All­gäu­er Is­la­mis­tin ist kei­ne Ter­ro­ris­tin

Jus­tiz Andrea B. zog mit ih­ren Töch­tern in den Sy­ri­en­krieg. Da­für wur­de sie we­gen Kin­des­ent­zugs zu ein­ein­halb Jah­ren Haft auf Be­wäh­rung ver­ur­teilt. Der Bun­des­ge­richts­hof be­stä­tigt jetzt das Mün­che­ner Ur­teil. Das hat Si­gnal­wir­kung

Donauwoerther Zeitung - - Bayern - VON STE­FA­NIE HE­CKEL Im­men­stadt/Karls­ru­he Sala­fis­ten Aus­rei­sen Rück­keh­rer To­te Re­gio­na­le Schwer­punk­te Ter­ror­grup­pen »Kom­men­tar

Bun­des­ge­richts­hof, Di­ens­tag, 9.15 Uhr: Als in Karls­ru­he die Rich­ter zu­sam­men­tre­ten, ist es nichts we­ni­ger als ei­ne Rich­tungs­ent­schei­dung im Kampf ge­gen den is­la­mis­ti­schen Ter­ror. Die Rich­ter sa­gen: Andrea B. aus dem Oberallgäu, die mit ih­ren Töch­tern in den Sy­ri­en­krieg zog, ist kei­ne Ter­ro­ris­tin. Ob­gleich in ih­rem Haus in Sy­ri­en ei­ne Ma­schi­nen­pis­to­le, ein Sturm­ge­wehr und Hand­gra­na­ten la­ger­ten. Ob­wohl sie wuss­te, wie sie da­mit um­ge­hen wür­de und mit Waf­fen­ge­walt droh­te.

We­gen Kin­des­ent­zugs bleibt es bei ein­ein­halb Jah­ren Haft auf Be­wäh­rung. Es ist die ers­te höchst­rich­ter­li­che Ent­schei­dung zu ei­ner deut­schen Rei­se in den sy­ri­schen Ter­rork­rieg. Die Staats­an­walt­schaft München I war nach dem ers­ten Ur­teil im Fe­bru­ar in Re­vi­si­on ge­gan­gen. Der Rich­ter­spruch fin­det oh­ne die be­trof­fe­ne Is­la­mis­tin statt. Im Rat­haus ih­res letz­ten Wohn­orts im All­gäu hat die 30-Jäh­ri­ge vor Mo­na­ten von Rei­se­plä­nen ge­spro­chen. Sie wol­le in die Tür­kei. Die Be­hör­den ver­häng­ten ein Aus­rei­se­ver­bot. Ist Andrea B. nach dem Ur­teil über­haupt noch in Deutsch­land – oder auf dem Weg ins Kriegs­ge­biet? Die Si­cher­heits­be­hör­den mau­ern.

Die Ver­wand­lung der ka­tho­li­schen Ver­käu­fe­rin be­ginnt schlei­chend im Jahr 2012. Sie lebt da­mals in Im­men­stadt, ei­ner Kle­in­stadt im Oberallgäu, 14000 Ein­woh­ner. Die jün­ge­re ih­rer Töch­ter ist ein Jahr alt. Die gro­ße ist fünf. Vom Va­ter der Kin­der lebt Andrea B. ge­trennt. An­geb­lich hat­te sie da­mals Kon­takt zur mus­li­mi­schen Ge­mein­de des Orts. Sie ha­be dort ge­putzt, heißt es. Bald aber ist ihr der Is­lam, wie er im Oberallgäu prak­ti­ziert wird, nicht mehr streng ge­nug. Andrea B. sieht sich im In­ter­net um. Sie ge­rät in den Stru­del is­la­mis­ti­scher Pro­pa­gan­da. Un­be­merkt von der Öf­fent­lich­keit tobt im In­ter­net be­reits die Schlacht der Sy­ri­en­kämp­fer.

Ter­ror­krie­ger in spe wer­ben in so­zia­len Netz­wer­ken wie Face­book um Geld, Waf­fen und Bräu­te für ei­nen is­la­mis­ti­schen Got­tes­staat in Sy­ri­en. Be­zahlt wird über in­ter­na­tio­na­le Geld­trans­fer­diens­te und Mit­tels­män­ner in der Tür­kei. Dort ist die Gren­ze zum Kriegs­ge­biet löch­rig. Du­bio­se is­la­mis­ti­sche „Wohl­tä-

600 Män­ner und Frau­en in Bay­ern wer­den der Sze­ne ra­di­ka­ler, rück­wärts­ge­wand­ter Mus­li­me zu­ge­rech­net (2011: 150 Per­so­nen). Sie spre­chen sich für das is­la­mi­sche Rechts­sys­tem der Scha­ria aus und leh­nen die De­mo­kra­tie ab.

Nach An­ga­ben des Ver­fas­sungs­schut­zes sind 70 Is­la­mis­ten aus Bay­ern nach Sy­ri­en und in den Irak aus­ge­reist oder pla­nen dies (Zahl ent­hält Aus­rei­se­ver­bo­te). Et­wa 25 hal­ten sich ak­tu­ell in Sy­ri­en auf, dar­un­ter ver­mut­lich der im Ok­to­ber 2014 in die Tür­kei aus­ge­wie­se­ne Kemp­te­ner or­ga­ni­sie­ren Spen­den­ver­an­stal­tun­gen und um­strit­te­ne „Hilfs­trans­por­te“ins Kriegs­ge­biet.

Bei Andrea B. aus Im­men­stadt ver­fängt die Pro­pa­gan­da. Sie be­ginnt sich in is­la­mi­sche Ge­wän­der zu hül­len. Selbst im Hoch­som­mer geht sie nicht mehr oh­ne Kopf­tuch und lan­ge Klei­dung auf die Stra­ße, er­in­nern sich Nach­barn. Über das In­ter­net lernt Andrea B. ei­ne Frau aus Hes­sen ken­nen. Es ist die is­la­mi­sche Ehe­frau des mut­maß­li­chen hes­si­schen Ter­ror­kämp­fers Sou­fia­ne K., der noch bis Mit­te Ja­nu­ar we­gen Ter­ror­vor­wurfs in Frank­furt vor dem Ober­lan­des­ge­richt steht.

Sei­ne Frau macht Andrea B. ein An­ge­bot: Sie soll eben­falls nach Sy­ri­en kom­men. Als Zweit­frau. Sou­fia­ne K. lebt seit Ju­li 2013 im Kriegs­ge­biet. Er hat bei der al-Nus­ra-Front, Is­la­mist Er­han A. Er soll im Di­enst ei­ner Ter­ror­grup­pe ste­hen. Un­se­re Zei­tung hat zu­letzt am 16. Ok­to­ber Kon­takt zu ihm auf­neh­men kön­nen.

Rund 20 Män­ner und Frau­en aus Bay­ern sind aus dem Krieg wie­der zu­rück­ge­kehrt.

Sie­ben baye­ri­sche Is­la­mis­ten sol­len ums Le­ben ge­kom­men sein, dar­un­ter der im Ja­nu­ar 2014 ge­tö­te­te Kemp­te­ner IS-Kämp­fer Da­vid G.

Der baye­ri­sche Ver­fas­sungs­schutz zählt München, Nürn­berg, Wei­den, Re­gens­burg, Augs­burg und Aschaf­fen­burg ei­nem Ab­le­ger von Al-Kai­da, an­ge­heu­ert, soll sich Hand­gra­na­ten be­sorgt ha­ben und ei­ne Ka­lasch­ni­kow AK47. Von Wach­diens­ten für Ter­ro­ris­ten und ei­nem Kampf­ein­satz spre­chen die An­klä­ger.

Andrea B. nimmt das An­ge­bot sei­ner ers­ten Ehe­frau an. Im Ja­nu­ar 2014 ver­lässt sie Deutsch­land. Ih­re Töch­ter, drei und sie­ben Jah­re alt, nimmt sie mit.

Der leib­li­che Va­ter er­stat­tet im Oberallgäu Anzeige. Die Staats­an­walt­schaft München I be­ginnt zu er­mit­teln. Nach dem An­ti-Ter­ror-Pa­ra­gra­fen 89a, den es erst seit ei­ni­gen Jah­ren gibt. Doch die Be­weis­füh­rung ist schwie­rig. Wer ist tat­säch­lich Ter­ro­rist, wer hilft hu­ma­ni­tär, wer kann be­straft wer­den? Bis März 2014 ist in Deutsch­land nicht ei­ne ein­zi­ge Haft­stra­fe nach dem An­ti­tig­keits­ver­ei­ne“ zu den Schwer­punk­ten sala­fis­ti­scher Um­trie­be. Lan­ge gal­ten zu­dem Ulm und Neu-Ulm so­wie Kempten und das Oberallgäu als Brenn­punkt.

Über­re­gio­na­le Schwer­punk­te Die Bun­des­län­der mit den meis­ten Aus­rei­sen sind (Stand Ju­ni) Nord­rheinWest­fa­len (190 Aus­rei­sen), Hes­sen (120), Berlin (90). In Bay­ern wa­ren es zu die­sem Zeit­punkt 45 Aus­rei­sen.

Ne­ben dem Is­la­mi­schen Staat (IS) kämp­fen Deut­sche bei den Grup­pen Jab­hat al Nus­ra, Ju­nud al Sham, Ahrar al Sham, An­sar al Sham. (sh) Ter­ror-Pa­ra­gra­fen ver­hängt wor­den.

Andrea B. ver­bringt nur vier Mo­na­te im Krieg, wech­selt wäh­rend die­ser Zeit aus Angst mehr­fach den Wohn­ort. Am 23. Mai 2014 kehrt sie mit ih­ren Töch­tern zu­rück. Um 5.30 Uhr kli­cken am Flug­ha­fen Frank­furt die Hand­schel­len. Der Va­ter nimmt sei­ne Töch­ter in Emp­fang. Sei­ne Ex-Freun­din hat das Sor­ge­recht ver­lo­ren. Andrea B. kommt nach Memmingen in Un­ter­su­chungs­haft. Ih­re Ge­sin­nung und ih­ren selbst ge­wähl­ten is­la­mi­schen Na­men, „Umm Me­li­sa“be­hält sie. Am 26. Au­gust 2014 pos­ten deut­sche Is­la­mis­ten im In­ter­net ei­nen Auf­ruf: „Free Umm Me­li­sa“– „be­freit Umm Me­li­sa“. Sechs Mo­na­te spä­ter ver­öf­fent­licht die Staats­an­walt­schaft München die An­kla­ge ge­gen die 30-Jäh­ri­ge. Am 25. Fe­bru­ar wird sie we­gen Kin­des­ent­zugs ver­ur­teilt. Die Staats­an­walt­schaft geht in Re­vi­si­on.

Der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) weist sie zu­rück, be­stä­tigt das ers­te Ur­teil aus München, sagt BGH­Spre­che­rin Andrea Haas­ters. Die All­gäue­rin ha­be zwar mit der Ter­ror­grup­pe Jab­hat al-Nus­ra sym­pa­thi­siert, sich aber nicht ak­tiv am Kampf be­tei­ligt. Da­mit bleibt es bei der Be­wäh­rungs­stra­fe we­gen Kin­des­ent­zugs. Andrea B. und ihr An­walt sind nicht zum Ter­min in Karls­ru­he er­schie­nen. Of­fi­zi­ell gibt es kei­ne An­ga­ben zu ih­rem Ver­bleib. Die Kin­der sol­len sich in Si­cher­heit be­fin­den. Beim leib­li­chen Va­ter im All­gäu.

Der Krieg in Sy­ri­en und Ter­ror­tou­ris­ten aus Bay­ern

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