Ei­ne neue Frei­heit im Al­ter – darf das sein?

Li­te­ra­tur Ge­gen Ein­sam­keit hilft nur Mut. Es muss ja nicht mehr aus Lie­be sein, es reicht schon die Ver­zweif­lung

Donauwoerther Zeitung - - Feuilleton - VON WOLF­GANG SCHÜTZ

„Und dann kam der Tag, an dem Ad­die Moo­re bei Lou­is Wa­ters klin­gel­te.“

Das ist ei­gent­lich nur der klei­ne ers­te Satz ei­nes klei­nen hüb­schen Ro­ma­nes – und doch steckt dar­in ei­ne gro­ße Fra­ge für das wirk­li­che Le­ben im Al­ter, die sich be­reits heu­te vie­len Men­schen stellt und künf­tig wohl noch mehr stel­len wird. Al­len näm­lich, de­nen es geht wie Ad­die und Loui­se. Bei­de sind gut 70 Jah­re alt, die Kin­der sind längst aus dem Haus, ha­ben selbst Kin­der, le­ben aber wei­ter weg. Der Ehe­part­ner ist ge­stor­ben, könn­te aber auch nur ein­fach ge­gan­gen sein: Je­den­falls le­ben die bei­den al­lein, meis­tern je­weils rüs­tig und tap­fer ih­ren All­tag, leid­lich ver­bun­den noch mit der Ge­sell­schaft im Klein­städt­chen. Ei­gent­lich aber sind sie ein­sam. Und sie wis­sen, dass die geis­ti­ge und kör­per­li­che Be­weg­lich­keit, über die sie jetzt noch ver­fü­gen, je­der­zeit vor­bei sein kann. Aber weil es nor­mal ist, das ein­fach hin­zu­neh­men, zu er­tra­gen, neh­men sie es eben auch ein­fach hin, er­tra­gen es. Ei­n­an­der auch nur von Fer­ne be­kannt, wie man halt je­man­den kennt, der lan­ge schon in der­sel­ben Sied­lung, ein paar Stra­ßen wei­ter, wohnt …

„Und dann kam der Tag, an dem Ad­die Moo­re bei Lou­is Wa­ters klin­gel­te.“

So hat US-Au­tor Kent Ha­ruf sein letz­tes Werk al­so be­gin­nen las­sen. 2014, 71 Jah­re alt ist er ge­stor­ben, es darf wohl als Ver­mächt­nis ge­le­sen wer­den, was er da als letz­tes in der er­fun­de­nen Kle­in­stadt Holm pas­sie­ren lässt, in der er al­le sei­ne Ro­ma­ne an­ge­sie­delt hat. Sei­ne Ad­die näm­lich traut sich nicht nur, je­nem Lou­is plötz­lich ein­zu­ge­ste­hen, dass sie sehr ein­sam ist; sie traut sich auch, ihn, den sie im­mer sym­pa­thisch fand, zu fra­gen, ob es ihm nicht auch so ge­he? Ob er das nicht auch ken­ne, dass die Näch­te am schlimms­ten sind? Ob er al­so nicht Lust hät­te, sie zu be­su­chen und bei ihr die Nacht zu ver­brin­gen, ein­fach, um re­den zu kön­nen, bis man ein­schla­fen kann, und nicht mehr im Dunk­len al­lein die Stil­le und die Lee­re aus­hal­ten zu müs­sen. Nein, es geht nicht um Lie­be, es geht nicht um Sex. Es geht um ei­ne neue Art der Frei­heit zu­ein­an­der im Al­ter. Geht das? Darf man das? Ein­fach so? Ein­fach pro­bie­ren?

Das fragt sich zu­nächst Lou­is. Als er sich dann aber dar­auf ein­lässt und die bei­den mer­ken, wie gut ih­nen die Ge­gen­wart des an­de­ren tut und die Mög­lich­keit zum Ei­n­an­der-Er­zäh­len und Sich-Wie­der­ent­de­cken – da fra­gen das auch an­de­re im Städt­chen, die na­tür­lich au­to­ma­tisch an Lie­be und Sex den­ken. Doch Ad­die und Lou­is be­stär­ken ei­n­an­der, dass sie jetzt, in ih­rem Al­ter, nicht mehr küm­mern muss, was die an­de­ren den­ken. Aber ob das auch so bleibt, als sich ih­re Kin­der aus der Fer­ne ir­ri­tiert bis em­pört mel­den? Darf es ei­ne sol­che Frei­heit ge­ben?

Kein Wun­der, dass für die­sen klei­nen Ro­man be­reits ei­ne gro­ße Ver­fil­mung mit Ja­ne Fon­da und Ro­bert Red­ford in Vor­be­rei­tung ist. Denn Kent Ha­ruf rührt da­mit an et­was, das dun­kel und tap­fer hin­ter vie­len Haus- und Woh­nungs­tü­ren schweigt – und das doch auch, ganz oh­ne Kitsch, Stoff für ei­ne Ge­schich­te des Glücks sein kann: das Le­ben im Al­ter. Wenn es denn darf. Und sich lässt. Be­vor es zu spät ist.

„Und dann kam der Tag, an dem Ad­die Moo­re bei Lou­is Wa­ters klin­gel­te.“

Kent Ha­ruf: Un­se­re See­len bei Nacht. Übs. von Pa­cio, Dio­ge­nes, 208 S., 20 ¤

Fo­to: miss­ty, fotolia

Wenn zwei ei­n­an­der sym­pt­a­hisch und doch al­lei­ne sind…

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