Zeit SCHRIFTEN

Le­ben und Ge­lebt­wer­den

Der Tagesspiegel - - LITERATUR - Gre­gor Dotzau­er

über das Un­be­ha­gen am Li­be­ra­lis­mus

Kein Tag, an dem­der­li­be­ra­le We­st­eu­ro­pä­er nicht fas­sungs­los das Her­an­rü­cken feind­li­cher Kräf­te be­ob­ach­ten wür­de. Wie, zer­mar­tert er sich das Hirn, kann es nur sein, dass in Po­len und Un­garn au­to­ri­tä­re Struk­tu­ren ent­ste­hen, de­ren po­li­ti­sche Re­prä­sen­tan­ten sich, der Zu­stim­mung ih­rer Wäh­ler ge­wiss, of­fen zu ei­ner il­li­be­ra­len De­mo­kra­tie be­ken­nen? Und war­um wan­dern nicht nur Wen­de­ver­lie­rer, son­dern auch bra­ve Mit­tel­schichts­bür­ger ei­nes öko­no­misch pro­spe­rie­ren­den Lan­des mas­sen­haft zur AfD ab? Ein Reich des licht­er­füll­ten Li­be­ra­lis­mus scheint ei­nem fins­te­ren Reich des (rech­ten) Po­pu­lis­mus ge­gen­über­zu­ste­hen, ge­gen des­sen Hand­lan­ger es trot­zig Ver­dam­mungs­flü­che aus­zu­sto­ßen gilt: Wie könnt ihr nur die wol­len, wenn ihr doch uns ha­ben könnt?

All­mäh­lich setzt sich aber gera­de un­ter den Ver­fech­tern li­be­ra­ler Po­si­tio­nen die Ein­sicht durch, dass Schwarz-Weiß-Ma­le­rei nicht wei­ter­hilft. Ei­ne Selbst­kri­tik hat ein­ge­setzt, die den blin­den, so­zu­sa­gen ideo­lo­gi­schen Stel­len der ei­ge­nen Über­zeu­gung auf den Grund zu ge­hen ver­sucht, oh­ne die­se gleich über den Hau­fen zu wer­fen. So un­ter­sucht der Frank­fur­ter Rechts­phi­lo­soph UweVolk­mann im nach­den­kens­wer­ten Er­öff­nungs­es­say des No­vem­ber-„Mer­kur“(gra­tis un­ter mer­kur-zeit­schrift.de) ei­ne „Wer­te­däm­me­rung“, die für ihn un­ter an­de­rem da­rin be­steht, dass so­gar das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die deut­sche Ver­fas­sung nicht mehr als ei­ne von je­dem zu tei­len­de Wer­t­ord­nung be­trach­tet, so­lan­ge kei­ne an­de­ren Rechts­gü­ter in Ge­fahr sind.

Als Bei­spiel dient ihm der Ver­zicht auf das Ver­bot der NPD: „End­gül­tig ab­ge­wor­fen sind nun die Zwän­ge zur Wert­i­denti­fi­ka­ti­on und die Not­wen­dig­keit, sich zu ir­gend­et­was zu be­ken­nen, statt­des­sen kön­nen end­lich in je­dem Dis­kurs­uni­ver­sum die Frei­hei­ten ge­lebt und aus­ge­lebt wer­den, die die Ver­fas­sung schon im­mer ga­ran­tiert hat.“Auch von der Sei­te des pro­to-

fa­schis­ti­schen Staats­recht­lers Carl Sch­mitt aus be­trach­tet, der ge­gen „Die Ty­ran­nei der Wer­te“zu Fel­de zog, müss­te da­rin et­was Ent­las­ten­des lie­gen. Sch­mitt ar­gu­men­tier­te näm­lich ein­leuch­tend ge­gen die Nei­gung von Wer­ten, sich to­ta­li­tä­re Gel­tung zu ver­schaf­fen. Im­mer, so pa­ra­phra­siert ihn Volk­mann, „wol­le sich der hö­he­re Wert ge­gen den nied­ri­ge­ren durch­set­zen, der Wert an sich ge­gen den Un­wert, der am En­de aus­ge­merzt und ver­nich­tet wer­den müs­se“.

In ei­ner Num­mer der „Neu­en Ge­sell­schaft – Frank­fur­ter Hef­te“zu „Iden­ti­tät vs. Iden­ti­täts­po­li­tik“( 10/2018, ng-fh.de) nimmt der Ide­en­his­to­ri­ker Win­fried Thaa die Pro­ble­ma­tik des Li­be­ra­lis­mus aus de­zi­diert lin­ker Per­spek­ti­ve in den Blick. Die kul­tu­rel­len Wer­te des glo­ba­li­sier­ten Ka­pi­ta­lis­mus, kon­sta­tiert er, sei­en von den eman­zi­pa­to­ri­schen Zie­len vie­ler Min­der­hei­ten oft kaum zu un­ter­schei­den: „Kos­mo­po­li­tis­mus, An­ti­ras­sis­mus, in­di­vi­du­el­le Selbst­op­ti­mie­rung und ju­gend­li­cher He­do­nis­mus las­sen sich wir­kungs­voll zur Le­gi­ti­ma­ti­on der von den Fi­nanz­märk­ten und den Me­ga­kon­zer­nen der Di­gi­ta­li­sie­rung vor­an­ge­trie­be­nen Ver­markt­li­chungs- und Ent­gren­zungs­pro­zes­se in An­spruch neh­men.“Thaa fasst prä­gnant zu­sam­men, wie sich der Kon­flikt von Staat und Markt zu ei­nem zwi­schen kos­mo­po­li­ti­schen, dif­fe­renz­be­ja­hen­den Eli­ten und kul­tu­rel­len Be­wirt­schaf­tern der hei­mat­li­chen Schol­le ver­la­gert hat.

Auch der Kon­stan­zer Ger­ma­nist Al­brecht Ko­schor­ke sieht in sei­nem dich­ten Es­say „Auf der an­de­ren Sei­te des Gr­a­bens“( zfl­pro­jek­te.de/zfl-blog) ei­ne fa­ta­le Sprach­lo­sig­keit zwi­schen Li­be­ra­lis­mus und Po­pu­lis­mus am Werk. In der „NZZ“ist er nun über­dies de­mHang­der aka­de­mi­schen Lin­ken zur Selbst­de­kon­struk­ti­on nach­ge­gan­gen – oh­ne ihr den all­zu sim­plen Vor­wurf zu ma­chen, sie tra­ge durch re­la­ti­vis­ti­sche und kon­struk­ti­vis­ti­sche Po­si­tio­nen Schuld am Er­star­ken der Rech­ten. Die ein­zi­ge Schief­la­ge sei­nes Ar­ti­kels be­steht da­rin, dass er mit Post­mo­der­ne und post­fak­ti­scher Ära zwei Be­grif­fe ge­gen­ein­an­der aus­spielt, die zwar kon­trä­re Trä­ger­mi­lieus ha­ben, als Kon­zep­te aber kei­nes­wegs sym­me­trisch sind.

Wäh­rend es sich im ei­nen Fall um ein aus­for­mu­lier­tes Kon­zept ten­den­zi­ell lin­ker Selbst­auf­klä­rung han­delt, geht es im an­de­ren um ei­ne meist im Wi­der­spruch ver­wen­de­te Zu­schrei­bung oh­ne je­de theo­re­ti­sche Aus­ge­stal­tung. Die „Con­di­ti­on post­mo­der­ne“, die Je­an-François Lyo­tard 1979 als un­ver­meid­li­chen Ab­schied von den „gro­ßen Er­zäh­lun­gen“be­schrieb, hat eben ei­nen tie­fe­ren Sinn als Kel­lyan­ne Con­ways Ge­re­de von „al­ter­na­ti­ve facts“.

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