Ein Hub­schrau­ber mit le­gen­dä­rem Ruf

Wirt­schaft Vor 50 Jah­ren hob erst­mals ei­ne BO 105 ab. Wel­che Rol­le der He­li­ko­pter für Do­nau­wörth spiel­te – und spielt

Donauwoerther Zeitung - - Erste Seite - VON WOLF­GANG WIDEMANN

Vor 50 Jah­ren hob erst­mals ein Hub­schrau­ber ab, der heu­te ei­nen le­gen­dä­ren Ruf ge­nießt. Mehr über die BO 105 auf

Do­nau­wörth Wenn sich ein Pi­lot in ei­ne BO105 setzt, zau­bert ihm dies ein „Lä­cheln“ins Ge­sicht. Das sagt Vol­ker Bau. Er ist Chef­test­pi­lot bei Air­bus in Do­nau­wörth und fliegt re­gel­mä­ßig ei­nen Hub­schrau­ber die­ses Typs. Der ist zwar ein Old­ti­mer am Him­mel, aber „tipp­topp in Schuss“. Vor 50 Jah­ren fand der Erst­flug der BO 105 statt – und zwar in Ot­to­brunn. Vor knapp 40 Jah­ren kon­zen­trier­te der Air­bus-Vor­gän­ger MBB dann die Pro­duk­ti­on in Do­nau­wörth. 2001 en­de­te die Se­ri­en­her­stel­lung. Heu­te sind noch im­mer vie­le BO105 in Be­trieb, ei­ne von ih­nen im hie­si­gen Werk. Sie wird für Schu­lungs- und Trai­nings­zwe­cke ver­wen­det. Oder sie dient als Be­gleit­he­li­ko­pter, wenn Fil­mund Fo­to­auf­nah­men von an­de­ren Hub­schrau­bern wäh­rend des Flugs ge­macht wer­den.

Das „Lä­cheln“der Pi­lo­ten er­klärt Bau mit „ei­ner ge­wis­sen Nost­al­gie und Lei­den­schaft“, denn in der BO 105 sei noch al­les „Hand­ar­beit“. Sprich: Hier müs­se der Pi­lot noch al­les sel­ber ma­chen. Vor ihm be­fin­den sich Dut­zen­de von run­den An­zei­gen und Schal­tern im Cock­pit – und kein Au­to­pi­lot und kei­ne an­de­ren elek­tro­ni­schen Hel­fer, wie sie bei­spiels­wei­se das ak­tu­el­le Nach­fol­ge­mo­dell H135 hat.

An die­sem Di­ens­tag steht die BO 105 mit der Se­ri­en­num­mer 206 vor der Kan­ti­ne des Air­bus-Werks, flan­kiert von zwei be­reits aus­ran­gier­ten Schwes­ter­ma­schi­nen, die der Lehr­werk­statt als An­schau­ungs­ob­jek­te die­nen. Die drei Hub­schrau­ber sind Teil ei­ner Aus­stel­lung, wel­che die Lehr­lin­ge an­läss­lich des BO-105-Ju­bi­lä­ums auf die Bei­ne ge­stellt ha­ben. Auf die­se Wei­se wird für die heu­te rund 6800 Mit­ar­bei­ter der Fa­b­rik sicht­bar, wel­che Be­deu­tung die­se Ma­schi­nen für den Stand­ort ha­ben.

Als Gast ge­la­den ist zu die­sem Er­eig­nis Ru­dolf Squar­ra. Der ehe­ma­li­ge Kon­zern­mit­ar­bei­ter war von 1971 an in ver­schie­de­nen Funk­tio­nen an der Ver­mark­tung des He­li- kop­ters be­tei­ligt, den Ge­schäfts­füh­rer Wolf­gang Scho­der als „Weg­be­rei­ter der mo­der­nen Hub­schrau­ber­tech­no­lo­gie“be­zeich­net. Als die Bun­des­wehr in den 1970er-Jah­ren gleich über 200 Ex­em­pla­re be­stell­te (zu­nächst für Ver­bin­dungs-und Be­ob­ach­tungs­zwe­cke, dann auch zur Pan­zer­ab­wehr), war dies Squar­ra zu­fol­ge „der Durch­bruch für den Welt­markt“.

In den über 30 Jah­ren der Se­ri­en­fer­ti­gung (1970 bis 2001) or­der­ten Kun­den aus mehr als 50 Län­dern die BO 105. In Do­nau­wörth wur­den zu­nächst nur ein­zel­ne Kom­po­nen­ten ge­baut. Nach und nach kam die kom­plet­te Pro­duk­ti­on nach Nord­schwa­ben und si­cher­te hier vie­le Ar­beits­plät­ze. 1978 wur­de die ers­te voll­stän­dig in der Do­nau­wör­ther Fa­b­rik ent­stan­de­ne Ma­schi­ne aus­ge­lie­fert. Am En­de wa­ren es gut 1400 ver­kauf­te Ex­em­pla­re. 900 da­von ent­stan­den in Do­nau­wörth, an­de­re auf den Phil­ip­pi­nen, in In­do­ne­si­en, Spa­ni­en und Ka­na­da, wo lo­ka­le Her­stel­ler Li­zen­zen er­war­ben. Ru­dolf Squar­ra reis­te für die BO105 auch in fer­ne Län­der: „Ich könn­te Bü­cher schrei­ben über das, was ich er­lebt ha­be.“Ein Bei­spiel: En­de der 1970er-Jah­re saß Squar­ra im Rah­men ei­ner Pi­lo­ten­aus­bil­dung in Ni­ge­ria mit in ei­ner Ma­schi­ne. „Ir­gend­wo im Busch“muss­te die­se zwi­schen­lan­den, um be­tankt zu wer­den. Doch es ha­be dort kei­nen Sprit ge­ge­ben. Aus ei­ner Men­schen­men­ge her­aus sei ein Ein­hei­mi­scher plötz­lich split­ter­nackt auf den Hub­schrau­ber zu­ge­rannt, ha­be ei­ne der Schie­be­tü­ren re­gel­recht aus den An­geln ge­ris­sen und sich in die Ma­schi­ne ge­setzt. Meh­re­re Si­cher­heits­kräf­te sei­en nö­tig ge­we­sen, um den Mann wie­der aus dem He­li­ko­pter zu zer­ren. War­um der Afri­ka­ner den Drang ver­spür­te, in die BO105 zu ge­lan­gen, weiß der 76-Jäh­ri­ge bis heu­te nicht.

Dass noch im­mer cir­ca 400 BO 105 lau­fen be­zie­hungs­wei­se flie­gen, er­klärt Ge­schäfts­füh­rer Scho­der mit der Viel­sei­tig­keit, Ro­bust­heit und Zu­ver­läs­sig­keit des Hub­schrau­bers. So ver­setzt die BO105 durch ih­re ex­tre­me Wen­dig­keit bei Kunst­flug­shows das Pu­bli­kum noch im­mer in Stau­nen: Mit der Ma­schi­ne sind Lo­o­pings mög­lich. Das dienst­äl­tes­te Ex­em­plar ist dem Un­ter­neh­men zu­fol­ge als „Ar­beits­ma­schi­ne“auf den Fal­k­land-In­seln im süd­li­chen At­lan­tik im Ein­satz. Als Ret­tungs­hub­schrau­ber ist die BO105 bei­spiels­wei­se noch in Pe­ru in der Luft. Die Pi­lo­ten von dort wer­den heu­er in Do­nau­wörth zu ei­ner Auf­fri­schungs­schu­lung und zu Trai­nings­flü­gen er­war­tet.

Ei­ne ge­brauch­te BO105 wer­de für et­wa 500000 Eu­ro ge­han­delt, weiß Vol­ker Bau. Air­bus bie­tet nach wie vor den Ser­vice für den Hub­schrau­ber und „ga­ran­tiert lang­fris­tig die Lie­fe­rung von Er­satz­tei­len“.

Fo­tos: Wolf­gang Widemann

„Hier muss der Pi­lot al­les sel­ber ma­chen.“Vol­ker Bau, Chef­test­pi­lot bei Air­bus in Do­nau­wörth, im Cock­pit ei­ner BO 105, die im hie­si­gen Werk noch im­mer im Ein­satz ist.

Fo­to: Air­bus

Im Fe­bru­ar 1967 hob die BO 105 erst­mals of­fi­zi­ell ab. Rund 1400 Ma­schi­nen die­ses Typs wur­den in den fol­gen­den 34 Jah­ren pro­du­ziert.

Ei­gens la­ckiert ha­ben die Aus­zu­bil­den­den von Air­bus die­se Ma schi­ne, die der Lehr­werk­statt als An­schau­ungs­ob­jekt dient.

Die­se BO 105, Bau­jahr 1975, wird von Air­bus in Do­nau­wörth nach wie vor ein­ge­setzt.

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