„Kin­der ler­nen schnell“

Asyl Das Schul­amt setzt Spe­zi­al­leh­rer für die In­te­gra­ti­on von Asyl­be­wer­ber-Kin­dern ein. Sie er­klä­ren, wie man Schü­ler oh­ne jeg­li­che Deutsch­kennt­nis­se un­ter­rich­tet

Donauwoerther Zeitung - - Landkreis - VON THO­MAS HILGENDORF Donauwörth »Kom­men­tar

Das The­ma Asyl ist längst nichts Abs­trak­tes mehr, nichts, was weit weg ist und das ir­gend­wo in Slo­we­ni­en mit den Flücht­lings­strö­men halt macht. Es ist auch hier im All­tag an­ge­kom­men und da­mit auch in den Schu­len. Für Kin­der be­steht in Deutsch­land ge­ne­rell Schul­pflicht. Schul­amts­di­rek­to­rin Re­na­te Hein­rich hat mit un­se­rer Zei­tung über ih­re bis­he­ri­gen Er­fah­run­gen mit dem The­ma „Asyl und Schu­le“ge­spro­chen. Und zwei ih­rer Kol­le­gin­nen er­klä­ren, wie es in der Pra­xis ist, je­man­dem Deutsch bei­zu­brin­gen, der ei­ne Spra­che spricht, die hier kaum je­mand kennt.

Die Hö­he­punk­te sind frei­lich das Ers­te, wor­über die zwei Leh­re­rin­nen der so­ge­nann­ten mo­bi­len Re­ser­ve spre­chen. Asyl­be­wer­ber-Kin­der, die ih­ren Ab­schluss ge­schafft ha­ben, de­nen sie so­gar ein Stu­di­um zu­trau­en, ir­gend­wann. Die­se Er­folgs­ge­schich­ten, sie ge­be es nicht nur im Fern­se­hen, sie exis­tier­ten auch hier­zu­lan­de wirk­lich. Aber sie er­for­dern, folgt man den Leh­re­rin­nen, Zeit, Zu­wen­dung und Per­so­nal. Bis jetzt ge­he al­les „gut“, wie sie im­mer wie­der be­kräf­ti­gen. An­ge­la Neu­dert von der Le­on­hart-FuchsMit­tel­schu­le in Wem­ding und Tan­ja Mayr von der Mit­tel­schu­le Nörd­lin­gen ge­hö­ren zum Kreis je­ner Päd­ago­gen, die sich nun auch spe­zi­ell um die Kin­der der Asyl­be­wer­ber im Land­kreis Do­nau-Ries küm­mern. Neu­dert ist be­reits seit Jah­ren mit die­ser Art des Un­ter­rich­tens be­fasst, seit­dem die ers­ten Asyl­be­wer­ber ziem­lich un­ver­mit­telt mit dem Bus an­ka­men vor dem Schul­ge­bäu­de in Wem­ding. Das war lan­ge, be­vor der Mas­sen­zu­strom so rich­tig los­ging. Wenn die Wem­din­ger Leh­re­rin spricht, dann merkt der Zu­hö­rer schnell, dass ihr die Kin­der ans Herz ge­wach­sen sind. Sie will, wie auch ih­re Kol­le­gin Mayr aus Nörd­lin­gen, kei­nen Un­ter­schied ma­chen zwi­schen deut­schen und aus­län­di­schen Schü­lern: „Es gibt un­ter den Asyl­be­wer­ber­kin­dern star­ke und schwa­che, ge­nau wie bei den deut­schen Kin­dern auch“, be­rich­tet sie über die Ar­beit im Grund­schul­be­reich. Es ge­be des Wei­te­ren auch hier­zu­lan­de ei­ne gan­ze Rei­he trau­ma­ti­sier­ter Kin­der, hier aber vor al­lem we­gen fa­mi­liä­rer Pro­ble­me. Auf al­le müs­se man sen­si­bel ein­ge­hen.

Grund­sätz­lich sei es er­staun­lich, wie schnell ge­ra­de Kin­der sich an­pas­sen könn­ten, wenn man sie denn las­se. Auch sprach­lich sei das be­merk­bar: „Bis zum Al­ter von et­wa zwölf bis 13 Jah­ren geht es mit dem Sprach­er­werb meis­tens sehr rasch“, sagt Neu­dert. Teils könn­ten sich die Kin­der nach ein bis drei Wo­chen ver­stän­di­gen. Aber je­des Kind sei an­ders ver­an­lagt.

Wie be­geg­net ein Leh­rer Kin­dern, die oh­ne jeg­li­che Deut­scho­der Eng­lisch­kennt­nis­se in die Klas­se kom­men? Neu­dert und Mayr er- klä­ren, dass ei­ne Spe­zi­al­aus­bil­dung („Deutsch als Zweit­spra­che“) zwar bis­wei­len hilf­reich sein kön­ne, aber ein er­fah­re­ner Grund­schul­leh­rer schaf­fe das auch so. Mit viel Ges­tik, mit Bild­ta­feln, mit Zeit, Hin­wen­dung – und auch mit­tels ri­tua­li­sier­ter Wie­der­ho­lun­gen. Sie wechs­le bei­spiels­wei­se die Be­grü­ßungs­tex­te nie, sagt Neu­dert; sie zei­ge viel, ar­bei­te mit Be­to­nun­gen und las­se die Kin­der von An­fang an auch mit­ein­an­der ar­bei­ten. Doch bremst es nicht den Rest der Klas­se, wenn ein Leh­rer sich im­mer wie­der dem Sprach­er­werb und der In­te­gra­ti­on der neu­en Mit­schü­ler wid­men muss? Mayr sagt: „Das se­he ich nicht so. In un­se­ren Klas­sen sol­len so­wie­so al­le Kin­der dif­fe­ren­ziert ge­för­dert wer­den.“Den schwä­che­ren deut­schen Schü­lern tä­ten Pau­sen und Wie­der­ho­lun­gen gut, die Stär­ke­ren lern­ten mehr Ver­ant­wor­tung, in­dem sie die Schwä­che­ren an der Hand neh­men und mit ih­nen den Un­ter­richts­stoff noch­mals durch­ge­hen. Schul­amts­di­rek­to­rin Hein­rich fügt hin­zu, dass der Lehr­plan je­ner Ent­wick­lung ent­ge­gen­kom­me, es ge­be fes­te Kon­zep­te zum Sprach­er­werb bei aus­län­di­schen Kin­dern.

Ge­fragt nach et­wai­gen Schwie­rig­kei­ten mit kul­tu­rel­len Un­ter­schie­den bei Kin­dern mit mus­li­mi­schem Hin­ter­grund, ent­geg­nen die Leh­re­rin­nen, dass sie da­mit bis­lang kei­ne ne­ga­ti­ven Er­fah­run­gen ge­macht ha­ben.

Hein­rich er­klärt da­zu, dass im Kreis Do­nau-Ries im Ge­gen­satz zu an­de­ren Re­gio­nen die Asyl­be­wer­ber­kin­der nicht in zen­tra­len Über­gangs­klas­sen un­ter­rich­tet wer­den, wo dann aus­schließ­lich Mi­gran­ten­kin­der sind. Kon­zen­tra­tio­nen und Grüpp­chen­bil­dun­gen sol­len ver­hin­dert, An­pas­sung und In­te­gra­ti­on er­leich­tert wer­den. Hier sind die Kin­der von An­fang an in „nor­ma­len“Klas­sen. Die vom Schul­amt be­auf­trag­ten Päd­ago­gen der Mo­bi­len Re­ser­ve kom­men zur de­zen­tra­len För­de­rung an die je­wei­li­gen Schu­len. Der ak­tu­el­le Stand sei nicht ne­ga­tiv zu wer­ten, so re­sü­mie­ren die drei Leh­re­rin­nen – man ha­be die La­ge bis da­to recht pro­blem­los im Griff. 110 Asyl­be­wer­ber-Kin­der sind ak­tu­ell an den Grund- und Mit­tel­schu­len ge­mel­det, wo­bei sich dies schnell än­dern kön­ne, wie Schul­amts­di­rek­to­rin Hein­rich be­tont: „Das ist der Stand heu­te. Ich den­ke von Tag zu Tag.“

An­ge­sichts der dy­na­mi­schen Ent­wick­lung des Flücht­lings­dra­mas und oh­ne­hin un­si­che­rer Pro­gno­sen kön­ne sie nicht ab­schät­zen, wie die Si­tua­ti­on in ei­nem hal­ben oder gar ei­nem Jahr sei und wie die Schu­len es dann schaf­fen – oder nicht. Die­ser Ta­ge, so Hein­rich, be­rei­te ihr die Furcht vor ei­ner Grip­pe­wel­le mehr Kopf­zer­bre­chen.

Mehr Furcht vor der Grip­pe­wel­le

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