Wo die To­ten auf die Le­ben­den schau­en

Su­la­we­si Das Volk der Tor­a­ja fei­ert vie­le be­ein­dru­cken­de Fes­te – und Gäs­te kön­nen je­der­zeit da­bei sein, wenn sie Nel­ken­ziga­ret­ten mit­brin­gen. Be­son­ders be­ein­dru­ckend sind die To­ten­fei­ern. Denn sie sind ein wah­res Volks­fest

Donauwoerther Zeitung - - Reise-journal - VON ULF LIPP­MANN Ein­rei­se Rei­se­zeit An­rei­se Rund­rei­sen

Wenn ein Nach­bar sein Haus re­no­viert und zur Ein­wei­hung lädt, bringt man ihm was mit. Das ist auf Su­la­we­si so wie über­all auf der Welt. Auf Su­la­we­si al­ler­dings ist das Ge­schenk häu­fig ein schön ein­ge­pack­tes Schwein. Das macht ein biss­chen Mü­he, aber auch ver­dammt viel her. Da­zu ge­hört tra­di­tio­nell ei­ne Schwei­ne­sänf­te, die aus lan­gen Bam­bus­stan­gen, Palm­we­deln, tro­pi­schen Blät­tern und bun­ten Fähn­chen ge­baut wird. Ach ja, vier star­ke jun­ge Män­ner aus der Nach­bar­schaft wä­ren für den Trans­port noch hilf­reich und ein paar gu­te Ide­en, um das Ge­schenk noch schö­ner zu ma­chen als die Mit­bring­sel der an­de­ren Gäs­te.

Das Volk der Tor­a­ja, das im zen­tra­len Hoch­land von Su­la­we­si lebt, fei­ert vie­le Fes­te, die meis­ten eben­so auf­wen­dig wie se­hens­wert. Sie dau­ern meist meh­re­re Ta­ge, und Tou­ris­ten sind als Über­ra­schungs­gäs­te mehr als gern ge­se­hen. Er­war­tet wird al­ler­dings ein klei­nes Gast­ge­schenk. Frem­de müs­sen na­tür­lich kein Schwein ver­pa­cken und in den Sänf­ten­bau ein­stei­gen. Ei­ne Stan­ge Nel­ken­ziga­ret­ten ge­nügt, und schon darf man da­bei sein. Al­ler­dings be­kommt der Be­su­cher da­für auch kein Schwei­ne­fleisch mit auf den Heim­weg wie al­le an­de­ren Gäs­te der Hou­se­war­ming-Par­ty.

Denn nach dem gro­ßen Auf­tritt in der Bam­bus-Prunk­sänf­te se­hen die Schwei­ne ziem­lich bald ih­rem En­de ent­ge­gen und wer­den zur Eh­re des Gast­ge­bers ge­schlach­tet, zer­teilt und ge­mein­sam ver­zehrt. Was üb­rig bleibt, neh­men die Gäs­te mit und fei­ern dann zu Hau­se wei­ter. Dass et­was üb­rig bleibt, ist ziem­lich si­cher, denn so ei­ne Haus­ein­wei­hung dau­ert drei bis vier Ta­ge, da kom­men schon so 120 Schwei­ne zu­sam­men.

Auf dem Dorf­platz, nur we­ni­ge Me­ter ent­fernt vom Ge­tüm­mel, kön­nen sich bei den Fes­ti­vi­tä­ten durch­aus blu­ti­ge Pfüt­zen im Matsch auch das Ge­quie­ke der Schwei­ne ist nichts für zart be­sai­te­te Ge­mü­ter. Der gu­ten Stim­mung rund um das zu fei­ern­de An­we­sen tut das kei­nen Ab­bruch. Die Män­ner in ih­ren Fest­tags-Sa­rongs, Ba­tik­hem­den und kunst­voll ge­bun­de­nen Kopf­tü­chern und die Frau­en in kun­ter­bun­ten Ge­wän­dern sit­zen bei­ein­an­der, plau­dern, es­sen oder sin­gen und zü­cken im­mer wie­der das Smart­pho­ne, um sich mit den Be­su­chern aus Eu­ro­pa fo­to­gra­fie­ren zu las­sen. Denn min­des­tens so exo­tisch wie die Tor­a­ja­dör­fer für eu­ro­päi­sche Be­su­cher sind die eu­ro­päi­schen Be­su­cher für die Tor­a­jas.

Je­der Gast der in­do­ne­si­schen In­sel Su­la­we­si nord­öst­lich von Ba­li nimmt nicht nur vie­le Bil­der und Ein­drü­cke mit, son­dern bleibt auch dort – auf un­ge­zähl­ten Fest­plat­ten und Spei­cher­chips. Über­all wer­den die Tou­ris­ten an­ge­spro­chen und aufs Fa­mi­li­en­fo­to ge­be­ten. Wäh­rend man nur da­steht und die Aus­sicht ge­nießt, tippt ei­nem plötz­lich je­mand auf die Schul­ter, drückt ei­nem sein Ba­by in den Arm und we­delt mit Te­le­fon oder Ka­me­ra. Das ist an­fangs ge­wöh­nungs­be­dürf­tig. Bald macht es Spaß, auch selbst Fo­to­ob­jekt zu sein und sich vor­zu­stel­len, auf wie vie­len Klas­sen- und Fa­mi­li­en­fo­tos man jetzt der gro­ße wei-

Gül­ti­ger Rei­se­pass. Das Vi­sum für In­do­ne­si­en wird bei der Ein­rei­se am Flug­ha­fen er­teilt und kos­tet rund 30 Dol­lar.

Die tro­pi­sche In­sel ist rund ums Jahr zu be­rei­sen. Wer im Tor­a­ja­land ei­ne To­ten­fei­er be­su­chen will, soll­te im Spät­som­mer oder Herbst rei­sen. Zu die­sen Zei­ten sind auch in In­do­ne­si­en Fe­ri­en und die Ver­wand­ten kön­nen zur der Fa­mi­li­en­fei­er nach Hau­se rei­sen.

Gu­te Ver­bin­dun­gen bie­tet zum Bei­spiel Sin­ga­po­re Air­lines von München oder Frank­furt über Sin­ga­pur. ße Un­be­kann­te ist. Al­ler­dings kos­tet die­se plötz­li­che Kar­rie­re als Fo­to­mo­dell Zeit, die dann plötz­lich fehlt. Denn die Land­schaft von Su­la­we­si ist traum­haft. Mit satt­grü­nen Reis­ter­ras­sen, spek­ta­ku­lä­ren Ber­gen und tau­sen­den Ki­lo­me­tern Küs­te. Schließ­lich hat die In­sel ei­ne Form wie ei­ne auf­ge­blät­ter­te Or­chi­dee.

Die Tor­a­jas, ob­wohl längst for­mell zum Chris­ten­tum kon­ver­tiert, ha­ben ih­re be­son­de­ren Bräu­che rund um den Tod er­hal­ten. Nie­der­län­di­sche Mis­sio­na­re wa­ren einst klug ge­nug, die christ­li­che Leh­re so ab­zu­än­dern, dass auch al­te Bräu­che in­te­griert wer­den kön­nen, und so sind schließ­lich al­le glück­lich ge­wor­den. Klas­si­sche Tor­a­jahäu­ser – Tong­ko­n­an ge­nannt –, die mit ta­ge­lan­gen Fes­ten ein­ge­weiht wer­den, er­in­nern mit ih­ren kühn ge­schwun­ge­nen Dä­chern an Boo­te. Gie­bel und Wän­de sind über und über mit Schnit­ze­rei­en be­deckt, und der gro­ße Stütz­bal­ken an der Vor­der­sei­te trägt meist zahl­rei­che Büf­fel­ge­hör­ne. Zu je­dem Haus ge­hö­ren ein oder zwei Reis­spei­cher, die klei­ner, aber ähn­lich ge­baut sind und di­rekt ge­gen­über­ste­hen. Ein ty­pi­sches Dorf be­steht so­mit aus zwei Ge­bäu­de­rei­hen, de­ren Dä­cher sich fast zu be­rüh­ren schei­nen. Wer wis­sen will, wo der Chef wohnt, soll­te die Büf­bil­den, Von dort aus fliegt dann Silk Air nach Ma­na­do im Sü­den Su­la­we­sis. Der Flug kos­tet ab 1019 Eu­ro. In­fos da­zu im In­ter­net gibt es un­ter www.sin­g­a­po­re­air.com. Als Sto­po­ver bie­tet sich Sin­ga­pur an. Ei­ne Über­nach­tung in­klu­si­ve Trans­fer und wei­te­ren Ver­güns­ti­gun­gen gibt es schon ab 18 Eu­ro.

Wer zum Bei­spiel von Ba­li aus nur ei­nen Aus­flug ma­chen will, kann bei DER­Tour ei­ne Kurz­rei­se bu­chen. Der vier­tä­gi­ge Trip „Su­la­we­si zum Ken­nen­ler­nen“kos­tet ab 579 Eu­ro. Mehr da­zu auch im In­ter­net un­ter www.der­tour.de. (ulf) fel­hör­ner am Stütz­bal­ken zäh­len. Je mehr da hän­gen, des­to wich­ti­ger ist die Fa­mi­lie, die dort lebt. Die Büf­fel, de­nen die­se Hör­ner ge­hör­ten, wur­den bei To­ten­fei­ern für ei­nen Ver­stor­be­nen ge­op­fert und ha­ben ihm den Weg ins Jen­seits ge­eb­net. Und der ist im Tor­a­ja­land ziem­lich lang. Weil die To­ten­fei­ern auf­wen­dig und vor al­lem teu­er sind, kann es ei­ni­ge Jah­re dau­ern, bis der To­te tat­säch­lich be­stat­tet wird. So lan­ge gilt er ein­fach als krank. Die Lei­che wird ein­bal­sa­miert und in ei­nen Sarg ge­legt, der in ei­nem be­stimm­ten Zim­mer steht. Täg­lich wer­den dem Pa­ti­en­ten Es­sen und fri­sches Was­ser ser­viert, wäh­rend die ge­sam­te Fa­mi­lie für die To­ten­fei­er spart und das Fest or­ga­ni­siert, zu dem oft tau­sen­de von Be­su­chern kom­men.

Die Stim­mung bei Be­er­di­gun­gen ist gut. Aus Bam­bus, Stoff, Pa­pier und Glas­per­len wer­den Pa­vil­lons für die Be­su­cher auf­ge­baut. Flie­gen­de Händ­ler ver­kau­fen Sü­ßig­kei­ten und Spiel­zeug für die Kin­der, wäh­rend sich die Er­wach­se­nen zum Bei­spiel bei Stier­kämp­fen ver­gnü­gen, in de­nen die be­hä­bi­gen Büf­fel al­ler­dings manch­mal schlicht kei­ne Lust ha­ben zu kämp­fen. Macht aber nichts, die Gäs­te amü­sie­ren sich trotz­dem. Es ist ei­ne Mi­schung aus Volks­fest und Fa­mi­li­en­fei­er. Und dann kom­men die Tie­re. Freun­de, Ver­wand­te und Be­kann­te spen­den Büf­fel und Schwei­ne, um den Ver­stor­be­nen zu eh­ren. Durch lan­ge Tra­di­tio­nen ist fest­ge­legt, wer was ge­ben muss. Au­ßer­dem wird Buch ge­führt, wer wel­che Tie­re bringt. So­gar das Fi­nanz­amt ist vor Ort, denn Tier­spen­den auf Su­la­we­si sind steu­er­pflich­tig, und wei­ße Büf­fel kos­ten mehr als graue. Die Schwei­ne wer­den gleich ge­tö­tet, zer­legt und zu­be­rei­tet. Die Büf­fel sind an ei­nem an­de­ren Tag dran und wer­den vor gro­ßem Pu­bli­kum ri­tu­ell ge­schlach­tet. Auch das ist nichts für schwa­che Mä­gen.

Wich­ti­ger und lang­wie­ri­ger Teil der Fest­vor­be­rei­tung ist die Su­che nach dem rich­ti­gen Platz für ein Gr­ab. Oft ist es ei­ne Höh­le, die in ei­ne Fels­wand ge­mei­ßelt wer­den muss, in die dann der Sarg kommt. Und schließ­lich muss ein Tau Tau ge­schnitzt wer­den – ein höl­zer­ner Stell­ver­tre­ter des To­ten, der auf ei­nen Bal­kon vor die Gr­ab­höh­le ge­stellt wird und dem Ver­stor­be­nen mög­lichst ähn­lich se­hen soll. Bei Le­mo zum Bei­spiel grü­ßen zahl­rei­che Tau Taus von ei­ner Fels­wand, die steil aus den Reis­fel­dern ragt. Bei Ke­te Ke­su da­ge­gen sind es so­ge­nann­te hän­gen­de Grä­ber: Sär­ge wer­den ein­fach auf Bal­ken in der St­ein­wand be­fes­tigt oder ste­hen im aus­ge­höhl­ten Fels. Da kann es dann schon pas­sie­ren, dass nach Jah­ren die Sär­ge morsch wer­den und Kno­chen und Schä­del her­aus­fal­len. Ir­gend­je­mand räumt sie auf und schich­tet sie zu schau­ri­gen Sta­peln.

Be­su­cher aus al­len Tei­len der In­sel spa­zie­ren dort vor­bei und schre­cken auch vor selt­sams­ten Ver­ren­kun­gen nicht zu­rück, um ein Sel­fie mit To­ten­kopf hin­zu­krie­gen. In sol­chen Mo­men­ten sind eu­ro­päi­sche Tou­ris­ten als Mo­tiv mal nicht ge­fragt.

Kurz in­for­miert Nach ei­ni­gen Jah­ren fal­len die Kno­chen aus den Sär­gen

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