Die Angst vor dem Ver­sa­gen

EU-Re­gie­rungs­chefs un­ter im­men­sem Druck

Donauwoerther Zeitung - - Politik - VON DET­LEF DREWES Brüs­sel

Die Ge­gen­sät­ze wir­ken be­klem­mend: In dem klei­nen ös­ter­rei­chi­schen Ort Spiel­feld ha­ben an die­sem Wo­che­n­en­de tau­sen­de Flücht­lin­ge die Nacht bei Mi­nus­tem­pe­ra­tu­ren im Frei­en ver­bracht. Fast zur glei­chen Zeit ka­men in Brüs­sel die Re­gie­rungs­chefs der Län­der zu­sam­men, die an der West­bal­kan-Rou­te der Asyl­be­wer­ber lie­gen. „Wir dür­fen nicht ver­sa­gen“, er­klär­te Wi­ens Kanz­ler Wer­ner Fay­mann.

„Wir müs­sen den her­um­ir­ren­den Men­schen Hil­fe an­bie­ten“, be­ton­te Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel. Par­la­ments­prä­si­dent Mar­tin Schulz sag­te: „Das ist ein ganz wich­ti­ger Tag.“Doch die Hoff­nun­gen auf ei­ne Ver­stän­di­gung wa­ren nicht groß. Schon am Sams­tag hat­te der kroa­ti­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Zoran Mi­la­no­vic den 16-Punk­te-Vor­schlag

Vik­tor Or­bán sieht sich nur noch als Be­ob­ach­ter

von Kom­mis­si­ons­chef Je­anClau­de Juncker mit den Wor­ten kom­men­tiert: „Wer das ge­schrie­ben hat, hat die La­ge nicht ver­stan­den.“

Am Sonn­tag führ­te sich dann auch noch der um­strit­te­ne un­ga­ri­sche Pre­mier Vik­tor Or­bán auf, als gin­ge ihn das al­les nichts an: „Un­garn liegt nicht mehr an der West­bal­kan-Rou­te“, sag­te er mit Blick auf den in­zwi­schen fer­tig­ge­stell­ten Grenz­zaun. „Wir sind hier nur Be­ob­ach­ter.“

Da­bei woll­te Juncker, der zu die­sem Son­der­tref­fen kurz­fris­tig nach Brüs­sel ge­la­den hat­te, kon­kre­te Vor­schlä­ge für mehr Ko­or­di­na­ti­on und Ab­stim­mung der be­trof­fe­nen Län­der prä­sen­tie­ren. Die EU-Au­ßen­gren­zen will Juncker auch mit­hil­fe zu­sätz­li­cher Be­am­ter der Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex bes­ser schüt­zen las­sen. Das heißt: Sie wür­den Asyl­be­rech­tig­te von de­nen tren­nen, die man so­fort wie­der zu­rück­schi­cken kann. Für die, die auf ei­nen Platz in Eu­ro­pa hof­fen dür­fen, plant die EU mil­li­ar­den­schwe­re Zu­schüs­se, um Auf­fang­la­ger zu er­reich­ten. „Wir brau­chen War­te­mög­lich­kei­ten und müs­sen die Las­ten lin­dern“, sag­te Mer­kel.

Die Will­kom­mens­kul­tur scheint am En­de. Zu groß sind die Pro­ble­me der Län­der an der eu­ro­päi­schen Au­ßen­gren­ze. „Eu­ro­pa steht auf dem Spiel, wenn wir nicht al­les tun, was in un­se­rer Macht steht, um ei­ne ge­mein­sa­me Lö­sung zu fin­den“, mein­te der slo­we­ni­sche Pre­mier Mi­ro Cerar. Teil­neh­mer des Tref­fens be­stä­tig­ten, dass auch Mer­kel vor dem „En­de der EU“ge­warnt ha­be.

Doch der Ka­ta­log der Maß­nah­men, der auf dem Tisch lag, ent­hielt kei­ne Über­ra­schun­gen. Hots­pots zur Re­gis­trie­rung an­kom­men­der Flücht­lin­ge sind seit lan­gem im Ge­spräch, bis­her wur­den nur zwei er­öff­net. Von den zu­ge­sag­ten zu­sätz­li­chen 450 Fron­tex-Be­am­ten sind le­dig­lich knapp 50 no­mi­niert. „Wir kön­nen be­schlie­ßen, was wir wol­len, wenn die An­kün­di­gun­gen nicht um­ge­setzt wer­den, we­der fi­nan­zi­ell noch or­ga­ni­sa­to­risch, dann krie­gen wir das Pro­blem nicht in den Griff“, kri­ti­sier­te Par­la­ments­chef Schulz.

Foto: imago

Mi­gran­ten in Kroa­ti­en auf dem Weg zur slo­we­ni­schen Gren­ze. Wäh­rend die Tem­pe­ra­tu­ren sin­ken, ist der Flücht­lings­strom über die Bal­kan-Rou­te un­ge­bro­chen. Be­ob­ach­ter spre­chen von ei­ner „Tor­schluss­pa­nik“bei vie­len Men­schen, die fürch­ten, dass Eu­ro­pa kon­se­quen­ter ver­su­chen wird, den Zustrom zu stop­pen.

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