Er­fin­dung ei­ner Fi­gur, die Ju­dith Schalans­ky heißt.

Die­se Ju­dith Schalans­ky woll­te ein­mal ei­nen „Na­tur­füh­rer der Mons­ter“schrei­ben. Bei der Ar­beit an die­ser Ta­xi­no­mie des Fik­ti­ven aber stell­te sie fest, „dass die Evo­lu­ti­on un­ver­gleich­lich ein­falls­rei­cher war als die mensch­li­che Phan­ta­sie“. Nein, Literatur ist nicht der Kö­nigs­weg der Wel­ta­n­eig­nung. Das war sie für Ju­dith Schalans­ky nie. Viel­mehr ist es nicht zu­letzt die Gleich­zei­tig­keit von Fak­ti­schem und Fik­ti­on, die ih­rem dis­pa­rat er- schei­nen­den Werk ei­ne star­ke Ko­hä­renz ver­leiht. Die­ses „Ver­zeich­nis“schreibt all die Ka­ta­lo­ge, Ta­bel­len, Ta­bleaus und Kar­ten fort, mit de­nen Schalans­ky und ihr Per­so­nal die Welt le­send und schrei­bend seit Jah­ren zu ord­nen ver­su­chen.

Der­lei Be­stands­auf­nah­men des Na­tür­li­chen und Kul­tu­rel­len wa­ren im­mer ihr Ge­gen­stand: im phä­no­me­na­len „Ma­tro­sen­ro­man“mit dem Ti­tel „Blau steht dir nicht“(2008), dem „At­las der ab­ge­le­ge­nen In­seln“(2009), des­sen Über­set­zun­gen in in­ter­na­tio­na­len Bü­cher­schrän­ken ste­hen, und na­tür­lich dem „Hals der Gi­raf­fe“(2011), der in sei­nen Fa­cet­ten als Schul-, Wen­de-, Bil­dungs- oder Na­tur­wis­sen­schafts­ro­man Se­mi­nar­lek­tü­re an Uni­ver­si­tä­ten ist.

Auf ei­ne Fort­schrei­bung des Schalans­ky-Uni­ver­sums muss­te man sie­ben Jah­re war­ten. Sie­ben Jah­re sind ge­mes­sen an der li­te­ra­tur­be­trieb­li­chen Durch­schlags­ge­schwin­dig­keit, die um den Preis ei­ner ra­pi­de ver­lö­schen­den Auf­merk­sam­keit al­le zwei bis drei Jah­re nach neu­em Fut­ter ver­langt, fast ein Erd­zeit­al­ter. Der Sou­ve­rä­ni­tät ei­ner Ju­dith Schalans­ky kann das nichts an­ha­ben. Zu­mal die ver­meint­li­che Pau­se kei­ne war.

Schalans­ky bringt auch Bü­cher in die Welt, die sie nicht selbst ge­schrie­ben hat. Un­ter ih­rer Ägi­de sind in der Rei­he „Na­tur­kun­den“bei Mat­thes & Seitz Ber­lin in der Zwi­schen­zeit 49 (!) Ti­tel er­schie­nen. Das neue Buch aber war noch nicht ein­mal er­schie­nen, als es schon mit dem Wil­helm-Ra­a­be-Preis aus­ge­zeich­net wur­de.

All das ist er­staun­lich. Und doch hat es sei­ne Rich­tig­keit. Wie Ra­a­bes Land­brief­trä­ger Stör­zer aus dem Ro­man „Stopf­ku­chen“mit sei­nem „Le­vall­jang“, den Rei­se­be­rich­ten François Le­vail­lants, Afri­ka er­kun­det, so er­forscht Schalans­ky die Süd- see in der Kar­ten­ab­tei­lung der Ber­li­ner Staats­bi­blio­thek. Und wie der „che­mi­sche Va­ga­bund und Aben­teu­rer“Adam Asche mit­hil­fe der Na­tur­wis­sen­schaft die in­dus­tri­ell ver­ur­sach­te und po­li­tisch ge­woll­te Ver­dre­ckung des Flus­ses an „Pfis­ters Müh­le“un­ter­sucht, so blickt Schalans­kys Literatur mit Wis­sen­schaft auf er­schüt­tern­de Schän­dun­gen der uns um­ge­ben­den Na­tur.

Le­send wird man mit Ju­dith Schalans­ky ver­gan­ge­ner, doch auch zu­künf­ti­ger Ver­lus­te ge­wahr. Die­se aus viel­fäl­ti­gen Ma­te­ria­li­en auf­wen­dig re­cher­chier­ten und mit viel Über­le­gung li­te­ra­ri­sier­ten Tex­te müs­sen nicht im­mer zu mas­si­ven Be­wusst­seins­er­wei­te­run­gen füh­ren. Ih­re An­zie­hungs­kraft be­steht da­rin, Trau­er als ei­nen uns zu­ge­hö­ri­gen und letzt­lich un­ab­schließ­ba­ren Vor­gang aus­zu­wei­sen. Es sind Er­zäh­lun­gen, die wir drin­gend be­nö­ti­gen, Er­zäh­lun­gen der De­mut. — Ju­dith Schalans­ky: Ver­zeich­nis ei­ni­ger Ver­lus­te. Suhr­kamp Verlag, Ber­lin 2018. 252 Sei­ten, 24 €.

Fo­to: ima­go/Licht­gut

Exo­ti­sche Wel­ten mit­ten in Deutsch­land. Ju­dith Schalans­ky in der Stutt­gar­ter Wil­hel­ma.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.