Ein Ge­fühl von Frei­heit in al­tem Ge­mäu­er

Hei­mat­ge­schich­te Vor 111 Jah­ren bau­te die Kö­nig­lich-Baye­ri­sche Staats­bahn ent­lang der neu­en Glei­se zwi­schen Do­nau­wörth und Treuchtlingen so­ge­nann­te Block­häu­ser. Die meis­ten sind noch im­mer be­wohnt – oder bald wie­der

Donauwoerther Zeitung - - Die Samstagsseite - VON WOLF­GANG WIDEMANN

Fünfstetten/Kaisheim Gun­dels­heim Ei­ne Lie­be auf den ers­ten Blick war es kei­nes­falls. Ei­gent­lich woll­ten Con­ny und Ste­fan Dol­lin­ger das al­te Ge­bäu­de di­rekt an der Bahn­li­nie Do­nau­wörth zwi­schen Treuchtlingen ab­rei­ßen. Es war seit ei­ni­ger Zeit nicht mehr be­wohnt. Beim Bi­ber­hof na­he Fünfstetten woll­te das Ehe­paar an glei­cher Stel­le ein neu­es Wohn­haus hoch­zie­hen. Die Ab­riss­ge­neh­mi­gung vom Land­rats­amt hat­ten Dol­lin­gers be­reits vor­lie­gen, als ein An­ruf aus der Be­hör­de kam. Die bat um ein Tref­fen – und teil­te bei die­sem mit, dass es sich bei dem Haus um ein „denk­mal­schutz­wür­di­ges Ob­jekt“hand­le.

„Wir wa­ren am Bo­den zer­stört“, er­in­nert sich Con­ny Dol­lin­ger an die­sen Mo­ment. Nicht ein­mal der Un­te­ren Denk­mal­schutz­be­hör­de sei zu­vor be­kannt ge­we­sen, dass das zwei­stö­cki­ge Haupt­haus mit Walmdach und der An­bau die­sen Sta­tus ha­ben – und zwar schon seit 1970. Das Ge­bäu­de am Bi­ber­hof ist ei­nes von sie­ben so­ge­nann­ten Block­häu­sern, die beim Bau der neu­en Bahn­stre­cke 1905/06 durch die Kö­nig­lich-Baye­ri­sche Staats­ei­sen­bahn et­wa al­le vier Ki­lo­me­ter ent­lang der Glei­se er­rich­tet wur­den.

Das Bahn­wärter­haus am Bi­ber­hof – so heißt es von­sei­ten des Denk­mal­schut­zes – sei „ei­nes der we­ni­gen bau­li­chen Zeug­nis­se, an dem die­ser für die baye­ri­sche Ver­kehrsund Wirt­schafts­ge­schich­te be­deut­sa­me Ent­wick­lungs­schritt an­schau­lich wird“. Das Ge­bäu­de ha­be ei­ne „ho­he ge­schicht­li­che Be­deu­tung“.

Eben­so ver­weist die Denk­mal­be­hör­de auf den künst­le­ri­schen Wert: „Be­reits durch Ku­ba­tur und Dach­form zeigt das weit­hin sicht­ba­re Ge­bäu­de den re­prä­sen­ta­ti­ven An- spruch, den die Kö­nig­lich-Baye­ri­sche Staats­ei­sen­bahn selbst bei we­ni­ger be­deu­ten­den Bahn­bau­ten, wie ei­nem Bahn­wärter­haus, zum Aus­druck brin­gen woll­te.“

Con­ny und Ste­fan Dol­lin­ger konn­ten die­sen sal­bungs­vol­len Wor­ten zu­nächst we­nig ab­ge­win­nen. Nach dem ers­ten Schock setz­ten sie sich je­doch mit der Ge­schich­te des mehr als 110 Jah­re al­ten Hau­ses aus­ein­an­der. Der Grund, auf dem es steht, ge­hör­te bis 1904 Ste­fan Dol­lin­gers Ur­groß­va­ter. Dann kauf­te die Staats­ei­sen­bahn die Flä­che und bau­te das Haus.

Ge­spart wur­de da­mals an nichts. Wäh­rend die meis­ten Men­schen in der Re­gi­on aus heu­ti­ger Sicht eher in be­schei­de­nen Ver­hält­nis­sen und ein­fa­chen Ge­bäu­den leb­ten, be­ka­men die Block­häu­ser ein mas­si­ves Be­ton­fun­da­ment, dop­pel­te Zie­gel­wän­de mit Zwi­schen­raum – was ei­ne bis heu­te ef­fek­ti­ve Iso­lie­rung be­wirkt – und ei­nen äu­ßerst sta­bi­len Dach­stuhl, der kom­plett mit Bret­tern ver­schalt so­wie un­ter den Dach­plat­ten mit Pap­pe über­zo­gen wur­de.

Je­der Raum be­kam ei­nen Ka­min­an­schluss, ge­heizt wur­de mit Ka­chel­öfen. Aus den Kü­chen der ein­zel­nen Woh­nun­gen – am Bi­ber­hof wa­ren es drei – führ­ten je­weils Lüf­tungs­schäch­te nach oben. Das Schwitz­was­ser an den Fens­tern wur­de in Be­häl­tern un­ter den Sim­sen auf­ge­fan­gen.

In die obe­ren Stock­wer­ke ge­lang­te das Per­so­nal, das im Erd­ge­schoss über ein Bü­ro ver­füg­te, über ei­ne Trep­pe aus Ei­chen­holz. Die Bahn­wär­ter zo­gen mit In­be­trieb­nah­me der Glei­se ein. Sie hat­ten die Auf­ga­be, den Stre­cken­ab­schnitt zu über­wa­chen. Das heißt: den Zu­stand der Schie­nen über­prü­fen und das Gras ent­lang die­ser re­gel­mä­ßig zu mä­hen, da­mit durch den Fun­ken­flug aus den Dampf­lo­ko­mo­ti­ven kei­ne Brän­de ent­ste­hen konn­ten. Im Win­ter muss­ten Wei­chen vom Schnee be­freit wer­den, Si­gna­le und Schran­ken wa­ren zu be­die­nen.

Ei­ne wei­te­re Auf­ga­be: Wenn ein Zug das Haus pas­siert hat­te, muss­te dies per Te­le­graf und spä­ter per Te­le­fon ge­mel­det wer­den – da­mit der nächs­te Zug in ei­nem Bahn­hof star­ten konn­te.

Es war für das Per­so­nal ein recht ein­sa­mes und bis­wei­len auch har­tes Da­sein. Die so­li­den Woh­nun­gen dürf­ten ein Stück weit da­für ent­schä­digt ha­ben. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­den die Bahn­wär­ter aber ir­gend­wann nicht mehr ge­braucht. Die Bahn trenn­te sich in der Fol­ge auch von den Block­häu­sern. Ste­fan Dol­lin­gers Groß­va­ter kauf­te das Ge­bäu­de am Bi­ber­hof um 1960 zu­rück.

Je öf­ter Con­ny und Ste­fan Dol­lin­ger sich das Haus an­sa­hen, das sie jetzt nicht mehr ab­rei­ßen durf­ten, des­to mehr reif­te ihn ih­nen ei­ne un­er­war­te­te Er­kennt­nis: „Wir lern­ten es schät­zen.“Sie be­schlos­sen, aus der Not ei­ne Tu­gend zu ma­chen: das Block­haus her­zu­rich­ten und in die­ses ein­zu­zie­hen. In­zwi­schen sind die Ar­bei­ten ein Stück weit fort­ge­schrit­ten. „Wir dür­fen in Ab­stim­mung mit dem Amt sehr viel ma­chen“, zeigt sich Con­ny Dol­lin­ger zu­frie­den. Die Be­hör­de ge­neh­mig­te den Ein­bau von neu­en Fens­tern und von Dach­gau­ben. Eben­so durf­te ei­ne Ga­ra­ge an­ge­baut wer­den.

Grund­sätz­lich gilt der 37-Jäh­ri­gen zu­fol­ge aber: „Der Cha­rak­ter des Hau­ses soll er­hal­ten blei­ben.“Des­halb nut­ze man bei­spiels­wei­se wei­ter die Kas­set­ten­tü­ren, von de­nen ei­ni­ge ei­nen „Spi­on“ha­ben.

„In­zwi­schen sind wir so­gar ein biss­chen stolz auf un­ser Haus“, merkt Ste­fan Dol­lin­ger an, „es ge­fällt uns“. Das Le­ben in ei­ner Sied­lung könn­te sich sei­ne Frau nicht vor­stel­len: „Hier ha­ben wir ein ge­wis­ses Maß an Frei­heit.“

Ähn­lich denkt Karl­hans Mül­ler. Er lebt mit sei­ner Fa­mi­lie be­reits seit 1980 in ei­nem der eins­ti­gen Block­häu­ser – und zwar in der Nä­he von Gun­zen­heim. „Man kann hier in der frei­en Na­tur woh­nen“, sagt der 76-Jäh­ri­ge. Mül­ler er­warb das Ge­bäu­de, ob­wohl die­ses un­ter den Vor­be­sit­zern ziem­lich her­un­ter­ge­kom­men war: „Die Dach­fens­ter wa­ren zer­schla­gen, es hat jah­re­lang rein­ge­reg­net.“Die Fa­mi­lie er­kann­te aber die her­vor­ra­gen­de Bau­sub­stanz.

Den­noch: Die ab­ge­schie­de­nen La­ge brach­te auch ei­ni­ge Her­aus­for­de­run­gen mit sich. Den Strom muss­ten Mül­lers mit ei­nem Ge­ne­ra­tor selbst ma­chen. Hier setz­ten sie schon früh auch auf Fo­to­vol­ta­ik. So hat­te die Fa­mi­lie auch nichts da­ge­gen, dass di­rekt ne­ben dem An­we­sen ein gro­ßes So­lar­feld an­ge­legt wur­de. Seit dem Jahr 2000 ist das Ge­bäu­de auch an das LEW-Strom­netz an­ge­schlos­sen.

Für die Trink­was­ser­ver­sor­gung sorg­te einst schon die Bahn. Das Was­ser kommt aus ei­ner et­wa 150 Me­ter vom Haus ent­fern­ten Qu­el­le. „Ich ha­be gro­ßen Re­spekt vor den da­ma­li­gen In­ge­nieu­ren“, sagt Karl­hans Mül­ler. Das Was­ser flie­ße noch im­mer das gan­ze Jahr über gleich­mä­ßig.

Das ein­zi­ge, was die Ru­he ab­seits der Ort­schaf­ten stört, sind die Zü­ge, die – auch nachts – recht na­he an den Block­häu­sern vor­bei­don­nern. „Die hö­re ich nicht mehr“, so der Rent­ner. Frü­her ha­ben man den Fern­se­her nicht mehr ver­stan­den, wenn ein Gü­ter­zug ge­kom­men sei. Mitt­ler­wei­le sorg­ten Schall­schutz­fens­ter für an­ge­neh­me Ru­he in den Räu­men.

111 Jah­re nach dem Bau ste­hen die Block­häu­ser bei Fels­heim, öst­lich des Har­bur­ger Stadt­teils Mar­bach, na­he Gun­zen­heim, Fünfstetten, Ot­ting, Gun­dels­heim und Möh­ren noch im­mer. Die Mehr­zahl der Bau­wer­ke ist nach wie vor be­wohnt. Das Haus am Bi­ber­hof steht nach Aus­kunft des Land­rats­amts in Do­nau­wörth als ein­zi­ges un­ter Denk­mal­schutz. An­de­re wur­den um­ge­baut. Ei­nes – das un­weit von Ot­ting – ge­hört dem Schwes­ternor­den der Die­ne­rin­nen vom Hei­li­gen Blut und wird von die­sen als Fe­ri­en­haus ge­nutzt.

Noch weit­ge­hend im Ori­gi­nal­zu­stand dürf­te sich dem äu­ße­ren An­schein nach das Block­haus im aus­ge­dehn­ten Wald­ge­biet bei Mar­bach be­fin­den. Wäh­rend dort die Zeit of­fen­bar ste­hen­ge­blie­ben ist, wird auf der Bau­stel­le am Bi­ber­hof kräf­tig ge­wer­kelt. Sa­nie­rung und Um­bau wer­den nach Aus­kunft der Dol­lin­gers am En­de et­wa so viel kos­ten wie der ur­sprüng­lich ge­plan­te Neu­bau. Zu­schüs­se kom­men von der Ge­mein­de Fünfstetten, dem Land­kreis und dem Be­zirk. En­de 2017 will die Fa­mi­lie ein­zie­hen.

„Der Cha­rak­ter des Hau­ses soll er­hal­ten blei­ben.“

Con­ny Dol­lin­ger

„Ich ha­be gro­ßen Re­spekt vor den da­ma­li­gen In­ge­nieu­ren.“

Karl­hans Mül­ler

Fo­tos: Wolf­gang Widemann (8), Ar­chiv Stadt Do­nau­wörth (1)

Erst woll­ten sie es ab­rei­ßen, jetzt hau­chen sie dem al­ten Ge­mäu­er neu­es Le­ben ein: Con­ny und Ste­fan Dol­lin­ger vor dem 111 Jah­re al­ten Block­haus am Bi­ber­hof bei Fünfstetten.

An nichts ge­spart wur­de 1905/06 beim Bau der Block­häu­ser, hier das Ge­bäu­de na­he Gun­dels­heim.

Mit­ten im Wald führt die­ses Block­haus un­weit von Mar­bach ein ver­bor­ge­nes Da­sein. Das Ge­bäu­de dürf­te sich noch weit­ge­hend im Ori­gi­nal­zu­stand be­fin­den.

Ka­chel­öfen und Kas­set­ten­tü­ren ge­hör­ten zur Gr­und­aus­stat­tung der Häu­ser.

Beim An­blick des Dach­stuhls schlägt das Herz des Zim­me­rers hö­her.

Idyl­le pur: Das Block­haus zwi­schen den Bahn­hö­fen Do­nau­wörth und Münd­ling.

Die­ses Schild weist den Weg zum Block haus bei Ot­ting.

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