LÜFTLMALEREI

Die Haus­fas­sa­de als Bil­der­buch: Im al­pen­län­di­schen Raum wird die­se Tra­di­ti­on im­mer noch ge­pflegt.

Die Schoensten Landhaeuser - - INHALT 4/2018 - TEXT: SCHIRIN MAMEGHANI

Al­les über die kunst­vol­le Tra­di­ti­on im Al­pen­raum.

Ein Be­such in dem baye­ri­schen Pas­si­ons­spiel­ort Obe­r­am­mer­gau gleicht ei­ner Mu­se­ums­be­sich­ti­gung: Zu al­len Sei­ten las­sen sich zau­ber­haf­te, al­pen­län­di­sche Häu­ser be­stau­nen – eins bun­ter be­malt als das an­de­re. Die his­to­ri­schen Kunst­wer­ke rei­hen sich hier dicht an dicht, an­ge­fan­gen von der Et­ta­ler Stra­ße bis hin zum be­rühm­ten Pi­la­tus­haus. Doch auch an­de­re Dör­fer in den Al­pen be­ste­chen durch far­ben­präch­ti­ge Fas­sa­den. Als Lüftlmalerei wird die­se Form der Kunst be­zeich­net. Da­hin­ter steckt ei­ne be­reits in der An­ti­ke ent­stan­de­ne Idee, Ge­bäu­de mit Fi­gu­ren, Land­schaf­ten und Sze­nen zu be­ma­len. Wo­her der Be­griff an sich ge­nau kommt, ist bis heu­te nicht si­cher be­legt. Soll da­mit auf den Ma­ler an­ge­spielt wer­den, der in schwin­del­er­re­gen­der Hö­he auf sei­nem Ge­rüst ar­bei­tet? Na­he­lie­gen­der ist je­doch die Ver­bin­dung zum be­rühm­ten Lüft­l­ma­ler Franz Se­raph Zwinck (1747–1792), der zwi­schen Mit­ten­wald und Obe­r­am­mer­gau ein­drucks­vol­le Wer­ke ge­schaf­fen hat. Das An­we­sen sei­ner Fa­mi­lie trug näm­lich den Haus­na­men „Lüftl“. So­mit wä­re ei­ne Ver­bin­dung zu dem Be­griff „Lüftlmalerei“durch­aus denk­bar. Das Hand­werk an sich wur­de von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ge­ben. Frü­her be­dien­te man sich da­bei der so­ge­nann­ten Fres­ko­ma­le­rei – ei­ner be­son­de­ren Mal­tech­nik. So wur­den die Far­ben von den Künst­lern selbst ge­mischt und an­schlie­ßend mit ei­nem Grif­fel auf den noch feuch­ten Kalk­putz auf­ge­tra­gen. Ei­ne Korrektur war da­nach nicht mehr mög­lich, wes­we­gen die Hand­ar­bei­ter äu­ßerst prä­zi­se ar­bei­ten muss­ten. Ver­duns­te­te schließ­lich die Feuch­tig­keit, ver­ban­den sich die Farb­pig­men­te mit dem Kalk durch ei­nen na­tür­li­chen, che­mi­schen Pro­zess. Die Ma­le­rei bil­de­te da­durch ei­ne stein­har­te, was­ser­fes­te Schicht mit ei­nem leicht gla­si­gen Schim­mer. Die Mo­ti­ve um­fas­sen bi­bli­sche Darstel­lun­gen, Bau­ern­sze­na­ri­en aus dem länd­li­chen All­tag und der Jagd, aber auch der schüt­zen­de Haus­pa­tron war und ist sehr be­liebt. Lüftlmalerei ist heu­te näm­lich im­mer noch ei­ne ge­frag­te Tra­di­ti­on. Es gibt je­doch mitt­ler­wei­le an­de­re Me­tho­den, um auch auf tro­cke­nem Kalk zu ma­len, zu­mal die Fres­ko­ma­le­rei sehr viel Zeit in An­spruch nimmt. Rei­ne Fres­ko-Lüft­l­ma­le­rei­en sind des­halb äu­ßerst sel­ten und na­he­zu un­be­zahl­bar.

Oben: Die Fas­sa­de des Pi­la­tus­hau­ses in Obe­r­am­mer­gau ist ein Meis­ter­werk – er­schaf­fen im 18. Jahr­hun­dert von Franz Se­raph Zwinck.

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