Bern­hard Schlink: Die Frau auf der Trep­pe (4)

Donauwoerther Zeitung - - Wetter | Roman -

Ja“, sag­te Gund­lach, „ein schö­nes Bild. Aber es ist, als lä­ge ein Fluch auf ihm. Bein, Brust, Scham, ein Scha­den nach dem an­de­ren.“Er schüt­tel­te den Kopf. „Ist jetzt mit den Schä­den Schluss? Ich bin mir nicht si­cher. Sind Sie’s?“„Ich…“„Was, wenn mit den Schä­den nicht Schluss ist? Soll Schwind wie­der und wie­der kom­men? Ich möch­te ihn nicht mehr im Haus ha­ben, und er wür­de lie­ber neue Bil­der ma­len als das al­te re­stau­rie­ren. Aber er muss, er kann nicht an­ders. Und ich muss ihn zum Re­stau­rie­ren ins Haus las­sen, weil das Recht es ver­langt. So ist es doch?“

Er sah mich an, freund­lich, spöt­tisch. Er hat­te sei­ne An­wäl­te und wuss­te, dass Schwinds recht­li­che Po­si­ti­on schwach war. Er wuss­te aber auch, dass ich so tun muss­te, als sei sie stark. Ich konn­te mei­nen Man­dan­ten nicht ver­ra­ten. Ich konn­te Gund­lach nicht sa­gen, er spie­le mit mei­nem Man­dan­ten ein nie­der­träch­ti­ges Spiel. Ich nick­te.

„Schwind hät­te das Bild ger­ne zu­rück. Er hat das Ge­fühl, so­lan­ge das Bild bei mir ist, kommt es nicht zur Ru­he, es nicht und er auch nicht. Und mei­nen Sie nicht auch, dass al­les ei­nen Ort hat, an den es ge­hört? Wenn es nicht ist, wo­hin es ge­hört, kommt es nicht zur Ru­he. Bil­der kom­men nicht zur Ru­he, und Men­schen kom­men nicht zur Ru­he.“

„Wenn nicht nur mei­nem Man­dan­ten an der Ru­he liegt, son­dern auch Ih­nen – er kauft das Bild ger­ne wie­der zu­rück.“

„Das hat er mir auch ge­sagt. Aber da­mals ist mehr aus der Ru­he ge­ra­ten als nur das Bild. Se­hen Sie, wie sie die Trep­pe her­ab­steigt? Ge­sam­melt, ge­las­sen, ru­hig? Als sie un­ten an­kam, war es um ih­re Ru­he ge­sche­hen. Weil sie da, wo sie an­kam, nicht hin­ge­hört.“

„Ih­re Frau macht mir nicht den Ein­druck, als…“

„Un­ter­bre­chen Sie mich nicht!“Er brauch­te ei­nen Mo­ment, sich von sei­ner Er­re­gung über mei­ne Dreis­tig­keit zu er­ho­len. „Ein­drü­cke täu- schen. Macht nicht das Bild ei­nen gu­ten Ein­druck, ob­wohl ein Fluch auf ihm liegt? Was zählt, ist nicht der Ein­druck, den mei­ne Frau macht, son­dern dass sie ih­re Ru­he ver­lo­ren hat. Und dass sie sie wie­der­fin­det.“Ich war­te­te, ob er wei­ter­re­den wür­de. Aber er stand da und sah das Bild an. „Ich ver­ste­he nicht, was …“

Er wand­te sich mir zu. „Morgen kommt Schwind zu mir. Ich soll das re­stau­rier­te Bild ge­wis­ser­ma­ßen ab­neh­men. Wenn dem Bild bis morgen et­was ge­schieht, wenn Schwind dann zu Ih­nen kommt, wenn er oh­ne mei­ne Frau kommt, wenn er Sie bit­tet, ein un­ge­wöhn­li­ches Ge­schäft vor­zu­be­rei­ten – ma­chen Sie’s. Auch wenn das Un­ge­wöhn­li­che da­zu neigt, uns zu ver­stö­ren – manch­mal ist es das Rich­ti­ge. Le­ben wir nicht in ei­ner un­ge­wöhn­li­chen Zeit? Und ein Ge­schäft ist manch­mal ein wich­ti­ges Ge­schäft, auch wenn es nicht ein­ge­klagt und nicht voll­streckt wer­den kann.“

Ich ver­stand ihn nicht, moch­te aber nicht noch mal sa­gen, dass ich ihn nicht ver­stand. Er sah es mir an, lach­te, nahm wie­der mei­nen Arm und führ­te mich zu­rück ins Foy­er. „Neh­men Sie’s mir nicht übel, aber Ju­ris­ten sind oft ein biss­chen ge­wöhn­lich. Ich mer­ke mir, wenn ich ei­nen tref­fe, der sich un­ge­wöhn­li­chen Her­aus­for­de­run­gen stellt.“

Auf der Heim­fahrt wuss­te ich, dass ich mich in Ire­ne Gund­lach ver­liebt hat­te.

Ich wuss­te es, ob­wohl ich in der Lie­be kei­ne Er­fah­rung hat­te. Un­se­re Ma­the­ma­tik­leh­re­rin hat­te mir ge­fal­len, ei­ne klei­ne Frau mit mun­te­ren Augen, kla­rer Stim­me und kur­zen Rö­cken. Ein­mal ha­be ich heim­lich ei­ne ro­te Ro­se auf den Ge­päck­trä­ger ih­res Fahr­rads ge­klemmt. Dann gab es ei­ne Mit­schü­le­rin, die ich im­mer an­schau­en muss­te und bei der ich, wo im­mer ich in der Stadt war, hoff­te, ich wür­de ihr be­geg­nen, wür­de sie, was ich in der Schu­le nicht wag­te, an­spre­chen, und sie wür­de mir freu­dig ant­wor­ten. Manch­mal konn­te ich Tag um Tag an nichts an­de­res den­ken als an sie, was sie gera­de ma­chen moch­te, was ich tun könn­te, von ihr be­merkt zu wer­den und ihr zu ge­fal­len, wie es wä­re, wenn sie und ich zu­sam­men wä­ren.

Aber als ei­ne schwie­ri­ge Ma­the­ma­tik­ar­beit an­stand, für die ich mich gründ­lich vor­be­rei­ten muss­te, be­schloss ich, bis zur Ar­beit nicht mehr an sie zu den­ken, und da­nach war der Bann ge­bro­chen. Als ich stu­dier­te, gab es in der ju­ris­ti­schen Fa­kul­tät noch kaum Stu­den­tin­nen, und den Stu­den­tin­nen der an­de­ren Fa­kul­tä­ten bin ich nicht be­geg­net. In den Se­mes­ter­fe­ri­en ha­be ich mein Stu­di­um in ei­nem La­ger für Er­satz­tei­le ver­dient, in dem au­ßer den Ga­bel­stap­ler­fah­rern und an­de­ren Stu­den­ten nur Frau­en ar­bei­te­ten. Sie ris­sen Zo­ten über uns Män­ner und mach­ten uns ob­szö­ne Avan­cen, die mich in Ver­le­gen­heit brach­ten und zu de­nen ich mich nicht zu ver­hal­ten wuss­te. Ei­ne Ar­bei­te­rin ge­fiel mir, stil­ler als die an­de­ren, jung, mit dunk­len Haa­ren und see­len­vol­len Augen, und am letz­ten Tag war­te­te ich vor dem Tor des La­gers auf sie. Als sie her­aus­kam, ging sie ge­ra­de­wegs auf ei­nen jun­gen Mann zu, der auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te an ei­nem Baum lehn­te.

Viel­leicht lernt man das mit den Frau­en und der Lie­be bes­ser, wenn man ei­ne Mut­ter und ei­ne Schwes­ter hat. Als mei­ne Mut­ter ge­stor­ben war, gab mich mein Va­ter zu sei­nen El­tern, die mich ver­mut­lich ger­ne ver­wöhnt hät­ten, wie Groß­el­tern ih­re En­kel­kin­der eben ver­wöh­nen, aber nicht auf­zie­hen moch­ten. Die­se Auf­ga­be hat­ten sie mit den ei­ge­nen vier Kin­dern ab­ge­tan, sie konn­ten ihr bei mir nichts mehr ab­ge­win­nen und er­le­dig­ten sie sach­lich und bün­dig.

Nicht dass sie es an et­was hät­ten feh­len las­sen. Ich hat­te Kla­vier­un­ter­richt und Ten­nis­trai­ning, ging in die Tanz­stun­de und in die Fahr­schu­le. Aber die Groß­el­tern lie­ßen mich wis­sen, dass es da­mit sein Be­wen­den hat­te und sie im Üb­ri­gen von mir in Ru­he ge­las­sen wer­den woll­ten. Das Ver­lie­ben hat­te ich mir so vor­ge­stellt, dass ich ei­ne Frau ken­nen­ler­ne, wir uns ge­fal­len, tref­fen, im­mer mehr ge­fal­len, im­mer wie­der tref­fen, im­mer nä­her kom­men und schließ­lich ver­lie­ben. So war es auch ein paar Jah­re spä­ter mit mei­ner Frau.

Sie kam als Re­fe­ren­da­rin in die Kanz­lei, war tüch­tig und fröh­lich, ließ sich von mir zum Es­sen, in die Oper und ins Mu­se­um ein­la­den, zu­erst ein­mal in der Wo­che, dann mehr­mals, wir ka­men uns nä­her und hei­ra­te­ten, nach­dem sie das zwei­te Ex­amen be­stan­den hat­te. Es ist zehn Jah­re her, dass sie starb. Sie war, als die Kin­der grö­ßer wa­ren, in die Kom­mu­nal­po­li­tik ge­gan­gen und Stadt­rä­tin ge­wor­den. We­ni­ge Ta­ge nach ih­rer Wie­der­wahl hat­te sie ei­nen Au­to­un­fall.

Ich be­grei­fe bis heute nicht, wie sie am frü­hen Nach­mit­tag 1,6 Pro­mil­le Al­ko­hol im Blut ha­ben und auf der Land­stra­ße ge­gen ei­nen Baum fah­ren konn­te. Ob sie Al­ko­ho­li­ke­rin ge­we­sen sei, hat mich die Po­li­zei ge­fragt. War­um hät­te mei­ne Frau Al­ko­ho­li­ke­rin sein sol­len?

Die Wucht, mit der mich da­mals das Ver­lan­gen nach Ire­ne Gund­lach über­fiel – nichts hat­te mich dar­auf vor­be­rei­tet, und zum Glück ist es mir da­nach auch nicht wie­der pas­siert.

Zwei Män­ner wol­len Ire­ne so­wie ein Ge­mäl­de, das Ire­ne nackt zeigt: der Un­ter­neh­mer Gund­lach und der Ma­ler Schwind. Ein An­walt soll ver­mit­teln; er lernt eben­falls, Ire­ne zu lie­ben …

Aus: Bern­hard Schlink Die Frau auf der Trep­pe © 2014 by Dio­ge­nes Ver­lag AG Zürich

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