Ma­de in Dres­den: Hand­ge­fer­tig­te High End Horn­laut­spre­cher aus dem Os­ten

Es ist uns ein per­sön­li­ches An­lie­gen auch New­co­mern und Ni­schen­pro­duk­ten ei­ne Chan­ce zu ge­ben. Und wir wur­den nicht ent­täuscht. Das Dresd­ner Un­ter­neh­men Sha­Pe Acoustic baut Bal­sam für die Oh­ren.

Digital Tested - - Inhalt - JO­HAN­NES STROM

Die au­dio­phi­le Bran­che lebt vom Ex­pe­ri­ment. Vom un­ent­weg­ten Stre­ben nach ex­zel­len­ten Er­geb­nis­sen. Vom Er­fin­der­geist, vom spie­le­ri­schen Tüf­teln und aus­pro­bie­ren, vom lan­cie­ren und ver­wer­fen, von der Be­geis­te­rung und Iden­ti­fi­ka­ti­on der Ent­wick­ler mit ih­ren Pro­duk­ten. Und ge­nau so geht es Pe­ter Plon­ski von Sha­Pe Acoustic. Der auf­stre­ben­de Ent­wick­ler hat auf sei­ne herz­li­che und emo­tio­na­le Pas­si­on für Mu­sik­wie­der­ga­be kon­kre­te Ta­ten fol­gen las­sen. Meh­re­re Jah­re nun ar­bei­tet er schon an sei­nem „Ba­by“, dem Spec­trum Me­lo­dy Horn- laut­spre­cher. Im­mer wie­der wur­de ver­wor­fen, neu kon­stru­iert und vor al­lem ge­hört. Da­bei ent­stan­den ei­ne Viel­zahl un­ter­stüt­zen­de Kon­tak­te und Er­fah­run­gen, schließ­lich hilft man sich in der Bran­che oft ge­gen­sei­tig.

Ei­ge­ne We­ge

Sein Kon­zept und die Idee des Laut­spre­chers sind da­bei sehr sim­pel, doch wie mit al­lem, was ein­fach er­scheint, steckt ei­ne Men­ge Schweiß und Schei­tern hin­ter dem ex­tra­va­gan­ten, wie in­tui­ti­vem Er­geb­nis. Plon­ski ver­zich­tet auf jeg­li­che Elek­tro­nik und Elek­trik, Fre­quen­zwei­chen oder Sperr­krei­se. War­um? Sie steht zwi­schen ihm und der Mu­sik. Ver­färbt, ver­biegt und ver­än­dert das Roh­ma­te­ri­al. Bei Sha­Pe Acoustic geht man ei­nen an­de­ren Weg. Man möch­te durch die Kon­struk­ti­on des Ge­häu­ses und den Tö­ner selbst die ge­wünsch­te Per­for­mance ablie­fern, oh­ne die Mu­sik da­bei elek­trisch zu ver­bie­gen. Um die­sen pu­ris­ti­schen An­satz um­zu­set­zen, holt man sich auch Hör­ner zu Hil­fe. Und da­bei wird nicht ir­gend­ein OEM-Pro­dukt ein­ge­kauft, son­dern es han­delt sich bei den Me­lo­dys um ei­ne ech­te Ei­gen­ent­wick­lung. Vom Lack des Kor­pus bis zum Aus­wahl der Chas­sis. Je­des klei­ne De­tail ist auf­ein­an­der ab­ge­stimmt. Die au­ßer­ge­wöhn­li­che Form des Horns trägt maß­geb­lich zum Er­geb­nis des Klangs der Laut­spre­cher bei. Da­bei ist auf­fäl­lig, dass das Horn in die-

sem Fall in­nen erst sehr flach, dann pa­ra­bo­lisch ge­formt ist und dann zum Rand wie­der sehr stark ab­flacht. Laut Plon­ski ist die Man­tel­flä­che des Horns zu Be­ginn flach ge­hal­ten und wird erst im äu­ße­ren Be­reich stei­ler, weil das In­ter­fe­ren­zen und Bün­de­lun­gen ver­mei­det und zu­gleich das Rund­strahl­ver­hal­ten da­bei op­ti­miert. Zen­trum des Laut­spre­chers ist ein BD-Pa­pier-Breit­bän­der mit Dop­pel­mem­bran aus der Stutt­gar­ter High-End Schmie­de AER. Über­haupt ist al­les, was bei Sha­Pe Acoustic ver­baut wird „Ma­de in Ger­ma­ny“. Der ver­wen­de­te 8-Zoll-Trei­ber BD3 von AER ge­hört in der Sze­ne zu den ab­so­lu­ten Re­fe­renz­mo­del­len, wenn es um Na­tür­lich­keit, Dy­na­mik und Tran­si­en­ten­treue geht. Al­lei­ne ei­ner die­ser Trei­ber kos­tet im Schnitt um die 4 000 Eu­ro. Von ihm geht die Ener­gie aus, die ei­ner­seits, was die Mit­ten und Hö­hen be­trifft, in das Horn ab­ge­ge­ben wer­den, gleich­zei­tig regt er aber auch ei­ne et­wa 2 Me­ter lan­ge, ge­wun­de­ne Luft­säu­le im In­nern des Ge­häu­ses an, wel­che maß­geb­lich für die Bass­wie­der­ga­be ge­nutzt wird. Da­bei ist das Ab­stim­men des Re­so­nanz­kör­pers eben­so fi­li­gra­ne Ar­beit ge­we­sen, wie das op­ti­ma­le Kur­ven­maß des Horns. Denn die Grö­ße des Ge­häu­ses ist nicht zu­fäl­lig. Was üb­li­cher­wei­se elek­trisch durch ei­ne Fre­quen­zwei­che und ei­nem oder meh­re­ren Bas­schas­sis rea­li­siert wird, pas­siert hier auf ganz akus­ti­sche Art, fast schon pneu­ma­tisch. Das Prin­zip der Bas­ser­zeu­gung er­folgt wie bei ei­ner ge­dack­ten Or­gel­pfei­fe. Die Län­ge der Luft­säu­le ist auf die Frei­luft­re­so­nanz des Trei­bers ab­ge­stimmt und fin­det bei 38 Hertz ein Ma­xi­mum. Am un­te­ren En­de der Säu­le stellt Plon­ski zu­dem ei­ne Glas­plat­te zur Ver­fü­gung, wel­che ei­ne gleich­mä­ßi­ge Re­fle­xi­on vom Bo­den, un­ab­hän­gig von des­sen Be­schaf­fen­heit, ge­währ­leis­tet. Die Öff­nun­gen sind na­tür­lich nicht zu­fäl­lig, son­dern ver­mes­sen und durch Ex­pe­ri­men­te be­stä­tigt, so­dass der Bass op­ti­mal ent­wei­chen kann. Zu­sätz­lich ha­ben wir wäh­rend des Tests fest­ge­stellt, dass es hilf­reich ist, sich in­ten­siv mit der Po­si­tio­nie­rung des Laut­spre­chers zu be­schäf­ti­gen. Nicht nur, weil das na­tür­lich für das op­ti­ma­le Ein­rich­ten des Ste­reo­bil­des von Vor­teil ist, son­dern weil der Laut­spre­cher heim­lich dar­auf spe­ku­liert, dass er Bass­re­fle­xio­nen von ei­ner wand­na­hen Auf­stel­lung be­kommt, die ihn un­ter­stüt­zen. Das ist für die ho­hen und mitt­le­ren Fre­quen­zen auch kein Pro­blem, da das über­gro­ße Horn die­se gleich­zei­tig ab­schirmt. Das Horn trägt aber auch maß­geb­lich da­zu bei, dass sich der vom AER-Breit­bän­der er­zeug­te Schall fein nu­an­ciert und mit ei­ner ex­trem ho­hen Dy­na­mik Rich­tung Hö­rer be­wegt. Der flie­ßen­de Trans­port des Luft­druckstroms über die­se phy­si­ka­li­sche Bar­rie­re und Um­len­kung, sorgt für ei­nen fre­quen­zi­ell un­ver­fälsch­ten und ent­spann­ten Klang, hat aber so sei­ne Tü­cken, wenn es um kon­kre­te Ort­bar­keit und Tie­fen­staf­fe­lung geht. Durch den Ver­zicht auf Elek­tro­nik und die Front­hornan­kopp­lung in Ver­bin­dung mit ei­nem leis­tungs­star­ken Breit­bän­der sinkt da­für der Klirr­fak­tor ins Bo­den­lo­se. Was üb­rig bleibt, ist Mu­sik.

Ei­ge­ner Klang

Wenn man ein­mal ei­nen so ex­klu­si­ven Laut­spre­cher im Hör­raum hat, dann tes­tet man nicht nach Pro­to­koll oder Stan­dard­sche­ma, dann holt man die ganz schwe­ren Ge­schüt­ze. Her­vor­ra­gend ge­eig­net sind zum Bei­spiel Klang­sam­ples und Re­fe­renz­auf­nah­men von Ro­lands TB-303 Bass­com­pu­ter. Wäh­rend die ho­hen Ok­ta­ven noch ge­nug Schmatz ha­ben, um vom Breit­bän­der und dem Horn über­setzt zu wer­den, rich­te­ten wir un­ser Au­gen­merk be­son­ders bei den tie­fe­ren Ok­ta­ven auf das Ver­hal­ten des Re­so­nanz­kör­pers und die Bass­wie­der­ga­be. Da­bei fiel uns deut­lich auf, dass wir es nicht mit ei­ner Par­ty­kel­ler­box zu tun ha­ben, die auf laut ge­trimmt ist, kom­me was da wol­le. Viel­mehr ist die Spec­trum Me­lo­dy ein fein­füh­li­ger, fast schon fein­stoff­li­cher Klang­a­kro­bat, denn die Ober­tö­ne er­reich­ten un­ser Ohr in wun­der­vol­ler Auf­lö­sung, aber für die Sub­bäs­se hat­ten wir dem mit 36 Watt an­ge­ge­be­nen Laut­spre­cher zu viel Hub ab­ver­langt fürs ers­te.

Wir schä­men uns für ei­nen Mo­ment, mit bra­chia­ler Ge­walt an so ein edel klin­gen­des Ge­schöpf her­an­ge­tre­ten zu sein und schwen­ken um zu Richard Strauss mit dem – wie hät­te es in die­sem Fall an­ders sein kön­nen – „Horn Con­cert No. 1 in E-Dur, Op. 11“, ge­spielt vom Chi­ca­go Sym­pho­ny Orches­tra un­ter Lei­tung von Da­ni­el Ba­ren­boim und mit Da­le Cle­ven­ger am So­lo-Horn.

Die Dy­na­mik und die For­man­ten der Klas­sik ste­hen die­sem Laut­spre­cher um ei­ni­ges bes­ser, als stür­mi­sche Syn­thi-Test­sounds. Die Tim­bres sind sehr oh­ren­schmei­chelnd ge­zeich­net, der Klang lebt von Of­fen­heit, wirkt fast schon le­ben­dig. Die Hör­ner – und an die­ser Stel­le mei­nen wir die Auf­nah­me und nicht die Kon­struk­ti­on – klin­gen über die Laut­spre­cher so­nor und vi­brant, oh­ne da­bei zu ble­chern zu wer­den. Die Dy­na­mik­zeich­nung ist, wie bei ei­nem Trei­ber die­ser Art zu er­war­ten, ex­zel­lent und an Echt­heit und Un­be­küm­mert­heit kaum nach­zu­ah­men.

Wir blei­ben für ei­nen Mo­ment noch bei klas­si­scher Mu­sik und tes­ten ein paar Tut­tis, um die Gren­zen der Dy­na­mik und die Auf­lö­sung der In­stru­men­te in ei­ner gro­ßen Grup­pe ab­zu­schät­zen. Hier ha­ben Breit­bän­der oft ih­re Pro­ble­me, die von Hör­nern zu gern ver­stärkt wer­den. Die Spec­trum Me­lo­dy über­zeugt je­doch an die­ser Stel­le. Bei Rach­ma­ni­n­offs „Sym­pho­nic Dan­ce No. 1“er­klin­gen Raum­grö­ße und Tie­fen­dar­stel­lung sau­ber ge­staf­felt und die Bäs­se des Tut­ti schwel­len druck­voll durch den Raum. Auch bei Jo­hann Se­bas­ti­an Bachs „Prä­lu­di­um in C-Dur, BWV 864“, stil­echt ge­spielt auf ei­nem Cem­ba­lo, ex­plo­diert der Klang förm­lich vor Tran­si­en­ten­reich­tum, als wür­de man sei­ne Oh­ren di­rekt ne­ben die an­ge­zupf­te Sai­te hal­ten. Die Ober­ton­schwin­gun­gen wer­den fein und den­noch plas­tisch an die Hör­po­si­ti­on trans­por­tiert, wenn auch das Ste­reo­pan­ora­ma et­was Kon­zen­tra­ti­on be­nö­tigt. Zu­rück im Pop-Synth-Me­tier bei den Ham­bur­gern von Bi­no­cu­lers, ei­nem Duo um die Elek­tro­mu­si­ker Nad­ja Rü­de­busch und Da­ni­el Gä­di­cke, wid­men wir uns noch ein­mal Syn­the­si­zer-Klän­gen. Die­ses mal aber ei­ner di­gi­ta­len Or­gel aus dem Ti­tel „Bow And Ar­row“. Der Or­gel­synth ist tra­gen­des Ele­ment des Songs, dar­über ge­sel­len sich glo­cki­ge Rho­des-Ar­peg­gi­os, die die Haupt­stim­me der Rü­de­busch kon­trast­reich in Sze­ne set­zen. Heim­li­ches High­light des Tracks sind aber die Hi-Hats, die durch die enor­me Na­tür­lich­keit der Spec­trum Me­lo­dy zu ei­nem akus­ti­schen High­light und Le­cker­bis­sen wer­den.

Zum Ab­schluss gön­nen wir uns noch ein bas­si­ges Bei­spiel von Abra­ham La­bo­u­hier. Im Ti­tel „Knock Out“pas­siert eben je­nes. Wir wer­den er­schla­gen vom Druck und der Dif­fe­ren­ziert­heit ei­nes mar­kan­ten 90er-Jah­re Slap-Bass in Kom­bi­na­ti­on mit ge­sam­ple­ten Pia­nos und ge­rahmt von syn­the­ti­schem Brum­men. Die Säu­le des Me­lo­dy bebt im Takt und uns er­fasst ein im­po­san­ter Grund­ton, den man tat­säch­lich so nicht von die­sem Breit­bän­der er­war­tet. Aber wir müs­sen zu­ge­ben, wir ha­ben den Laut­spre­cher mitt­ler­wei­le auch ein we­nig nä­her an die Wand ge­rutscht. All­ge­mein kann man zu­sam­men­fas­sen, dass die Laut­spre­cher in den obe­ren Mit­ten sehr dicht und vi­tal klin­gen. Sie ver­sprü­hen en­er­ge­ti­sches Le­ben, oh­ne da­bei zu schär­fen. In­stru­men­te wie Akus­tik­gi­tar­re, Slap-Bass oder Schlag­werk pro­fi­tie­ren da­von un­ge­mein. Auch in Kom­bi­na­ti­on mit Röh­ren­ver­stär­kern er­löst uns das Klang­bild der Spec­trum Me­lo­dy vom leb­lo­sen Matsch un­na­tür­li­cher Wie­der­ga­ben. Die Laut­spre­cher he­ben sich nicht nur op­tisch, son­dern auch deut­lich vom eng­stir­ni­gen Klang han­dels­üb­li­cher Kon­struk­tio­nen ab. Wir ver­nei­gen uns auf je­den Fall schon jetzt vor die­sem in­spi- rie­ren­den und en­thu­si­as­ti­schen An­satz der Laut­spre­cher­kunst, emp­feh­len ein Pro­be­hö­ren und Ken­nen­ler­nen bei Pe­ter Plon­ski und freu­en uns auf je­den wei­te­ren Laut­spre­cher aus Dres­den.

Fa­zit

Wenn man be­ach­tet, dass die Spec­trum Me­lo­dy ein Laut­spre­cher ist, mit dem man sich ein we­nig aus­ein­an­der­set­zen muss, um ihm ge­recht zu wer­den, dann be­kommt man von Sha­Pe Acoustic ei­nen Traum in Horn, mit dem man sich vie­le Jah­re ex­zel­len­ten Fre­quenz­ge­nuss ins Wohn­zim­mer ho­len wird.

Der Kor­pus steht zu­sätz­lich auch ei­ner Ple­xi­glas­plat­te, die vor al­lem zum gleich­mä­ßi­gen Um­len­ken und Re­flek­tie­ren des Bas­ses ge­dacht ist

Der An­schluss er­folgt über Speak­On-Ka­bel. Das Ty­pen­schild ver­rät: Der Laut­spre­cher hat ei­ne Im­pe­danz von 16 Ohm

Be­reits im Herbst war Pe­ter Plon­ski (rechts) zu Gast in un­se­rem Hör­raum. Im Ge­päck hat­te er ver­schie­de­ne Aus­füh­run­gen des Spec­trum Me­lo­dy Horns und viel Lei­den­schaft für Mu­sik

Der BD3-Trei­ber von AER ge­hört zur Kö­nigs­klas­se des Breit­band­laut­spre­chers. Be­son­ders die Dy­na­mik pro­fi­tiert da­von

Das Horn ist in meh­re­ren Far­ben er­hält­lich. Es ist durch ei­ne ge­schick­te Schraub­kom­bi­na­ti­on am Kor­pus fi­xiert

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