Li­on Feucht­wan­ger – Er­folg (192)

Donauwoerther Zeitung - - Wetter | Roman - »193. Fort­set­zung folgt

VUm die Begna­di­gung ih­res zu Un­recht ver­ur­teil­ten Freun­des zu er­rei­chen, setzt Jo­han­na al­le He­bel in Po­li­tik, Kir­che, Adel in Be­we­gung. Er­folg. Drei Jah­re Ge­schich­te ei­ner Pro­vinz. Ro­man ISBN 978-3-7466-5629-8, Bro­schur, 878 Sei­ten, € 14,99. Mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Auf­bau Ver­la­ges, Berlin ©

iel­leicht auch war es vor Hun­ger, daß er nicht ein­schlief. Er schrie, aber man hör­te ihn nicht oder woll­te ihn nicht hö­ren. Spä­ter win­sel­te er nur noch. Nach et­li­cher Zeit warf man ihm ei­ne Ma­trat­ze her­ein, auch et­was Brot.

Manch­mal wuß­te er nicht ge­nau, wo er war, nur daß er in Nacht, Hun­ger, Käl­te, Gestank und in­mit­ten von Rat­ten war. Er sehn­te sich nach sei­ner Zel­le. Ein­mal fiel ihm ein, daß er in Mit­tel­eu­ro­pa war und im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert, und daß die­ses Jahr­hun­dert und die­ses Stück Er­de über­zeugt wa­ren, bes­ser zu sein als frü­he­re Zei­ten und als Völ­ker des Ur­walds. Er er­in­ner­te sich an Men­schen, die er im Draht­ver­hau hat­te hän­gen se­hen, an Men­schen, er­sti­ckend in Gas, an Men­schen, ver­re­ckend un­ter den Kol­ben­schlä­gen der Be­frei­er Mün­chens. Er such­te sich Er­leich­te­rung zu schaf­fen an der Vor­stel­lung, daß die­se Men­schen noch elen­der wa­ren als er; al­lein das war nicht wahr: sie wa­ren nicht elen­der. Er dach­te an

Ver­se ei­nes mit­tel­al­ter­li­chen Dich­ters, Dan­te Ali­ghie­ri mit Na­men, Ver­se, die von der Höl­le han­deln, von Ver­hun­gern­den, Ver­bren­nen­den, und er lach­te über die pri­mi­ti­ve Phan­ta­sie die­ses Dich­ters. Dann stand er auf, schwan­kend, die Glie­der zer­schnit­ten vor Frost, über­aus schwach, und ver­such­te, in dem dun­keln Kä­fig die ge­wohn­ten Turn­übun­gen zu ma­chen. Es tat sehr weh, er muß­te je­den Kno­chen ein­zeln he­ben und sto­ßen; schließ­lich fiel er er­schöpft hin. Dann schlief er wohl auch.

Als er er­wach­te, fühl­te er sich nicht schlecht; er war zu­frie­den, daß er so schwach war, er hör­te ver­gnügt auf das Ge­trip­pel der Rat­ten. Nur ei­nes quäl­te ihn: daß ein be­stimm­ter Vers je­nes Dan­te ihm nicht ein­fal­len woll­te. Er sag­te: „Dan­te era un tre­cen­tis­ta.“Er sag­te: „Nicht ge­bo­ren sein ist das bes­te.“Er sag­te: „Wie lan­ge noch?“Er glaub­te, es sehr laut zu sa­gen, aber er sprach so lei­se, daß nicht ein­mal die Rat­ten ihn hör­ten. Er ver­such­te, sich sämt­li­cher Ge­sich­ter zu er­in­nern, die er kann­te. Er nu­me­rier­te sie; aber er wuß­te, daß be­stimm­te Ge­sich­ter ihm fehl­ten, auch wa­ren die Num­mern im­mer an­de­re. Er such­te sich Ein­zel­hei­ten sei­nes Ar­beits­zim­mers ins Ge­dächt­nis zu ru­fen. Das Gan­ze sah er sehr deut­lich; aber ge­wis­se Ein­zel­hei­ten, im­mer wie­der, fehl­ten ihm. Das är­ger­te ihn. Es war wun­der­lich, was al­les ne­ben­ein­an­der in der Welt ist. Sie ist so klein, was sind schon vier­zig­tau­send Ki­lo­me­ter? Den­noch blieb es wun­der­lich, daß jetzt gleich­zei­tig ir­gend­wer in der Welt ir­gend­ei­ne frü­he Äu­ße­rung von ihm las über ir­gend­ei­ne Farb­nu­an­ce und daß gleich­zei­tig er hier lag und Rat­ten über ihn we­g­lie­fen.

Daß er hier lag, war nicht schlimm. Daß ein Rich­ter ihn ver­ur­teilt hat­te, war nicht schlimm. Daß ein Mann ihn hier hin­ein­stieß in die zehn ägyp­ti­schen Pla­gen, in Hun­ger, Ge­zie­fer und Fins­ter­nis, war nicht schlimm. Aber schlimm war, daß drau­ßen an­de­re her­um­gin­gen und da­von wuß­ten und es dul­de­ten. Daß Men­schen nach­dach­ten über Mil­lio­nen Din­ge und nicht hier über ihn, daß Zei­tun­gen schrie­ben über Re­den von Po­li­ti­kern, Farb­ge­bung von Bil­dern, Schnel­lig­keit von Schif­fen, Flug­bah­nen von Ten­nis­bäl­len und nicht hier über ihn. Er lag in gro­ßer Schwä­che, sog den schar­fen Gestank des Kä­figs ein und haß­te Jo­han­na.

Er wuß­te nicht, wie lan­ge es her war, daß man ihm die Ma­trat­ze her­ein­ge­wor­fen hat­te und das Brot. Auf ein­mal fürch­te­te er, und er starb fast vor Schreck, man ha­be ihn ver­ges­sen. Er war ein­mal in ei­ner un­ter­ir­di­schen Höh­le ge­we­sen, im Un­ters­berg, sie war weit, ver­zweigt, mit sehr stei­len Wän­den, zu­neh­mend kalt, to­ten­still. Er war mit ei­nem Be­kann­ten hin­ein­ge­gan­gen, oh­ne Füh­rer, das war leicht­sin­nig. Wenn die Bat­te­rie der Ta­schen­lam­pe ver­sag­te, war es aus. Sie ver­sag­te. Er hat­te plötz­lich kei­nen Bo­den un­ter den Fü­ßen und Angst wie nie zu­vor. Es dau­er­te wohl nicht sehr lan­ge, bis sein Be­kann­ter wie­der zu ihm stieß, kaum ei­ne Mi­nu­te: doch ihm schien es ewig. Es war das Schreck­lichs­te, was er er­lebt hat­te; manch­mal, sel­ten, über­fiel ihn die Er­in­ne­rung. Dann be­gann er zu zit­tern. Die glei­che, wür­gen­de Furcht fiel ihn jetzt an. Man hat ihn ver­ges­sen, er wird hier ver­re­cken, un­ter den Rat­ten, im Kot sei­ner Vor­in­sas­sen, in sei­nem kur­zen Hemd.

Es wa­ren aber sechs­und­drei­ßig St­un­den, die man ihn in die­sem Kä­fig ließ.

Als dann Dr. Gsell ihn un­ter­such­te, fand er ihn er­freu­lich ru­hig. Er be­klag­te sich über nichts, gab höf­li­che, ver­nünf­ti­ge Ant­wor­ten, ging ein auf den jo­via­len Ton des Arz­tes. „Mehr wei­ße Haa­re ha­ben wir be­kom­men“, scherz­te der Dok­tor, „aber das steht uns ganz gut. Und die klei­ne Schwä­che krie­gen wir schon.“Krüger schau­te ihn an aus stump­fen Au­gen. „Ja, Herr Dok­tor“, sag­te er still, „das krie­gen wir schon. Ich kom­me hier ein­mal her­aus: aber Sie müs­sen im­mer hier­blei­ben.“

Die­se sanf­te und si­cher nicht bös ge­mein­te Kon­sta­tie­rung traf den Dr. Gsell. Denn er saß nicht gern in Odels­berg. Er hat­te ur­sprüng­lich die Uni­ver­si­täts­kar­rie­re ein­schla­gen wol­len. Seit sei­ner Stu­den­ten­zeit hat­te er ein­ge­hen­de, pas­sio­nier­te Un­ter­su­chun­gen an­ge­stellt über die Ras­sen­un­ter­schie­de des Blu­tes, und sei­ne bei­den Ver­öf­fent­li­chun­gen wur­den un­ter den Bü­chern die­ser Wis­sen­schaft, un­ter den Schrif­ten der Dun­gern, von Scheidt, Hirsch­feld, an ers­ter Stel­le ge­nannt. Ein­mal hat­te er ge­glaubt, jetzt sei es an dem, jetzt ha­be er den Schlüs­sel, ge­wis­se Blut­merk­ma­le als aus­le­se­wer­tig nach­zu­wei­sen. Al­lein es war wie­der nichts: sei­ne Er­kennt­nis blieb Irr­tum.

Ihm wie al­len Zeit­ge­nos­sen blieb es ver­sagt, aus dem Blut des In­di­vi­du­ums sei­ne Ras­sen­zu­ge­hö­rig­keit zu dia­gnos­ti­zie­ren. Wie im­mer, er war nä­her am Ziel als die an­dern; wenn ei­nem, dann ihm muß­te es glü­cken. Spä­ter aber hat­te ei­ne Rei­he wid­ri­ger Um­stän­de, Ver­mö­gens­ver­fall sei­ner Mut­ter, Rück­gang sei­ner Ver­lo­bung mit ei­ner ein­fluß­rei­chen Pro­fes­so­ren­toch­ter ihm das Pro­jekt der Do­zen­tur ver­hunzt, ihn ge­zwun­gen, sei­ne Un­ter­su­chun­gen auf­zu­ge­ben. Jetzt, ein al­tern­der Jung­ge­sel­le, saß er in Odels­berg, hat­te ei­ne Pri­vat­pra­xis, die ihn nicht an­reg­te, sein ärzt­li­ches Amt in der Straf­an­stalt, das ihm Er­fül­lung un­will­kom­me­ner Pflicht war. Ein Ar­beits­tag von vier­zehn St­un­den, ei­ne läp­pi­sche Tä­tig­keit, die je­der an­de­re auch hät­te ver­rich­ten kön­nen, hin­der­te ihn an der Sen­dung, für die al­lein er aus­er­wählt war.

Dr. Gsell ließ sei­ne Bit­ter­keit nicht an sei­nen Pa­ti­en­ten aus. Er lieb­te nicht die me­di­zi­ni­sche Pra­xis, aber er war kein schlech­ter Arzt. Er hat­te ra­schen Blick, ei­ne ge­schick­te Hand. Ver­sah sein Amt hu­man. Al­lein der Di­enst im Zucht­haus stumpf­te ab. Dr. Gsell ge­wöhn­te sich, von dem, was ihm die Ge­fan­ge­nen er­zähl­ten, we­nig zu glau­ben. Es gab so vie­le Stör­ri­sche, Ver­bis­se­ne. Er blieb auch vor ih­nen jo­vi­al, sprach ih­nen zu. Wur­de aber, wenn sie be­harr­ten, un­an­ge­nehm.

Er hat­te, als Krüger ein­ge­lie­fert wur­de, an ihm wie an al­len Zucht­haus­in­sas­sen zu­nächst ei­ne Blut­un­ter­su­chung vor­ge­nom­men.

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