Donau Zeitung

Ra­fik Scha­mi: Die ge­hei­me Mis­si­on des Kar­di­nals (115)

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In die ita­lie­ni­sche Bot­schaft in Da­mas­kus wird ein to­ter Kar­di­nal ein­ge­lie­fert. Was hat­te der Mann aus Rom in Sy­ri­en zu schaf‰ fen? Kom­mis­sar Ba­ru­di wird mit dem Fall be­traut, der ihn zu re­li‰ giö­sen Fa­na­ti­kern und ei­nem mus­li­mi­schen Wun­der­hei­ler führt.

© Ra­fik Scha­mi: Die ge­hei­me Mis­si­on des Kar­di­nals. Carl Han­ser Ver­lag 2019

Die Er­geb­nis­se der DNA-Ana­ly­se hat­te Schu­kri ihm am Vor­abend mit­ge­teilt.

Der Bi­schof hör­te gar nicht zu, son­dern starr­te un­be­tei­ligt vor sich hin. Erst als der Pa­tri­arch zum En­de ge­kom­men war, sag­te er ar­ro­gant, ja fast ag­gres­siv: „Sie mö­gen mich nicht und sä­hen mich gern im Knast. Aber Sie ir­ren sich, ich kom­me hier raus, und zwar als Un­schul­di­ger. Dann wer­den Sie sich ge­mein­sam mit die­sem un­fä­hi­gen Kom­mis­sar bei mir ent­schul­di­gen müs­sen. Und jetzt las­sen Sie mich in Ru­he“, sag­te er und dreh­te dem Pa­tri­ar­chen den Rü­cken zu.

In die­sem Au­gen­blick wünsch­te sich Ba­ru­di auf ei­nen an­de­ren Pla­ne­ten. Kaum hat­ten sie dem Bi­schof den Rü­cken ge­kehrt, ent­schul­dig­te er sich beim Pa­tri­ar­chen und be­glei­te­te ihn dann zu sei­ner Li­mou­si­ne. Der Chauf­feur sprang aus dem Wa­gen, hielt die hin­te­re Tür auf und warf Ba­ru­di ei­nen ver­nich­ten­den Blick zu, als wä­re er da­bei ge­we­sen.

Der Pa­tri­arch ließ das Fens­ter her­un­ter und schau­te Ba­ru­di mit­leid­voll an. „Spre­chen Sie mit Pa­ter Ga­b­ri­el. Er steht dem Bi­schof na­he.“

„Dan­ke, ich… Dan­ke… das ist ei­ne gu­te Idee“, stot­ter­te Ba­ru­di, der in die­sem Au­gen­blick al­les für den Pa­tri­ar­chen ge­tan hät­te.

Ba­ru­di rief Pfar­rer Ga­b­ri­el an und bat um ei­nen Ter­min. Die­ser wirk­te wie ab­we­send. Er ver­ste­he nicht, war­um der Kom­mis­sar mit ihm re­den wol­le.

„Weil ich Ih­re Hil­fe brau­che“, heu­chel­te Ba­ru­di.

Man­ci­ni, der da­beisaß, grins­te. „Man kann von dir ei­ne Men­ge ler­nen, wie man über Um­we­ge zum Zen­trum vor­dringt“, sag­te er, als Ba­ru­di auf­ge­legt hat­te und sich zum Ge­hen wand­te. Nach vier St­un­den kehr­te Ba­ru­di frus­triert von Pfar­rer Ga­b­ri­el zu­rück. „Er ist völ­lig am Bo­den zer­stört“, er­zähl­te er Man­ci­ni. „Er will nicht ein­mal mehr sei­nen Schütz­ling, die Hei­le­rin Du­mia, se­hen. Zwei­mal hat sie ihn wäh­rend mei­nes Ge­sprächs an­ge­ru­fen, und zwei­mal hat er sie an­ge­knurrt, er brau­che sei­ne Ru­he. Sein Ali­bi ist dicht, aber ich glau­be, er ist zu­tiefst ent­setzt. Nur äu­ßert er sich mit kei­nem Wort zu dem Mord oder den Ver­däch­ti­gen.“

Die bei­den Män­ner spra­chen dar­über, wel­che Hem­mun­gen Men­schen ha­ben, die Wahr­heit aus­zu­spre­chen, wenn sie na­he­ste­hen­den Per­so­nen scha­det. Nach wie vor wa­ren sie der Mei­nung, dass es bes­ser wä­re, wenn Man­ci­ni al­len noch aus­ste­hen­den wich­ti­gen Ver­hö­ren fern­blieb. Sie wür­den sich nach je­dem Ver­hör tref­fen und aus­tau­schen. Man­ci­ni soll­te sich die Auf­zeich­nun­gen an­hö­ren und sie ab­tip­pen.

Ba­ru­di war dem ita­lie­ni­schen Kol­le­gen dank­bar. Er nahm sei­nen As­sis­ten­ten Ali mit zum er­neu­ten Ver­hör des Ehe­man­nes und des Bi­schofs. Sie brach­ten seit Jah­ren ei­ne Tak­tik zum Ein­satz, die an Er­pres­sung grenz­te. Ali über­nahm den un­ge­dul­di­gen, dro­hen­den Part und Ba­ru­di den be­ru­hi­gen­den, vä­ter­li­chen Teil. Die­se klas­si­sche Gu­terBul­le-bö­ser-Bul­le-Stra­te­gie aus den ame­ri­ka­ni­schen Kri­mi­nal­fil­men fruch­te­te auf der Lein­wand im­mer, aber sel­ten in der Rea­li­tät. Sie ist mitt­ler­wei­le so be­kannt, dass so­wohl der Bi­schof als auch der Ehe­mann sie so­fort durch­schau­ten.

Auch wei­te­re Ver­hö­re mit dem Bi­schof und dem Ehe­mann blie­ben er­geb­nis­los.

47. Ga­b­ri­els letz­ter Auf­tritt

Es war ein eis­kal­ter, aber herr­lich son­ni­ger Tag. Ba­ru­di und Man­ci­ni fuh­ren in die Stadt. Bei­de wa­ren er­schöpft von der Ar­beit der letz­ten Ta­ge und woll­ten sich ei­nen hal­ben Tag Ru­he gön­nen. Sie ge­neh­mig­ten sich ei­ne St­un­de in ei­nem Ca­fé in der Port-Said-Stra­ße, da­nach woll­ten sie zum Qa­si­un­berg fah­ren und von oben das herr­li­che Pan­ora­ma der Stadt ge­nie­ßen. Da hör­ten sie über den Po­li­zei­funk die Auf­for­de­rung an al­le Po­li­zei­strei­fen, sich ei­ligst zum Cham-Pa­lace-Ho­tel zu be­ge­ben. Dort ver­su­che ein Mann, Selbst­mord zu be­ge­hen. Er wol­le von ei­nem der obers­ten Stock­wer­ke sprin­gen. Es be­stün­de Le­bens­ge­fahr auch für die Schau­lus­ti­gen.

Ba­ru­di und Man­ci­ni schau­ten sich an und be­schlos­sen wort­los, so­fort zum Ort des Ge­sche­hens zu fah­ren, um dort zu hel­fen. Sie stie­gen ins Au­to. Ba­ru­di fuhr Rich­tung Yu­sef-Al-Az­me-Platz, bog nach links in die May­sa­lun-Stra­ße ab. Be­reits auf der Hö­he des Nacht­clubs „Jet-Set“sa­hen sie ei­ne rie­si­ge Men­schen­samm­lung vor dem be­kann­ten Fünf-Ster­ne-Ho­tel Cham Pa­lace. Drei Po­li­zis­ten ver­such­ten, die Neu­gie­ri­gen vom Ein­gang des Ho­tels fern­zu­hal­ten.

Ba­ru­di park­te auf dem Bür­ger­steig, steck­te das Schild „Kri­mi­nal­po­li­zei“un­ter die Wind­schutz­schei­be und lief mit Man­ci­ni in Rich­tung Ho­tel.

Ei­ne rie­si­ge An­samm­lung von Men­schen stand in drei, vier Rei­hen dicht ge­drängt vor dem Ho­tel­ein­gang.

„Weiß man, wer der Selbst­mör­der ist?“, frag­te Man­ci­ni ei­nen Mann in der hin­ters­ten Rei­he.

„Ein Pfar­rer, heißt es“, sag­te der Mann und rich­te­te sei­nen Blick wie­der nach oben.

Drei hilf­lo­se Po­li­zis­ten ver­such­ten, die Leu­te zu über­zeu­gen, Ab­stand zu hal­ten. Ge­ra­de als Ba­ru­di und Man­ci­ni an­ka­men, stürz­ten sich zehn mus­ku­lö­se Ho­tel­an­ge­stell­te auf die Men­ge und dräng­ten sie un­s­anft zu­rück. Erst jetzt ent­stand ein gro­ßer Halb­kreis um den Ein­gang.

In die­sem Mo­ment stürm­te ei­ne schrei­en­de Frau in die freie Mit­te, sie woll­te dort nie­der­kni­en und be­ten. Es war nie­mand an­de­res als Du­mia.

„Hei­li­ge Ma­ria, bit­te ret­te Pfar­rer Ga­b­ri­el, bit­te ret­te Pfar­rer Ga­b­ri­el!“, schrie sie mit hei­se­rer Stim­me.

Ei­ni­ge der Ver­sam­mel­ten spra­chen ihr nach, die meis­ten aber schie­nen we­der den Pfar­rer noch Du­mia zu ken­nen. Die mo­der­ne Stadt ließ wie die Wüs­te nie­man­den Wur­zeln schla­gen. Hier gab es Ge­schäf­te, Ho­tels und Äm­ter al­ler Art. Und die Leu­te wa­ren als Kun­den, Tou­ris­ten, Frem­de, Ta­ge­löh­ner zu­meist aus fer­nen Dör­fern ge­kom­men.

In­zwi­schen wa­ren vier wei­te­re Po­li­zis­ten auf­ge­taucht. Sie be­rie­ten sich kurz, dann zerr­ten sie Du­mia da­von. „Sonst wird sie platt ge­macht wie ei­ne Piz­za“, hör­te Man­ci­ni ei­nen Mann höh­nen. Ei­ni­ge Zu­schau­er lach­ten.

Ba­ru­di ver­dreh­te die Au­gen. „Die Men­schen wer­den im­mer or­di­nä­rer. Nicht ein­mal ein Selbst­mör­der holt sie aus ih­rer Gleich­gül­tig­keit“, sag­te er lei­se.

„Der ar­me Ga­b­ri­el, scha­de um ihn“, hör­te er Man­ci­ni flüs­tern.

„Lasst mich mit der hei­li­gen Ma­ria re­den“, schrie Du­mia in die­sem Mo­ment und wehr­te sich mit Hän­den und Fü­ßen ge­gen die Po­li­zis­ten. Da dreh­te ihr ei­ner den Arm auf den Rü­cken und führ­te sie ab. Un­s­anft wur­de sie in ei­nen VW-Bus ge­schubst.

Erst jetzt wand­ten Ba­ru­di und Man­ci­ni den Blick nach oben. Pfar­rer Ga­b­ri­el stand auf dem Dach­sims des elf­stö­cki­gen Ho­tels. Er schleu­der­te Ma­nu­skript­sei­ten her­un­ter, die vom Wind da­von­ge­tra­gen wur­den. Ga­b­ri­el schau­te ih­nen nach.

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