„Ich bin be­lä­chelt wor­den“

In­ter­view Der Pas­sau­er Land­rat Franz Mey­er warnt schon lan­ge vor ei­ner „Völ­ker­wan­de­rung“. Jetzt hat er sie vor der Haus­tür

Donauwoerther Zeitung - - Bayern - Franz Mey­er: Mey­er: Mey­er: Mey­er: Mey­er: Mey­er: Franz Mey­er,

Täg­lich brin­gen ös­ter­rei­chi­sche Bus­se Flücht­lin­ge an die Gren­ze zu Bay­ern. Al­lein in den bei­den Or­ten Weg­scheid und Achlei­ten kom­men seit Ta­gen je­weils über 2000 Men­schen an. Oft müs­sen sie bei Käl­te bis tief in die Nacht war­ten, bis sie nach Bay­ern dür­fen. Bun­des­po­li­zis­ten, die für ei­nen rei­bungs­lo­sen Ablauf sor­gen, ha­ben Un­men­gen an Über­stun­den an­ge­sam­melt. Auch vie­le eh­ren­amt­li­che Hel­fer sind er­schöpft von der wo­chen­lan­gen Aus­nah­me­si­tua­ti­on. Der Pas­sau­er Land­rat Franz Mey­er spricht dar­über, war­um sich die­se Pra­xis schnell än­dern muss.

Herr Mey­er, hat man sich als Pas­sau­er Land­rat nicht schon dar­an ge­wöhnt, Kri­sen zu be­wäl­ti­gen?

Wenn ich an das Hoch­was­ser 2013 den­ke, dann war das si­cher ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung. Das jetzt ist et­was an­de­res, aber auch sehr dra­ma­tisch. Hier geht es vor al­lem um Men­schen, die zu uns kom­men. Wir er­le­ben der­zeit ei­ne Völ­ker­wan­de­rung. Das sa­ge ich ganz be­wusst so. Ich ha­be das vor ei­ni­gen Mo­na­ten be­reits an­ge­deu­tet, dass ich das er­war­te. Da­mals bin ich noch ein we­nig be­lä­chelt wor­den, aber jetzt ha­ben wir sie. Tau­sen­de Flücht­lin­ge kom­men im Land­kreis täg­lich über die grü­ne Gren­ze. Sie wer­den ganz ge­zielt von den Ös­ter­rei­chern, or­ga­ni­siert aus Wi­en, mit den Bus­sen an die Grenz­über­gän­ge ge­bracht. Ich bin dank­bar, dass uns die Bun­des­wehr bei der Be­wäl­ti­gung die­ser Auf­ga­be ver­stärkt un­ter­stützt. Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen, Bun­des­po­li­zei und Eh­ren­amt­li­che sind be­reits seit Wo­chen ge­for­dert. Das kann und darf kein Dau­er­zu­stand sein. Das ver­gan­ge­ne Wo­che­n­en­de war dra­ma­tisch. Es ist ei­ne Schan­de für Eu­ro­pa, was sich der­zeit ab­spielt.

Sie ha­ben nach dem un­kon­trol­lier­ten Zustrom vor ei­ner Wo­che an Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ge­schrie­ben, dass Sie für Leib und Le­ben der Flücht­lin­ge an der Gren­ze kei­ne Ga­ran­tie mehr ab­ge­ben kön­nen. Die Ös­ter­rei­cher ha­ben jetzt an zwei wich­ti­gen Über­gän­gen gro­ße be­heiz­te Zel­te auf­ge­stellt, die Bus­se kom­men of­fen­sicht­lich nicht mehr auf ei­nen Schlag. Kön­nen Sie die Ga­ran­tie wie­der ge­ben?

Der Brief ist ein Alarm­ruf an die Bun­des­kanz­le­rin ge­we­sen. Sei­ne Bot­schaft lau­te­te, sie soll mit ih­rem Amts­kol­le­gen in Wi­en spre­chen. Berlin ist weit weg. Des­halb ist es auch mei­ne Auf­ga­be, die­ses The­ma in der Bun­des­haupt­stadt an­zu­spre­chen. Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er hat zu­ge­sagt, dass es Ge­sprä­che mit der ös­ter­rei­chi­schen Re­gie­rung ge­ben wird. Ich ap­pel­lie­re auch an die Bun­des­kanz­le­rin, dass wir ei­ne Be­gren­zung des Flücht­lings­stroms brau­chen. Wir brau­chen wie­der So­li­da­ri­tät in Eu­ro­pa. Al­lei­ne in den letz­ten drei Ta­gen sind mehr Flücht­lin­ge im Land­kreis Pas­sau an­ge­kom­men als ganz Frank­reich auf­nimmt.

Kön­nen Sie der­zeit das Wohl der Flücht­lin­ge ga­ran­tie­ren?

Wir ste­hen vor dem Win­ter, es wird je­den Tag käl­ter. In Weg­scheid ha­ben wir schon an die null Grad. Es ist ei­gent­lich un­mensch­lich, wenn die Leu­te nachts um zwei Uhr aus den Bus­sen aus­stei­gen und über die Gren­ze müs­sen.

Das heißt?

Wir ge­ben al­les, um zu ge­währ­leis­ten, dass die Men­schen, die zu uns kom­men, kei­nen Scha­den neh­men. Ich kann es aber auch nicht hun­dert­pro­zen­tig sa­gen, wie sich die nächs­ten Wo­chen ent­wi­ckeln. Es muss ge­ord­ne­ter ab­lau­fen und ver­stärkt mit Zü­gen. Des­halb brau­chen wir wie­der das Dreh­kreuz in München.

Sie sa­gen es selbst: Der Win­ter kommt mit je­dem Tag nä­her. Die Men­schen ha­ben nicht die Klei­dung, stun­den­lang in der Käl­te zu ste­hen. Wie lan­ge kann die jet­zi­ge Pra­xis Ih­rer Ein­schät­zung nach wei­ter­ge­führt wer­den?

Die grü­ne Gren­ze ist für den Win­ter un­ge­eig­net. Sie ist nicht ak­zep­ta­bel. Es muss sich in den nächs­ten Ta­gen et­was än­dern.

Im Ge­spräch sind Tran­sit­zo­nen, um den Flücht­lings­strom bes­ser re­gu­lie­ren zu kön­nen. Im Au­gen­blick pas­sie­ren die meis­ten Flücht­lin­ge die Gren­ze in Pas­sau und Um­ge­bung. Wä­re dann nicht ei­ne sol­che Tran­sit­zo­ne, soll­te sie kom­men, bei Ih­nen am rich­ti­gen Ort?

Wie die Struk­tur aus­sieht, kann ich Ih­nen nicht sa­gen. Das wer­den si­cher klei­ne Ein­hei­ten sein. Wenn die Fra­ge auf mich zu­kommt, ob es im Pas­sau­er Land ei­ne Tran­sit­zo­ne ge­ben kann, dann wer­de ich dem­ge­gen­über auf­ge­schlos­sen sein. Denn da­mit ist ge­währ­leis­tet, dass den Flücht­lin­gen ein schnel­les, rechts­staat­li­ches Ver­fah­ren ge­bo­ten wird. In­ter­view: Mat­thi­as Sto­ckin­ger

62, ist seit 2008 Pas­sau­er Land­rat. Da­vor saß der CSU-Po­li­ti­ker im Land­tag und war Fi­nanz­staats­se­kre­tär.

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