Wie Rad­ler und Au­tos mit­ein­an­der klar­kom­men

In­ter­view Der Mem­min­ger Man­fred Neun ist Eu­ro­pas Chef-Lob­by­ist für Fahr­rad­fah­rer. Er er­klärt, wie für ihn der Ver­kehr der Zu­kunft aus­sieht, wel­che Re­gio­nen Vor­bil­der sind und war­um er das Ra­deln zur Ar­beit emp­fiehlt

Donauwoerther Zeitung - - Bayern -

Herr Neun, Deutsch­land ist das Land der Au­to­fah­rer. Ihr Bü­ro hier liegt di­rekt an der Au­to­bahn. Aber als Prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen Rad­fah­rerVer­ban­des, al­so als Chef-Lob­by­ist, ge­hört Ihr Herz den Rad­lern. Wol­len Sie den Men­schen mit Ih­rer Ar­beit das Au­to­fah­ren ver­mie­sen? Man­fred Neun: Ers­tens ver­mie­sen sich die Men­schen selbst das Au­to­fah­ren, in­dem sie Staus pro­du­zie­ren. Zwei­tens: Die Au­to­in­dus­trie be­ginnt ja selbst schon, das sin­ken­de Schiff zu ver­las­sen, Stichwort: au­to­no­mes Fah­ren. Und wenn es um Ar­beits­plät­ze geht: Ich ken­ne Au­to­mo­bil­zu­lie­fe­rer, bei de­nen macht der Au­to­an­teil kei­ne 20 Pro­zent mehr aus, weil sie ge­lernt ha­ben, sich brei­ter auf­zu­stel­len. Die ori­en­tie­ren sich al­so auch neu. Und drit­tens: Wir ver­mie­sen nicht das Au­to­fah­ren, son­dern ma­chen das Rad­fah­ren at­trak­tiv. Da­durch, dass die irr­sin­ni­ge Schief­la­ge in der Ver­kehrs-In­fra­struk­tur end­lich be­sei­tigt wird. Dass wir den tol­len Fahr­rad-Pro­duk­ten, die hier ent­ste­hen, den nö­ti­gen Raum ge­ben. Und dass sich die Po­li­tik end­lich um ak­ti­ve Mo­bi­li­tät küm­mert, um Rad­fah­ren und Zu­fuß­ge­hen. Hier geht es nicht nur um Ver­kehr, son­dern auch um Ge­sund­heit und das so­zia­le Mit­ein­an­der.

Das Fahr­rad wird am heu­ti­gen Mon­tag 200 Jah­re alt. Es boomt wie nie zu­vor. Neh­men wir un­se­re Re­gi­on: Wür­den Sie sa­gen, sie ist trotz der Be­deu­tung des Au­tos ei­ne Fahr­rad­re­gi­on? Neun: Ja, das sind wir. Und wir sind in den letz­ten, sa­gen wir zehn Jah­ren auch schon viel bes­ser ge­wor­den. Im Tou­ris­mus­be­reich et­wa. Wenn ich al­lein an den Land­kreis Un­ter­all­gäu den­ke, der sein Netz mit EU-Geldern aus­ge­baut hat. Die Stadt Mem­min­gen hat dann vor ein paar Jah­ren das Netz kom­plet­tiert. Jetzt pro­fi­tiert der Tou­ris­mus zu­sätz­lich durch die E-Bi­kes, vie­le Leu­te ma­chen ja heu­te da­mit Ur­laub. Dann führt auch ein Teil des eu­ro­päi­schen Fern­rad­net­zes durch die Re­gi­on, ent­lang der Do­nau. Ein Man­ko ist, dass durchs All­gäu noch kei­ne eu­ro­päi­sche Fern­rei­se­rou­te führt. Das ist noch so ein klei­ner Traum von mir.

Aber das Netz al­lein macht noch kei­ne Fahr­rad­re­gi­on aus. Neun: Stimmt. Hin­zu kommt, dass das Fahr­rad im All­tag im­mer be­deu­ten­der wird. Dass Mem­min­gen so le­ben­dig ist, liegt auch dar­an, dass die Stadt mit dem Fahr­rad so gut zu er­rei­chen ist. Wir kön­nen durch Stu­di­en be­le­gen, dass in In­nen­städ­ten, die fahr­rad­freund­lich sind, der Ein­zel­han­del pro­fi­tiert. Wer es ge­wohnt ist, mit dem Rad ein­kau­fen zu ge­hen, ist qua­li­täts- und fri­scheori­en­tier­ter. Im­mer mehr Be­rufs­tä­ti­ge fah­ren mit dem Rad zur Ar­beit. Das al­les macht ei­ne Fahr­rad­re­gi­on aus.

Wo lie­gen noch die größ­ten Pro­ble­me? Neun: Wir kön­nen und müs­sen das Fahr­rad­netz wei­ter ver­bes­sern, vor al­lem des­sen Qua­li­tät. Al­so dass nicht ir­gend­wo ab­rupt ein Rad­weg en­det. Dass die Fir­men an­ge­schlos­sen sind. Dass es ge­nü­gend Ab­stell­plät­ze gibt, auch Bo­xen für hoch­wer­ti­ge Rä­der. Und: In den mit­tel­gro­ßen Städ­ten ist der öf­fent­li­che Fahr­rad-Ser­vice noch schwach aus­ge­prägt, welt­weit wächst er ra­sant.

Auf der an­de­ren Sei­te ha­ben Sie mal in ei­nem In­ter­view mit un­se­rer Zei­tung ge­sagt, Augs­burg ha­be noch gro­ßen Nach­hol­be­darf. Jetzt zeigt ei­ne Um­fra­ge des Rad­klubs ADFC, dass die Stadt wohl Fort­schrit­te ge­macht hat. Neun: Es ist ei­ne Freu­de zu se­hen, was mach­bar ist. Das liegt an der Po­li­tik, wenn er­kannt wird, dass die­ses The­ma wich­tig ist. Für die Men­schen, für den Wert ei­ner Stadt. Vie­le Kom­mu­nen ha­ben das ka­piert, die gro­ße Po­li­tik in Berlin lei­der noch nicht. Es liegt aber auch dar­an, dass es per se mehr Rad­ler gibt. Da­mit steigt der Druck auf die Kom­mu­nen. Augs­burg ist heu­te si­cher­lich viel wei­ter als noch vor zehn Jah­ren.

Wie sieht für Sie das idea­le Ver­kehrs­kon­zept der Zu­kunft aus? Neun: Ers­tens brau­chen wir ei­ne fai­re Platz­ver­tei­lung. Dann gu­te Lö­sun­gen, wie sie in fahr­rad­freund­li­chen Kom­mu­nen vor­ge­macht wer­den. Da­bei gibt es gro­ße De­bat­ten dar­über, ob ei­ne Ver­kehr­st­ren­nung die bes­te Lö­sung ist, al­so vom mo­to­ri­sier­ten Ver­kehr ab­ge­trenn­te Rad­we­ge, oder der Ver­kehrs­mix, die An­pas­sung all de­rer, die un­ter­wegs sind. Wenn ich An­pas­sung ver­hin­de­re, kann das zu Ri­si­ken füh­ren. Bei­spiel: Ich ha­be an ei­ner Haupt­ver­kehrs­stra­ße ent­lang ei­nen Rad­weg, ha­be aber die Kreu­zung nicht an­stän­dig ge­löst bei die­ser Tren­nung. Dann ha­ben al­le ein Pro­blem.

Und wie lässt sich das lö­sen? Neun: In den Köp­fen der Ver­kehrs­pla­ner ist noch im­mer das Au­to zu do­mi­nant. Sie den­ken noch im­mer zu sehr in den Ka­te­go­ri­en der Ver­kehr­st­ren­nung, wo es gar nicht not­wen­dig wä­re. Ei­ne Lö­sung wä­re ein 30-St­un­den­ki­lo­me­ter-Kon­zept, das das EU-Par­la­ment vor ein paar Jah­ren emp­foh­len hat. Wi­en zum Bei­spiel hat den Stan­dard ge­schaf­fen: 30 km/h Höchst­ge­schwin­dig­keit in al­len Wohn­ge­bie­ten, 50, 60 oder 70 auf den Haupt­ver­kehrs­ach­sen, den Ma­gis­tra­len. Im Üb­ri­gen muss ich dort die Rad­we­ge nicht ent­lang lau­fen las­sen. Rad­schnell­we­ge kön­nen ei­gen­stän­dig po­si­tio­niert sein. Die Nie­der­lan­de ma­chen das vor.

Und wie kom­men Au­tos, Rad­ler und Fuß­gän­ger mit­ein­an­der klar? Neun: In Mem­min­gens In­nen­stadt gibt es Stel­len, da dür­fen al­le durch – aber nur in Schritt­ge­schwin­dig­keit. Das klappt, und ich ha­be ei­ne le­ben­di­ge Stadt, weil nie­mand aus­ge­schlos­sen wird. Oder: Es gibt ei­ne Mög­lich­keit, die ich smar­te Ver­kehr­st­ren­nung nen­ne. In Bern in der Schweiz gibt es ei­ne Stra­ße, die war mal ei­ne Haupt­ein­fall­stra­ße mit vier Spu­ren. Die klei­nen Ge­schäf­te ent­lang der Stre­cke wa­ren al­le tot, weil kei­ner an­hielt und sie nicht mehr zu über­que­ren war. Die Ber­ner ha­ben nun aus den vier Au­to­spu­ren zwei ge­macht und in der Mit­te ei­nen zwei Me­ter brei­ten Fuß­weg ge­schaf­fen, da­zu rechts und links je ei­nen Rad­weg. Und es gibt ei­nen Kreis­ver­kehr, in den Au­tos und Rad­ler gleich­be­rech­tigt ein­fä­deln. Je­der nimmt auf den an­de­ren Rück­sicht.

Und was hat es ge­bracht? Neun: Der Ver­kehr ist nicht we­ni­ger ge­wor­den. Aber er staut sich we­ni­ger, weil der Ab­fluss aus dem Kreis­ver­kehr flüs­sig geht und es auf der Gera­den kei­ne Ab­bie­ger mehr gibt. Und: Die klei­nen Ge­schäf­te sind zu­rück­ge­kehrt, weil die Fuß­gän­ger jetzt die Sei­ten que­ren kön­nen. So ei­nen Mit­tel­strei­fen für Fuß­gän­ger ha­be ich auch erst in Ulm ge­se­hen.

Und was ist mit dem länd­li­chen Raum? Neun: Hier ist ent­schei­dend, dass das Zu­sam­men­spiel et­wa von öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln und Fahr­rad funk­tio­niert. Da hin­ken wir hin­ter­her. Und dann na­tür­lich der Netz­aus­bau, da ist noch vie­les denk­bar.

Die Me­di­en­grup­pe Pres­se­druck, in der un­se­re Zei­tung er­scheint, ist Augs­burgs ers­tes Un­ter­neh­men, das ge­ra­de vom ADFC als fahr­rad­freund­li­cher Ar­beit­ge­ber zer­ti­fi­ziert wor­den ist. Was ha­ben Fir­men da­von, wenn sie das Ra­deln ih­rer Mit­ar­bei­ter un­ter­stüt­zen? Neun: Gra­tu­la­ti­on erst mal da­zu, Ihr Un­ter­neh­men wird da­von pro­fi­tie­ren. Nicht nur, weil klar er­wie­sen ist, dass Be­schäf­tig­te, die mit dem Rad zur Ar­beit fah­ren, ge­sün­der und mo­ti­vier­ter sind. Son­dern auch pro­duk­ti­ver und sel­te­ner krank. Bei­des rech­net sich be­triebs­wirt­schaft­lich für ei­ne Fir­ma. Ich ken­ne ei­ne Spe­di­ti­on in Ös­ter­reich. Seit die das Rad­fah­ren ih­rer Mit­ar­bei­ter för­dert, sind die­se we­ni­ger ge­stresst und ein­fach bes­ser. Ei­ne Fir­ma, die ihr Geld auf der Stra­ße ver­dient, stel­len Sie sich das vor! Al­le Un­ter­neh­men, die bis­her auf die­sem Feld Er­fah­run­gen ge­sam­melt ha­ben, sind bes­ser als Mit­be­wer­ber. Das ist be­triebs­wirt­schaft­li­ches Kal­kül.

Und Sie selbst? Sie sind heu­te doch nicht mit dem Au­to ins Bü­ro ge­fah­ren? Neun: Na­tür­lich nicht. Das schwar­ze Ci­ty­bike un­ten am Aus­gang ist mei­nes, das wei­ße das mei­ner Frau. Sie fährt je­den Tag. Das schaf­fe ich dann doch nicht. In­ter­view: Andre­as Frei

Fo­to: Ar­ne De­dert, dpa

Wie soll man da durch­kom­men? Es geht, sagt Man­fred Neun, Prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen Rad­fah­rer Ver­ban­des – wenn man in­tel­li­gen­te Ver­kehrs­kon­zep­te schafft, von de­nen al­le et­was ha­ben.

Man­fred Neun, 66, ist seit 2005 Prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen Rad­fah­rer Ver­ban­des. Der heu­ti­ge Un­ter­neh­mens­be­ra­ter war 22 Jah­re lang Chef des frü­he­ren Rad­her­stel­lers Epp­le in Mem min­gen. Dort lebt er auch.

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