Wie will Eu­ro­pa die­ser Kri­se Herr wer­den?

Leit­ar­ti­kel Die EU hat kei­nen Plan und kei­ne ge­mein­sa­me Ein­wan­de­rungs­po­li­tik. Deutsch­land wird al­lein ge­las­sen. Aber nicht nur we­gen man­geln­der So­li­da­ri­tät

Donauwoerther Zeitung - - Meinung & Dialog - VON WAL­TER ROL­LER ro@augs­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

An Ab­sichts­er­klä­run­gen herrscht in der Eu­ro­päi­schen Uni­on kein Man­gel. Mit ent­schlos­se­nem und ge­mein­sa­mem Han­deln je­doch ist es nicht weit her. Das ver­ein­te Eu­ro­pa steht in der Flücht­lings­kri­se vor ei­ner ge­wal­ti­gen Be­wäh­rungs­pro­be – und bie­tet ein er­bärm­li­ches Bild der Zer­ris­sen­heit und Hilf­lo­sig­keit. Die EU ist se­hen­den Au­ges in die­se Kri­se ge­schlit­tert. Nun, da Mil­lio­nen Men­schen in Eu­ro­pa ein bes­se­res Le­ben su­chen und die Au­ßen­gren­zen der EU sperr­an­gel­weit of­fen­ste­hen, hat Eu­ro­pa we­der ei­nen Plan zur Ent­schär­fung des Pro­blems noch ein funk­tio­nie­ren­des Kri­sen­ma­nage­ment.

Wenn eu­ro­päi­sche Po­li­tik dar­in be­steht, sich ge­gen­sei­tig die Ver­ant­wor­tung zu­zu­schie­ben und die Flücht­lin­ge nach Deutsch­land durch­zu­win­ken, dann ist es um die Zu­kunft Eu­ro­pas mi­se­ra­bel be­stellt. Zu­ge­ge­ben: Auf dem jüngs­ten „Mi­ni-Gip­fel“ist ein klei­ner Er­folg ge­lun­gen. Man will jetzt den In­for­ma­ti­ons­aus­tausch ver­bes­sern, Auf­nah­me­plät­ze ent­lang der Bal­kan­rou­te schaf­fen, den Slo­we­nen mit Per­so­nal hel­fen, über­all ei­ne men­schen­wür­di­ge Be­hand­lung der Zuflucht su­chen­den Men­schen si­cher­stel­len und mehr Ab­schie­bun­gen durch­füh­ren. Gut so. Aber vie­les von dem, was nun an­geb­lich mit Hoch­druck an­ge­gan­gen wird, hät­te längst ge­sche­hen kön­nen.

Was ist mit den elf „hot spots“(Auf­nah­me­zen­tren), die in Grie­chen­land und Ita­li­en ein­ge­rich­tet wer­den soll­ten? Was ist mit der viel be­schwo­re­nen Si­che­rung der EU-Au­ßen­gren­zen, über die seit Mo­na­ten ge­re­det wird? Was ist aus der Zu­sa­ge ge­wor­den, die La­ge der Men­schen in den La­gern rund um Sy­ri­en rasch zu ver­bes­sern? Und selbst wenn jetzt end­lich wirk­lich et­was pas­siert und we­nigs­tens die Re­gis­trie­rung der Flücht­lin­ge vor ih­rer Wei­ter­rei­se nach Deutsch­land bes­ser ge­lingt, so trägt dies doch al­len­falls zu mehr Ord­nung und ei­ner Bän­di­gung der chao­ti­schen Zu­stän­de bei. Ein Weg zur Lö­sung der Kri­se ist nicht ein­mal an­satz­wei­se zu er­ken­nen. Schon gar nicht für Deutsch­land, das die meis­ten Men­schen auf­nimmt und das Sehn­suchts­ziel blei­ben wird – auch nächs­tes Jahr, wenn sich nach Ein­schät­zung von EU-Ex­per­ten na­he­zu zwei Mil­lio­nen auf den Weg Rich­tung Eu­ro­pa ma­chen wer­den.

Eu­ro­pa hat kei­ne Ant­wort auf die ent­schei­den­de Fra­ge, wie es den Zustrom ein­däm­men und die Mas­sen­ein­wan­de­rung so steu­ern will, dass die In­te­gra­ti­on der Neu­an­kömm­lin­ge oh­ne so­zia­le und po­li­ti­sche Ver­wer­fun­gen ge­lin­gen kann. Das ist um­so alar­mie­ren­der, als ja mit ei­ner ra­schen Lin­de­rung des Drucks auf die EU nicht zu rech­nen ist. Ein En­de des Bür­ger­kriegs in Sy­ri­en ist nicht in Sicht. Eu­ro­pas Hoff­nung ist, dass die Tür­kei ih­re Gren­zen zu Grie­chen­land dich­ter macht. Der Au­to­krat Er­do­gan soll für ei­nen ho­hen Preis be­sor­gen, wo­zu die EU nicht in der La­ge ist. Ob die­se Rech­nung auf­geht? Sie grenzt je­den­falls an Heu­che­lei.

Die stän­dig an­ge­kün­dig­te fai­re Ver­tei­lung der Flücht­lin­ge auf ganz Eu­ro­pa schei­tert so­wohl an man­geln­der So­li­da­ri­tät als auch am Feh­len ei­ner ge­mein­sa­men Ein­wan­de­rungs­po­li­tik. Es stimmt schon: Die EU lässt die Deut­schen im Stich. Nicht nur die Ost­eu­ro­pä­er, son­dern auch gro­ße Staa­ten wie Frank­reich und Spa­ni­en du­cken sich weg. Die Kanz­le­rin, de­ren Wort in der Eu­ro­kri­se galt, beißt auf Gra­nit. Aber die Ber­li­ner Po­li­tik der of­fe­nen Gren­zen, die sich ja über gel­ten­des EU-Recht hin­weg­setzt, steht in ekla­tan­tem Wi­der­spruch zu den Be­den­ken, die es in den meis­ten EU-Staa­ten hin­sicht­lich der Ri­si­ken ei­ner un­kon­trol­lier­ten Mas­sen­ein­wan­de­rung gibt. So­lan­ge Deutsch­land kein Si­gnal da­für setzt, dass es die Kon­trol­le über sei­ne ei­ge­nen Gren­zen wie­der­her­stel­len will, wer­den Mer­kels Hilfs­ap­pel­le auf tau­be Oh­ren sto­ßen.

Auch gro­ße Staa­ten wie Frank­reich du­cken sich weg

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