71 Som­mer auf der Schwar­zen­berg-Al­pe

Mar­tin Sich­ler aus Gun­zes­ried ge­hört zu den dienst­äl­tes­ten Äl­plern im All­gäu

Der Westallgäuer - - Allgäu-Rundschau -

Er nennt den herr­li­chen Fle­cken in den All­gäu­er Al­pen das „Vor­zim­mer zum Him­mel“. Ein Le­ben oh­ne die Schwarz­berg-Al­pe kann sich Mar­tin Sich­ler (76) aus dem Gun­zes­rie­der Tal nicht vor­stel­len. Über 70 Som­mer hat er auf der fa­mi­li­en­ei­ge­nen Hüt­te ver­bracht. Da­mit ge­hört er zu dienst­äl­tes­ten Äl­plern im All­gäu.

Die Herbst­son­ne gibt al­les an die­sem strah­len­den Tag. Ganz so, als ob sie Mar­tin Sich­ler noch lan­ge hier oben an sei­nem liebs­ten Platz auf 1.150 Me­tern Hö­he hal­ten möch­te. Er sitzt in Le­der­ho­sen und wei­ßem Hemd vor der Al­pe, die sein Ur­Groß­va­ter 1894 er­bau­te, und sin­niert über die Kraft, die ihm die­ser idyl­li­sche Fle­cken mit Blick auf den Grün­ten gibt. „Wenn ich nicht mehr rauf­kom­men kann“, sagt er wäh­rend die Schel­len sei­ner Käl­ber fried­lich bim­meln. „Dann isch rum.“

71 Som­mer hat er auf der Hüt­te ver­bracht. Den ers­ten als fünf­jäh­ri­ger Bub, als er ei­nem Senn zur Hand ging und mit wa­chen Au­gen al­les aufsog, was ein Äl­pler braucht. Ge­schick beim Sen­sen, Den­geln oder Kä­sen. Ge­duld mit dem Käl­bern und Kü­hen. Ge­las­sen­heit im Um­gang mit Din­gen, die nicht zu än­dern sind. Das Wet­ter zum Bei­spiel. Men­schen im Tal. Oder auch das ei­ge­ne Schick­sal. Sei­nen Va­ter hat Mar­tin Sich­ler nie ken­nen­ge­lernt. Er fiel an ei­nem un­be­kann­ten Ort im Zwei­ten Welt­krieg. Schon früh muss­te er als ein­zi­ger Bub auf dem el­ter­li­chen Hof mit an­pa­cken. Auch die Som­mer auf der Al­pe be­deu­te­ten har­te Ar­beit. Aber sie be­scher­ten ihm Mo­men­te der Frei­heit und des Glücks.

Ab dem 14. Le­bens­jahr leb­te er im Som­mer al­lein auf der Hüt­te. Ein Lä­cheln huscht über sein Ge­sicht, wenn er sich an die Be­su­che sei­ner Freun­de er­in­ner­te. Sie fisch­ten Fo­rel­len aus dem na­hen Ge­birgs­bach und grill­ten sie auf ei­nem La­ger­feu­er. „Das war ein ech­tes Fest­mahl für uns.“

Es hat sich ei­ni­ges ver­än­dert

Nur we­ni­ge Be­su­cher mar­schier­ten da­mals auf ei­nem klei­nen Wan­der­weg nach oben zur Hüt­te, sechs Ki­lo­me­ter von Gun­zes­ried ent­fernt. Das hat sich längst ver­än­dert. In den 1960er Jah­ren wur­de die Stra­ße ins Stu­ben­bach­tal asphal­tiert. Für die Äl­pler, aber auch für die Ur­lau­ber. Wer heu­te 4 Eu­ro Maut zahlt, kann sie mit dem Pkw be­nut­zen. Von der Hüt­te aus sieht man ab und zu ein Au­to fah­ren. Mar­tin Sich­ler stört es nicht. „So­lang ich die nicht hö­re, ist al­les gut.“Die Stra­ße er­leich­tert ihm die Som­mer auf der Al­pe. Erst Recht jetzt, im Al­ter. Er kann bei Be­darf nach Hau­se fah­ren, mit sei­ner Frau ge­mein­sam es­sen, ein­kau­fen oder zum Arzt ge­hen, wenn es sein muss.

Vor 20 Jah­ren hat­te Mar­tin Sich­ler ei­nen Schlag­an­fall. Viel­leicht hat­te er sich zeit­wei­se zu­viel auf­ge­la­den. Der vier­fa­che Fa­mi­li­en­va­ter be­wäl­tig­te da­mals ne­ben dem Hof auch noch zehn Eh­ren­äm­ter. Von der Sen­nerei­ge­nos­sen­schaft über den Alp­we­ge­ver­band bis hin zum Alp­wirt­schaft­li­chen Ver­ein. Dass er nach der schwe­ren Er­kran­kung zu­Die rück ins Le­ben fand, schreibt er auch der Al­pe zu. „Hier kann ich mich am bes­ten er­ho­len.“

Am Berg lebt er im Ein­klang mit der Na­tur. In der Däm­me­rung geht er ins Bett und steht mit den ers­ten Son­nen­strah­len wie­der auf. Strom gibt es kei­nen auf der Hüt­te. Den­noch kann Mar­tin Sich­ler „fern­se­hen“, wie er schmun­zeld er­klärt. Und zwar mit sei­nem Feld­ste­cher. Mit ihm be­ob­ach­tet er die Tie­re in den um­lie­gen­den Berg­wäl­dern. „Bei mir gibt’s halt nur ein Pro­gramm: Gam­sen, Re­he und Vö­gel. Das kann ich je­dem nur emp­feh­len.“

Die­sen Som­mer ver­brach­te der grau­haa­ri­ge Äl­pler mit 14 Käl­bern und 26 Jung­rin­dern auf der Al­pe. Es war ei­ner sei­ner schöns­ten. „An so ein wun­der­ba­res Wet­ter und an so lan­ges saf­ti­ges Gras für die Tie­re kann ich mich kaum er­in­nern.“Um­so weh­mü­ti­ger fällt der Ab­schied. Mit­te Ok­to­ber wer­den auch die letz­ten Käl­ber mit ihm ins Tal zie­hen. Da der Hof längst an sei­nen Sohn über­schrie­ben ist, könn­te der Se­ni­or dann doch ei­gent­lich Ur­laub ma­chen, oder? Mar­tin Sich­ler über­legt ei­ne Wei­le. Dann sagt er: „Ja, ans Mat­ter­horn da wür­de ich ger­ne noch ein­mal hin­fah­ren. Das hat mich schwer be­ein­druckt.“Am Meer war er da­ge­gen nur ein ein­zi­ges Mal. Der Kurz­ur­laub an der ita­lie­ni­schen Ri­vie­ra brach­te ihm je­doch kei­ne Ent­span­nung: „Das Meer-Rau­schen war über­haupt nix für mi ...“

Man kann sich vor­stel­len, wie er­leich­tert Mar­tin Sich­ler war, als er da­heim end­lich wie­der das ver­trau­te Bim­meln der Kuh­schel­len hör­te. Je­ne Mu­sik, die ihn seit über 70 Jah­ren auf der Schwarz­berg-Al­pe be­glei­tet.

Fo­to: To­bi­as Schuh­werk

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