Wenn die See­le lei­det

Ge­sund­heit Be­drückt, mü­de, an­triebs­los: Bei im­mer mehr Deut­schen wer­den psy­chi­sche Lei­den fest­ge­stellt. In Bay­ern ist die Zahl der Pa­ti­en­ten aber ver­gleichs­wei­se nied­rig. War­um ist das so?

Donauwoerther Zeitung - - Panorama - VON AXEL HECHELMANN Berlin

Er­na Müller ist seit fünf Wo­chen krank­ge­schrie­ben. Die 61-Jäh­ri­ge aus dem Saar­land, die in der Pfle­ge ar­bei­tet, lei­det an De­pres­sio­nen. Müller ist zwar kei­ne rea­le Per­son – aber sie steht für vie­le Men­schen in Deutsch­land.

Denn im­mer mehr Deut­sche sind we­gen psy­chi­scher Er­kran­kun­gen ar­beits­un­fä­hig. Dem DAK-Psy­cho­re­port zu­fol­ge wa­ren im ver­gan­ge­nen Jahr 1,9 Mil­lio­nen Men­schen be­trof­fen, al­so je­der 20. Ar­beit­neh­mer. Be­son­ders oft sind es Men­schen wie Er­na Müller: weib­lich, über 60 Jah­re alt, im Ge­sund­heits­we­sen

„Die Psy­che ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mehr in den Vor­der­grund ge­rückt.“

Der Psych­ia­ter Hans-Pe­ter Un­ger

oder der öf­fent­li­chen Ver­wal­tung tä­tig, wohn­haft im Saar­land, Berlin oder Hamburg.

Die Wis­sen­schaft­ler ver­wun­dert nicht, dass Frau­en dop­pelt so oft be­trof­fen sind wie Män­ner. „Bei Män­nern äu­ßern sich psy­chi­sche Krank­hei­ten an­ders als bei Frau­en, des­halb wer­den sie oft nicht rich­tig er­kannt“, sagt der Psych­ia­ter Hans­Pe­ter Un­ger. So zie­hen sich er­krank­te Frau­en eher zu­rück, wäh­rend sich Män­ner bei­spiels­wei­se ag­gres­siv im Stra­ßen­ver­kehr ver­hal­ten. „Da­zu kommt ei­ne hö­he­re Stig­ma­ti­sie­rung. Män­ner gel­ten im­mer noch als das star­ke Ge­schlecht“, sagt Un­ger.

Auch re­gio­nal gibt es gro­ße Un­ter­schie­de. Das Saar­land ist Spit­zen­rei­ter bei den Fehl­ta­gen. Die Wis­sen­schaft­ler kön­nen das aber nur be­dingt er­klä­ren: Ein Grund sei­en Bran­chen, in de­nen die psy­chi­sche Be­las­tung für Be­trof­fe­ne be­son­ders hoch ist. Zum Bei­spiel in der Pfle­ge. In Berlin und Hamburg sprä­chen die vie­len Fehl­ta­ge hin­ge­gen für ein gro­ßes Ge­sund­heits­be­wusst­sein der Men­schen. Da­durch wür­den psy­chi­sche Pro­ble­me schnel­ler er­kannt. Und Un­ger fügt hin­zu: „Der Stres­spe­gel ist in Groß­städ­ten hö­her.“In Bay­ern gibt es hin­ge­gen die we­nigs­ten Krank­schrei­bun­gen. „Men­schen, die auf dem Land auf­wach­sen, sprin­gen we­ni­ger auf Stress an“, sagt Un­ger. Au­ßer­dem ge­be es dort we­ni­ger ärzt­li­che An­ge­bo­te – und des­we­gen ei­ne ge­rin­ge­re Nach­fra­ge. Auf 100 Ver­si­cher­te ka­men so zu­letzt 193 Fehl­ta­ge.

Bun­des­weit blie­ben die Deut­schen an mehr als 6,3 Mil­lio­nen Ta­gen we­gen psy­chi­scher Krank­hei­ten ih­rer Ar­beit fern. In den meis­ten Fäl­len lei­den die Pa­ti­en­ten an De­pres­sio­nen – in den ver­gan­ge­nen 15 Jah­ren hat sich die­se Zahl ver­drei- facht. Doch das be­deu­tet nicht, dass die Deut­schen im­mer an­fäl­li­ger für psy­chi­sche Krank­hei­ten wer­den.

Su­san­ne Hil­de­brandt vom For­schungs­in­sti­tut IGES stellt klar: „Wir ha­ben nicht mehr Er­kran­kun­gen, aber an­de­re Krank­schrei­bun­gen.“So wer­den Ver­span­nun­gen oder Ma­gen­pro­ble­me heu­te häu­fi­ger auf psy­chi­sche Pro­ble­me zu­rück­ge­führt als frü­her. Auch Un­ger sagt: „Die Psy­che ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mehr in den Vor­der­grund ge­rückt.“Ärz­te stell­ten des­halb häu­fi­ger psy­chi­sche Krank­hei­ten fest als vor ei­ni­gen Jah­ren.

Gleich­zei­tig ge­hen die Dia­gno­sen we­gen Bur­nout kon­ti­nu­ier­lich zu­rück. Seit 2012 hat sich die An­zahl nach dem Re­port fast hal­biert. „Bur­nout ist mitt­ler­wei­le eher zur Be­schrei­bung ei­nes Ri­si­ko­zu­stan­des ge­wor­den“, sagt Un­ger. Ärz­te er­ken­nen al­so ver­mehrt, dass hin­ter den Sym­pto­men für ein Bur­nout oft ei­ne an­de­re psy­chi­sche Krank­heit steckt. Doch die­se müss­te schnel­ler als bis­lang be­han­delt wer­den. Denn egal ob De­pres­si­on oder Bur­nout: Be­trof­fe­ne war­ten nach ei­ner Dia­gno­se im Schnitt sechs Mon­te auf ei­ne The­ra­pie.

Foto: fo­to­lia

Frau­en wer­den nach wie vor häu­fi­ger we­gen psy­chi­scher Er­kran­kun­gen be­han­delt als Män­ner. Das muss aber nicht hei­ßen, dass sie öf­ter er­kran­ken. Ex­per­ten ver­mu­ten, dass sie an­ders mit ih­rem Lei­den um­ge­hen – und eher Hil­fe su­chen.

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