„Pa­ra­gra­fen­quet­scher“un­er­wünscht

Un­ter­su­chungs­aus­schuss Rein­hard Ne­metz, der frü­he­re Augs­bur­ger Che­f­er­mitt­ler, er­klärt den Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten, in wel­chem Fall er den La­bor­arzt Schott­dorf an­klag­te und in wel­chem nicht

Donauwoerther Zeitung - - Bayern - VON ULI BACH­MEI­ER München

Wer Rein­hard Ne­metz zu­hört, muss ei­ni­ge ju­ris­ti­sche Fach­aus­drü­cke ken­nen, die sich nicht in Ge­set­zes­tex­ten und wohl auch nicht in Lehr­bü­chern des Rechts fin­den. „Pa­ra­gra­fen­quet­scher“zum Bei­spiel. Oder „Grat­wan­de­rer“. Er soll­te auch wis­sen, dass Ne­metz zwar durch­aus Hu­mor hat, in An­ge­le­gen­hei­ten der Straf­pro­zess­ord­nung aber kei­ner­lei Spaß ver­steht. Und er soll­te wis­sen, dass Star­an­wäl­te, selbst wenn sie Pe­ter Gau­wei­ler hei­ßen, Ne­metz nicht ein­schüch­tern, son­dern ge­ra­de­zu an­spor­nen.

Ges­tern hat­te der lang­jäh­ri­ge Chef der Staats­an­walt­schaft Augs­burg und jet­zi­ge Prä­si­dent des Amts­ge­richts München sei­nen Auf­tritt als Zeu­ge im Un­ter­su­chungs­aus­schuss „La­bor“des Land­tags. Die Ab­ge­ord­ne­ten neh­men, wie mehr­fach be­rich­tet, Be­trugs­er­mitt­lun­gen ge­gen ei­ne Viel­zahl von Ärz­ten und das Augs­bur­ger Groß­la­bor Schott­dorf un­ter die Lu­pe. Sie ge­hen dem Ver­dacht nach, ob es un­zu­läs­si­ge Ein­fluss­nah­me auf die­se Er­mitt­lun­gen gab und die Ärz­te aus po­li­ti­schen Grün­den ge­schont wur­den. Im Vi­sier ha­ben sie da­bei auch die Staats­an­walt­schaft Augs­burg, weil dort ein Teil der Er­mitt­lun­gen, zu­vor von der Staats­an­walt­schaft München und dem Lan­des­kri­mi­nal­amt mit im­men­sem Auf­wand ge­führt, im Schnell­durch­gang ein­ge­stellt wur­den.

Et­was klein­laut zeig­te sich der Zeu­ge Ne­metz nur zum Auf­takt. Er war ein paar Mi­nu­ten zu spät ge­kom­men und ent­schul­dig­te sich da­für in al­ler Form. Und er ent­schul­dig­te sich auch da­für, dass er zwi­schen­durch „mal ein Sal­bei­bon­bon“lut­schen müs­se, weil er er­käl­tet sei. An­sons­ten ent­schul­dig­te er sich für gar nichts. Im Ge­gen­teil. „Ich ste­he al­len Ent­schei­dun­gen mei­ner frü­he­ren Be­hör­de“, sag­te Ne­metz. Po­li­ti­sche Ein­fluss­nah­me ha­be es nicht ge­ge­ben. Wei­sun­gen sei­en nicht er­teilt wor­den. „Die Ver­fah­rens­ein­stel­lun­gen“, so er­klär­te er den Ab­ge­ord­ne­ten, „er­folg­ten nicht auf Wei- sung, son­dern mit Wis­sen der Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft.“Und auch über den Grund für die Ein­stel­lung der Ver­fah­ren ließ er kei­nen Zwei­fel auf­kom­men: Die Staats­an­walt­schaft Augs­burg sei über­zeugt ge­we­sen, dass die Art und Wei­se, wie Spe­zi­al­zu la­bor­leis­tun­gen zwi­schen Schott­dorf und den Ärz­ten ab­ge­rech­net wur­den, zwar nicht den ein­schlä­gi­gen Vor­schrif­ten ent­sprach, aber des­we­gen noch lan­ge nicht straf­bar war.

Dass die Staats­an­walt­schaft in München und Jah­re spä­ter auch der Bun­des­ge­richts­hof an­de­rer Mei­nung wa­ren und die Ver­ur­tei­lung ei­nes Arz­tes in ei­nem so­ge­nann­ten „Pi­lot­ver­fah­ren“höchst­rich­ter­lich be­stä­tigt wur­de, än­dert dar­an nach An­sicht von Ne­metz nichts. Das hat­ten vor ihm auch schon an­de­re Zeu­gen aus den Rei­hen der Augs­bur­ger Staats­an­walt­schaft so dar­ge­stellt. So plas­tisch wie er aber hat­te es bis­her kei­ner er­klärt.

„Grat­wan­de­rer“sind für Ne­metz Leu­te, die wie der La­bor­arzt Schott­dorf ver­su­chen, die recht­li­chen Vor­schrif­ten mög­lichst weit aus­zu­lo­ten. Er be­rich­te­te von den An­kla­gen, die in Augs­burg ge­gen Schott­dorf be­reits er­ho­ben wur­den und schei­ter­ten, weil ihm kein Be­trug nach­zu­wei­sen war. „Pa­ra­gra­fen­quet­scher“wie­der­um sind aus sei­ner Sicht Staats­an­wäl­te, die den­noch auf Bie­gen und Bre­chen ver­su­chen, die „Grat­wan­de­rer“ir­gend­wie dran­zu­krie­gen. Da­von hält Ne­metz nichts. Sei­ner Mei­nung nach soll­te der Ge­setz­ge­ber ein­fach ein­deu­ti­ge­re Ge­set­ze ma­chen.

Für Hei­ter­keit sorg­te im Aus­schuss auch sein Be­richt über das „Ge­feil­sche“mit Star­an­walt Pe­ter Gau­wei­ler um das Schott­dorf-Ver­fah­ren, das der­zeit in Augs­burg ver­han­delt wird. Drei Mil­lio­nen Geld­bu­ße für das Ehe­paar lau­te­te das ers­te An­ge­bot der Staats­an­walt­schaft. Das Ge­richt lehn­te ab. Jah­re spä­ter bot Ne­metz ei­ne Ein­stel­lung ge­gen sie­ben Mil­lio­nen an. Die Schott­dorf­Ver­tei­di­ger re­agier­ten aus sei­ner Sicht zu spät. „Da woll­te ich nicht mehr.“

Foto: Ul­rich Wagner

Rein­hard Ne­metz, 64, Ex-Chef der Augs­bur­ger Staats­an­walt­schaft.

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