Wie wir glau­ben, was wir sind

Der gro­ße Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Stuart Hall un­ter­sucht das ver­häng­nis­vol­le Drei­eck von Ras­se, Eth­nie und Na­ti­on

Der Tagesspiegel - - LITERATUR - Hans-Chris­ti­an Rie­chers

Im Ma­dri­der Mu­seo de Amé­ri­ca fin­det sich wie in vie­len an­de­ren Mu­se­en ei­ne ge­mal­te Darstel­lung des „Kas­ten“-Sys­tems im ko­lo­nia­len Neu­spa­ni­en: Bild für Bild lä­cheln­de Paa­re mit ih­rem Nach­wuchs. Links oben steht ein Spa­nier, sei­ne Frau kommt aus der Neu­en Welt, ihr Kind ist folg­lich mit dem Schrift­zug „Mes­ti­zo“ge­kenn­zeich­net. Wird die­ser Mes­ti­zo mit ei­ner Spa­nie­rin ein Kind be­kom­men, nächs­tes Bild, dann wird es ein „Cas­ti­zo“sein, und wenn die­ser Nach­wuchs wie­der­um mit ei­ner Spa­nie­rin hat, drit­tes Bild, dann darf sich die­ser end­lich Spa­nier nen­nen. Ein of­fe­nes Sys­tem?

Sieht man die Bil­der ge­nau­er an, wird klar, dass es nicht um ein gleich­be­rech­tig­tes bun­tes Mit­ein­an­der geht, son­dern um ei­ne zer­split­ter­te Ge­sell­schaft mit enor­mem Ge­fäl­le von Wohl­stand und Mit­be­stim­mung. Die Per­so­nen auf dem ers­ten Bild sind üp­pig ge­klei­det, sie schei­nen spa­zie­ren zu ge­hen. Die Per­so­nen auf dem letz­ten Bild sind dun­kel­häu­ti­ge, bar­fü­ßi­ge Stra­ßen­händ­ler, und ih­re „Kas­ten“tra­gen so fan­ta­sie­vol­le wie ab­schät­zi­ge Na­men: „No­teen­di­en­do“(Ich ver­ste­he dich nicht) et­wa oder „Tor­naa­traz“(Wen­de dich um). Von den Men­schen links oben sind sie nicht nur durch mehr als zehn Ge­ne­ra­tio­nen ent­fernt, son­dern im Hier und Jetzt auch durch ih­re Ar­mut.

Was Stuart Hall wohl zu die­ser Al­chi­mie der Haut­far­ben ge­sagt hät­te? Der ja­mai­ka­nisch-bri­ti­sche Kul­tur­theo­re­ti­ker sah in sol­chen ko­lo­nia­len Ma­ni­fes­ta­tio­nen der Dif­fe­renz Ur­sze­nen auch für un­se­re ge­gen­wär­ti­gen po­li­ti­schen Iden­ti­täts­fra­gen. So er­in­ner­te er sich selbst an ei­ne Epi­so­de aus der Ge­schich­te der „Be­geg­nung des Wes­tens mit dem An­de­ren“, bei der er im Lon­don der 70er von bri­ti­schen Be­kann­ten auf­ge­for­dert wur­de, zu ih­rer Par­ty et­was „Eth­ni­sches“an­zu­zie­hen, und dann rat­los vor sei­nem Klei­der­schrank stand. Den Hin­weis auf sei­ne ver­meint­lich „eth­ni­sche“Her­kunft trug er im Ge­sicht: dunk­le­re Haut, brei­te­re Na­se, krau­se­re Haa­re. Gab es da nicht ir­gend­wo auch ein bun­tes Ge­wand?

Hall hielt 1994 in Har­vard Vor­trä­ge über „Ras­se, Eth­nie, Na­ti­on“. Sie sind nun, fast ein Vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter, un­ter dem Ti­tel „Das ver­häng­nis­vol­le Drei­eck“auf Deutsch er­schie­nen. Auch die eng­li­sche Aus­ga­be er­schien erst letz­tes Jahr aus dem Nach­lass des 2014 ver­stor­be­nen Hall. Es geht da­rin zu­nächst um „Ras­se“als „glei­ten­den Si­gni­fi­kan- ten“, al­so ein Zei­chen, das kei­ne fi­xe Be­deu­tung trägt, son­dern des­sen Im­pli­ka­tio­nen sich in der Tek­to­nik der Dis­kur­se ver­schie­ben. Auch nach der Des­avou­ie­rung der bio­lo­gi­schen Ras­sen­leh­re, so Hall, wä­re es un­ge­nü­gend, wenn man die of­fen­kun­di­gen phä­no­ty­pi­schen Dif­fe­ren­zen leug­ne­te. Denn sie tra­gen je nach kul­tu­rel­ler Si­tua­ti­on vie­le Be­deu­tun­gen, sie sind nicht un­sicht­bar. Es geht auch nicht dar­um, sie un­sicht­bar zu ma­chen, son­dern die Be­deu­tungs­sys­te­me zu ver­ste­hen, an die sie ge­knüpft sind.

In der Vor­le­sung über „Eth­nie“geht es um die po­si­ti­ve Iden­ti­fi­ka­ti­on mit vor­mals ras­sis­tisch-ab­wer­ten­den Zu­schrei­bun­gen, al­so et­wa der Black Com­mu­ni­ty, die über un­ter­schied­li­che kul­tu­rel­le Hin­ter­grün­de hin­weg ei­ne ge­mein­sa­me Eth­ni­zi­tät pos­tu­liert. Ob je­mand aus Ja­mai­ka, aus Ko­lum­bi­en oder aus New Or­leans stammt, ist frei­lich ein gro­ßer Un­ter­schied. Den­noch gibt es ge­mein­sa­me, Aus­schnitt ei­nes „Cas­ta“-Ge­mäl­des aus dem Mu­seo Na­cio­nal del Vir­rei­na­to im me­xi­ka­ni­schen Te­potz­ot­lán (18. Jahr­hun­dert). po­si­tiv ge­wen­de­te Zu­schrei­bun­gen, die Hall nicht oh­ne Fas­zi­na­ti­on, al­ler­dings mit zwie­späl­ti­gem Ur­teil be­ob­ach­tet.

Der Her­aus­ge­ber der Vor­trä­ge, Ko­be­na Mer­cer, ak­tua­li­siert die­sen Punkt nicht oh­ne Grund in sei­nem Vor­wort. Es geht um die Fra­ge nach der Iden­ti­tät, da­nach, wie sehr sie an eth­nisch-kul­tu­rel­le, an „ras­si­sche“(der Über­set­zer bit­tet um Ver­ständ­nis für die Wort­wahl, die nah am Ori­gi­nal ist) oder an tra­di­tio­na­lis­tisch-na­tio­na­lis­ti­sche Dis­kur­se ge­bun­den ist.

Des­halb ist es wohl kein Zu­fall, dass Halls Aus­füh­run­gen aus­ge­rech­net im drit­ten, der „Na­ti­on“ge­wid­me­ten Ab­schnitt ei­ner Be­schrei­bung un­se­rer Epo­che na­he­kom­men. Mit der Glo­ba­li­sie­rung kann­te Hall sich 1994 schon eben­so gut aus wie mit Pri­va­ti­sie­rung, So­zi­al­ab­bau und re­gres­siv-na­tio­na­lis­ti­scher Po­li­tik. Schließ­lich war er ein wach­sa­mer Be­ob­ach­ter der That­cher-Jah­re und ih­rer po­li­tisch-dis­kur­si­ven Be­deu­tungs­ver­schie- bun­gen, die bis heu­te nach­wir­ken. Der Br­ex­it hät­te ihn ver­mut­lich we­nig über­rascht. Die Eu­ro­pa­skep­sis sei­ner Mit­bür­ger kann­te er eben­so wie de­ren sehn­süch­ti­ge Glo­ri­fi­zie­rung des Em­pi­res. Die Iden­ti­tät aber, auf die sich na­tio­na­lis­ti­sche Be­we­gun­gen be­ru­fen, ist, so zeigt Hall, ent­ge­gen ih­rer Sehn­sucht nichts Sta­bi­les, in ir­gend­ei­nem Ur­sprung si­cher Vor­han­de­nes, auf das man sich nur zu­rück­be­sin­nen muss. Es wird im­mer neu aus­ge­han­delt, weil es nur dort exis­tiert, wo es sich aufs Spiel setzt.

Für ihn geht es um ei­nen „Über­gang von der Iden­ti­tät zur Iden­ti­fi­ka­ti­on“, ei­ner Kul­tur­leis­tung des Selbst, die ei­ner Ge­mein­schaft nicht als „Kul­tur“und so­mit sta­ti­scher Be­zugs­punkt zur Ver­fü­gung steht. Die Po­li­tik kul­tu­rel­ler Dif­fe­renz, die „im Ras­se- und Eth­ni­zi­täts­dis­kurs grün­det“, ist für Hall ein Schau­spiel von Ver­schie­be­pro­zes­sen. Es­sen­zia­li­sie­run­gen („die Deut­schen“, „der Wes­ten“) lö­sen ih­ren An­spruch nicht ein, sie ge­hö­ren nur zum Büh­nen­bild, das sich von Akt zu Akt wan­delt. Erst von die­ser Ein­sicht aus lässt sich ein ge­mein­sa­mes po­li­ti­sches Spre­chen der Sub­jek­te ver­wirk­li­chen, nicht in Fan­ta­si­en von ei­ner un­ver­än­der­li­chen kol­lek­ti­ven Iden­ti­tät. — Stuart Hall:

Das ver­häng­nis­vol­le Drei­eck. Ras­se, Eth­nie, Na­ti­on. Hrsg. von Ko­be­na Mer­cer. Aus dem Eng­li­schen von Frank Lach­mann. Suhr­kamp, Ber­lin 2018. 212 Sei­ten, 28 €.

Das Rei­ne und das Ver­misch­te.

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