Theo­dor Fon­ta­ne – Ef­fi Briest (43)

Donauwoerther Zeitung - - Wetter | Roman -

Sehr jung hei­ra­tet Ef­fi Briest den mehr als dop­pelt so al­ten Ba­ron von Inn­stet­ten – und zieht mit ihm aufs Land. Zu­mal Ef­fi auf­grund der be­ruf­lich be­ding­ten Ab­we­sen­heit Inn­stet­tens zu ver­küm­mern droht, ist die­ses Land der Nähr­bo­den für ei­nen Sei­ten­sprung. Die Fol­gen sind tra­gisch für drei . . . © Gu­ten­berg

Jo­han­na war noch auf, um be­hilf­lich zu sein, und Inn­stet­ten, der auf sei­ne jun­ge Frau nicht we­nig ei­tel war, er­zähl­te Jo­han­na, wie rei­zend die gnä­di­ge Frau aus­ge­se­hen und wie gut sie ge­spielt ha­be. Scha­de, daß er nicht vor­her da­ran ge­dacht, Chris­tel und sie sel­ber und auch die al­te Un­ke, die Kru­se, hät­ten von der Mu­sik­ga­le­rie her sehr gut zu­se­hen kön­nen; es sei­en vie­le da ge­we­sen. Dann ging Jo­han­na, und Ef­fi, die mü­de war, leg­te sich nie­der. Inn­stet­ten aber, der noch plau­dern woll­te, schob ei­nen Stuhl her­an und setz­te sich an das Bett sei­ner Frau, die­se freund­lich an­se­hend und ih­re Hand in der sei­nen hal­tend.

„Ja, Ef­fi, das war ein hüb­scher Abend. Ich ha­be mich amü­siert über das hüb­sche Stück. Und den­ke dir, der Dich­ter ist ein Kam­mer­ge­richts­rat, ei­gent­lich kaum zu glau­ben. Und noch da­zu aus Kö­nigs­berg. Aber wor­über ich mich am meis­ten ge­freut, das war doch mei­ne ent­zü­cken­de klei­ne Frau, die al­len die Köp­fe ver­dreht hat.“

„Ach, Geert, sprich nicht so. Ich bin schon ge­ra­de ei­tel ge­nug.“

„Ei­tel ge­nug, das wird wohl rich­tig sein. Aber doch lan­ge nicht so ei­tel wie die an­de­ren. Und das ist zu dei­nen sie­ben Schön­hei­ten ...“„Sie­ben Schön­hei­ten ha­ben al­le.“„... Ich ha­be mich auch bloß ver­spro­chen, du kannst die Zahl gut mit sich selbst mul­ti­pli­zie­ren.“

„Wie ga­lant du bist, Geert. Wenn ich dich nicht kenn­te, könnt ich mich fürch­ten. Oder lau­ert wirk­lich was da­hin­ter?“

Hast du ein schlech­tes Ge­wis­sen? Sel­ber hin­ter der Tür ge­stan­den?“

„Ach, Geert, ich ängs­ti­ge mich wirk­lich.“Und sie rich­te­te sich im Bett in die Höh und sah ihn starr an. „Soll ich noch nach Jo­han­na klin­geln, daß sie uns Tee bringt? Du hast es so gern vor dem Schla­fen­ge­hen.“

Er küß­te ihr die Hand. „Nein, Ef­fi. Nach Mit­ter­nacht kann auch der Kai­ser kei­ne Tas­se Tee mehr ver­lan­gen, und du weißt, ich mag die Leu­te nicht mehr in An­spruch neh­men als nö­tig. Nein, ich will nichts, als dich an­se­hen und mich freu­en, daß ich dich ha­be. So manch­mal emp­fin­det man’s doch stär­ker, wel­chen Schatz man hat. Du könn­test ja auch so sein wie die ar­me Frau Cram­pas; das ist ei­ne schreck­li­che Frau, ge­gen kei­nen freund­lich, und dich hät­te sie vom Erd­bo­den ver­til­gen mö­gen.“

„Ach, ich bit­te dich, Geert, das bil­dest du dir wie­der ein. Die ar­me Frau! Mir ist nichts auf­ge­fal­len.“

„Weil du für der­lei kei­ne Au­gen hast. Aber es war so, wie ich dir sa­ge, und der ar­me Cram­pas war wie be­fan­gen da­durch und mied dich im­mer und sah dich kaum an. Was doch ganz un­na­tür­lich ist; denn ers­tens ist er über­haupt ein Da­men­mann, und nun gar Da­men wie du, das ist sei­ne be­son­de­re Pas­si­on. Und ich wet­te auch, daß es kei­ner bes­ser weiß als mei­ne klei­ne Frau sel­ber. Wenn ich da­ran den­ke, wie, Par­don, das Ge­schnat­ter hin und her ging, wenn er mor­gens in die Veran­da kam oder wenn wir am Stran­de rit­ten oder auf der Mo­le spa­zie­ren­gin­gen. Es ist, wie ich dir sa­ge, er trau­te sich heu­te nicht, er fürch­te­te sich vor sei­ner Frau. Und ich kann es ihm nicht ver­den­ken. Die Ma­jo­rin ist so et­was wie un­se­re Frau Kru­se, und wenn ich zwi­schen bei­den wäh­len müß­te, ich wüß­te nicht wen.“

„Ich wüßt es schon; es ist doch ein Un­ter­schied zwi­schen den bei­den. Die ar­me Ma­jo­rin ist un­glück­lich, die Kru­se ist un­heim­lich.“

„Und da bist du doch mehr für das Un­glück­li­che?“Ganz ent­schie­den.“„Nun hö­re, das ist Ge­schmacks­sa­che. Man merkt, daß du noch nicht un­glück­lich warst. Üb­ri­gens hat Cram­pas ein Ta­lent, die ar­me Frau zu es­ka­mo­tie­ren. Er er­fin­det im­mer et­was, sie zu Hau­se zu las­sen.“„Aber heu­te war sie doch da.“„Ja, heu­te. Da ging es nicht an­ders. Aber ich ha­be mit ihm ei­ne Par­tie zu Ober­förs­ter Ring ver­ab­re­det, er, Gies­hüb­ler und der Pas­tor, auf den drit­ten Feiertag, und da hät­test du se­hen sol­len, mit wel­cher Ge­schick­lich­keit er be­wies, daß sie, die Frau, zu Hau­se blei­ben müs­se.“„Sind es denn nur Her­ren?“„O be­wah­re. Da würd ich mich auch be­dan­ken. Du bist mit da­bei und noch zwei, drei an­de­re Da­men, die von den Gü­tern un­ge­rech­net. “

„Aber dann ist es doch auch häß­lich von ihm, ich mei­ne von Cram­pas, und so was be­straft sich im­mer.“

„Ja, mal kommt es. Aber ich glau­be, un­ser Freund hält zu de­nen, die sich über das, was kommt, kei­ne grau­en Haa­re wach­sen las­sen.“„Hältst du ihn für schlecht?“„Nein, für schlecht nicht. Bei­nah im Ge­gen­teil, je­den­falls hat er gu­te Sei­ten. Aber er ist so’n hal­ber Po­le, kein rech­ter Ver­laß, ei­gent­lich in nichts, am we­nigs­ten mit Frau­en. Ei­ne Spie­ler­na­tur. Er spielt nicht am Spiel­tisch, aber er ha­sar­diert im Le­ben in ei­nem fort, und man muß ihm auf die Fin­ger se­hen.“

„Es ist mir doch lieb, daß du mir das sagst. Ich wer­de mich vor­se­hen mit ihm.“

„Das tu. Aber nicht zu sehr; dann hilft es nichts. Un­be­fan­gen­heit ist im­mer das bes­te, na­tür­lich das al­ler­bes­te ist Cha­rak­ter und Fes­tig­keit und, wenn ich solch steif­lei­ne­nes Wort brau­chen darf, ei­ne rei­ne See­le.“

Sie sah ihn groß an. Dann sag­te sie: „Ja, ge­wiß. Aber nun sprich nicht mehr, und noch da­zu lau­ter Din­ge, die mich nicht recht froh ma­chen kön­nen. Weißt du, mir ist, als hör­te ich oben das Tan­zen. Son­der­bar, daß es im­mer wie­der­kommt. Ich dach­te, du hät­test mit dem al­lem nur so ge­spaßt.“

„Das will ich doch nicht sa­gen, Ef­fi. Aber so oder so, man muß nur in Ord­nung sein und sich nicht zu fürch­ten brau­chen. “

Ef­fi nick­te und dach­te mit ei­nem Ma­le wie­der an die Wor­te, die ihr Cram­pas über ih­ren Mann als „Er­zie­her“ge­sagt hat­te.

Der Hei­li­ge Abend kam und ver­ging ähn­lich wie das Jahr vor­her; aus Ho­hen-Crem­men ka­men Ge­schen­ke und Brie­fe; Gies­hüb­ler war wie­der mit ei­nem Hul­di­gungs­vers zur Stel­le, und Vet­ter Briest sand­te ei­ne Kar­te: Schnee­land­schaft mit Te­le­gra­fen­stan­gen, auf de­ren Draht ge­duckt ein Vö­gel­chen saß. Auch für An­nie war auf­ge­baut: ein Baum mit Lich­tern, und das Kind griff mit sei­nen Händ­chen da­nach. Inn­stet­ten, un­be­fan­gen und hei­ter, schien sich sei­nes häus­li­chen Glücks zu freu­en und be­schäf­tig­te sich viel mit dem Kin­de. Ros­wi­tha war er­staunt, den gnä­di­gen Herrn so zärt­lich und zugleich so auf­ge­räumt zu se­hen. Auch Ef­fi sprach viel und lach­te viel, es kam ihr aber nicht aus in­ners­ter See­le. Sie fühl­te sich be­drückt und wuß­te nur nicht, wen sie da­für ver­ant­wort­lich ma­chen soll­te, Inn­stet­ten oder sich sel­ber. Von Cram­pas war kein Weih­nachts­gruß ein­ge­trof­fen; ei­gent­lich war es ihr lieb, aber auch wie­der nicht, sei­ne Hul­di­gun­gen er­füll­ten sie mit ei­nem ge­wis­sen Ban­gen, und sei­ne Gleich­gül­tig­kei­ten ver­stimm­ten sie; sie sah ein, es war nicht al­les so, wie’s sein soll­te.

„Du bist so un­ru­hig“, sag­te Inn­stet­ten nach ei­ner Wei­le.

„Ja. Al­le Welt hat es so gut mit mir ge­meint, am meis­ten du; das be­drückt mich, weil ich füh­le, daß ich es nicht ver­die­ne.“

„Da­mit darf man sich nicht quä­len, Ef­fi. »44. Fort­set­zung folgt

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