Deut­sche Medaillen-Chan­cen in St. Mo­ritz

Ski WM 2017 Heu­te be­gin­nen in St. Mo­ritz die Ti­tel­kämp­fe. Der All­gäu­er Ste­fan Luitz, 24, hat im Rie­sen­sla­lom Me­dail­len­chan­cen. Ein In­ter­view über Zie­le, Ri­tua­le, den Kum­pel Neu­reu­ther und das Mot­to: im­mer auf An­griff

Donauwoerther Zeitung - - Erste Seite -

Platz drei im letz­ten Rie­sen­sla­lom vor der WM hat Sie end­gül­tig in den Kreis der Me­dail­len­kan­di­da­ten be­för­dert. Wie ge­hen Sie mit die­ser Rol­le um? Ste­fan Luitz: Al­so ich glau­be, da gibt es schon noch ge­nü­gend an­de­re Fah­rer, die man als Fa­vo­ri­ten han­deln müss­te, weil sie be­stän­dig vor­ne sind. Fah­rer wie Mar­cel Hir­scher, Al­exis Pin­tur­ault oder Hen­rik Kristof­fer­sen. Aber klar: Mein Ziel ist seit An­fang der Sai­son, dass ich ein Wört­chen mit­re­den kann im Kampf um die Medaillen.

Sie se­hen sich in ei­ner Lau­er­po­si­ti­on? Luitz: Ja, so kann man es am bes­ten be­schrei­ben. Ich kann schnel­le Schwün­ge fah­ren und ge­nau das will ich zei­gen. Ob es dann für ei­ne Me­dail­le reicht, hängt aber nicht nur von mei­ner Leis­tung ab.

Die Fra­ge nach Ih­ren Zie­len dürf­te da­mit be­ant­wor­tet sein. Luitz: Rich­tig, ich möch­te im Ziel ab­schwin­gen und sa­gen kön­nen: Das war das ma­xi­mal Mög­li­che. Die Kon­kur­renz ist stark. Im Rie­sen­sla­lom kann aber al­les pas­sie­ren. Von den ers­ten 30 kann je­der um das Po­dest mit­fah­ren. Das hat zu­letzt Matts Ols­son in Gar­misch-Par­ten­kir­chen be­wie­sen, als er Zwei­ter wur­de. Den hat­te nie­mand auf dem Zet­tel. Die Leis­tungs­dich­te ist enorm hoch, das macht die Sa­che bru­tal span­nend. Klar, Hir­scher und Pin­tur­ault sind schon sehr weit oben, aber es kann viel pas­sie­ren.

Sie wer­den in St. Mo­ritz auch im Sla­lom star­ten. Dort müs­sen Sie 60 bis 70 To­re, die je­des Mal an­ders ge­steckt sind, in höchs­tem Tem­po pas­sie­ren. Die Fah­rer dür­fen je­den Lauf vor­her nur ein­mal be­sich­ti­gen. Prä­gen Sie sich da­bei al­le To­re ein? Luitz: Ja. Wir ha­ben vor dem ers­ten Lauf ei­ne Drei­vier­tel­stun­de Zeit zur Be­sich­ti­gung, vor dem zwei­ten nur noch ei­ne hal­be St­un­de. Das reicht. Man geht den Lauf im Kopf im­mer wie­der durch und lernt ihn qua­si aus­wen­dig. Das ist Übungs­sa­che. Ich un­ter­tei­le mir den Lauf in Ab­schnit­te, die ich dann im Ren­nen ab­ar­bei­te. Das macht aber je­der ein biss­chen an­ders.

Ihr Mann­schafts­kol­le­ge Felix Neu­reu­ther hat im Vor­feld der WM ei­nen kom­plet­ten Nach­mit­tag lang im Halb­stun­den-Takt In­ter­views ge­ge­ben. Sind Sie manch­mal froh, dass Ih­nen die­ser gan­ze Tru­bel (noch) er­spart bleibt? Luitz: Ja, schon. Wenn man sieht, was auf Felix ein­pras­selt, das ist schon ex­trem. Der kann ja nicht mehr auf die Stra­ße ge­hen, oh­ne dass er er­kannt wird. Das ist zwar ei­ner­seits schön und ei­ne An­er­ken- an­de­rer­seits muss man das na­tür­lich auch aus­hal­ten.

Sie tei­len sich bei Groß­ver­an­stal­tun­gen meist ein Zim­mer mit Neu­reu­ther. Kann man es gut ihm aus­hal­ten? Luitz: Er ist ein su­per Typ. Man kann ex­trem viel von ihm ler­nen. Nicht nur, was das Ski­fah­ren be­trifft, son­dern auch das gan­ze Drum­her­um. Sei es, wie er mit Men­schen um­geht oder auch mit den so­zia­len Me­di­en. Er fin­det fast im­mer den rich­ti­gen Ton. Als Sport­ler ist er bru­tal ehr­gei­zig. Wenn sich Felix was in den Kopf setzt, dann in­ves­tiert er ex­trem viel Zeit da­für. Da fährt er dann rie­si­ge Um­fän­ge und ist sehr ziel­stre­big. Au­ßer­dem ver­liert er un­gern, aber das macht kei­ner von uns gern. Als es bei mir nicht gut lief, hat er mich auf­ge­baut. Er kennt die­se Si­tua­tio­nen ja.

Eben­falls im­mer mit da­bei im Welt­cup ist Ihr Va­ter Lud­wig, der Ih­nen und Li­nus Strasser die Ski prä­pa­riert. Wie ge­nau sieht die Zu­sam­men­ar­beit aus? Luitz: Wir ar­bei­ten seit klein auf zu­sam­men. Das geht in der Vor­be­rei­tung los. Wir tes­ten für al­le Wet­ter­und Schnee­be­din­gun­gen die per­fek­te Ab­stim­mung. Im Wett­kampf kann mein Va­ter dann das Set-up auf den Punkt ge­nau ab­stim­men. Das ist ei­ne Wis­sen­schaft für sich. Vor al­lem Mar­cel Hir­scher be­treibt das auf ei­nem ex­trem ho­hen Le­vel. Man­ch­nung, mal glaubt man, der wür­de am liebs­ten auch noch wäh­rend des Laufs das Ma­te­ri­al wech­seln. Aber auch wir ha­ben vor die­ser Sai­son ex­trem viel Zeit in­ves­tiert, was Ski und Schu­he an­be­langt.

Ihr Va­ter ist al­so bei je­dem Ren­nen da­bei und un­ter­stützt Sie? Luitz: Er weiß ein­fach ge­nau, was ich für Ma­te­ri­al brau­che. Das ist sen­sa­tio­nell. Ich fra­ge ei­gent­lich nie, was er her­ge­rich­tet hat. Ich weiß ein­fach: Das, was am Start liegt, passt.

Wel­che Ver­bin­dung ha­ben Sie zum WM-Ort St. Mo­ritz? Luitz: Im Rie­sen­sla­lom dort bin ich ver­gan­ge­nes Jahr aus­ge­schie­den. Ich ha­be al­so mit St. Mo­ritz noch ei­ne Rech­nung of­fen. Das WM-Ren­nen fin­det al­ler­dings auf ei­nem an­de­ren Hang statt. Den kennt nie­mand, au­ßer viel­leicht die Schwei­zer.

Wel­che Ri­tua­le pfle­gen Sie vor ei­nem Ren­nen? Luitz: Je­der hat sei­ne Ab­läu­fe aus dem Trai­ning, um sich zu pus­hen. Ich bin ei­ner, der nicht war­ten will am Start. Ich kom­me im­mer re­la­tiv spät zum Start­haus und spu­le dann mein Pro­gramm ab: Auf­wär­men, Lauf durch­ge­hen, men­tal heiß ma­chen, ab in die Ski, Schnal­len zu und zack raus. Das wer­de ich auch bei­be­hal­ten, hat ja bis­her ganz gut funk­tio­niert.

Sie sind ja auch schon im Be­sitz ei­ner WM-Me­dail­le: Als Er­satz­mann im Te­am­wett­be­werb der WM 2013 in Schlad­ming ha­ben Sie Bron­ze ge­won­nen. Wel­chen Stel­len­wert hat die­se? Luitz: Na­ja, mit der Me­dail­le schmü­cke ich mich nicht so ger­ne. Man ist zwar Teil des Teams, aber ich bin ja kei­nen ein­zi­gen Schwung ge­fah­ren. Ich hät­te bei­na­he star­ten dür­fen, da Felix sich ver­letzt hat­te. Aber er hat es dann durch­ge­zo­gen. Ich hof­fe, dass es nicht mei­ne ein­zi­ge WMMe­dail­le bleibt.

Sie sind in ei­ni­gen gro­ßen Ren­nen Ih­rer Kar­rie­re in letz­ter Se­kun­de un­glück­lich aus­ge­schie­den. Zu­letzt ha­ben Sie die Hil­fe ei­nes Men­tal-Trai­ners in An­spruch ge­nom­men. Wel­che Rol­le spielt das in Ih­rer Vor­be­rei­tung auf die WM? Luitz: Ich ha­be das ein­fach mal aus­pro­biert und mich ein paar­mal mit ihm ge­trof­fen. Al­les in al­lem kei­ne gro­ße Sa­che, aber eben ein wich­ti­ger Baustein im gro­ßen Gan­zen. Of­fen­bar hat es mir was ge­bracht und des­halb wer­de ich auch dran­blei­ben.

Ih­re Fahr­wei­se ha­ben Sie aber nicht ge­än­dert: im­mer auf An­griff. Luitz: Nein, an­ders wür­de es auch kei­nen Sinn ma­chen. Wenn du nur run­ter­fährst, machst du zwar kei­ne Feh­ler – aber du wirst halt 20. Das ist nicht das, was ich will. Zu­letzt hat es mit mei­ner Fahr­wei­se ganz gut funk­tio­niert, das muss ich jetzt ein­fach fes­ti­gen.

Was un­ter­schei­det ein WM-Ren­nen von ei­nem im Welt­cup-Ren­nen? Luitz: Im End­ef­fekt ist es ein Ren­nen wie je­des an­de­re. St. Mo­ritz ist auch schon mei­ne vier­te WM. Ich will mir da kei­nen Druck ma­chen und ganz nor­mal an den Start ge­hen. Dann wird man schon se­hen, ob es für ei­ne Me­dail­le reicht. Mich wür­de es nur är­gern, wenn ich schlecht Ski fah­re.

In­ter­view: Andre­as Kor­nes

Fo­to: Ralf Lie­nert

Ste­fan Luitz aus Bols­ter­lang im All­gäu geht bei der Ski WM im Sla­lom und Rie­sen­sla­lom an den Start. Vor al­lem in der zweit­ge nann­ten Dis­zi­plin trau­en die Ex­per­ten dem 24 Jäh­ri­gen viel zu. Die Kon­kur­renz al­ler­dings ist groß.

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