Kurz­be­such bei den Pe­schmer­ga

Nord­irak Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en sagt: „Sie kämp­fen stell­ver­tre­tend für uns.“ Berlin will wei­te­re Waf­fen­lie­fe­run­gen prü­fen. Vie­le Kur­den sit­zen be­reits auf ge­pack­ten Kof­fern

Donauwoerther Zeitung - - Politik - Er­bil

Ni­had Kod­scha hat ei­ne kla­re Bot­schaft: „Wir sind fast plei­te“, sagt der Bür­ger­meis­ter der nord­ira­ki­schen Kur­den­me­tro­po­le Er­bil. Der Vor­marsch der Dschi­ha­dis­ten­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS) im ver­gan­ge­nen Jahr trieb hun­dert­tau­sen­de Men­schen in die Stadt und ih­re Um­ge­bung. Al­lein in Er­bil kom­men nach Kod­schas An­ga­ben auf 1,1 Mil­lio­nen Ein­woh­ner 150 000 Flücht­lin­ge, auf die sie um­ge­ben­de Re­gi­on 300 000 und auf das ge­sam­te ira­ki­sche Kur­den­ge­biet 1,8 Mil­lio­nen.

„Be­reits seit ei­ni­gen Mo­na­ten ist das Geld bei den Ver­ein­ten Na­tio­nen knapp, die Hil­fen wur­den um 60 Pro­zent re­du­ziert“, be­klagt Kod­scha. Aus der Haupt­stadt Bag­dad kom­me kei­ne Un­ter­stüt­zung – das Aus­land schi­cke zwar Hil­fe, aber die­se sei „ein Trop­fen auf den hei­ßen St­ein“. „Ich ap­pel­lie­re, uns zu hel­fen, be­vor die Men­schen in Rich­tung Eu­ro­pa mar­schie­ren“, warnt der Bür­ger­meis­ter. Er wol­le, dass die Flücht­lin­ge in Er­bil blie­ben, „aber nie­mand hat das Recht, die Men­schen auf­zu­hal­ten“.

Der 58-jäh­ri­ge Kod­scha floh selbst einst aus dem Irak nach Deutsch­land – im Jahr 1981 nach dem Be­ginn des Ers­ten Golf­kriegs zwi­schen dem Iran und dem Irak. „Aus po­li­ti­schen Grün­den“, er­zählt er an sei­nem Ge­burts­ort im Schat­ten der tau­sen­de Jah­re al­ten Zi­ta­del­le von Er­bil. Ei­nen ira­ki­schen Pass hat der Bür­ger­meis­ter nach ei­ge­nen An­ga­ben nicht, al­le zwei Mo­na­te reist er für zehn Ta­ge zu sei­ner Fa­mi­lie, die im Rhein­land lebt.

Ges­tern be­kommt Er­bil Be­such aus Deutsch­land. Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en sagt in der Kur­den­me­tro­po­le, sie prü­fe wei­te­re Waf­fen­lie­fe­run­gen an die Kur­den im Nord­irak für ih­ren Kampf ge­gen die Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Is­la­mi­scher Staat. „Wir ha­ben ei­nen ge­mein­sa­men Feind, und des­we­gen ist es so wich­tig, dass wir ge­schlos­sen mit al­ler Kraft ge­gen die­sen ge­mein­sa­men Feind vor­ge­hen“, sagt die CDU-Po­li­ti­ke­rin nach ei­nem Ge­spräch mit Kur­den-Prä­si­dent Mas­sud Bar­sa­ni in Er­bil. Die Wün­sche der kur­di­schen Pe­schmer­ga-Ar­mee wer­de sie mit nach Berlin neh­men und mit ih­ren Ka­bi­netts­kol­le­gen be­spre­chen.

Die Bun­des­wehr hat be­reits 1800 Ton­nen Waf­fen und Aus­rüs­tung an die Kur­den ge­lie­fert, dar­un­ter 20 000 Ge­weh­re und 1000 Pan­zer­ab­wehr­ra­ke­ten. In den nächs­ten Ta­gen sol­len 3000 Schutz­an­zü­ge für ato­ma­re, bio­lo­gi­sche und che­mi­sche Waf­fen, 2000 Schutz­mas­ken, Funk- ge­rä­te und Sa­ni­täts­ma­te­ri­al hin­zu­kom­men. Dar­über hin­aus wün­schen sich die Pe­schmer­ga aber auch wei­te­re Waf­fen. Bar­sa­ni äu­ßert sich öf­fent­lich aber nicht da­zu.

Vor al­lem die Pan­zer­ab­wehr­ra­ke­ten vom Typ „Mi­lan“sind für die Kur­den wich­tig, weil da­mit rol­len­de Bom­ben – mit Spreng­stoff be­la­de­ne Last­wa­gen – zer­stört wer­den kön­nen. Aber auch die Sturm­ge­weh­re G36 und G3 sind ge­fragt. Vie­le der 150000 Pe­schmer­ga-Kämp­fer sind noch mit Ka­lasch­ni­kow-Ge­weh­ren aus So­wjet­zei­ten aus­ge­rüs­tet.

Von der Ley­en be­sucht bei Er­bil auch das Aus­bil­dungs­camp, in dem 95 deut­sche Sol­da­ten zu­sam­men mit Ver­bün­de­ten aus sie­ben Län­dern kur­di­sche Sol­da­ten aus­bil­den. 4700 Kämp­fer ha­ben das Trai­ning be­reits durch­lau­fen.

In Kampf­stie­feln wa­tet die CDU­Po­li­ti­ke­rin am Di­ens­tag bei strö­men­dem Re­gen durch den Schlamm im Camp vor den To­ren der Kur­den­me­tro­po­le Er­bil. Ein paar Dut­zend Pe­schmer­ga in Re­gen­pon­chos

„Wir wis­sen, dass die Pe­schmer­ga vie­le Ver­wun­de­te und To­te hat­ten, weil sie die Grund­la­gen der Sa­ni­täts­aus­bil­dung nicht kann­ten.“

Der deut­sche Kom­man­deur Jan Hey­mann

zei­gen ihr dort, was sie für den Stra­ßen­kampf ge­lernt ha­ben. „Wir wis­sen, dass Sie stell­ver­tre­tend für uns die­sen Kampf kämp­fen“, sagt sie zu den Sol­da­ten im Camp.

„Bei uns sind die G36 am be­lieb­tes­ten“, meint Oberst­leut­nant Has­san Ali, der frü­her in Köln leb­te und erst vor zwei Ta­gen von der mehr als 1000 Ki­lo­me­ter lan­gen Front zu­rück­kehr­te. Im Mo­ment wird aus sei­ner Sicht vor al­lem Schutz­aus­rüs­tung für che­mi­sche und bio­lo­gi­sche Waf­fen be­nö­tigt. Drei Mal hät­te der Is­la­mi­sche Staat be­reits in klei­nen Men­gen Chl­or­gas ver­wen­det.

Die Aus­bil­dung soll wei­ter­ge­hen. Ins­ge­samt 4700 Sol­da­ten ha­ben die Lehr­gän­ge der Bun­des­wehr und ih­rer sie­ben Part­ner­na­tio­nen im Nord­irak be­reits durch­lau­fen. Vor al­lem bei der Schu­lung der Sa­ni­tä­ter sei­en Fort­schrit­te er­zielt wor­den, sagt der Kom­man­deur der deut­schen Sol­da­ten, Jan Hey­mann. „Wir wis­sen, dass die Pe­schmer­ga vie­le Ver­wun­de­te und To­te hat­ten, weil sie die Grund­la­gen der Sa­ni­täts­aus­bil­dung nicht kann­ten.“

Foto: Rai­ner Jen­sen, dpa

Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en im Aus­bil­dungs­camp der Pe­schmerg­a­Kämp­fer vor den To­ren der Kur­den­me­tro­po­le Er­bil.

Foto: afp

Am Ziel: Ja­roslaw Kac­zyn­ski und Bea­ta Szydlo:

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