Ist das fi­nan­zier­bar?

Flücht­lin­ge Erst­mals stellt ein füh­ren­der Ver­tre­ter der Gro­ßen Ko­ali­ti­on die Haus­halts­plä­ne von Fi­nanz­mi­nis­ter Schäu­b­le in­fra­ge und for­dert ein In­ves­ti­ti­ons­pro­gramm von 20 Mil­li­ar­den Eu­ro

Donauwoerther Zeitung - - Politik - VON MAR­TIN FER­BER Berlin

Wolf­gang Schäu­b­le re­de­te nicht lan­ge um den hei­ßen Brei her­um, son­dern kam so­fort zur Sa­che. Die ak­tu­el­le Flücht­lings­si­tua­ti­on sei ei­ne „Be­wäh­rungs­pro­be für Deutsch­land und Eu­ro­pa“, die Be­wäl­ti­gung die­ser „an­spruchs­vol­len Auf­ga­be“ha­be „ab­so­lu­te Prio­ri­tät“. Und dann ver­sprach er: „Die Auf­ga­be stellt sich jetzt, und wir wer­den sie jetzt be­wäl­ti­gen, und wir müs­sen sie auch fi­nan­zie­ren – wenn mög­lich oh­ne neue Schul­den.“Dem hät­ten sich al­le an­de­ren Aus­ga­ben­wün­sche un­ter­zu­ord­nen. Und wei­ter: Es blei­be bei der schwar­zen Null, „und zwar nicht nur im kom­men­den Jahr, son­dern auch in den Fol­ge­jah­ren“.

Das war am 8. Sep­tem­ber, als der Fi­nanz­mi­nis­ter sei­nen Haus­halts­ent­wurf für das kom­men­de Jahr in den Bun­des­tag ein­brach­te. Doch schon da­mals gab es er­heb­li­che Zwei­fel, ob Schäu­bles Etat an­ge­sichts des nicht ver­sie­gen­den An­sturms an Flücht­lin­gen noch zu hal­ten sei. Vor al­lem die Op­po­si­ti­ons­par­tei­en for­der­ten ei­ne deut­li­che Auf­sto­ckung der Mit­tel für die Un­ter­brin­gung, Ver­sor­gung und In­te­gra­ti­on der Men­schen. „Un­ge­plan­te Er­eig­nis­se sind in dem Haus­halts­ent­wurf, so, wie er jetzt vor­liegt, nicht vor­ge­se­hen. Al­les wird der schwar­zen Null un­ter­ge­ord­net. Das führt in ei­ne Sack­gas­se“, kri­ti­sier­te die Vor­sit­zen­de des Haus­halts­aus­schus­ses, Ge­si­ne Lötzsch von den Lin­ken.

Nun hat erst­mals auch ein füh­ren­der Ver­tre­ter der Gro­ßen Ko­ali­ti­on die schwar­ze Null in­fra­ge ge- stellt und den Fi­nanz­mi­nis­ter auf­ge­for­dert, von die­sem Ziel ab­zu­rü­cken. In ei­nem In­ter­view mit der Welt rief der stell­ver­tre­ten­de SPDChef Ralf Steg­ner, Par­tei- und Frak­ti­ons­chef in Schles­wig-Hol­stein, Schäu­b­le viel­mehr da­zu auf, „für die kom­men­den Jah­re ei­nen zwei­stel­li­gen Mil­li­ar­den­be­trag zu­sätz­lich für Bil­dung, In­te­gra­ti­on und In­fra­struk­tur“zu mo­bi­li­sie­ren. „Die­se In­ves­ti­tio­nen wür­den zum Kon­junk­tur­pa­ket für ganz Deutsch­land.“Fach­leu­te wür­den den Be­darf „al­les in al­lem“auf gut 20 Mil­li­ar­den Eu­ro für die kom­men­den Jah­re schät­zen. Des­we­gen pas­se es nicht in die Zeit, den So­li­da­ri­täts­zu­schlag ab­zu­schaf­fen, so Steg­ner. Ein der­ar­ti­ger „Kraft­akt für Bil­dung und In­te­gra­ti­on“wä­re nicht nur rich­tig für die Flücht­lin­ge, „son­dern wür­de dem gan­zen Land gut­tun“. Ähn­lich ar­gu­men­tier­te auch SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Yas­min Fa­hi­mi. Ein In­ves­ti­ti­ons­pa­ket sei wich­ti­ger als die schwar­ze Null.

Noch wei­ter ging die Ju­so-Vor­sit­zen­de Jo­han­na Ue­ker­mann. Sie brach­te ein­mal mehr Steu­er­er­hö­hun­gen für Ver­mö­gen­de ins Spiel, um die Kos­ten für die Auf­nah­me und Ver­sor­gung der Flücht­lin­ge zu fi­nan­zie­ren. Die­se Auf­wen­dun­gen sei­en ei­ne „ge­samt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be“, sag­te Ue­ker­mann. „Da müs­sen ge­ra­de die, die viel ha­ben, mehr bei­tra­gen.“

Die Bun­des­re­gie­rung wie die Uni­on wie­sen die For­de­run­gen aus den Rei­hen des Ko­ali­ti­ons­part­ners al­ler­dings un­ver­züg­lich ent­schie­den zu­rück. Das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um ver­wies dar­auf, dass es im Au­gen­blick noch viel zu früh sei, um se­ri­ös die Kos­ten der Flücht­lings­kri­se zu be­zif­fern. Zu­dem gel­te das Wort der Kanz­le­rin, die erst vor we­ni­gen Wo­chen Steu­er­er­hö­hun­gen we­gen der Flücht­lings­kri­se ka­te­go­risch aus­ge­schlos­sen ha­be. „Wir kön­nen uns freu­en, dass wir seit Jah­ren gut ge­wirt­schaf­tet ha­ben und un­se­re Wirt­schafts­la­ge zur­zeit gut ist“, hat­te sie ge­sagt.

Öko­no­men und Wirt­schafts­ex­per­ten sind sich da­ge­gen der­zeit noch un­eins. Wäh­rend der Frei­bur­ger Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Bernd Raf­fel­hü­s­chen da­von aus­geht, dass die Zu­wan­de­rung von mehr als ei­ner Mil­li­on Men­schen in die deut­schen So­zi­al­sys­te­me „mas­si­ve Steu­er­er­hö­hun­gen“nach sich zie­hen wer­de, hält der Chef des Deut­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung (DIW), Mar­cel Fratz­scher, Steu­er­er­hö­hun­gen für un­nö­tig. Der deut­sche Staat ma­che nach sei­ner An­sicht der­zeit mehr als aus­rei­chen­de Über­schüs­se, um die Mehr­aus­ga­ben zu stem­men. Ge­nau­so ar­gu­men­tiert auch Schäu­b­le. „Wir sind in der La­ge, jetzt auf die­se gro­ße Her­aus­for­de­rung an­ge­mes­sen zu re­agie­ren, weil wir uns in den letz­ten Jah­ren fi­nan­zi­el­le Hand­lungs­fä­hig­keit er­ar­bei­tet ha­ben.“

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