See­ho­fer treibt den Streit auf die Spit­ze

Leit­ar­ti­kel Kreuth lässt grü­ßen: Die Flücht­lings­kri­se ent­zweit CSU und CDU. Dies­mal geht es um mehr als um Par­tei­po­li­tik. War­um See­ho­fer in der Sa­che recht hat

Donauwoerther Zeitung - - Meinung & Dialog - VON WAL­TER ROL­LER ro@augs­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

So schlecht war das Ver­hält­nis zwi­schen CDU und CSU seit 1976 nicht mehr. Da­mals steu­er­te die Uni­on auf ei­nen ir­re­pa­ra­blen Bruch zu. Der CSU-Vor­sit­zen­de Franz Jo­sef Strauß kün­dig­te in Kreuth die Frak­ti­ons­ge­mein­schaft im Bun­des­tag auf, CDU-Kanz­ler Kohl droh­te mit dem Ein­marsch in Bay­ern. Es be­durf­te ei­ner klei­nen Re­vol­te ge­gen Strauß, um die Ein­heit der Uni­on zu ret­ten.

Und heu­te? Nun ja, ganz so dra­ma­tisch ist die La­ge noch nicht, und al­ler Vor­aus­sicht nach wird man auch dies­mal wie­der ir­gend­wie zu­ein­an­der­fin­den. Ei­ne Tren­nung wür­de schließ­lich bei­den Volks­par­tei­en scha­den und ins­be­son­de­re die do­mi­nie­ren­de Po­si­ti­on der CSU in Bay­ern zer­stö­ren. Aber im­mer­hin: In man­chem glei­chen sich die Bil­der. Wie­der greift der CSUVor­sit­zen­de ei­ne CDU-Kanz­le­rin mas­siv an. Wie­der macht die CSU die CDU da­für ver­ant­wort­lich, dass der Uni­on die Fel­le da­von­schwim­men. Wie­der lässt die CDU die klei­ne Schwes­ter spü­ren, dass sie nicht nach der Pfei­fe Mün­chens zu tan­zen ge­denkt. Der gro­ße Un­ter­schied ist: 1976 ging es um ei­nen Macht­kampf zwi­schen Strauß und Kohl und die best­mög­li­che stra­te­gi­sche Aus­rich­tung der Uni­on. Dies­mal geht es um weit mehr als um nack­te Par­tei­po­li­tik.

Die Flücht­lings­kri­se ist das wo­mög­lich größ­te Pro­blem, mit dem es die Re­pu­blik je­mals zu tun hat­te. Auf dem Spiel steht näm­lich nicht nur die Sta­bi­li­tät der po­li­ti­schen Ord­nung, son­dern auch der in­ne­re Zu­sam­men­halt des Lan­des – je­den­falls dann, wenn auch noch nächs­tes Jahr tau­sen­de Men­schen täg­lich über of­fe­ne Gren­zen ein­wan­dern soll­ten. Im bes­ten Fall ge­lingt es, die aus ei­nem an­de­ren Kul­tur­kreis stam­men­den Flücht­lin­ge in ei­nem sehr lan­gen Pro­zess zu in­te­grie­ren und die dar­in lie­gen­den Chan­cen für die gan­ze Ge­sell­schaft zu nut­zen. Im schlech­tes­ten Fall wird das über­for­der­te Land ei­nem mit enor­men Kos­ten, so­zia­len Kon­flik­ten und po­li­ti­schen Ver­wer­fun­gen ein­her­ge­hen­den Pro­blem nicht Herr. Die­se Her­aus­for­de­rung ist we­der mit Schwarz­ma­le­rei und Angst­ma­che noch mit ei­nem hoch­mo­ra­li­schen, nur der Stim­me des Her­zens ge­hor­chen­den Ge­sche­hen­las­sen zu meis­tern. Ein­wan­de­rungs­po­li­tik er­for­dert Herz und Ver­stand. Sie braucht – und hier herrscht noch Fehl­an­zei­ge – ei­ne Vor­stel­lung da­von, wie das al­les zu schaf­fen ist und wie das Land ei­nes Ta­ges aus­se­hen soll. Sie muss so­wohl un­se­re hu­ma­ni­tä­re Pflicht als auch das Mach­ba­re im Au­ge ha­ben. Und nichts be­ein­träch­tigt das Ver­trau­en der Men­schen mehr als der Ein­druck, die Po­li­tik las­se die Din­ge trei­ben und sei nicht mehr hand­lungs­fä­hig.

Dass es über all dem zum Streit um den rich­ti­gen Weg kommt, ja kom­men muss, ist in ei­ner De­mo­kra­tie ganz nor­mal. Na­tür­lich geht es See­ho­fer in sei­nem Feld­zug ge­gen Mer­kel auch dar­um, sei­ne rech­te Flan­ke ab­zu­dich­ten und die Stamm­kun­den der Uni­on zu hal­ten. Sei­ne schar­fe Wort­wahl, sei­ne Dro­hun­gen und Ul­ti­ma­ten ge­gen die ei­ge­ne Bun­des­re­gie­rung sind Gift für die Uni­on und die Ko­ali­ti­on. Doch na­he­zu al­les, was die Re­gie­rung bis­her zu ei­ner bes­se­ren Kon­trol­le des Zus­troms un­ter­nom­men hat, ist auf Druck See­ho­fers er­folgt. Und was ist „ver­ant­wor­tungs­los“(SPD-Chef Ga­b­ri­el) dar­an, im Ein­klang mit der über­wie­gen­den Mehr­heit der Be­völ­ke­rung auf ei­ne Be­gren­zung und Steue­rung der Mas­sen­ein­wan­de­rung zu drän­gen?

Es gibt kei­nen Schal­ter, der sich ein­fach um­le­gen lie­ße. See­ho­fer weckt fal­sche Hoff­nun­gen, wenn er so tut, als ob sich die Zu­wan­de­rung über Nacht stop­pen lie­ße. Aber sei­ne For­de­rung an die Adres­se Mer­kels, das ei­nem Rechts­staat zur Ver­fü­gung ste­hen­de In­stru­men­ta­ri­um aus­zu­schöp­fen und ein kla­res Si­gnal der be­grenz­ten Auf­nah­me­fä­hig­keit Deutsch­lands aus­zu­sen­den, ist in der Sa­che be­rech­tigt.

Ein Si­gnal der

be­grenz­ten Auf­nah­me­fä­hig­keit

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