Ist die See­le ein Axo­lotl?

Ge­sell­schaft Zu­erst Wun­der­kind, gleich dar­auf Skan­dalau­to­rin: Jetzt geht die ir­re Ge­schich­te der He­le­ne He­ge­mann wei­ter. Sie er­zählt viel über die Auf­merk­sam­keits-Hys­te­rie un­se­rer Zeit

Donauwoerther Zeitung - - Feuilleton - VON WOLF­GANG SCHÜTZ

Ob sie das wissen konn­te? Zar­te 17 war He­le­ne He­ge­mann An­fang des Jah­res 2010 doch erst, als ihr De­büt­ro­man mit dem merk­wür­di­gen Ti­tel „Axo­lotl Road­kill“er­schien. Und ge­ra­de die­ser Ti­tel hat sich als so pas­send er­wie­sen für das, was dann mit ihr pas­sier­te, dass er im Rück­blick ge­ra­de­zu ge­ni­al wirkt. Axo­lotl: ein mär­chen­haft er­schei­nen­des Was­ser­we­sen, das nie ganz er­wach­sen wird, Lar­ve bleibt, in der Pu­ber­tät al­so, da­bei nackt und sel­ten ist, zwar ge­schützt wird, aber auch als De­li­ka­tes­se gilt und dar­um ge­jagt wird. Road­kill: All die Tie­re, die beim Über­que­ren ei­ner Stra­ße vom durch­rau­schen­den Ver­kehr er­fasst und zur Stre­cke ge­bracht wer­den.

Ist das nicht He­le­ne He­ge­manns ei­ge­ne Ge­schich­te ge­wor­den? Sie, der Axo­lotl – und der Road­kill, das, was im sich da­mals über die neu­en Me­di­en ex­trem er­hit­zen­den Kul­tur­be­trieb da­mit pas­siert ist? Das kann man jetzt fra­gen, da sich He­ge­mann mit in­zwi­schen 25 Jah­ren noch­mals die­ses Stoffs an­ge­nom­men hat und ihn als Film in ei­ge­ner Re­gie nach ei­nem Auf­tritt beim Sun­dance-Fes­ti­val mor­gen nun auch in die Ki­nos bringt. Das muss auch man fra­gen, weil die­se Ge­schich­te mit all dem Wir­bel zwi­schen Sen­sa­ti­on und Skan­dal da­mals am An­fang ei­ner Ent­wick­lung stand, die uns heu­te wie selbst­ver­ständ­lich be­glei­tet.

Da­mals? 2010 hört sich an wie noch gar nicht so lan­ge her. In der Durch­schlags­kraft des In­ter­nets und der so­ge­nann­ten so­zia­len Netz­wer­ke aber ist es schon ei­ne Ge­ne­ra­ti­on zu­rück. Heu­te wird über „Fa­ke News“und die Bil­dung ab­ge­schlos­se­ner Wirk­lich­kei­ten de­bat­tiert. Da­mals hieß das Reiz­wort Pla­gi­at, und erst­mals so rich­tig in Er­schei­nung trat bei uns der Shits­torm. Und noch be­vor ein Jahr da­nach der Na­me Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg für die po­li­ti­sche Kon­junk­tur von bei­dem sorg­te, dreh­te die Kultur schon heiß – am Na­men ei­ner 17-Jäh­ri­gen: He­le­ne He­ge­mann, Toch­ter des Au­tors und Thea­ter­ma­chers Carl He­ge­mann und schon seit 2008 aus­ge­zeich­ne­te Kurz­fil­me­rin und Hör­spiel­au­to­rin. Ein Wun­der­kind?

Das je­den­falls schien so­fort und be­reit­wil­lig be­stä­tigt, als ihr De­büt­ro­man „Axo­lotl Road­kill“zu Be­ginn je­nes Jah­res er­schien. Da­rin er­zählt ei­ne jun­ge Frau hart und di­rekt über die Ju­gend der Ge­gen­wart: ein Mäd­chen na­mens Mif­ti, Berlin, Tech­no, Dro­gen, Sex, In­ter­net. Durch all das tönt aber – sym­bo­li­siert im Axo­lotl – ei­ne Lee­re und Ver­letz­lich­keit, ei­ne Angst, die auch kein Aben­teu­rer­tum über­de­cken kann. Die­se Kids wissen, dass sie ei­gent­lich al­le Chan­cen ha­ben, und dass, wenn sie schei­tern, es al­lein ih­re ei­ge­ne Schuld ist. Kids? Die Ne­ben­fi­gu­ren sind auch schon mal gut über 30 und ei­gent­lich noch im­mer in Mif­tis La­ge… Ein Stoß­seuf­zer ging durch die Feuille­tons: End­lich ei­ne neue, au­then­ti­sche, klu­ge und ein biss­chen skan­da­lös jun­ge Stim­me des Zeit­geis­tes. Al­so folg­ten Kri­ti­ker-Lob, No­mi­nie­rung für den Leip­zi­ger Buch­preis, Best­sel­lerVer­käu­fe.

Bis die Bom­be plat­ze und die­sem Wun­der­kind nach­ge­wie­sen wur­de, dass Stel­len im Ro­man aus dem Netz ko­piert wa­ren, von ei­nem Blog­ger na­mens Ai­ren. Ob­wohl dies auch im Buch Stel­len in ei­nem Blog sind – der zeit­geist­ge­mä­ße Skan­dal war ge­fun­den, die pas­sen­de De­bat­te konn­te ge­führt wer­den: über die Ge­ne­ra­ti­on „Co­py und Pas­te“und das PopPhä­no­men des Re­mi­xens. He­ge­mann selbst ern­te­te den Shits­torm. Und trotz­dem nahm das ruhm­rei­che Tha­lia Thea­ter (in dem Pa­pa Carl He­ge­mann üb­ri­gens seit 2011 Dra­ma­turg ist) noch im Herbst 2010 den Stoff für ei­ne Urauf­füh­rung her. Und die be­sprach dann so­gar die Bild-Zei­tung…

So ha­ben im Grun­de al­le pro­fi­tiert, weil ei­ne gro­ße Do­sis des in mul­ti­me­dia­len Zei­ten ra­ren Guts der Auf­merk­sam­keit mit al­len Mit­teln der Hys­te­rie ab­ge­schöpft wer­den konn­te. Auch der Blog­ger Ai­ren ist seit­dem re­gel­mä­ßig nach­ge­frag­ter Zei­tungs­au­tor über die Zu­stän­de in Me­xi­ko, wo er lebt und auch der Axo­lotl zu Hau­se ist. Alarm und Su­per­la­tiv sind mitt­ler­wei­le rich­tungs­wei­send für die neue me­dia­le Zeit. Aber nicht auch töd­lich für Kunst und Künst­ler, de­ren See­len doch wo­mög­lich Axo­lotl sind? He­le­ne He­ge­mann ver­sucht ih­ren Axo­lotl mit dem Film noch mal zu be­le­ben: aus der Dis­tanz, die ei­ne plötz­lich „ir­re ge­wor­de­ne Welt“und Kri­ti­ker „mit Schaum vor dem Mund“zwi­schen sie und die­se Ge­schich­te ge­bracht ha­ben, zu­rück zur See­le al­so.

Sich selbst be­zeich­net die 25-Jäh­ri­ge üb­ri­gens in­zwi­schen als „sehr er­wach­sen“: „Ich ha­be ei­ne Wasch­ma­schi­ne, ich ha­be zwei Hun­de …“

Die Kri­tik zum Film „Axo­lotl Over­kill“le­sen Sie mor­gen auf un­se­rer Sei­te Ki­no.

Fo­to: Jan Pe­ter Kas­per, dpa

Prak­tisch der Ti­tel­held von He­le­ne He­ge­manns Ro­man „Axo­lotl Road­kill“von 2010, den sie mor­gen als „Axo­lotl Over­kill“in die Ki­nos bringt.

Fo­tos: Cars­ten­sen, St­a­che, dpa

He­le­ne He­ge­mann 2010 und 2017.

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