Donau Zeitung

Kön­nen wir uns das al­les leis­ten?

Mit ei­nem Re­kord­haus­halt kämpft die Bun­des­re­gie­rung ge­gen die Co­ro­na-Fol­gen. Da­für wer­den ge­wal­ti­ge neue Schul­den auf­ge­nom­men. Geht das zu­las­ten künf­ti­ger Ge­ne­ra­tio­nen? Das hängt da­von ab, was mit dem Geld pas­siert

- VON BERN­HARD JUNGINGER Berlin · Stein, St. Gallen · The German government · Christian Social Union · German Ministry of Finance · Ekin Deligöz · Gerd Müller · The Left · Olaf Scholz

Ber­lin Es wird ge­ra­de wie­der viel über die „künf­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen“ge­spro­chen, das ist im­mer so, wenn der Bun­des­haus­halt fest­ge­zurrt wird. Das war auch auf der Ber­ei­ni­gungs­sit­zung in die­sem Jahr so, die am Don­ners­tag be­gann und mit „mat­schi­gen Bu­let­ten“, so ein Teil­neh­mer, bis zum frü­hen Frei­tag­mor­gen dau­er­te: 15 St­un­den ins­ge­samt. Der Etat für 2021 sieht Aus­ga­ben in Hö­he von an­nä­hernd 500 Mil­li­ar­den Eu­ro vor, ab­so­lu­ter Re­kord, der mit den Co­ro­na-Her­aus­for­de­run­gen be­grün­det wird. Die­je­ni­gen, die für den Etat ver­ant­wort­lich sind, schwö­ren St­ein und Bein, dass al­le Aus­ga­ben nicht nur den Men­schen die­nen, die heu­te im Ar­beits­le­ben ste­hen oder schon im Ru­he­stand sind, son­dern auch den Kin­dern, so­gar den noch nicht ge­bo­re­nen. Kri­ti­ker hin­ge­gen ver­wei­sen dar­auf, dass heu­ti­ge Wohl­ta­ten zu­las­ten eben die­ser „künf­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen“ge­hen, die ein­mal vie­le Schul­den, aber kei­ne fi­nan­zi­el­len Spiel­räu­me mehr ha­ben wer­den.

Mit dem Wirt­schaf­ten über meh­re­re Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg ist es im Staat ganz ähn­lich wie in ei­ner Fa­mi­lie. Man­che El­tern hin­ter­las­sen ih­ren Kin­dern nichts, weil sie zu Leb­zei­ten zwar viel ver­dient, aber auch viel kon­su­miert und kei­ne lang­fris­ti­gen Wer­te ge­schaf­fen ha­ben. Über­tra­gen ins Po­li­ti­sche: Sie hin­ter­las­sen ei­nen aus­ge­gli­che­nen Haus­halt, da­von hat aber kei­ner ir­gend­et­was. Schlech­ter ist nur noch der Fall, dass El­tern – oder Re­gie­run­gen – den nächs­ten Ge­ne­ra­tio­nen ei­nen be­las­ten­den Scher­ben­hau­fen hin­ter­las­sen.

An­de­re Müt­ter und Vä­ter ver­er­ben ih­ren Kin­dern da­ge­gen zwar Schul­den, aber eben nicht nur. Ei­nen ver­tret­ba­ren Rest­kre­dit et­wa für ein Haus, das gut in Schuss und seit dem Kauf mas­siv im Wert ge­stie­gen ist. Das kann durch­aus ei­ne fei­ne Sa­che sein.

Ähn­lich ist es mit dem Co­ro­naRe­kord­haus­halt. Es ist viel Geld vor­ge­se­hen, um ei­ne Ge­sell­schaft flüs­sig zu hal­ten, die ge­ra­de in vie­len Be­rei­chen still­steht oder nur im Mi­ni­mal­be­trieb läuft. Es geht auch dar­um, die Vor­aus­set­zun­gen zu schaf­fen, dass der Neu­start nach der Kri­mög­lichst gut ge­lin­gen kann. So wird für ver­tret­bar er­klärt, dass die­ser Haus­halt auf neue Schul­den in Hö­he von 180 Mil­li­ar­den Eu­ro setzt.

Künf­ti­ge Ge­ne­ra­tio­nen hät­ten we­nig da­von, wenn es zwar nicht die­se Schul­den, aber auch kei­ne wich­ti­gen Ar­beit­ge­ber mehr gä­be und die In­fra­struk­tur ka­putt wä­re. Schlimm wä­re auch ein wei­te­res Aus­ein­an­der­drif­ten der Ge­sell­schaft – dem soll mit zu­sätz­li­chen Mit­teln zur Stär­kung zi­vil­ge­sell­schaft­li­cher Or­ga­ni­sa­tio­nen ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den. Das be­grüßt et­wa die Grü­nen-Haus­halts­po­li­ti­ke­rin Ekin De­li­göz: „Es ist längst über­fäl­lig, aber ab­so­lut gut, dass das De­mo­kra­tie­för­der­ge­setz jetzt kom­men soll.“

Ge­gen­über un­se­rer Re­dak­ti­on for­der­te sie aber auch, dass da­zu nun schnell ein Kon­zept er­ar­bei­tet wer­den müs­se.

Die Bun­des­re­gie­rung be­kennt sich in schwe­rer Zeit zu ih­rer in­ter­na­tio­na­len Ver­ant­wor­tung. So will Bun­des­ent­wick­lungs­mi­nis­ter Gerd Mül­ler nach dem grü­nen Licht durch den Haus­halts­aus­schuss rasch wei­te­re in­ter­na­tio­na­le Co­ro­na-Hil­fen für ar­me Län­der auf den Weg brin­gen. „Die Co­ro­na-Pan­de­mie hat längst zu ei­ner Hun­ger- und Ar­muts­pan­de­mie ge­führt und trifft die ärms­ten Men­schen in der Welt am här­tes­ten“, sag­te er un­se­rer Re­dak­ti­on. „Wir kön­nen da­mit ei­ne glo­ba­le Impf­kam­pa­gne vor­be­rei­se ten“, so der CSU-Po­li­ti­ker. „Un­ge­deck­te Schecks“, wie die Link­s­par­tei kri­ti­siert, sei­en die ge­wal­ti­gen Aus­ga­ben auch auf Pump al­so nicht. Ein Staat hat ja di­ver­se Mög­lich­kei­ten, Schul­den ab­zu­bau­en. Er kann Steu­ern oder Ab­ga­ben er­hö­hen oder die Aus­ga­ben sen­ken. Bei­des ist po­li­tisch hei­kel. So sagt die Grü­nen­Po­li­ti­ke­rin De­li­göz: „Die Lü­cken in der Fi­nanz­pla­nung ab dem Jahr 2022 sind of­fen­sicht­lich. Das liegt auch dar­an, dass Olaf Scholz ab 2022 un­be­dingt zur un­ver­än­der­ten Schul­den­brem­se zu­rück­keh­ren will, ob­wohl nie­mand weiß, wie dann die La­ge ist.“

Der Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter, zu­vor ei­ser­ner Hü­ter der „Schwar­zen Null“, hat mit dem Etat nicht völ­lig der Ver­su­chung wi­der­stan­den, sei­ne Chan­cen als SPD-Kanz­ler­kan­di­dat zu be­för­dern. Die zu­sätz­li­chen Mil­li­ar­den wer­den mit der Gieß­kan­ne ver­teilt – je­de Grup­pe, die laut ge­nug ge­schrien hat, wird be­dacht. Kon­se­quen­te po­li­ti­sche Rich­tungs­än­de­run­gen wer­den auf die Zeit nach der Kri­se ver­scho­ben. Ein Um­steu­ern in Rich­tung kon­se­quen­tem Kli­ma­schutz et­wa un­ter­bleibt.

Längst nicht je­de Mil­li­on ist mit Be­dacht ein­ge­setzt. Es gibt Aus­ga­ben, die wün­schens­wert, aber un­nö­tig sind und sol­che, die, als ein­ma­li­ge Im­pul­se ge­dacht, zur Dau­er­be­las­tung zu wer­den dro­hen. Was ein­mal drin ist im Haus­halt, das bleibt meist auch drin. Aber auch das ist wie beim Er­ben in der Fa­mi­lie: Es sam­melt sich im Lauf der Zeit viel Bal­last im Haus­halt an. Aus­mis­ten dür­fen die künf­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen.

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Fo­to: dpa Der Re­kord­haus­halt des Bun­des für 2021 steht – mit neu­en Schul­den von 180 Mil­li­ar­den Eu­ro.

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