Ein Jahr nach der Ope­ra­ti­on: Ben kann schmerz­frei to­ben

Schick­sal Im Ok­to­ber 2014 nahm ein ame­ri­ka­ni­scher Spe­zia­list ei­nen schwe­ren Ein­griff bei dem Vier­jäh­ri­gen aus Blind­heim vor. Wie es dem Bub und sei­nem „Ba­by­bein“heu­te geht

Donauwoerther Zeitung - - Nachbarschaft - VON SI­MO­NE BRONNHUBER Blind­heim

Ver­schämt lacht Ben und dreht sich weg. Mit sei­nem Pull­over­är­mel ver­sucht er die ro­te Schram­me auf sei­ner rech­ten Ba­cke zu ver­ste­cken. „Da ist nichts“, sagt er und rennt zu Hün­din Cas­sy. Ma­ma Ju­lia­ne Kirsch­ke lacht. Sie weiß ge­nau, wo­her ihr Sohn den Krat­zer hat. „Im Kin­der­gar­ten woll­te er mit Freun­den ei­ne Fal­le im Ge­büsch bau­en. Tja, und dann ist es pas­siert“, er­zählt sie. Ty­pisch für Ben. Im­mer ganz vor­ne da­bei. „Ich kann es mir rich­tig vor­stel­len, wie es ab­ge­lau­fen ist“, sagt Ju­lia­ne Kirsch­ke, schnappt sich Ben und drückt ihn an sich. Ganz fest, bis der Vier­jäh­ri­ge freu­dig auf­springt. Was sich für vie­le El­tern wie der ganz nor­ma­le All­tag mit Kin­dern in Bens Al­ter an­hört, ist für Fa­mi­lie Kirsch­ke aus Blind­heim nach wie vor be­son­ders. Denn noch vor ei­nem Jahr hät­te Ben nicht so un­be­schwert mit sei­nen

Geld wird auf Spen­den­kon­to ver­wal­tet

Kum­pels im „Kin­di“to­ben kön­nen – auf je­den Fall nicht schmerz­frei. Heu­te kann er es. Mit knapp fünf Jah­ren zum ers­ten Mal.

Ben ist am 20. Ok­to­ber 2010 mit der Dia­gno­se „Pro­xi­mal fe­mo­ral fo­cal de­fi­ci­en­cy (PFFD) mit Fi­bu­laa­pla­sie“auf die Welt ge­kom­men. Auf­grund der Krank­heit hat­te er schlim­me Hüft- und Knie­pro­ble­me, ei­ni­ge Fehl­stel­lun­gen, und sein lin­kes Bein – er nennt es „Ba­by­bein“– ist stark ver­kürzt. Aber dank ei­ner Ope­ra­ti­on vor ei­nem Jahr, am 8. Ok­to­ber, mit ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Spe­zia­lis­ten, der ex­tra für den Blind­hei­mer Bu­ben nach Augs­burg ein­ge­flo­gen ist, wur­den ei­ni­ge wich­ti­ge Kor­rek­tu­ren vor­ge­nom­men. Wie be­rich­tet, wur­de die­se schwie­ri­ge Ope­ra­ti­on mit dem welt­weit an­er­kann­ten Fach­arzt Dr. Dror Pa­ley nur mög­lich, weil Men­schen aus der Re­gi­on und dar­über hin­aus für den klei­nen Ben ge­spen­det hat­ten.

Denn die Ope­ra­ti­on war sehr teu­er – rund 40000 Eu­ro. Als die Hei­mat­zei­tung aber über das Schick­sal des Bu­ben be­rich­te­te, be­gann ei­ne ein­zig­ar­ti­ge Spen­den­wel­le. Mit Er­folg. Bei dem sechs­stün­di­gen Ein­griff wur­den 50 ver­schie­de­ne ein­zel­ne Schrit­te auf ein­mal ge­macht. Es kam so­gar so viel Geld zu­sam­men, dass es für ei­ne zwei­te Ope­ra­ti­on rei­chen wür­de – der ers­te Ein­griff, um das klei­ne Bein zu stre­cken. Mo­men­tan wird das Geld auf dem Spen­den­kon­to der Stif­tung ver­wal­tet. Es ist für Ben re­ser­viert. Denn ak­tu­ell ist ei­ne zwei­te Ope­ra­ti­on nicht in Sicht, wie Ma­ma Ju­lia­ne er­zählt. Zwar sei­en die Ärz­te, auch Dr. Pa­ley, mit dem bis­he­ri­gen Hei­lungs­ver­lauf zu­frie­den. „Aber es ist noch nicht so weit wie ge­hofft“, er­zählt sie. Bei ei­ner Rönt­gen­auf­nah­me in der ver­gan­ge­nen Wo­che ha­be man zwar ge­se­hen, dass ei­ne Ver­knö­che­rung statt­fin­de, es aber noch dau­ern wür­de, bis an ei­nen zwei­ten Ein­griff ge­dacht wer­den kön­ne. Ju­lia­ne Kirsch­ke: „Bei ge­sun­den Kin­dern hät­te man nach drei Mo­na­ten schon ei­nen Er­folg ge­habt, bei Ben dau­ert es ein­fach viel län­ger. Hin­zu kommt, dass er ein­fach ei­ne schlech­te Kno­chen­sub­stanz hat.“

Wich­tig sei aber vor­ran­gig, dass die ka­put­te Hüf­te ge­ra­de ge­stellt wur­de. „Vor al­lem aber sind wir ein­fach glück­lich, dass er kei­ne Schmer­zen mehr hat. Das ist ein Rie­sen­er­folg. Da­für hat es sich ge­lohnt. Al­les an­de­re braucht Zeit, und dann se­hen wir wei­ter.“Weil Ben aber ganz nor­mal wächst – eben nur das „Ba­by­bein“nicht schnell ge­nug –, braucht er in die­sem Jahr noch ei­ne neue Or­tho­pro­the­se. Aber dar­an ha­be sich der tap­fe­re klei­ne Mann schon ge­wöhnt. „Er hat sie den gan­zen Tag an, das ist nor­mal für ihn. Nur zum Ent­span­nen und Schla­fen­ge­hen zieht er sie aus. Den Roll­stuhl be­nut­zen wir auch nur, wenn wir län­ger spa­zie­ren ge­hen“, sagt Ju­lia­ne Kirsch­ke. Denn Ben kann mitt­ler­wei­le rich­tig ren­nen, klet­tert die Trep­pen mit sei­ner ganz ei­ge­nen Tech­nik in Win­des­ei­le hoch, saust mit dem Fahr­rad durch die Ge­gend und tobt mit Hün­din Cas­sy. Dank ihr, er­zählt die Ma­ma, ha­be er auch noch mal ei­nen rich­ti­gen Schub ge­macht. Seit ein paar Mo­na­ten lebt die Hün­din bei Kirsch­kes und ha­be Ben vor al­lem da­bei ge­hol­fen, das Er­leb­te zu ver­ar­bei­ten. „Mo­men­tan will er sich nicht ope­rie­ren las­sen und sagt, dass er sein Ba­by­bein so mag. Das braucht Zeit.“Denn auch wenn er vie­le Din­ge end­lich so ma­chen kann wie ein ganz nor­ma­ler Bub, so ist sein All­tag wei­ter­hin be­stimmt von Phy­sio­the­ra­pie, Kran­ken­gym­nas­tik, Lo­go­pä­die, Schwim­men und The­ra­pie­rei­ten. „Ben hat vie­le Ter­mi­ne“, sagt Ju­lia­ne Kirsch­ke und schmun­zelt.

Foto: Bronnhuber

Frech und ver­spielt: Ben und sei­ne Hün­din Cas­sy lie­ben es, ge­mein­sam zu to­ben. Da­bei spielt das „Ba­by­bein“von Ben kei­ne Rol­le. Der klei­ne Mann hat We­ge und Mög­lich­kei­ten ge­fun­den, da­mit um­zu­ge­hen – und mitt­ler­wei­le schmerz­frei.

Foto: Mo­ni­ka Matz­ner

Pa­ter Horst Gas­pa­rik war 15 Jah­re lang Haus­geist­li­cher in Klos­ter Hol­zen. Aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den kehrt er nun in das Mut­ter­haus sei­nes Or­dens zu­rück.

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