Af­gha­nen vor un­ge­wis­ser Zu­kunft

Asyl 340 Flücht­lin­ge vom Hin­du­kusch le­ben im Land­kreis. Die Si­cher­heits­la­ge in ih­rer Hei­mat wird der­zeit neu be­wer­tet, so­lan­ge wird nicht ab­ge­scho­ben. Neu­ig­kei­ten bei Zwil­lin­gen Qur­ba­ni

Donauwoerther Zeitung - - Donauwörth - VON MA­NU­EL WEN­ZEL

Do­nau­wörth Der Fall hat vor ei­ni­gen Mo­na­ten gro­ßes Auf­se­hen auch weit au­ßer­halb Do­nau­wörths er­regt: Sa­ber Qur­ba­ni soll in sein Hei­mat­land Af­gha­nis­tan ab­ge­scho­ben wer­den, wäh­rend Li­na, die Zwil­lings­schwes­ter des jun­gen Man­nes, blei­ben darf. Ihr wur­de die so­ge­nann­te Flücht­lings­ei­gen­schaft zu­er­kannt, die ihr ei­ne Auf­ent­halts­er­laub­nis in Deutsch­land für drei Jah­re ge­währt. Für ih­ren Bru­der da­ge­gen kam im ver­gan­ge­nen Som­mer der Ab­schie­bungs­be­scheid, ge­gen den we­nig spä­ter Kla­ge ein­ge­reicht wur­de. Ver­han­delt wur­de die Sa­che bis­her nicht, die Qur­ba­nis war­ten wei­ter auf Ant­wort vom Ver­wal­tungs­ge­richt Augs­burg.

Wäh­rend­des­sen hat vor et­was mehr als ei­ner Wo­che ein An­schlag in der af­gha­ni­schen Haupt­stadt Kabul mehr als 150 Men­schen das Le­ben ge­kos­tet, wei­te­re Ge­walt­ta­ten mit To­des­op­fern folg­ten an den Ta­gen dar­auf. Dies hat die Bun­des­re­gie­rung in Berlin da­zu be­wo­gen, ei­nen vor­läu­fi­gen Ab­schie­be­stopp nach Af­gha­nis­tan – au­ßer für Straf­tä­ter und ter­ro­ris­ti­sche Ge­fähr­der – zu er­las­sen. Die Si­cher­heits­la­ge im Land am Hin­du­kusch müs­se durch das Aus­wär­ti­ge Amt erst neu be­wer­tet wer­den. Die Fra­ge da­bei bleibt die glei­che wie im­mer: Sind Ab­schie­bun­gen nach Af­gha­nis­tan zu­mut­bar? Dar­über ge­hen be­reits seit Län­ge­rem die Mei­nun­gen in­ner­halb der Par­tei­en und auch der Bun­des­län­der aus­ein­an­der. Bis zu den jüngs­ten An­schlä­gen hat­ten nach Auf­fas­sung der Bun­des­re­gie­rung ei­ni­ge Ge­bie­te in Af­gha­nis­tan als aus­rei­chend si­cher ge­gol­ten.

Mas­si­ve Be­dro­hun­gen

„Dort ist es schlimm, sehr ge­fähr­lich“, sagt Va­ter Na­vid Qur­ba­ni, der seit et­was mehr als zwei Jah­ren mit sei­ner ins­ge­samt acht­köp­fi­gen Fa­mi­lie in Do­nau­wörth lebt. 2014 wa­ren die Qur­ba­nis aus ih­rer Hei­mat­stadt Ma­sar-i-Sha­rif ge­flo­hen, weil sie dort mas­siv be­droht wor­den wa­ren. Die Fa­mi­lie woll­te nicht, dass Toch­ter Li­na zwangs­ver­hei­ra­tet wird. Im Ho­tel Vik­to­ria in der Gro­ßen Kreis­stadt ha­ben sie ein neu­es Zu­hau­se ge­fun­den. „Hier geht es uns gut“, be­tont Na­vid Qur­ba­ni ge­gen­über un­se­rer Zei­tung.

Sei­ne Toch­ter Li­na wohnt al­ler­dings nicht mehr in Do­nau­wörth. Sie ist vor rund drei Mo­na­ten nach Al­zenau (Land­kreis Aschaf­fen­burg) ge­zo­gen, lebt dort bei ei­ner deut­schen Fa­mi­lie, die sich seit meh­re­ren Jah­ren in der Flücht­lings­hil­fe en­ga­giert. Der Kon­takt war über ein so­zia­les Netz­werk zu­stan­de ge­kom­men. „Sie hel­fen mir sehr bei der Su­che nach ei­ner Lehr­stel­le“, sagt Li­na Qur­ba­ni via Te­le­fon. Und ihr Bru­der Sa­ber? Der ar­bei­te wie Cou­sin Ali Sa­fa – er war mit der Fa­mi­lie nach Deutsch­land ge­kom­men und soll eben­falls ab­ge­scho­ben wer­den – nach wie vor bei ei­ner Zeit­ar­beits­fir­ma im Land­kreis. „Sie müs­sen war­ten auf Nach­rich­ten vom Gericht, hof­fent­lich gu­te“, sagt Li­na.

Auf ei­nen po­si­ti­ven Aus­gang ih- res Asyl­ver­fah­rens hof­fen frei­lich vie­le der Af­gha­nen, die in der Re­gi­on le­ben. En­de Mai wa­ren im Do­nau-Ries-Kreis et­wa 70 af­gha­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge in zen­tra­len Un­ter­künf­ten un­ter­ge­bracht, wei­te­re rund 270 in de­zen­tra­len Ein­rich­tun­gen. Das teilt die Re­gie­rung von Schwa­ben auf Nach­fra­ge mit. De­ren zen­tra­le Aus­län­der­be­hör­de ist für Ab­schie­bun­gen be­stands­kräf­tig ab­ge­lehn­ter af­gha­ni­scher Asyl­be­wer­ber fe­der­füh­rend zu­stän­dig, nicht et­wa das Land­rats­amt. Wie vie­le Af­gha­nen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren aus der Re­gi­on wie­der nach Hau­se ge­schickt wur­den, kön­ne man nicht sa­gen. „Ei­ne ab­ruf­ba­re Ge­samt­zahl dif­fe­ren­ziert nach Na­tio­na­li­tä­ten so­wie be­zo­gen auf ein be­stimm­tes Zeit­fens­ter ha­ben wir nicht“, heißt es von der Re­gie­rung. Ei­ne Ab­schie­bung kom­me im­mer erst dann in Be­tracht, wenn ein aus­län­di­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger sei­ner Aus­rei­se­pflicht nicht frei­wil­lig nach­kommt. „Die Mehr­heit der Be­trof­fe­nen reist je­doch frei­wil­lig aus“, in­for­miert die Be­hör­de aus Augs­burg.

Die­sen Schritt hat­te sich auch der Rest der Fa­mi­lie Qur­ba­ni be­reits über­legt – für den Fall, dass Sa­ber und Ali Sa­fa tat­säch­lich zu­rück­müs­sen. Die bei­den will man kei­nes­falls al­lei­ne nach Af­gha­nis­tan ge­hen las­sen. Doch so weit ist es noch nicht. Für die Fa­mi­lie heißt es wei­ter War­ten. Auf das Ver­wal­tungs­ge­richt Augs­burg. Und vor al­lem auch auf das, was in ih­rem Hei­mat­land pas­siert – und wie man dann wie­der­um in Berlin dar­auf re­agiert.

Ar­chiv­fo­to: Wen­zel

Mehr als 300 Asyl­be­wer­ber aus Af­gha­nis­tan le­ben der­zeit im Land­kreis – dar­un­ter auch Sa­ber Qur­ba­ni. Sein Fall hat­te vor ei­ni­gen Mo­na­ten für Schlag­zei­len ge­sorgt, weil er ab­ge­scho­ben wer­den soll, sei­ne Zwil­lings­schwes­ter Li­na da­ge­gen blei­ben darf. We­gen der jüngs­ten Er­eig­nis­se in Af­gha­nis­tan sind Ab­schie­bun­gen dort­hin aber vor­erst oh­ne­hin aus­ge­setzt.

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