Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (37)

Donauwoerther Zeitung - - Wetter | Roman -

Ein Ach­sel­zu­cken, dann ein brei­tes, im­mer ent­zü­cken­de­res Lä­cheln – als woll­te sie sa­gen: War­ten wir’s ab.

Aber da gab es nichts ab­zu­war­ten, je­den­falls nicht für Tom. Er kann­te sich mit Kin­dern nicht aus, und selbst wenn er in ei­ner Zwölf­zim­mer­vil­la ge­wohnt und ei­nen gan­zen Stab Di­enst­bo­ten ge­habt hät­te, hät­te er im­mer noch nicht das ge­rings­te In­ter­es­se dar­an ge­habt, zum Er­satz­va­ter sei­ner Nich­te zu wer­den. Ein nor­ma­les Kind wä­re schon schwie­rig ge­nug ge­we­sen, aber ein Kind, das sich wei­ger­te, zu spre­chen, und hart­nä­ckig kei­ner­lei Aus­kunft über sich gab, war schlicht­weg aus­ge­schlos­sen. Und doch – was soll­te er ma­chen? Fürs Ers­te hat­te er sie am Hals, und wenn er sie nicht da­zu brin­gen konn­te, ihm zu ver­ra­ten, wo ih­re Mut­ter steck­te, wür­de er sie so bald auch nicht wie­der los. Das be­deu­te­te nicht, dass er Lu­cy nicht moch­te oder ihm ihr Wohl­er­ge­hen gleich­gül­tig war; ihm war nur klar, dass

sie an den Fal­schen ge­ra­ten war. Von al­len, die auch nur ent­fernt mit ihr zu tun hat­ten, war er der Schlech­tes­te für die­sen Job.

Auch mir lag nichts dar­an, mich um sie zu küm­mern, aber im­mer­hin hat­te ich in mei­ner Woh­nung ein zu­sätz­li­ches Zim­mer, und als Tom mich im Lauf des Vor­mit­tags

an­rief und mir (mit Pa­nik in der Stim­me, fast schon krei­schend) von sei­ner miss­li­chen La­ge be­rich­te­te, er­klär­te ich mich be­reit, sie auf­zu­neh­men, bis wir ei­ne Lö­sung für das Pro­blem ge­fun­den hät­ten. Kurz nach elf ka­men die bei­den bei mir in der First Street an. Lu­cy lä­chel­te, als Tom sie ih­rem Groß­on­kel Nat vor­stell­te, und schien zu­frie­den den Be­grü­ßungs­kuss ent­ge­gen­zu­neh­men, den ich ihr auf den Schei­tel setz­te, doch es zeig­te sich schnell, dass sie mit mir of­fen­bar eben­so we­nig re­den woll­te wie mit ihm. Ich hat­te ge­hofft, ihr ein paar Wor­te ent­lo­cken zu kön­nen, aber sie ant­wor­te­te nur mit Ni­cken oder Kopf­schüt­teln, wie sie es auch schon bei Tom ge­tan hat- te. Ei­ne selt­sa­me, be­un­ru­hi­gen­de klei­ne Per­son. Ich war kein Fach­mann für Kin­der­psy­cho­lo­gie, den­noch schien es mir si­cher, dass phy­sisch und psy­chisch al­les mit ihr in Ord­nung war. Kei­ne Ent­wick­lungs­hem­mung, kei­ne An­zei­chen von Au­tis­mus, nichts Or­ga­ni­sches, das ih­re Kom­mu­ni­ka­ti­on mit an­de­ren be­ein­träch­tig­te. Sie sah ei­nem of­fen in die Au­gen, ver­stand al­les, was man sag­te, und lä­chel­te so oft und herz­lich, dass es für zwei ge­reicht hät­te. Was al­so war mit ihr? Hat­te sie ir­gend­ein furcht­ba­res Trau­ma er­lit­ten, das ihr buch­stäb­lich die Spra­che ver­schla­gen hat­te? Oder hat­te sie aus Grün­den, die bis auf wei­te­res un­er­forsch­lich wa­ren, ein Schwei­ge­ge­lüb­de ab­ge­legt, sich frei­wil­lig zum Stumm­sein ver­pflich­tet, um ih­re Wil­lens­kraft und ih­ren Mut auf die Pro­be zu stel­len – ein Kin­der­spiel, des­sen sie ir­gend­wann über­drüs­sig wer­den wür­de? Ihr Ge­sicht und ih­re Ar­me wa­ren frei von Blut­er­güs­sen, aber ich nahm mir vor, sie mög­lichst bald zu ei­nem Bad zu über­re­den, um mir auch den Rest ih­res Kör­pers an­zu­se­hen. Nur um mich da­von zu über­zeu­gen, dass nie­mand sie ge­schla­gen oder miss­han­delt hat­te.

Ich setz­te sie vor den Fern­se­her im Wohn­zim­mer und stell­te ihr ei­nen Sen­der an, der rund um die Uhr Trick­fil­me zeig­te. Ih­re Au­gen leuch­te­ten auf, als sie die Zei­chen­trick­fi­gu­ren über den Bild­schirm pur­zeln sah – ih­re Be­geis­te­rung

schien mir ein Hin­weis dar­auf, dass sie sonst nicht oft vor dem Fern­se­her saß, was mich wie­der­um an Da­vid Mi­nor und sei­ne stren­gen re­li­giö­sen Grund­sät­ze den­ken ließ. Hat­te Au­ro­ras Mann den Fern­se­her aus dem Haus ver­bannt? Wa­ren sei­ne Über­zeu­gun­gen so stark, dass er sei­ne Ad­op­tiv­toch­ter vor dem wahn­sin­ni­gen Kar­ne­val der ame­ri­ka­ni­schen Pop­kul­tur be­schüt­zen woll­te – vor die­sem gott­lo­sen Schund und Schrott, der sich end­los aus je­der Bild­röh­re des Lan­des er­goss? Schon mög­lich. So­lan­ge Lu­cy uns nicht er­zähl­te, wo sie leb­te, wür­den wir nichts über Mi­nor er­fah­ren, und fürs Ers­te sag­te sie kein ein­zi­ges Wort. Tom hat­te aus dem T-Shirt auf Kan­sas Ci­ty ge­schlos­sen, aber da sie das we­der be­stä­tigt noch ver­neint hat­te, woll­te sie of­fen­bar nicht, dass wir es er­fuh­ren – ein­fach aus Angst, dass wir sie zu­rück­schi­cken wür­den. Schließ­lich war sie von zu Hau­se weg­ge­lau­fen, und glück­li­che Kin­der lau­fen nun ein­mal nicht von zu Hau­se weg. So viel war si­cher, ob es bei ihr zu Hau­se ei­nen Fern­se­her gab oder nicht.

Lu­cy saß im Wohn­zim­mer auf dem Fuß­bo­den, aß Pis­ta­zi­en und sah sich ei­ne Fol­ge von In­spec­tor Gad­get an, und Tom und ich zo­gen uns in die Kü­che zu­rück, wo sie uns nicht hö­ren konn­te. Wir be­spra­chen uns gut drei­ßig, vier­zig Mi­nu­ten lang, aber da­bei kam nur her­aus, dass un­se­re Ver­wir­rung und Sor­ge im­mer mehr zu­nahm. So vie­le Rät­sel und Un­wäg­bar­kei­ten, so we­nig Hin­wei­se, aus de­nen man auf ir­gend­et­was Ein­leuch­ten­des schlie­ßen konn­te. Wo­her hat­te Lu­cy das Geld für die Rei­se? Wo­her hat­te sie Toms Adres­se? Hat­te ih­re Mut­ter ihr bei der Flucht ge­hol­fen, oder hat­te sie sich still und heim­lich aus dem Staub ge­macht? Und falls Au­ro­ra da­hin­ter steck­te - war­um hat­te sie Tom nicht vor­her an­ge­ru­fen oder Lu­cy we­nigs­tens ei­nen Brief mit­ge­ge­ben? Viel­leicht hat­te es ei­nen Brief ge­ge­ben, mein­ten wir, und Lu­cy hat­te ihn ver­lo­ren. Wie auch im­mer, was sag­te uns Lu­cys Flucht über Au­ro­ras Ehe? War sie die Ka­ta­stro­phe, die wir bei­de fürch­te­ten, oder hat­te Toms Schwes­ter am En­de doch den hei­li­gen Geist emp­fan­gen und sich der Welt­sicht ih­res Man­nes an­ge­schlos­sen? An­de­rer­seits, wenn es in der Fa­mi­lie tat­säch­lich har­mo­nisch zu­ging - was mach­te die Toch­ter dann jetzt in Brook­lyn? So be­weg­ten wir zwei uns im­mer­zu im Kreis und re­de­ten und re­de­ten, oh­ne Ant­wort auf ei­ne ein­zi­ge Fra­ge zu fin­den.

„Kommt Zeit, kommt Rat“, sag­te ich schließ­lich, um der Quä­le­rei ein En­de zu ma­chen. „Aber im­mer der Rei­he nach. Wir müs­sen et­was fin­den, wo wir sie un­ter­brin­gen kön­nen. Bei dir kann sie nicht blei­ben, bei mir auch nicht. Al­so, was ma­chen wir?“

„Ich ge­be sie nicht ins Heim, falls du das meinst“, sag­te Tom.

„Nein, na­tür­lich nicht. Aber ir­gend­ei­ner von un­se­ren Be­kann­ten wird sie doch bei sich auf­neh­men kön­nen. Vor­über­ge­hend, mei­ne ich. Bis es uns ge­lingt, Au­ro­ra auf­zu­spü­ren.“

„Das ist ziem­lich viel ver­langt, Nat­han. Das könn­te Mo­na­te dau­ern. Oder ewig.“

„Was ist mit dei­ner Stief­schwes­ter?“„Du meinst Pa­me­la?“„Du hast doch ge­sagt, der geht es gut. Gro­ßes Haus in Ver­mont, zwei Kin­der, der Mann An­walt. Wenn du ihr sagst, es ist nur für die­sen ei­nen Som­mer, macht sie’s viel­leicht.“

„Sie kann Ro­ry nicht aus­ste­hen. Wie al­le Zorns. Wie kä­me sie da­zu, sich für Ro­rys Toch­ter zu en­ga­gie­ren?“

„Aus Mit­ge­fühl. Aus Groß­mut. Du hast ge­sagt, sie sei mit den Jah­ren bes­ser ge­wor­den. Nun, wenn ich ver­spre­che, für die Kos­ten auf­zu­kom­men, be­trach­tet sie die Sa­che viel­leicht als ge­mein­sa­mes Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men. Wir al­le zie­hen für das Ge­mein­wohl an ei­nem Strang.“ »38. Fort­set­zung folgt

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben... Deut­sche Über­set­zung von Wer­ner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Ver­lag Gm­bH, Rein­bek bei Ham­burg

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.