Auf­bruch in die vier­te Di­men­si­on

Frei­zeit­park Im Eu­ro­pa-Park hat ei­ne neue Ära der Ach­ter­bahn be­gon­nen. Wird ei­ne Da­ten­bril­le künf­tig den Lo­o­ping er­set­zen?

Donauwoerther Zeitung - - Reise-journal - VON MA­NUE­LA UND ADRI­AN BAU­ER

Das wird eng für Ed Eu­rom­aus und sei­ne Freun­de Böck­li und Euro­fant: Ih­re Mi­nen­lo­re ist ent­gleist. Nun schlit­tern sie in ra­sen­der Fahrt durch fins­te­re Gän­ge. Vor ih­nen taucht ein Fels­bo­gen auf. Kein Pro­blem für die Freun­de: Mit dem Schwung, den sie ha­ben, sur­fen sie über­kopf durch die Fel­sen­ge und über­win­den das Hin­der­nis. Ge­nau wie Se­kun­den spä­ter den Sprung über den Ab­grund, in dem rot glü­hen­de hei­ße La­va wa­bert. Die Fahr­gäs­te in der klei­nen Ach­ter­bahn Al­pen­ex­press im Eu­ro­pa-Park in Rust ra­sen durch die un­ter­ir­di­sche Welt. Wäh­rend die Wa­gen über ganz nor­ma­le Glei­se rat­tern, se­hen sie über ei­ne spe­zi­el­le Bril­le den Film mit der Eu­rom­aus und ih­ren Freun­den. Vir­tu­al Rea­li­ty – vir­tu­el­le Rea­li­tät (VR) nennt sich die­se Tech­no­lo­gie. Der Clou: Der Film ist so per­fekt auf die Fahrt der Bahn ab­ge­stimmt, dass die Gäs­te das Ge­fühl ha­ben, tat­säch­lich ei­nen klei­nen Über­schlag ge­macht zu ha­ben. Ei­nen Über­schlag, den es auf der Stre­cke des Al­pen­ex­press aber gar nicht gibt. Die Kräf­te, die durch die Fahrt auf den Kör­per wir­ken, wer­den im Ge­hirn so mit dem ver­knüpft, was das Au­ge sieht, dass ein durch­aus rea­ler Ein­druck ent­steht.

Mit der neu­en At­trak­ti­on geht der Eu­ro­pa-Park im Ju­bi­lä­ums­jahr – vor 40 Jah­ren wur­de der Park ge­grün­det – ers­te Schrit­te in ei­ne vir­tu­el­le Zu­kunft. Neue­run­gen ha­ben in Rust durch­aus Tra­di­ti­on: Aus der Aus­stel­lungs­wie­se für Fahr­ge­schäf­te der Be­trei­ber­fa­mi­lie Mack im ba­di­schen Land zwi­schen Freiburg, Straß­burg und Karls­ru­he wuchs in den ver­gan­gen 40 Jah­ren ei­ner der füh­ren­den Kon­zer­ne in der Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie: Ide­en für neue At­trak­tio­nen wer­den im Haus ent­wor­fen, ge­baut und welt­weit ver­trie­ben – so­fern sie nicht im ei­ge­nen Park auf­ge­stellt wer­den, der mitt­ler­wei­le pro Jahr mehr als fünf Mil­lio­nen Gäs­te an­lockt. Nun ist der Eu­ro­pa-Park der ers­te Frei­zeit­park in Deutsch­land, dem die Ver­knüp­fung von rea­ler Ach­ter­bahn und Film ge­lingt. Seit Sep­tem­ber kön­nen die Be­su­cher beim Al­pen­ex­press das neu­ar­ti­ge Er­leb­nis aus­pro­bie­ren. Die put­zi­ge Al­pen- und Zwer­gerl­welt er­le­ben die Fahr­gäs­te in den hin­te­ren Rei­hen, die Be­nut­zer der Bril­len ra­sen (Auf­preis vier Eu­ro) in den ers­ten fünf Rei­hen mit Mas­kott­chen Ed Eu­rom­aus durch un­ter­ir­di­sche Gän­ge und flie­gen auf dem Rü­cken ei­nes ro­sa Dra­chen.

Die Be­we­gun­gen im Film ent­spre­chen haar­ge­nau de­nen der Ach­ter­bahn. Geht es in stei­ler Ab­fahrt nach un­ten, taucht auch der Dra­che in den Sturz­flug. Durch den vi­su­el­len Reiz über die Bril­le wird das Fahr­ge­fühl noch ver­stärkt. So kann man dem Kör­per Be­we­gun­gen vor­gau­keln, die er gar nicht voll­führt – wie eben den Über­schlag. „Mit die­ser Tech­nik kön­nen wir ge­ra­de klei­ne­re Ach­ter­bah­nen auf­wer­ten“, sagt Stef­fen Kott­kamp, der als Crea­ti­ve Di­rec­tor für al­le au­dio­vi­su­el­len Pro­duk­tio­nen des Eu­ro­pa-Park ver­ant­wort­lich ist. Für den Al­pen­ex­press hat man ei­nen Film aus dem 4-D-Ki­no als Vor­la­ge be­nutzt und auf die Ach­ter­bahn zu­ge­schnit­ten.

Da­mit die Fahrt tat­säch­lich ein schö­nes Er­leb­nis für die Gäs­te wird, ist de­tail­lier­te Pla­nung nö­tig. Der Kör­per be­merkt, wenn Film und Be­we­gung des Zu­ges nicht zu­ein­an­der­pas­sen – und re­agiert im schlimms­ten Fall mit Übel­keit. „Man muss die App in der Bril­le ge­nau ka­li­brie­ren, da­mit der Film syn­chron zur Fahrt ist“, er­klärt Kott­kamp. Das be­ginnt schon bei der Sitz­po­si­ti­on. Es geht um Zen­ti­me­ter: Die Bril­len tra­gen far­bi­ge Markierungen, die den Gäs­ten an­zei­gen, in wel­che Rei­he der Bahn sie ein­stei­gen müs­sen.

Die Mög­lich­kei­ten die­ser vom Europark pa­ten­tier­ten Tech­no­lo­gie sind viel­fäl­tig. „Wir kön­nen die Tech­nik po­ten­zi­ell auf je­der Bahn im Park ein­set­zen“, sagt Kott­kamp. Noch in die­sem Jahr soll das Test­ver­fah­ren be­gin­nen. Ne­ben Vi­deo­se­quen­zen wie beim Al­pen­ex­press VR-Ri­de sei­en auch Fahr­ten vor­stell­bar, bei de­nen man Bil­der der

Das Wal­lis und der Fjord sind nur we­ni­ge Schrit­te ent­fernt

rea­len Um­ge­bung der Ach­ter­bahn in der Bril­le sieht, da­zu könn­ten dann vir­tu­el­le Zie­le pro­ji­ziert wer­den, die der Fahr­gast tref­fen muss.

„Mo­men­tan ist die Tech­no­lo­gie selbst noch sen­sa­tio­nell“, sagt Kott­kamp. Aber wenn sie eta­bliert ist, wird die Fra­ge sein, wer den bes­ten In­halt bie­tet.“Ver­drän­gen wer­de die neue Tech­nik die „nor­ma­le“Ach­ter­bahn aber nicht, sagt er. Das zeig­ten die bis­he­ri­gen Er­kennt­nis­se: Die 2000 Plät­ze im Al­pen­ex­press VR-Ri­de sei­en pro Tag im ers­ten Mo­nat im­mer aus­ge­bucht ge­we­sen, doch wa­ren auch die Sitz­rei­hen oh­ne die Bril­len sehr gut aus­ge­las­tet.

Der Eu­ro­pa-Park ist noch im­mer ein Fa­mi­li­en­be­trieb. Die Er­folgs­ge­schich­te der Fa­mi­lie Mack be­ginnt im 18. Jahr­hun­dert. Da­mals wa­ren die Wald­kir­cher Werk­stät­ten be­rühmt für Wa­gen­bau. 1870 stieg man ins Schau­stel­ler- und Ka­rus­sell­bau­ge­schäft ein und bau­te 1921 die ers­te Ach­ter­bahn. In den 50er Jah­ren wur­de die Mack Ri­des zum Welt­un­ter­neh­men, lie­fer­te auch in die USA. Dann stieg die Fa­mi­lie ins Frei­zeit­park­ge­schäft ein. 1975 wur­de der Eu­ro­pa­park er­öff­net – ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus Park­an­la­gen und Ku­lis­sen, Un­ter­hal­tung, Kul­tur und Ner­ven­kit­zel. Und fast al­le Fahr­ge­schäf­te wur­den von der Mut­ter­fir­ma ge­baut. In der deut­schen Frei­zeit­park-Land­schaft sticht der Eu­ro­pa­Park aber nicht we­gen der spek­ta­ku­lä­ren Ach­ter­bah­nen her­aus, son­dern we­gen der aus­ge­schmück­ten The­men­land­schaf­ten. Dar­aus hat man in Rust ei­ne Kunst­form ge­macht. Von den fünf The­men-Ho­tels über die Gas­tro­no­mie und Mu­sik im Park bis zu den An­steh­be­rei­chen und Toi­let­ten­ka­bi­nen – al­les passt sich ins Ge­samt­bild ein. Die ita­lie­ni­sche Piaz­za, der nor­we­gi­scher Fjord und das Berg­dörf­chen im Wal­lis sind nur ein paar Schrit­te von­ein­an­der ent­fernt. Die Flä­che des Eu­ro­pa-Parks wuchs in den ver­gan­ge­nen 40 Jah­ren von 16 auf 95 Hekt­ar, die Zahl der At­trak­tio­nen von 15 auf mehr als 100, die Zahl der Mit­ar­bei­ter von 50 auf mehr als 3600. Na­tür­lich ist das Ver­gnü­gen auch teu­rer ge­wor­den: Der Ein­tritts­preis kos­tet heu­te statt fünf D-Mark 42,50 Eu­ro.

Das Ge­län­de soll wei­ter aus­ge­baut wer­den. Un­ter an­de­rem ist ein Er­leb­nis­bad ge­plant. Vor­erst kön­nen die Be­su­cher aber den Ein­zug der neu­en Tech­no­lo­gie er­le­ben. We­ni­ger Tech­ni­kaf­fi­ne müs­sen nicht ein­mal selbst mit­fah­ren: Men­schen mit über­di­men­sio­na­len Bril­len zu be­ob­ach­ten, die in ei­ner Ach­ter­bahn ima­gi­nä­ren Fels­bro­cken aus­wei­chen, kann durch­aus auch un­ter­halt­sam sein.

Foto: Eu­ro­pa-Park

Ei­ne neue Di­men­si­on der Ach­ter­bahn kön­nen die Be­su­cher im Eu­ro­pa-Park in Rust seit Mit­te Sep­tem­ber er­le­ben. In den ers­ten fünf Sitz­rei­hen des „Al­pen-Ex­press“er­le­ben die Gäs­te mit Vir­tu­al-Rea­li­ty-Bril­len ein vir­tu­el­les Aben­teu­er mit Mas­kott­chen Ed Eu­rom­aus und sei­nen Freun­den, das per­fekt auf die Be­we­gun­gen der Bahn zu­ge­schnit­ten wur­de.

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