„Ich woll­te nie dünn sein“

Sie sagt: „Auch ei­ne fet­te Frau darf stolz auf ih­ren Kör­per sein.“So wur­de Beth Dit­to zur Pop-Iko­ne. Jetzt ist sie zu­rück – auch mit Mo­de

Donauwoerther Zeitung - - Wochenend Journal -

Sie ha­ben Ih­re zwei­te Mo­de­kol­lek­ti­on in Über­grö­ßen vor­ge­stellt, und jetzt kommt nach fünf Jah­ren Ver­öf­fent­li­chungs­pau­se und dem Ende der Band Gos­sip Ihr ers­tes So­lo­al­bum. Nach Faul­sein sieht das nicht aus. Beth Dit­to: Rum­gam­meln kann ich nur in der Theo­rie. Ich füh­le mich bes­ser, wenn ich in Ar­beit er­trin­ke. Das Tolls­te ist: Ein neu­es Hob­by ha­be ich auch. Wel­ches denn? Dit­to: Hä­keln! Ich kann jetzt hä­keln wie ei­ne Welt­meis­te­rin. Echt wahr. Ich ha­be uns den gan­zen Haus­stand ge­hä­kelt, Schals, Müt­zen, Swea­ter, ei­ne war­me De­cke. Ich kann al­les hä­keln. (auf Deutsch): I hä­kel it.

Die Songs Ih­re Al­bums, „Fi­re“zum Bei­spiel oder die Fif­ties-Soul­num­mer „In And Out“, hö­ren sich echt heiß an Dit­to: Yeah. Sex, Lei­den­schaft und Ener­gie. Wow. Das ist ge­nau das, was ich er­rei­chen woll­te (rückt nä­her). Komm, lass uns end­lich hä­keln!

Sie stam­men aus ei­nem Kaff na­mens Se­ar­cy in Ar­k­an­sas. Ist Ih­re Di­rekt­heit ty­pisch für die Men­schen aus den US-Süd­staa­ten? Dit­to: Ja. Wir sind nett, warm, freund­lich, lie­bens­wür­dig… – und ver­dammt laut. Be­schrei­ben Sie sich da ge­ra­de selbst? Dit­to: Bin ich nett? Oder doch eher furcht­bar? Bin ich pein­lich? Ich wet­te. Wir sind nicht sehr fein und vor­nehm, da­für ha­ben wir ein gro­ßes Herz.

Woran den­ken Sie sonst noch, wenn Sie an Ih­re Hei­mat den­ken? Es war ja nicht al­les schön in Ih­rer Kind­heit. Sie sind zwar mit sechs Ge­schwis­tern und ei­ner lie­be­vol­len Mut­ter, aber auch mit wech­seln­den Stief­vä­tern groß­ge­wor­den, Ihr On­kel hat Sie miss­braucht. Dit­to: Das ist al­les rich­tig, aber das ist nicht das ers­te, woran ich den­ke. Ich den­ke lie­ber an die schö­nen Sa­chen. An die Mu­sik, die Kul­tur, das Es­sen, die gro­ßen Fa­mi­li­en. Bei uns im Sü­den la­chen al­le so laut wie ich. Aber die Schat­ten­sei­ten kann man nicht weg re­den. Wir wa­ren arm, und wir wa­ren wirk­lich vie­le. Ich ha­be heu­te früh noch ver­sucht, al­le mei­ne Nef­fen und Nich­ten auf­zu­zäh­len. Ich ken­ne die al­le, aber ich weiß ge­ra­de nicht, wie vie­le es sind. Ge­ra­de erst ist wie­der ei­ner zur Welt ge­kom­men.

Trotz der Vor­zü­ge konn­ten Sie es nicht ab­war­ten weg­zu­kom­men. Mit 18 sind Sie in den Nord­wes­ten der USA ge­zo­gen, seit 15 Jah­ren le­ben Sie im li­be­ra­len Port­land in Ore­gon. Dit­to: Ja, ich ver­ließ Ar­k­an­sas, so schnell ich konn­te. Es gab so vie­les auf der Welt, das ich un­be­dingt se­hen woll­te. Und Ar­k­an­sas ist echt ei­ne ko­mi­sche Ecke. Es ist sehr ras­sis­tisch, nicht sehr di­vers, nicht be­son­ders to­le­rant, die Men­schen ha­ben kein In­ter­es­se, sich zu ent­wi­ckeln. Ho­mo­se­xua­li­tät wird von vie­len als Sün­de emp­fun­den. So nach dem Mot­to: „Gott mag es nicht.“Die Schön­heit mei­ner Hei­mat ist herr­lich, aber die dunk­le Sei­te des Sü­dens ist wirk­lich stock­fins­ter, so hoff­nungs­los. Man will die­sem Dun­kel nicht zu na­he kom­men.

Sie sind ei­ne Frau mit vie­len Ta­len­ten. Sie ma­chen Mu­sik, ent­wer­fen Mo­de, mo­deln, sind Ak­ti­vis­tin und ei­ne Iko­ne der Gen­der­be­we­gung. Dit­to: Ja, ja, ich sa­ge im­mer zu mei­ner Frau, wenn sie mich är­gert: Weißt du ei­gent­lich, wen du hier vor dir hast? Mo­del, Schau­spie­le­rin, Sän­ge­rin, Song­wri­te­rin, Au­to­rin, Toch­ter, Kö­chin, Mut­ter… – ich bin das ge­sam­te Pa­ket (lacht). Mut­ter? Dit­to: Okay, bald. Sie sag­ten vor Jah­ren, dass Sie mit 37 gern Kin­der hät­ten. Dann wird’s Zeit. Dit­to: Das hat sich et­was ver­scho­ben. 38 ist das neue Ziel. Viel­leicht auch erst 40. Ja, ich glau­be, das wird wohl erst mit 40 pas­sie­ren. viel­leicht

Was wol­len Sie mit al­lem, auch mit Ih­rer Of­fen­heit, ei­gent­lich er­rei­chen. Die Welt ver­bes­sern? Dit­to: Ich will den Leu­ten ein­fach auf­zei­gen, dass sie sein kön­nen, wie sie wol­len. Dass sie füh­len und emp­fin­den kön­nen, was im­mer sie möch­ten. Es gibt Op­tio­nen! Ich bin fett, ich bin les­bisch, ich bin für vie­le kaum zu er­tra­gen. Aber hier sit­ze ich. Klar, nicht al­le Men­schen kön­nen so sein wie ich, ich war im­mer ir­re selbst­be­wusst, es hat mich nie ge­stört, dick zu sein, ich woll­te nie ei­nen an­de­ren Kör­per ha­ben. Dünn sein macht dich nicht zu ei­nem glück­li­che­ren Men­schen, das ist mei­ne Über­zeu­gung. Re­de ich zu viel?

Nein, nein. Dit­to: Al­so, ja, ich will die Welt ver­bes­sern. Wir ha­ben die­se La­ger­feu­er-Re­gel, sie be­sagt: Du sollst das

Feu­er in ei­nem bes­se­ren Zu­stand ver­las­sen, als du es vor­ge­fun­den hast. Sagt ihr das in Deutsch­land auch?

So ähn­lich. Wir sa­gen, du sollst das Feu­er ge­nau­so ver­las­sen, wie es am An­fang war. Das reicht uns. Dit­to: Ha­ha­ha. So sind die Deut­schen. Je äl­ter ich wer­de, des­to mehr geht es mir dar­um, die Men­schen zu in­spi­rie­ren, ih­re Ein­sich­ten zu ver­än­dern. Ich bin nicht per­fekt, nicht al­les klappt, aber ich hof­fe, ich ma­che ins­ge­samt ei­nen gu­ten Job.

Sie ha­ben schon für Je­an Paul Gaul­tier oder Marc Ja­cobs ge­mo­delt, nun Ih­re zwei­te ei­ge­ne Kol­lek­ti­on her­aus­ge­bracht. War­um ma­chen Sie Mo­de? Dit­to: Ich hof­fe, dass ich neue Ho­ri­zon­te er­öff­nen und An­stö­ße ge­ben kann. Du musst dich nicht ver­ste­cken, weil du dick bist. Mei­ne Mo­de ist selbst­be­wusst, ex­tro­ver­tiert, sie ver­hüllt dich nicht, sie zeigt dich. Sie sagt: „Das ist mein Kör­per, und er ist schön.“Auch ei­ne fet­te Frau darf stolz auf ih­ren Kör­per sein dür­fen.

Sie ha­ben vie­le Ta­len­te. Was ist Ih­re größ­te Stär­ke?

Dit­to: Ich bin nir­gend­wo die Bes­te, aber ich bin ei­ne La­be­rin. Ich quat­sche die Leu­te voll mit mei­nem Zeug. Und ich bin ei­ne Küm­me­rin. Ei­ne Lie­ben­de. Ich um­sor­ge die Men­schen, sie sol­len zu mir kom­men, wenn sie Lie­be oder auch nur in den Arm ge­nom­men wer­den wol­len. Mei­ne Mum war auch schon im­mer so ein Mensch. Al­le ka­men zu ihr nach Hau­se und wein­ten sich bei ihr aus. Wenn was pas­sier­te, war mei­ne Mut­ter der Fels in der Bran­dung, im­mer sta­bil, sie hat nie­man­den ab­ge­wie­sen. Mum ist ein Kis­sen!

Sie ha­ben ge­hei­ra­tet, gleich zwei Mal: Im Ju­li 2013 ga­ben Sie ih­rer lang­jäh­ri­gen Le­bens­ge­fähr­tin Kris­tin Oga­ta auf Ha­waii das Ja-Wort Fo­tos: dpa, So­ny: und am 31. De­zem­ber 2014 dann da­heim in Port­land. War­um? Dit­to: Als wir auf Ha­waii hei­ra­te­ten, war die gleich­ge­schlecht­li­che Ehe noch nicht of­fi­zi­ell le­gal, des­halb hol­ten wir das nach – am letz­ten Tag des Jah­res, we­gen der Steu­ern. Spie­ßig, ich weiß, egal. Mei­ne Frau kommt aus Ha­waii, die Fei­er dort war rich­tig schön und herr­lich und aus­schwei­fend.

Und wie ist die Ehe so?

Dit­to: Et­was kom­plett an­de­res. Mir egal, was die an­de­ren sa­gen, ich fand es ei­ne rich­tig gro­ße Um­stel­lung.

War­um das? Sie wa­ren doch vor­her fünf Jah­re mit Ih­rer Frau zu­sam­men.

Dit­to: Trotz­dem. Es ist we­der bes­ser noch schlech­ter. Es ist ein­fach an­ders. Wenn du ver­hei­ra­tet bist, merkst du echt, dass du er­wach­sen bist. Und du ka­pierst, dass das Le­ben ei­ne end­lo­se An­ein­an­der­rei­hung von Kom­pro­mis­sen ist. Und das ist gut. In­ter­view: Stef­fen Rüth

Ih­re Kar­rie­re Vor zehn Jah­ren wur­de die am 19. Fe­bru­ar 1981 ge­bo re­ne, in ei­ner Wohn­wa­gen­sied­lung in Ar­k­an­sas/USA auf­ge­wach­se­ne Ma­ry Beth Pat­ter­son zum Star – un­ter dem Na­men Beth Dit­to als Front­frau der Pop Grup­pe Gos­sip, zu­erst nur in En­g­land, mit dem Hit „Hea­vy Cross“aber auch in­ter­na­tio­nal. Nach fünf Al­ben lös­te sich die Grup­pe ver­gan­ge­nes Jahr auf, jetzt ist ihr ers­tes So­lo Al­bum „Fa­ke Su­gar“er­schie­nen.

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