Mit sich im Rei­nen

„Ich ge­nie­ße das Al­ter“, sagt Al­f­red Bio­lek. Ei­ne Be­geg­nung mit dem 84-jäh­ri­gen Ex-Mo­de­ra­tor und sei­nem Ad­op­tiv­sohn

Der Tagesspiegel - - MEDIEN - Von Tho­mas Geh­rin­ger

Kann man im ho­hen Al­ter glück­lich sein? Al­f­red Bio­lek fin­det schon. Das ge­mein­sa­me Ko­chen, das Es­sen in Ge­sell­schaft, „das schät­ze ich nach wie vor sehr“, sagt er. Be­deu­tet das für ihn Glück? „Wenn al­les klappt, dann ist es Glück. Wenn das Es­sen gut ist, dann ist es Glück. Aber sonst ist Glück et­was kom­pli­zier­ter.“

Auch mit dem All­tag ist es wohl et­was kom­pli­zier­ter ge­wor­den für den 84 Jah­re al­ten Al­f­red Bio­lek, der vor acht Jah­ren so schwer auf der Trep­pe ge­stürzt war, dass er zeit­wei­lig im Ko­ma lag. Nun setzt er am Arm sei­nes Ad­op­tiv­sohns Scott Bio­lek-Rit­chie lang­sam ei­nen Fuß vor den an­de­ren. Weit muss er nicht ge­hen, das In­ter­view fin­det in ei­nem Re­stau­rant statt, das di­rekt ne­ben sei­ner Köl­ner Woh­nung liegt. Bio­lek hat kei­nen Stamm­platz, aber ei­nen Stamm­stuhl, mit Arm­leh­ne.

Die Zei­chen des Al­ters sind un­ver­kenn­bar, er spricht lang­sa­mer als frü­her und manch­mal muss sein Ad­op­tiv­sohn bei der Er­in­ne­rung et­was nach­hel­fen. Aber die Sor­ge, sich hier ei­nem al­ten Mann als Re­por­ter un­ge­bühr­lich auf­zu­drän­gen, ver­fliegt schnell. „Du bist gut drauf heu­te“, sagt Scott ir­gend­wann an­er­ken­nend. Vor al­lem wirkt Al­f­red Bio­lek, der 1946 als Flücht­lings­kind aus Schle­si­en nach Schwa­ben kam, der Ju­ra stu­dier­te und 1962 pro­mo­vier­te, der es in der ZDF-Rechts­ab­tei­lung nur we­ni­ge Ta­ge aus­hielt und lie­ber in die Pro­gramm­ab­tei­lung wech­sel­te, den es im­mer auf die Büh­ne und vor Pu­bli­kum dräng­te, der sei­ne Ho­mo­se­xua­li­tät schließ­lich of­fen leb­te, aber öf­fent­lich un­ge­fragt von Ro­sa von Praun­heim ge­ou­tet wur­de, der über Jahr­zehn­te das Un­ter­hal­tungs­fern­se­hen ge­prägt hat, die­ser alt ge­wor­de­ne Al­f­red Bio­lek wirkt nun ge­las­sen, in sich ru­hend, mit sich im Rei­nen.

Er war der freund­li­che TV-Gast­ge­ber par ex­cel­lence. Und: Er hat­te sie al­le. Zwi­schen 1976 und 2007, vom Be­ginn des „Köl­ner Treffs“bis zum En­de von „al­fre­dis­si­mo“, plau­der­te, scherz­te und koch­te er mit Zeit­ge­nos­sen al­ler Art, im­mer be­müht um ei­ne zu­ge­wand­te, an­ge­neh­me Ge­sprächs­at­mo­sphä­re, die es sei­nen Gäs­ten er­mög­li­chen soll­te, frei­er, lo­cke­rer – und so­mit un­ter­halt­sam – vor der Ka­me­ra zu agie­ren. Al­lein im wö­chent­li­chen „Bou­le­vard Bio“-Talk (1991–2003) emp­fing er in 485 Aus­ga­ben 1600 Gäs­te, dar­un­ter den Da­lai La­ma und Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl, der sich das ers­te Mal in ei­ne Talk­show trau­te – und zu Recht da­von aus­ge­hen durf­te, von Al­f­red Bio­lek nicht „ge­grillt“zu wer­den, wie man heu­te sa­gen wür­de. Ob das was mit dem von Bio­lek an­ge­scho­be­nen Koch­fern­seh­zeit­al­ter zu tun hat, sei mal da­hin­ge­stellt. Auf sei­ne lan­ge Kar­rie­re ist Bio­lek je­den­falls hör­bar stolz. Dass er ver­gan­ge­nen Zei­ten nach­trau­ert, lässt sich nicht be­haup­ten. „Ich er­in­ne­re mich ger­ne dar­an“, sagt Bio­lek, „aber jetzt ist das vor­bei, und ich bin auch alt.“De­pri­miert klingt er da­bei ganz und gar nicht, im Ge­gen­teil. Als er kürz­lich noch ein­mal im „Köl­ner Treff “bei Bet­ti­na Böt­tin­ger zu Gast war, sag­te er wört­lich: „Ich ge­nie­ße das Al­ter.“Zu dem Ge­nie­ßen, er­gänzt er, ge­hö­re auch die Er­in­ne­rung.

Die­se Fä­hig­keit muss­te er sich al­ler­dings nach sei­nem Sturz erst wie­der neu er­ar­bei­ten. Weil ihm die üb­li­chen Übun­gen nicht ge­fal­len hät­ten, er­zählt Scott, sei die Er­go­the­ra­peu­tin auf die Idee ge­kom­men, Re­zep­te aus sei­nen Koch­bü- chern aus­zu­su­chen, ge­mein­sam ein­zu­kau­fen und zu ko­chen. „Dann hat die Sta­ti­on und ha­ben die Ärz­te ein­mal in der Wo­che ein Mit­tag­es­sen von Al­f­red Bio­lek be­kom­men. Die wa­ren su­per hap­py.“Bio­lek selbst er­in­nert sich dar­an nicht mehr. „Das war ja in der Zeit, in der ich ziem­lich da­ne­ben war.“Der Ge­dächt­nis­ver­lust sei sehr stark ge­we­sen, „aber al­les kam wie­der zu­rück“, sagt er und fügt schmun­zelnd hin­zu: „So­weit ich mich er­in­nern kann.“Scott lacht und be­stä­tigt: „Ge­nau.“Den Hu­mor hat sich Al­f­red Bio­lek je­den­falls be­wahrt. Abends zap­pe er durchs Fern­seh­pro­gramm, oh­ne sich lan­ge bei ei­nem Pro­gramm auf­zu­hal­ten. Bio­lek: „Wenn ich dran­blei­be, be­steht die Ge­fahr, dass ich die Sen­dung ganz se­he und sie dann mit mei­nen ver­glei­che.“Könn­te sein, dass er den Ver­gleich ab und zu ge­winnt, aber auf ei­nen Kom­men­tar zur ak­tu­el­len Fern­seh­qua­li­tät ver­zich­tet er lie­ber. Bio­lek ist raus und ak­zep­tiert das.

Dass er über­haupt noch ein­mal In­ter­views gibt und sich ins WDR Fern­se­hen ein­la­den lässt, hat oh­ne­hin mit dem üb­li­chen Um­stand zu tun, dass es et­was zu ver­kau­fen gilt: Das Buch „Die Re­zep­te mei­nes Le­bens“(2007) wur­de vom Tre­tor­ri-Verlag neu auf­ge­legt. Das ha­be ihn noch ein­mal „ak­ti­viert“und „in­spi­riert“, sagt Bio­lek mun­ter. Das groß­for­ma­ti­ge, fast zwei Ki­lo schwe­re, schick auf­ge­mach­te Buch mit mehr als 600 Re­zep­ten (480 Sei­ten, Preis: 29,90 Eu­ro) als Ver­mächt­nis zu be­zeich­nen, fin­det er dann aber doch über­trie­ben. „Un­ter ei­nem Ver­mächt­nis stel­le ich mir schon et­was an­de­res vor als ein Koch­buch.“Zwei Eu­ro vom Er­lös je­des ver­kauf­ten Bu­ches ge­hen an die Deut­sche Stif­tung für Welt­be­völ­ke­rung, ei­ne pri­va­te Ent­wick­lungs­or­ga­ni­sa­ti­on, sagt Scott. Bio­lek hat­te einst selbst ei­ne Stif­tung ge­grün­det („Hil­fe für Afri­ka“) und war von den Ver­ein­ten Na­tio­nen zum Son­der­bot­schaf­ter für Welt­be­völ­ke­rung er­nannt wor­den. Aber an Rei­sen nach Afri­ka ist nun eben­falls nicht mehr zu den­ken.

Auf sei­ne al­ten Ta­ge ist Bio­lek doch noch ein­mal an­ge­eckt. In ei­nem „Bild“-In­ter­view An­fang Sep­tem­ber hat­te er er­klärt: „Ich ha­be kei­ne Angst vor dem Tod. Wenn er kommt, dann kommt er.“Kei­ne gro­ße Sa­che ei­gent­lich, mit 84 kann man sich wohl mal mit dem The­ma be­schäf­ti­gen. Doch vom Tod öf­fent­lich zu spre­chen, ha­be man ihm übel ge­nom­men, er­klär­te Bio­lek dann im „Köl­ner Treff“. Wer? Be­kann­te, Freun­de, Leu­te auf der Stra­ße, be­rich­tet Scott: „Köln“, sagt er nur, als er­klä­re das al­les. Da­bei sind die herz­li­chen Köl­ner ei­gent­lich nicht so fies, nur ein biss­chen di­rekt und ein biss­chen un­ge­nau. Al­so war der Te­nor („Sie sind noch nicht tot, Herr Bio­lek, re­den Sie nicht so viel da­von“) viel­leicht auf köl­sche Art ein­fach nur gut ge­meint. Al­f­red Bio­lek fin­det es den­noch „ab­surd, dass die sich auf­re­gen, weil, die müs­sen ja auch ster­ben“. Für ihn selbst sei der na­hen­de Tod „ei­ne ent­spann­te Sa­che“. Er wer­de kom­men, „ob mor­gen oder über­mor­gen. Hät­te ja auch schon ges­tern sein kön­nen, dann sä­ßen wir jetzt nicht hier“. Aber das sei okay, „ich bin ja noch fit“.

Am Arm von Scott geht es wie­der heim. Dort war­tet ein Mit­be­woh­ner, „der kocht sehr häu­fig für mich“, sagt Al­f­red Bio­lek, der selbst nur noch beim Schnip­peln hilft und der im Al­ter mehr Lust auf Sü­ßes hat. Vor al­lem auf Kä­se­ku­chen. Gäs­te und Freun­de emp­fängt Bio­lek, der ei­ni­ge Jah­re lang in Ber­lin leb­te, mit Die­ter Kosslick und Klaus Wo­wer­eit be­freun­det ist und re­gel­mä­ßig gro­ße Run­den in sei­ner Woh­nung und auf sei­ner Ter­ras­se in Prenz­lau­er Berg be­wir­te­te, aber im­mer noch. Wann er denn glück­lich sei? „Wenn ich kei­ne Wün­sche mehr ha­be, wenn das, was ich mir vor­ge­nom­men ha­be, auch pas­siert ist.“Wie oft das ge­sche­he? „Schwer zu sa­gen – im­mer wie­der.“Ob noch be­deu­ten­de Wün­sche un­er­füllt sei­en? „Nein“, sagt Al­f­red Bio­lek be­stimmt.

Von sei­nem schwe­ren Sturz hat er sich weit­ge­hend er­holt

Fo­to: dpa/Kai­ser

„Sie sind noch nicht tot, Herr Bio­lek, re­den Sie nicht so viel da­von“, ha­gel­te es Kri­tik, nach­dem sich Al­f­red Bio­lek mit Blick auf sei­ne 84 Jah­re öf­fent­lich mit dem The­ma Tod be­schäf­tigt hat­te. Dass er wie­der In­ter­views gibt, hat ei­nen an­de­ren Grund.

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