Zehn co­dier­tes Pri­vat-TV

Vor 10 Jah­ren droh­ten die deut­schen Pri­vat­sen­der mit der Kom­plett­ver­schlüs­se­lung ih­rer Si­gna­le. Zum Glück sprach das Bun­des­kar­tell­amt ein Ver­bot aus. Ein Rück­blick.

Digital Fernsehen - - Inhalt - STE­FAN HOFMEIR

Von En­ta­vio zu HD Plus: Der stei­ni­ge Weg der Ver­schlüs­se­lung

SES Astra Chef Fer­di­nand Kay­ser be­zeich­ne­te schon im­mer die un­ver­schlüs­sel­te Aus­strah­lung der deut­schen TV-Pro­gram­me als „Ge­burts­feh­ler“, den man kor­ri­gie­ren müs­se. Schließ­lich zeig­ten die an­de­ren Län­der, ins­be­son­de­re die USA, wie man mit ver­schlüs­sel­tem Fern­se­hen Ein­nah­men von Mil­lio­nen an Zu­schau­ern ma­xi­mie­ren kön­ne. Auch die deut­schen Pri­vat­sen­der, die nach der Kirch-In­sol­venz im­mer mehr in­ter­na­tio­nal ge­führt wur­den, woll­ten sich ei­ne zwei­te Ein­nah­me­quel­le ne­ben dem schwä­cheln­den Wer­be­zeit­ver­kauf si­chern.

Rück­blick

Wir schrei­ben das Jahr 2005. Die Pri­vat­sen­der sind im Kabel bis­her nur ana­log und konn­ten sich mit den Netz­be­trei­bern nicht über die di­gi­ta­le Ein­spei­sung ei­ni­gen. Die Ka­bel­netz­be­trei­ber woll­ten Ein­spei­se­ge­büh­ren, die Sen­der hin­ge­gen an den Ka- bel­ge­büh­ren par­ti­zi­pie­ren. Le­dig­lich über Sa­tel­lit gab es RTL, Pro Sie­ben, Sat.1 und Co. un­ver­schlüs­selt in SD-Qua­li­tät. Die RTL-Grup­pe, Pro Sie­ben Sat.1 so­wie der Sa­tel­li­ten­be­trei­ber Astra plan­ten un­ter dem Pro­jekt­nah­men „Dol­phin“die TV-Re­vo­lu­ti­on in Deutsch­land. Be­reits im Mai 2006 be­rich­te­te DIGITALFERNSEHEN als ei­nes der ers­ten Me­di­en von den da­mals noch ge­hei­men Plä­nen („Alarm, Alarm, die Pri­vat­sen­der wol­len ver­schlüs­seln“).

An­fang Au­gust dann die ers­te öf­fent­li­che An­kün­di­gung der RTL-Grup­pe: „Die di­gi­ta­len Si­gna­le der Sen­der RTL Te­le­vi­si­on, VOX, RTL II, Su­per RTL und n-tv sol­len zum Si­gnal­schutz ver­schlüs­selt aus­ge­strahlt wer­den. Zur Ent­schlüs­se­lung der Pro­gram­me be­nö­ti­gen die Zu­schau­er ei­nen ge­eig­ne­ten Di­gi­tal­re­cei­ver und ei­ne ent­spre­chen­de Smart­card.“Fast zeit­gleich gab Astra in ei­ner Pres­se­mit­tei­lung wei­te­re De­tails be­kannt, dass das Un­ter­neh­men ei­ne neue Toch­ter­ge­sell­schaft für die Ver­mark­tung von Dol­phin grün­den wol­le, wel­che „von den Haus­hal­ten ei­ne ge­rin­ge mo­nat­li­che Flat­rate von bis zu 3,50 Eu­ro für die Be­nut­zung der Tech­no­lo­gie ver­lan­gen wird.“Zu­züg­lich ei­ner Tech­nik­pau­scha­le von 1,99 Eu­ro mo­nat­lich und 9,99 Eu­ro ein­ma­lig. Auch MTV mit sei­nen da­ma­li­gen Pro­gram­men MTV, VIVA, NICK und Come­dy Cen­tral so­wie das Deut­sche Sport­fern­se­hen (jetzt Sport 1) fan­den die Idee von der zwei­ten Rund­funk­ge­bühr toll und kün­dig­ten die Teil­nah­me an. Die ver­schlüs­sel­te Aus­strah­lung der bis­he­ri­gen Free-TV-Sen­der soll­te am 1. Sep­tem­ber 2007, al­so vor ge­nau 10 Jah­ren, star­ten.

Ver­här­te­te Fron­ten

Fort­an gab es zwei La­ger: Die ei­nen be­ju­bel­ten das Pro­jekt. Der Zen­tral­ver­band der deut­schen Wer­be­wirt­schaft (ZAW) er­war­te­te durch die an­ge­kün­dig­te Sa­tel­li­ten­ge­bühr kei­ne ne­ga­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf die Fern­seh­wer­bung. Doch vor al­len die Ge­rä­te­her­stel­ler und der Han­del lie­fen Sturm ge­gen das Pro­jekt Dol­phin, da sie an den Um­sät­zen kaum pro­fi­tiert hät­ten. Hier bes­ser­te SES Astra dann spä­ter bei der HD Plus Platt­form mas­siv nach und er­fand ein Ge­schäfts­mo­dell, bei dem al­le Be­tei­lig­ten (Han­del, Her­stel­ler, TV-Sen­der) auch an den Um­sät­zen pro­fi­tie­ren. Am 30. Au­gust 2006 ver­öf­fent­lich­te Astra den rich­ti­gen Mar­ken-

na­men für die Platt­form: „Un­ter der Mar­ke En­ta­vio wol­len wir künf­tig den Zu­gang zum Hoch­leis­tungs-TV für Al­le an­bie­ten“, er­läu­ter­te Ge­schäfts­füh­rer Wolf­gang Ke­unt­je zum Auf­takt der In­ter­na­tio­na­len Funk­aus­stel­lung (IFA) in Ber­lin. Für den neu­en di­gi­ta­len Sa­tel­li­ten-An­schluss be­nö­ti­gen Ver­brau­cher ei­nen Re­cei­ver so­wie ei­ne Smart­card. „Da­mit wol­len wir al­len Fern­seh­haus­hal­ten – in Stadt und Land – den Zu­gang zur ge­sam­ten Pa­let­te di­gi­ta­ler An­ge­bo­te an­bie­ten, und dies zu ei­nem güns­ti­gen und für al­le er­schwing­li­chen Preis“, sag­te Ke­unt­je. Die Zu­schau­er ver­stan­den die Welt nicht mehr. War­um auf ein­mal für wer­be­fi­nan­zier­te Pro­gram­me be­zah­len müs­sen, die es da­vor 20 Jah­re kos­ten­los gab?

Hand­lung ge­fragt

Schnell er­mit­tel­te auch das Bun­des­kar­tell­amt und er­öff­ne­te im Jah­re 2006 ge­gen die drei Be­tei­lig­ten (RTL, Pro­Sie­ben­Sat.1 so­wie SES Astra) ein Ver­fah­ren we­gen des Ver­dachts auf ge­gen­sei­ti­ge Ab­spra­che. Denn al­le Sen­der woll­ten gleich­zei­tig ih­re bis­her frei emp­fang­ba­ren TV-Pro­gram­me über Sa­tel­lit ver­schlüs­seln und die Zu­schau­er qua­si in die Be­zahl­welt zwin­gen.

Pro­Sie­ben­Sat.1 stieg al­ler­dings im Zu­ge ei­nes Kar­tell­ver­fah­rens be­reits An­fang De­zem­ber 2006 wie­der aus En­ta­vio aus. RTL al­lei­ne hät­te die Ver­schlüs­se­lung nicht um­set­zen kön­nen, die Zu­schau­er wä­ren dann ein­fach zu den un­ver­schlüs­sel­ten Sen­dern von Pro Sie­ben und Sat.1 um­ge­stie­gen. SES Astra gab des­halb am 19. Fe­bru­ar 2007 ein Abrü­cken von der Ver­schlüs­se­lung für FreeTV-Sen­der be­kannt. Man wol­le sich vor­erst auf Be­zahl­fern­seh-An­ge­bo­te kon­zen­trie­ren. Am 1. Sep­tem­ber star­te­te so Pre­mie­re zu­sätz­lich ne­ben der d-box auch auf der En­ta­vio-Platt­form. An­fang No­vem­ber kam das Pro­gramm Sport­di­gi­tal.tv, zum 1. De­zem­ber der Sof­te­ro­tik­sen­der al­pen­glü­hen.tv da­zu. Da we­der Her­stel­ler noch Han­del groß von den Um­sät­zen pro­fi­tier­ten, war das An­ge­bot ein Flop. Ge­naue Abo­zah­len wur­den nie ver­öf­fent­licht und dürf­ten stark am Bo­den ge­blie­ben sein. En­ta­vio wur­de zum 30. Sep­tem­ber 2009 ein­ge­stellt.

Kei­ne Auf­ga­be

Das Pro­jekt der Gr­und­ver­schlüs­se­lung war den Sen­dern so­wie SES Astra viel zu wich­tig, als dass man sich be­reits in der ers­ten Run­de ge­schla­gen gab. Be­reits am 26. Ju­ni 2009 wur­de die En­ta­vio Gm­bH in HD plus Gm­bH um­be­nannt. Die Ge­schäfts­füh­rer Wil­fried Ur­ner, Ti­mo Schne­cken­bur­ger so­wie Ge­or­ges Ag­nes blie­ben an Bord. Wenn man schon nicht die be­ste­hen­den Pro­gram­me mit Ge­walt ver­schlüs­seln kön­ne, bei den neu­en HD-Sen­dern dür­fe man den „Feh­ler“der un­ver­schlüs­sel­ten Aus­strah­lung nicht ma­chen. So­mit ging zum Jah­res­wech­sel 2009/2010 die neue HD plus-Platt­form mit den RTL HD-Sen­dern an den Start, kur­ze Zeit spä­ter ent­schied sich die Pro Sie­ben Sat.1 Grup­pe (ganz un­ab­hän­gig da­von) sich auch dar­an zu be­tei­li­gen.

Vie­le er­in­nern sich noch an ProSie­ben HD, das am 26. Ok­to­ber 2005 un­ver­schlüs­selt (!) via Sa­tel­lit star­te­te. Der da­ma­li­ge tech­ni­sche Lei­ter Erich Merk­le galt als Pio­nier bei der Er­pro­bung neu­er Tech­ni­ken. Dank ihm war Pro Sie­ben auch der ers­te Sen­der, der den Ton in Dol­by Di­gi­tal aus­strahl­te. Pro Sie­ben HD wur­de am 16. Fe­bru­ar 2008 wie­der ein­ge­stellt mit der vor­ge­scho­be­nen Be­grün­dung „die HDTV-Nut­zung in Deutsch­land hät­te sich nicht wie er­hofft ent­wi­ckelt“. Da­bei woll­te man nur ei­ne Pau­se ein­le­gen bis zum Start des ver­schlüs­sel­ten HD-An­ge­bo­tes im Ja­nu­ar 2010.

So sah da­mals ein En­ta­vio-Re­cei­ver aus. Der Hu­max BLU-FOX-CI ver­füg­te, wie der Na­me schon ver­mu­ten lässt, – un­ter an­de­rem über ei­nen zu­sätz­li­chen CI-Schacht für Emp­fangs­mo­du­le an­de­rer An­bie­ter

Schon da­mals be­rich­te­te DI­GI­TAL FERN­SE­HEN aus­führ­lich über die Ver­schlüs­sel­lung und die hier­für not­wen­di­ge Emp­fangs­tech­nik

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