Ei­ne neue Tie­fe:

Ei­ne Be­geg­nung mit dem SoRe­al-Au­dio Seis­mo­graph ist mehr als das blo­ße Ab­tas­ten ei­ner Ril­le mit ei­ner Na­del. Es ist man­nig­fal­ti­ger Aus­druck des evo­lu­tio­nä­ren Stre­bens nach Über­le­gen­heit. Kom­men Sie mit auf die Rei­se in ei­ne neue Tie­fe.

Digital Tested - - Inhalt - JO­HAN­NES STROM

Wie man den Vi­nyl­sound neu de­fi­niert. SoRe­al-Au­dio macht mit dem Seis­mo­graph Au­dio­träu­me wahr

Je­der in un­se­rer Re­dak­ti­on und auch dar­über hin­aus, der im di­rek­ten Kon­takt mit die­sem Plat­ten­spie­ler war, denkt hin­ter­her an­ders übers Mu­sik­hö­ren. Das liegt nicht da­ran, dass der Seis­mo­graph ver­zau­bert oder be­tört. Es liegt nicht da­ran, dass der Plat­ten­spie­ler eu­pho­ri­siert oder be­schwingt. Es liegt vor al­lem da­ran, dass der Seis­mo­graph ei­ne Kunst ver­kör­pert, die das tie­fe Ver­ständ­nis für Per­fek­ti­on und Qua­li­tät im Men­schen an­spricht. Da­bei bleibt das Ge­rät so nüch­tern, als wä­re Per­fek­ti­on das na­tür­lichs­te Phä­no­men der Welt. Der Seis­mo­graph ist der Ver­such, mit höchs­ter Auf­merk­sam­keit, bei­spiel­haf­ter Hin­ga­be und kom­pro­miss­lo­ser Ma­te­ri­al­aus­wahl ans Li­mit des Mach­ba­ren zu ge­hen. Der Plat­ten­spie­ler aus der Fe­der des ös­ter­rei­chi­schen Kon­struk­teurs Oth­mar Spi­ta­ler, dem ein oder an­de­ren durch die Mar­ke Art­kus­tik ein Be­griff, ist ei­ner der we­ni­gen Plat­ten­spie­ler am Markt, der das Prä­di­kat „High-End“in je­der er­denk­li­chen Art und Wei­se ver­dient hat. Das Ge­rät punk­tet vor al­lem durch den ganz be­wuss­ten Ver­zicht auf das Un­nö­ti­ge. Je­des Bau­teil, je­de Schrau­be, je­de Kan­te, al­les ist ge­nau dort, wo es sei­nem hö­he­ren Ziel dient: der kom­pro­miss­lo­sen Wie­der­ga­be­qua­li­tät. Wenn wir es uns ge­nau­er an­schau­en, geht es bei ei­nem Plat­ten­spie­ler, wenn man die Na­del mal aus­klam­mert, vor al­lem dar­um sich mit höchs­ter Gleich­mä­ßig­keit und oh­ne auch nur ei­nen Hauch von Schwan­kung er­ah­nen

zu las­sen, zu dre­hen. Und das, oh­ne da­bei Schwin­gun­gen an die Um­welt ab­zu­ge­ben oder auf­zu­neh­men. Wir brau­chen da­für al­so Sta­bi­li­tät, Prä­zi­si­on und Stei­fig­keit. Al­le drei Ele­men­te bringt der Seis­mo­graph mit.

Tech­nik

Qua­si der ge­sam­te Kör­per, in­klu­si­ve des 35 Mil­li­me­ter di­cken Plat­ten­tel­lers, ist aus ver­win­dungs­stei­fem Flug­zeugalu­mi­ni­um ge­fräst. Da­bei wur­de über ei­ne Prä­zi­si­ons-CNC-Frä­se ei­ne Ge­nau­ig­keit von 2-tau­sends­tel Mil­li­me­tern er­reicht, dass sind 2 Mi­kro­mil­li­me­ter (μm). Zum Ver­gleich: Die Di­cke ei­nes durch­schnitt­li­chen Haa­res be­trägt 1 μm. Die­se Ge­nau­ig­keit führt un­ter an­de­rem da­zu, dass das Ein­set­zen der Ach­se in die dau­er­ge­öl­te Hül­se aus La­ger­bron­ze meh­re­re Mi­nu­ten in An­spruch nimmt, da der Wand­ab­stand so ge­ring ist, dass sich die Luft schwer tut sich her­aus­zu­pres­sen. Ein­mal ein­ge­taucht, dreht sich die Ach­se im La­ger oh­ne die ge­rings­te Spur ei­nes Spiels und den­noch so leicht, als hät­te sich zwi­schen den Bau­tei­len ein Ka­pil­lar-Va­ku­um auf­ge­baut. Wer möch­te, holt sich mit die­sem Plat­ten­tel­ler al­so auch ge­fühl­te NA­SA-Qua­li­tät ins Wohn­zim­mer.

Der Seis­mo­graph ist kein Plat­ten­spie­ler von der Stan­ge, dass soll­te mitt­ler­wei­le klar sein. Es han­delt sich eher um hand­ge­fer­tig­te Ein­zel­an­fer­ti­gun­gen, auf­wen­dig elo­xiert und ver­edelt. Der mas­si­ve Kor­pus be­steht aus zwei Plat­ten, wo­bei nur die obe­re die Bau­tei­le trägt und die un­te­re die Fü­ße sta­bi­li­siert und ver­steift. Soll­te sich bei die­sem 35 Ki­lo­gramm-Ko­loss dann doch noch ir­gend­wo ei­ne Re­st­re­so­nanz ver­ste­cken, so ist der ge­sam­te Kör­per dar­auf aus­ge­legt al­les so sau­ber und schnell wie mög­lich auf die drei Stand­fü­ße ab­zu­lei­ten. Die­se sind zu­sätz­lich als Spi­kes aus­ge­führt. Ab­ge­run­det wird der gro­be Teil des Seis­mo­graph durch ei­ne der Gr­und­flä­che ent­spre­chen­den Gra­nit­plat­te. Die Fü­ße sind ganz be­wusst nicht hö­hen­ver­stell­bar aus­ge­führt, denn je­des un­nö­ti­ge Ge­win­de stellt ei­ne Schwach­stel­le für un­ge­woll­te Schwin­gun­gen dar. Wer al­so kei­nen ge­eig­ne­ten Un­ter­bau hat, der sich noch da­zu in per­fek­ter Waa­ge be­fin­det, soll­te vom Seis­mo­graph Ab­stand neh­men. Nicht um­sonst ist ein Seis­mo­graph ein Ge­rät, was selbst kleins­te Er­schüt­te­run­gen des Bo­dens er­spürt und auf­zeich­net. Aber Herr Spi­ta­ler will kei­ne Er­schüt­te­run­gen auf­zeich­nen, son­dern Emo­tio­nen wie­der­ge­ben und da­für bie­tet der sou­ve­rä­ne Dre­her die per­fek­te Büh­ne. Ein maß­geb­li­cher Teil die­ser Büh­ne be­fin­det sich un­ter­halb des Vi­nyls, ein eben­so wich­ti­ger ober­halb. Im Ide­al­zu­stand gibt es den Seis­mo­graph mit zwei Jel­co-Ton­ar­men, je­weils 12 Zoll lang. Zwei des­halb, weil man dann zum Bei­spiel zwei ver­schie­de­ne Ton­ab­neh­mer­sys­te­me in­stal­lie­ren kann. Ge­läu­fig ist ei­ne Mo­no/Ste­reo-Kom­bi­na­ti­on, so auch in un­se­rem Test­fall. An ei­nen Arm hängt ei­ne Au­dio-Tech­ni­ca AT33 Mo­no-Car­tridge, in­ter­es­sant für die al­ten Plat- ten, wel­che tat­säch­lich noch in Mo­no ge­presst wur­den. Und am an­de­ren Arm hängt ei­ne Etsu­ro Eru­shi Ste­reo-MC, wel­che dem Seis­mo­graph in der Preis­ka­te­go­rie in nichts nach­steht. Das be­legt ein­mal mehr, dass ab

ei­ner ge­wis­sen Qua­li­täts­stu­fe je­des Quänt­chen mehr an Per­fek­ti­on ex­po­nen­ti­ell im Preis be­merk­bar wird. Aber um den Preis soll es uns nicht ge­hen, wir wol­len end­lich wis­sen, wie sich die­se Kom­bi­na­ti­on nun an­hört. Doch halt, be­vor es los­ge­hen kann, müs­sen wir uns noch ein­mal kurz am Rie­men rei­ßen und sel­bi­gen aus Si­li­kon am Tel­ler­rand ent­lang zum Mo­tor­block span­nen. Der schwe­re Syn­chron­mo­tor wird frei in ein Loch in­mit­ten des Chas­sis ge­stellt. Da­durch ist ga­ran­tiert, dass Mo­tor­vi­bra­ti­on und Na­del sich nie­mals ken­nen­ler­nen wer­den. Ein ex­ter­nes Netz­teil mit nicht mehr als ge­nau ei­nem Schal­ter un­ter­streicht den prag­ma­ti­schen Mi­ni­ma­lis­mus des Ge­samt­kon­zepts. Und dann dreht er los. So gleich­för­mig, dass wir nur an den vor­bei­flie­gen­den Fin­ger­ab­drü­cken an der Sei­te des Tel­lers er­ken­nen, dass er sich über­haupt dreht.

Klang

Was uns so­fort auf­fällt ist, dass uns zu­nächst kaum et­was auf­fällt. Das mag im ers­ten Mo­ment ver­wir­rend oder am­bi­va­lent sein, heißt aber nur, dass der Seis­mo­graph kei­nen mar­kan­ten fre­quen­zi­el­len Ei­gen­cha­rak­ter auf­weist, was gut ist. Die wah­re Bril­lanz der Klang­ba­sis er­fuh­ren wir erst im zwei­ten Au­gen­blick ob der Er­war­tungs­hal­tung oder Auf­re­gung. Die Tie­fe. Un­be­schreib­lich. Die Büh­ne er­klingt so of­fen und weit­rei­chend, dass wir die Raum­grö­ße un­se­res Hör­raums ver­dop­pelt füh­len. Zwi­schen den No­ten herrscht ei­ne Ru­he und Schwär­ze, wie sie nur die kos­mi­sche Hin­ter­grund­strah­lung aus­leuch­ten kann. Al­les was üb­rig bleibt, ist Mu­sik.

Un­ser ers­ter Vi­nyl­pro­band ist für ge­wöhn­lich Tho­mas Siff­ling & The Pu­b­lic Sound Of­fice. Der Ti­tel „De­sert Im­pres­si­ons“vom Al­bum „Hu­man Im­pres­si­ons“bie­tet so­wohl Jazz­lieb­ha­bern, als auch Elek­tro­in­ter­es­sen­ten ge­nug Spiel­va­ri­an­ten und Pro­duk­ti­ons­high­lights, dass man gut und ger­ne ei­nen ei­ge­nen Ar­ti­kel dar­über schrei­ben könn­te. Uns reicht an die­ser Stel­le der Hin­weis, dass das Ste­reo­pan­ora­ma und die dif­fe­ren­zier­te Dy­na­mik ex­zel­lent vom Ge­spann Etsu­ro/Seis­mo­graph ab­ge­tas­tet wur­den.

Der zwei­te Kan­di­dat ist dem ein oder an­de­ren Le­ser viel­leicht et­was bes­ser im Ohr. Es han­del­te sich um die 180-Gramm-Ver­si­on des Sound­tracks von „Das Im­pe­ri­um schlägt zu­rück“. Das Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra un­ter Lei­tung von John Wil­li­ams schmet­ter­te uns das Haupt­mo­tiv der Welt­raum­sa­ga sou­ve­rän um die Oh­ren. Aber in­ter­es­sant wur­de es vor al­lem un­ge­fähr nach Mi­nu­te 1:30, wo das For­tis­si­mo schlag­ar­tig um­kippt und nur noch ei­ne ein­sa­me Pic­co­lo-Qu­er­flö­te mit ei­nem mä­an­drie­ren­den Wel­len­the­ma da­hin säu­selt. In die­sem Mo­ment wur­de klar, wo die wah­re Stär­ke des Seis­mo­graph liegt. Die Ort­bar­keit der Flö­te in Kom­bi­na­ti­on mit dem hef­ti­gen Dy­na­mik­sprung wur­de so na­tür­lich ab­ge­bil­det, dass wir schlag­ar­tig in die Tie­fe des Orches­ter­gra­bens ge­zo­gen wur­den. Als hät­te man Zeit sei­nes Le­bens nur mit ei­nem

Au­ge ge­se­hen, oder bes­ser mit ei­nem Ohr ge­hört, zeich­net der Seis­mo­graph mehr­di­men­sio­nal, plas­tisch und kon­tu­riert, oh­ne je­doch da­bei zu fär­ben. Ein Neu­zeit-Klas­si­ker der schwar­zen Ma­gie in Form von Vi­nyl ist auch der ame­ri­ka­ni­sche Sin­ger-Song­wri­ter Fa­ther John Mis­ty, der zur Zeit mit sei­nem ex­trem wort­witz­las­ti­gen Al­bum „Pu­re Come­dy“auf Tour ist. Da­bei ist der Ti­tel ein­deu­tig dop­pel­deu­tig zu Ver­ste­hen, denn die tra­gi­ko­mi­schen The­men der Schei­be ma­chen auf Dau­er wohl eher be­drückt denn fröh­lich. Aber der Trost, dass man mit den Ab­sur­di­tä­ten des Le­bens nicht al­lein auf wei­ter Flur ist, macht Mis­tys Mu­sik zur ly­ri­schen Em­pa­thie in ei­ner sich selbst zer­set­zen­den Welt. Vom er­wähn­ten Al­bum le­gen wir „Lea­ving LA“auf. Der mit über 13 Mi­nu­ten für ei­nen Pop­song un­ge­wöhn­lich lan­ge Ti­tel be­steht zu­nächst nur aus Akus­tik­gi­tar­re und Stim­me, be­glei­tet und ge­rahmt von su­per­ben Hall­fah­nen, die der Seis­mo­graph vol­ler Hin­ga­be aus­spielt. Die druck­vol­len, tie­fen Fre­quen­zen der sehr dicht mi­kro­fo­nier­ten Gi­tar­re wer­den ab­so­lut klar und sau­ber schwe­bend trans­por­tiert. Als dann die Strei­cher ein­set­zen, klappt das Pan­ora­ma an­ge­nehm auf und die Büh­ne öff­net sich weit nach hin­ten. Im Ver­lauf des Ti­tels ver­steckt sich Mis­tys Stim­me all­zu gern in die­ser ne­bu­lö­sen Wol­ke der Fer­ne, nur um durch Sprach­ge­wandt­heit wie­der Nä­he zu er­zeu­gen. Die­ses ton­tech­nisch her­vor­ra­gend in­sze­nier­te Zu­sam­men­spiel wird vom Seis­mo­graph mit ei­ner Grö­ße dar­ge­stellt, als wüss­te der Dre­her, was da ge­sun­gen wird. Herz­zer­rei­ßend tief und ein­ma­lig klar. SoRe­al-Au­dio ist mit dem Seis­mo­graph ein Pracht­stück ge­lun­gen, wel­ches au­dio­phil auf gan­zer Li­nie über­zeugt. Da­bei ging es aber um mehr als die rei­ne Mu­sik­wie­der­ga­be, es ging auch um das be­nö­tig­te Know-how, ei­ne sehr gro­ße Por­ti­on Idea­lis­mus und ei­ne Vi­si­on mit dem Ziel ein Pro­dukt zu ent­wi­ckeln, dass viel­leicht Jahr­hun­der­te lang auf je­den Fall aber über vie­le Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg von Wert und Be­deu­tung sein wird.

Fa­zit

Wo es ei­ne Ni­sche gibt, wird man Ex­tre­me fin­den. Und der Seis­mo­graph ist so ein Ex­trem. Der Seis­mo­graph ist Aus­druck des Be­stre­bens die Wort­schöp­fung „High-End“nicht als Flos­kel, son­dern als Le­bens­ein­stel­lung zu ver­ste­hen und sich nicht mit Mit­tel­maß zu­frie­den zu ge­ben. Ein Ehr­furcht ein­flö­ßen­der und an­mu­ti­ger Plat­ten­spie­ler, der welt­weit sei­ne An­hän­ger und Lieb­ha­ber fin­den wird.

Nicht ein­fach be­druckt, son­dern gra­viert. Al­les an die­sem Ge­rät bringt zum Aus­druck, dass auch noch in über hun­dert Jah­ren da­mit Schall­plat­ten ge­hört wer­den kön­nen

Die per­sön­li­che Lie­fe­rung, Ein­rich­tung und Ein­mes­sung ge­hört bei SoRe­al-Au­dio zum gu­ten Ton, aber es kann und soll­te na­tür­lich bei der Jus­ta­ge auch sel­ber Hand an­ge­legt wer­den

Der Etsu­ro Uru­shi ge­hört nicht zur Gr­und­aus­stat­tung des Seis­mo­graph, be­währ­te sich wäh­rend un­se­res Test aber als gleich­be­rech­tig­ter Spiel­part­ner mit ho­her Vi­ta­li­tät

Der Mo­tor­block sitzt in ei­ner Aus­spa­rung des Grund­kör­pers, so­dass Vi­bra­tio­nen erst gar nicht über­tra­gen wer­den kön­nen

Stan­dard­mä­ßig gibt es ein ver­gol­de­tes Plat­ten­ge­wicht zum Seis­mo­graph, span­nend sind aber auch die Quartz-Al­ter­na­ti­ven zum Bei­spiel von Au­dio Re­plas

Das Netz­teil des Mo­tors hat ei­nen Schal­ter und ei­ne Sta­tus-LED. Al­les an­de­re wä­re un­nö­tig und hat so­mit kei­nen Platz ge­fun­den

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.