Trä­nen für Bron­ze

Ski al­pin Fe­lix Neu­reu­ther ge­lingt nach gro­ßem Rück­stand im ers­ten Durch­gang des Sla­loms ein per­fek­ter zwei­ter Lauf. Platz drei be­schert dem 32-Jäh­ri­gen ein emo­tio­na­les WM-Fi­na­le

Donauwoerther Zeitung - - Sport - VON ANDRE­AS KOR­NES

St. Mo­ritz Bin­nen we­ni­ger Se­kun­den än­der­ten sich ges­tern Nach­mit­tag bei der Ski-WM in St. Mo­ritz zwei Din­ge dra­ma­tisch. Ers­tens der Ge­müts­zu­stand des Fe­lix Neu­reu­ther und zwei­tens die Me­dail­len­bi­lanz des Deut­schen Ski­ver­bands. Nur als Zehn­ter ins Sla­lom-Fi­na­le ge­star­tet, ge­wann der Star des deut­schen Teams Bron­ze. Das kam der­art über­ra­schend, dass den sonst so coo­len Ober­bay­er die Ge­füh­le über­mann­ten. Die Sie­ger­eh­rung di­rekt nach dem Ren­nen über­stand er zu­sam­men mit dem neu­en Welt­meis­ter Mar­cel Hir­scher und Sil­ber­me­dail­len­ge­win­ner Ma­nu­el Fel­ler (bei­de Ös­ter­reich) noch ei­ni­ger­ma­ßen un­be­scha­det. Dann aber flos­sen Trä­nen – und Mil­lio­nen TV-Zu­schau­er wa­ren Zeu­ge.

Da­zu muss man wis­sen, dass die We­ge im Ziel­be­reich von St. Mo­ritz ex­trem kurz sind. Die Platt­for­men der gro­ßen Fern­seh­sen­der be­fin­den sich nur we­ni­ge Schrit­te vom Ath­le­ten­be­reich ent­fernt. Für die Me­dail­len­ge­win­ner be­ginnt schon we­ni­ge Mo­men­te nach dem Ren­nen ein wah­rer In­ter­view-Ma­ra­thon, an des­sen An­fang die gro­ßen Sen­der ste­hen, die sich die TV-Rech­te ge­si­chert ha­ben. Pres­se­spre­cher Ralph Eder hat­te Neu­reu­ther ge­ra­de vor die Ka­me­ras der ARD ge­stellt, als sich der 32-Jäh­ri­ge ab­rupt ab­wen­de­te. Of­fen­bar hat­te er jetzt erst rea­li­siert, was ihm da ge­ra­de ge­lun­gen war. Bis zu­letzt ha­be er nicht so rich­tig dar­an ge­glaubt, dass es noch bis aufs Sto­ckerl rei­chen könn­te, wird er spä­ter an die­sem gran­dio­sen Tag sa­gen.

Platz zehn nach dem ers­ten Durch­gang hat­te auch die größ­ten Op­ti­mis­ten im deut­schen Team ei­ne me­dail­len­lo­se WM be­fürch­ten las­sen. Sta­tis­ti­ker hat­ten längst her­aus ge­kramt, dass der DSV zu­letzt im Jahr 2007 ganz oh­ne Edel­me­tall ge­blie­ben war. Der Druck war al­so ge­wal­tig, der auf Neu­reu­ther las­te­te, als er sich bei strah­len­dem Son­nen­schein zum zwei­ten Durch­gang aus dem Start­haus ka­ta­pul­tier­te. „Ich wuss­te, dass ich al­les ris­kie­ren muss“, sag­te Neu­reu­ther und wisch­te sich die Trä­nen aus den Au­gen.

Das Ri­si­ko wur­de be­lohnt. Ihm ge­lang ein fast per­fek­ter Lauf. Die Freu­de aber war zu­nächst nur ver­hal­ten. Im­mer­hin stan­den noch neun Fah­rer oben. Ei­ner nach dem an­de­ren aber fuhr lang­sa­mer oder schied aus. Nur Fel­ler ras­te an Neu­reu­ther vor­bei. Und auf ein­mal war nur noch Hir­scher, der Schnells­te des ers­ten Durch­gangs, üb­rig. Bron­ze. „Das ist ab­so­lu­ter Wahn­sinn“, spru­del­te es aus Neu­reu­ther her­aus, als er sich wie­der ge­fasst hat­te. „Es hät­te hier für mich nicht schlech­ter lau­fen kön­nen. Ei­ne schwie­ri­ge­re Si­tua­ti­on kann man ei­gent­lich nicht ha­ben. Und jetzt steht ich hier mit Bron­ze und denk an al­le, die mir auf mei­nem Weg ge­hol­fen ha­ben.“

Im Te­am­wett­be­werb hat­te Neu­reu­ther sei­ne fast schon un­end­li­che Kran­ken­ak­te um ein wei­te­res Ka­pi­tel ver­län­gert. Bei ei­nem Sprung ver­zog er sich den lä­dier­ten Rü­cken und stapf­te seit­dem reich­lich hüft­steif durch St. Mo­ritz. Im Rie­sen­sla­lom am Frei­tag war Neu­reu­ther nur hin­ter­her­ge­fah­ren, gab sich aber da schon kämp­fe­risch: „Der Sla­lom ist ei­ne neue Si­tua­ti­on. Mal schau­en, was geht.“

Die Ant­wort lie­fer­te er ges­tern. Ge­folgt von ei­ner be­mer­kens­wer­ten Lie­bes­er­klä­rung an sei­ne Freun­din Mi­ri­am Göss­ner. Die Bi­ath­le­tin hat­te ur­sprüng­lich nach St. Mo­ritz kom­men wol­len, das Dop­pel­zim­mer im Mann­schafts­ho­tel war schon ge­bucht. Dann aber ver­zich­te­te sie doch auf den Be­such. Ver­mut­lich woll­te sie sich den öf­fent­li­chen Rum­mel er­spa­ren, zu­mal sie selbst ei­ne sport­li­che Kri­se durch­lebt und die Qua­li­fi­ka­ti­on für die Bi­ath­lonWM in Hoch­fil­zen ver­passt hat. „Die­se Me­dail­le ist wirk­lich für sie“, sag­te Neu­reu­ther. „Mi­ri sitzt zu Hau­se und ihr geht es nicht gut. Ich fah­re jetzt dann auch nach Hau­se, da ge­hö­re ich hin.“Im Früh­jahr wol­len die bei­den Sport­ler in Gar­misch-Par­ten­kir­chen be­gin­nen, ein Haus zu bau­en. Vor­her al­ler­dings will Neu­reu­ther noch den Schwung des gest­ri­gen WM-Er­folgs nut­zen und ei­ne Welt­cup-Sai­son or­dent­lich zu En­de brin­gen, in der ihm noch kein Sieg ge­lun­gen ist. Si­cher ist hin­ge­gen schon jetzt, dass er den emo­tio­nals­ten Auf­tritt des Win­ters ge­lie­fert hat. „Nor­mal­wei­se bin ich nicht so ‘ne Pus­sy...“, sag­te er am En­de sei­nes Trä­nen­auf­tritts ins ARD-Mi­kro­fon. We­nig spä­ter, am hin­te­ren En­de des In­ter­view-Ma­ra­thons, for­mu­lier­te er es noch et­was an­ders: „Ei­gent­lich bin ich kei­ner, der da gleich zu Wei­nen an­fängt. Aber heu­te hats mich gscheit herg­schüt­telt.“ BUN­DES­LI­GA, MÄN­NER BUN­DES­LI­GA, FRAU­EN 2. BUN­DES­LI­GA, FRAU­EN BAY­ERN­LI­GA, FRAU­EN BUN­DES­LI­GA, MÄN­NER

Fo­to: Wit­ters

„Nor­ma­ler­wei­se bin ich nicht so ‘ne Pus­sy ...“Fe­lix Neu­reu­ther über­mann­ten ges­tern nach Bron­ze im Sla­lom die Ge­füh­le.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.