„Wir wer­den Flücht­lin­ge ent­mu­ti­gen“

EU Die Gren­zen sol­len wie­der dich­ter wer­den. Wie wirkt sich der Brüs­se­ler Kri­sen­gip­fel auf die West­bal­kan­rou­te aus?

Donauwoerther Zeitung - - Politik - VON DET­LEF DREWES Brüs­sel

Nur we­ni­ge St­un­den nach dem Brüs­se­ler Spit­zen­tref­fen gab es ers­te Be­we­gung: Kroa­ti­en ak­ti­vier­te am Mon­tag­mor­gen den so­ge­nann­ten Kri­sen­me­cha­nis­mus und bat die EU-Part­ner um Hil­fe für die Flücht­lin­ge. Zel­te, De­cken, Le­bens­mit­tel und me­di­zi­ni­sches Per­so­nal wür­den ge­braucht, teil­ten die zu­stän­di­gen Be­hör­den in Zagreb mit. Und auch der grie­chi­sche Pre­mier Al­exis Tsi­pras be­stä­tig­te am Mon­tag­vor­mit­tag, dass sein Land 20000 Woh­nun­gen für Asyl­be­wer­ber re­kru­tie­ren wol­le so­wie 7000 Plät­ze in Auf­fang­la­gern be­reit­stel­len wer­de – be­zahlt aus Fi­nanz­mit­teln der EU und des UN-Flücht­lings­hilfs­wer­kes UNHCR.

Man blei­be bei sei­nen „Ver­pflich­tun­gen“. Ins­ge­samt sag­ten die Län­der­ver­tre­ter zu, 100000 Zu­wan­de­rern ein Ob­dach zu ga­ran­tie­ren. Acht St­un­den lang hat­ten sich die Re­gie­rungs­chefs von zehn EU-Mit­glied­staa­ten so­wie drei Bei­tritts­kan­di­da­ten ent­lang der West­bal­kan­rou­te in Brüs­sel so hef­tig ge­strit­ten, dass Di­plo­ma­ten schon da­von spra­chen, es ge­he „nicht mehr um Flücht­lin­ge, son­dern um die EU als Gan­zes“, weil ei­ni­ge der An­we­sen­den die Grund­wer­te der Uni­on in­fra­ge stell­ten.

Dann ver­stän­dig­te man sich plötz­lich doch noch auf ei­nen 17-Punk­te-Plan, der das bis­he­ri­ge Cha­os un­ter­ein­an­der be­en­den soll. 400 zu­sätz­li­che Grenz­schutz­be­am­te wer­den nach Slo­we­ni­en be­or­dert. Bis zum heu­ti­gen Di­ens­tag­mor­gen müs­sen na­tio­na­le Flücht­lings­ko­or­di­na­to­ren be­nannt sein, um mit­ein­an­der neu ent­ste­hen­de Schwie­rig­kei­ten auf dem klei­nen Di­enst­weg zu lö­sen. Die Re­gis­trie­rung der An­kom­men­den soll vor­an­ge­trie­ben wer­den, denn fort­an – so Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker – gel­te der Grund­satz „Kei­ne Re­gis­trie­rung, kei­ne Rech­te“. Brüs­sel will ein­mal pro Wo­che kon­trol­lie­ren, ob die Mit­glied­staa­ten ih­re Zu­sa­gen auch ein­hal­ten. Un­ge­schminkt be­kann­ten die 13 Staa­ten­len­ker in ih­rem Ab­schluss­do­ku­ment: „Wir wer­den Flücht­lin­ge oder Mi­gran­ten ent­mu­ti­gen, zur Gren­ze ei­nes an­de­ren Lan­des der Re­gi­on zu zie­hen.“Die Gren­zen nach au­ßen sol­len wie­der dich­ter wer­den, die Über­gän­ge zwi­schen den Mit­glied­staa­ten ver­schwin­den. „Das Ziel ist es, Be­schlüs­se zu fas­sen, die so­fort am Mon­tag­mor­gen ver­wirk­licht wer­den kön­nen“, hat­te Junckers Spre­cher Mar­ga­ri­tis Schi­nas in der Nacht be­tont.

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel sprach nach dem Tref­fen ver­hal­ten von ei­ner „An­nä­he­rung an ei­ne fai­re Las­ten­tei­lung in Eu­ro­pa“. Sie wuss­te, dass sich die kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen für die rund 250000 Men­schen, die sich al­lei­ne in der ver­gan­ge­nen Wo­che über den West­bal­kan Rich­tung Eu­ro­pa auf­ge­macht ha­ben, nicht un­mit­tel­bar zum Gu­ten ver­än­dern dürf­ten. „Das dau­ert“, sag­te ein EU-Di­plo­mat. „Aber man fängt jetzt we­nigs­tens an, dar­an zu ar­bei­ten.“Zu tief hat­ten Schil­de­run­gen des UN-Flücht­lings­hoch­kom­mis­sars so­wie des Fron­texChefs die Re­gie­rungs­chefs ge­trof­fen. Sie be­rich­te­ten von Men­schen, die durch eis­kal­te Flüsse wa­ten, mat­schi­ge Fel­der durch­que­ren und auf Be­ton und As­phalt über­nach­ten. Dass die Flücht­lin­ge ta­ge­lang we­der Nah­rung noch Was­ser er­hiel­ten, zeig­te das bö­se Bild ei­ner Uni­on, die ih­re Grund­sät­ze längst ver­ges­sen zu ha­ben schien. Zu­min­dest das soll sich nun än­dern. Die EU so­wie die UN sag­ten groß­zü­gi­ge Zu­schüs­se zu, da­mit vor al­lem klei­ne­re Staa­ten wie Slo­we­ni­en, Kroa­ti­en oder Al­ba­ni­en und Ser­bi­en die An­kom­men­den ver­sor­gen kön­nen. „Je­der, der Eu­ro­pa be­tritt, hat ei­nen An­spruch dar­auf, wie ein Mensch be­han­delt zu wer­den“, be­ton­te die Kanz­le­rin.

Das gel­te aus­drück­lich auch für die, die man nun hofft, schnel­ler aus­sor­tie­ren und wie­der ab­schie­ben zu kön­nen, weil sie kei­nen An­spruch auf Asyl ha­ben.

Foto: afp

„Kei­ne Re­gis­trie­rung, kei­ne Rech­te“– das sagt Je­an-Clau­de Juncker.

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