Wie St­ein­mei­er Flücht­lin­ge ab­schreckt

Hin­ter­grund Das Au­ßen­mi­nis­te­ri­um in­for­miert auf Face­book und Twit­ter im Aus­land über deut­sche Asyl­po­li­tik

Donauwoerther Zeitung - - Politik - VON MAR­TIN FER­BER Berlin

Es sind Bil­der wie die­se, die sich in den so­zia­len Netz­wer­ken im welt­wei­ten Netz in Se­kun­den­schnel­le ver­brei­ten und Hoff­nun­gen auf ein ver­meint­lich bes­se­res Le­ben in Deutsch­land we­cken. Ein jun­ger Flücht­ling lässt sich in ei­nem Erst­auf­nah­me­la­ger mit ei­nem Bün­del von Eu­ro-Schei­nen fo­to­gra­fie­ren und teilt sei­nen Freun­den in der al­ten Hei­mat mit, je­der Flücht­ling in Deutsch­land er­hal­te ein Be­grü­ßungs­geld.

Dass die­se Bot­schaft nicht wahr ist, spielt da­bei kei­ne Rol­le, doch ih­re Wir­kung ist ver­hee­rend. In den so­zia­len Netz­wer­ken wer­den sie in Se­kun­den­schnel­le tau­send­fach, mil­lio­nen­fach wei­ter­ge­lei­tet und ent­wi­ckeln ih­re ei­ge­ne Dy­na­mik, vor al­lem aber we­cken sie Er­war­tun­gen, die nicht zu hal­ten sind. Das neu­es­te Ge­rücht, das der­zeit kur­siert und da­bei ist, ei­ne neu­er­li­che Flücht­lings­wel­le aus­zu­lö­sen: An Weih­nach­ten wer­de Eu­ro­pa sei­ne Gren­zen dicht­ma­chen. Wer noch nach Eu­ro­pa wol­le, müs­se sich un­ver­züg­lich auf den Weg ma­chen.

Das Aus­wär­ti­ge Amt re­gis­triert die­se Ent­wick­lung mit Sor­ge – und hat dar­auf re­agiert. Fak­ten statt Ge­rüch­te lau­tet die De­vi­se ei­ner In­for­ma­ti­ons­kam­pa­gne, mit der die Di­plo­ma­ten aus dem Hau­se von Frank-Wal­ter St­ein­mei­er (SPD) seit Mit­te Sep­tem­ber auf Face­book, Twit­ter und mit­hil­fe des fremd­sprach­li­chen Pro­gramms der Deut­schen Wel­le, dem Aus­lands­sen­der der Bun­des­re­pu­blik, die Men­schen in den wich­tigs­ten Her­kunfts- und Tran­sit­län­dern von ei­ner Flucht ab­hal­ten wol­len. Da­mit soll vor al­lem ge­gen die Schlep­per­ban­den vor­ge­gan­gen wer­den, die „ge­zielt Des­in­for­ma­tio­nen“ver­brei­ten wür­den, um ih­re lu­kra­ti­ven Ge­schäf­te am Lau­fen zu hal­ten. „Schlep­per lü­gen und sind nur an Geld in­ter­es­siert. Sie hel­fen nicht, son­dern ge­fähr­den eu­er Le­ben. Ver­traut ih­nen nicht!“, lau­te­te bei­spiels­wei­se ei­ne eben­so kur­ze wie ein­dring­li­che Bot­schaft, die vom „Ger­man For­eign Of­fice“über Twit­ter ver­brei­tet wur­de. Zu­dem ver­wies das Amt dar­auf, dass nicht al­le Flücht­lin­ge in Deutsch­land dau­er­haft blei­ben kön­nen. „Ein er­heb­li­cher Teil von Ih­nen wird vor­aus­sicht­lich nicht an­er­kannt und wird Deutsch­land wie­der ver­las­sen müs­sen.“

Seit Be­ginn die­ser Wo­che läuft die zwei­te Wel­le der In­for­ma­ti­ons­kam­pa­gne: Die Asyl­be­schlüs­se von Bun­des­tag und Bun­des­rat, die ei­ne er­heb­li­che Ver­schär­fung des Asyl­rechts und schnel­le­re Ab­schie­bun­gen ab­ge­lehn­ter Be­wer­ber zum In­halt ha­ben, wur­den in meh­re­re Spra­chen über­setzt und über Face­book und Twit­ter ver­brei­tet, in Ser­bi­en, im Ko­so­vo und in Mon­te­ne­gro wird ver­mel­det, dass die­se Län­der nun­mehr auf der Lis­te der si­che­ren Her­kunfts­staa­ten ste­hen. „Die­se Initia­ti­ve er­gänzt un­se­re Be­mü­hun­gen um Auf­klä­rung dar­über, dass Asyl­an­trä­ge so gut wie kei­ne Er­folgs­chan­ce ha­ben“, heißt es in der Re­gie­rung.

Ei­ne be­son­de­re Rol­le in der In­for­ma­ti­ons­und Auf­klä­rungs­kam­pa­gne des Aus­wär­ti­gen Am­tes spielt die Deut­sche Wel­le, die nach ei­ge­nen An­ga­ben mit ih­rem In­ter­net­an­ge­bot in 30 Spra­chen von Al­ba­nisch bis Ur­du welt­weit 22 Mil­lio­nen Nut­zer pro Wo­che er­reicht, da­von al­lein rund vier Mil­lio­nen im ara­bisch­spra­chi­gen Raum. Mit Gel­dern des Mi­nis­te­ri­ums hat der deut­sche Aus­lands­sen­der ein Pro­gramm spe­zi­ell für Flücht­lin­ge und die, die mög­li­cher­wei­se eben­falls ihr Land ver­las­sen wol­len, ent­wi­ckelt, in dem in zahl­rei­chen Spra­chen über die Flücht­lings­pro­ble­ma­tik und die Si­tua­ti­on in Deutsch­land in­for­miert wird.

Nicht zu­letzt setzt die Re­gie­rung auch dar­auf, dass die Zei­ten vor­bei sind, in de­nen Flücht­lin­ge auf Face­book über ihr neu­es Le­ben im ver­meint­li­chen Pa­ra­dies Deutsch­land schwärm­ten, und statt­des­sen rea­lis­ti­sche­re Bot­schaf­ten ver­sen­den. So klag­te ein Rück­keh­rer aus Deutsch­land im kur­disch-ira­ki­schen Fern­se­hen, er ha­be in Deutsch­land stun­den­lang in der Käl­te auf sei­ne Re­gis­trie­rung und dann aufs Es­sen war­ten müs­sen. Und dann ha­be es nur ei­ne Möh­ren­sup­pe ge­ge­ben …

Foto: dpa

Frank-Wal­ter St­ein­mei­ers Mi­nis­te­ri­um star­tet In­for­ma­ti­ons­kam­pa­gne.

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