Die Al­ten­pfle­ge vor der Ka­ta­stro­phe?

Aus­bil­dung Die Bun­des­re­gie­rung will Al­ten-, Kran­ken-, und Kin­der­pfle­ger zu­sam­men aus­bil­den. Die Pfle­ge­ex­per­tin und For­sche­rin Mo­na From­melt warnt vor den Ge­fah­ren die­ses Vor­ha­bens

Donauwoerther Zeitung - - Politik - Mo­na From­melt: From­melt: From­melt: From­melt: From­melt: From­melt: From­melt: From­melt: Mo­na From­melt

Im Rah­men der Pfle­ge­re­form plant die deut­sche Bun­des­re­gie­rung ak­tu­ell ei­ne gro­ße Ve­rän­de­rung der Pfle­ge­be­ru­fe. Vor al­lem soll die aku­te Per­so­nal­not ge­mil­dert wer­den, in­dem in Zu­kunft Al­ten-, Kran­ken- und Kin­der­kran­ken­pfle­ger die glei­che Aus­bil­dung er­hal­ten. Ist das nicht ei­ne gu­te Sa­che, Frau From­melt?

Nein! So wie das an­ge­gan­gen wird, nen­ne ich es so­gar ei­ne Ka­ta­stro­phe! Und die­sen Be­griff wäh­le ich hier ganz be­wusst. Es gibt so vie­le Fra­gen und es gibt noch kei­ne Ant­wort dar­auf. Wir ha­ben in der Al­ten­pfle­ge gar kei­ne gro­ßen Flucht­be­we­gun­gen weg vom Be­ruf. Klar, es feh­len uns Leu­te, auch auf­grund der de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lung. Aber fra­gen Sie mal ei­nen Hand­wer­ker. Dem geht es noch viel schlech­ter als uns. Wir dür­fen ei­gent­lich nicht kla­gen. Zu uns kom­men vie­le Men­schen, dar­un­ter na­tür­lich auch Aus­län­der und Quer­ein­stei­ger, die erst spät zur Pfle­ge fin­den.

Und doch ru­fen vie­le Ver­bän­de in­zwi­schen ver­zwei­felt nach mehr Per­so­nal. Wä­re ei­ne Ver­ein­fa­chung und Zu­sam­men­le­gung der Pfle­ge­be­ru­fe nicht für sie hilf­reich?

Die­ser Aus­sa­ge muss ich wi­der­spre­chen. Zu­erst ein­mal un­ter­schei­den sich Al­ten-, Kran­ken-, und Kin­der­pfle­ge sehr wohl. So könn­te kein Mit­ar­bei­ter der Al­ten­pfle­ge so­fort in ei­nem Kin­der­kran­ken­haus ein Früh­chen rich­tig be­at­men. Und ei­ne Kin­der­kran­ken­schwes­ter wüss­te wohl auch nicht so­fort, wie man ei­nen 90-Jäh­ri­gen rich­tig la­gert und sei­ne Wun­den ver­sorgt. Das sind ver­schie­de­ne Be­ru­fe, die man nicht in ei­nen Topf wer­fen darf. So funk­tio­niert das Sys­tem ein­fach nicht. Das ist kei­ne Lö­sung für die Zu­kunft. Viel­mehr braucht es ei­ne Mi­schung aus vie­len ver­schie­de­nen Fach­kräf­ten: Pfle­ger, Haus­wirt­schaf­ter, Be­treu­er, Er­go- und Phy­sio­the­ra­peu­ten. Aber na­tür­lich auch An­ge­hö­ri­ge und Eh­ren­amt­li­che.

Was wür­de sich da­durch än­dern? Die­se Struk­tu­ren gibt es ja auch schon heu­te.

Ja, das stimmt zum Teil. Doch for­dern wir ei­ne bes­se­re Or­ga­ni­sa­ti­on. Es braucht je­man­den, der al­le Fä­den zu­sam­men­führt und ko­or­di­niert. Wenn man so will Ma­na­ger, wie sie es in an­de­ren Bran­chen be­reits gibt. Wir sind al­les gu­te Mu­si­ker, aber es braucht ei­nen Di­ri­gen­ten, um dar­aus ein wohl­klin­gen­des Orches­ter zu ma­chen. Das ist sinn­vol­ler, an­statt al­le nur noch ein In­stru­ment spie­len zu las­sen. War­um geht man die­se ei­gent­lich recht ein­fa­che Ve­rän­de­rung dann nicht end­lich an?

Das hat meh­re­re Grün­de. Ei­ni­ge da­von sind auch po­li­ti­scher Na­tur. So ha­ben eben vor al­lem die Kran­ken­kas­sen und die Phar­ma-In­dus­trie mehr Ein­fluss auf die Ent­schei­dun­gen als zum Bei­spiel wir als Ar­bei­ter­wohl­fahrt. Und es ist ja kein Ge­heim­nis, dass es mehr Geld bringt, die Sym­pto­me zu be­han­deln, als die Krank­heit zu be­kämp­fen. Aber je­der, der sich in der Pfle­ge aus­kennt, weiß, dass wir noch auf Jah­re an den ak­tu­el­len Pfle­ge­re­for­men knab­bern wer­den. Ei­ne wei­te­re Ge­set­zes­än­de­rung wür­de die Pfle­ge der­zeit über­for­dern. Es wür­de wohl al­les von oben nach un­ten durch­mi­schen.

Das klingt al­ler­dings ziem­lich düs­ter...

War­um düs­ter? Das ist eben die Welt, in der wir le­ben. Wenn man ehr­lich ist, hät­te man den Pfle­ge­ver­si­che­rungs­bei­trag deut­lich um 0,5 Punk­te er­hö­hen müs­sen, dann wä­ren rich­ti­ge Re­for­men auch fi­nan­zi­ell mög­lich ge­we­sen. Die jet­zi­ge Idee ei­ner Ge­ne­ra­li­sie­rung des Pfle­ge­be­ru­fes hilft aber in ers­ter Li­nie nur den Kran­ken­häu­sern. Für die Al­ten­pfle­ge wä­re es wirk­lich die vor­her er­wähn­te Ka­ta­stro­phe. Weil sich dann nie­mand mehr für die Al­ten­pfle­ge ent­schei­den wür­de?

Ja und nein. Es ist nicht von der Hand zu wei­sen, dass wir ein Pro­blem in der Au­ßen­dar­stel­lung ha­ben. Aber es kom­men vie­le mo­ti­vier­te Leu­te zu uns, die den Be­ruf mit viel Herz­blut aus­üben. Das möch­te ich hier noch ein­mal be­to­nen. Den­noch läuft be­stimmt auch in ei­ni­gen Hei­men nicht al­les per­fekt oder so, wie es soll­te.

Stimmt es, dass vor al­lem die pri­va­ten An­bie­ter im Pfle­ge­sek­tor ne­ga­tiv auf­fal­len?

Nein, auf die wird im­mer ein­ge­schla­gen, ob­wohl viel In­no­va­ti­on auch aus die­sen Häu­sern kommt. Ich ken­ne den BPA, den Bun­des­ver­band pri­va­ter An­bie­ter, gut. Dort be­kom­men Mit­ar­bei­ter und Pfle­ge­be­dürf­ti­ge gu­te und an­stän­di­ge Rah­men­be­din­gun­gen. Gleich­zei­tig möch­te ich aber auch ei­nes nicht ver­schwei­gen: Es gibt die­se oft er­wähn­ten

„Die Flücht­lin­ge wer­den vor al­lem dem Hand­werk gut­tun“

Mo­na From­melt, Di­rek­to­rin der Han­sWein­ber­ger-Aka­de­mie

Ne­ga­tiv­bei­spie­le, kei­ne Fra­ge – und die gibt es über­all.

The­ma Flücht­lings­kri­se: Sind die vie­len Asyl­be­wer­ber nicht auch ei­ne Chan­ce für die Pfle­ge­bran­che, sich per­so­nell bes­ser auf­zu­stel­len?

Ich den­ke die Flücht­lin­ge wer­den mit­tel­fris­tig vor al­lem dem Hand­werk sehr gut­tun. Wir selbst er­hof­fen uns da­von jetzt erst ein­mal we­ni­ger. Zwar ha­ben wir vie­le Mit­ar­bei­ter mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, doch ver­ste­he ich na­tür­lich auch die Sor­gen vie­ler Men­schen. Deut­sche soll­ten von Men­schen ge­pflegt wer­den, die sie ver­ste­hen und auch ein Wort mit ih­nen wech­seln kön­nen. Und auch die An­ge­hö­ri­gen brau­chen je­man­den, mit dem sie ih­re Pro­ble­me und auch Sor­gen tei­len kön­nen. Da­her ist für uns Spra­che sehr wich­tig. Das ist ei­ne Gr­und­vor­aus­set­zung. Der­zeit ste­hen wir am An­fang ei­ner In­te­gra­ti­ons­pha­se, von der wir ei­ni­ges er­war­ten.

In­ter­view: Wolf­gang Holz­hau­ser

ist Di­rek­to­rin der baye­ri­schen Hans-Wein­ber­ger-Aka­de­mie, dem Bil­dungs­in­sti­tut der Ar­bei­ter­wohl­fahrt (AWO). Die 55-Jäh­ri­ge ist ver­ant­wort­lich für die Aus- und Wei­ter­bil­dung von Pfle­ge­kräf­ten.

Foto: Da­ni­el Nau­pold, dpa

Azu­bis in der Al­ten­pfle­ge de­mons­trie­ren für ei­ne bes­se­re Aus­bil­dung in ih­rem Be­ruf und ge­gen ei­ne Ge­ne­ra­li­sie­rung.

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