Schiebt Bay­ern wirk­lich kon­se­quen­ter ab als an­de­re?

Fak­ten Check Im­mer wie­der wer­fen CSU-Po­li­ti­ker rot-grün re­gier­ten Län­dern ei­ne nach­läs­si­ge Asyl­po­li­tik vor. Doch lässt sich die­se The­se auch be­le­gen? Wir ha­ben nach­ge­rech­net – mit über­ra­schen­den Er­geb­nis­sen

Donauwoerther Zeitung - - Politik -

Kann das stim­men? Was ist da wirk­lich dran? Wir le­ben in ei­ner Zeit, in der sich streit­ba­re Be­haup­tun­gen schnel­ler ver­brei­ten als je zu­vor. Wer prüft da noch, ob die ver­meint­li­chen Tat­sa­chen auch stim­men? Wir! Heu­te geht es um Asyl­po­li­tik.

Wenn es nach Spit­zen­po­li­ti­kern der CSU geht, ist die Sa­che ziem­lich ein­deu­tig: Wäh­rend Bay­ern ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber kon­se­quent ab­schiebt, neh­men es an­de­re Bun­des­län­der nicht so ge­nau. So hört man das je­den­falls im­mer wie­der in Talk­shows und Bier­zel­ten. Vor al­lem Nord­rhein-West­fa­len (bis­lang rot­grün re­giert) und Ber­lin (rot-rot­grün) wer­den dann ger­ne als ne­ga­ti­ve Bei­spie­le ge­nannt. Zu Recht? Um die­ser Fra­ge auf den Grund zu ge­hen, wer­fen wir ei­nen Blick auf die Bi­lanz des ers­ten Halb­jah­res. Un­se­re Qu­el­le für al­le fol­gen­den Da­ten ist das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um.

Ab­schie­bun­gen Be­gin­nen wir mit der ab­so­lu­ten Zahl der Ab­schie­bun­gen – und ei­ner un­er­war­te­ten Rang­lis­te: Bis En­de Ju­ni hat Nord­rheinWest­fa­len 3168 Per­so­nen ab­ge­scho­ben – und da­mit weit mehr als je­des an­de­re Bun­des­land. Da­hin­ter fol­gen das grün-schwarz re­gier­te Ba­denWürt­tem­berg (1888), Bay­ern (1596) und Ber­lin (1132). Aus­ge­rech­net die bei­den ver­meint­li­chen Ab­schie­bungs-Blo­ckie­rer un­ter den ers­ten vier? Das ist über­ra­schend, wi­der­legt aber nicht au­to­ma­tisch die The­se der CSU.

Aus­rei­se­pflich­ti­ge Denn um die Ab­schie­be­pra­xis se­ri­ös be­wer­ten zu kön­nen, ist ja auch die Ge­samt­zahl der Per­so­nen ent­schei­dend, die das Land ver­las­sen müss­ten. Hier er­gibt sich schon ein et­was an­de­res Bild. In Nord­rhein-West­fa­len leb­ten En­de Ju­ni 22356 aus­rei­se­pflich­ti­ge Men­schen oh­ne Dul­dung – viel mehr als in je­dem an­de­ren Bun­des­land. Zum Ver­gleich: In Bay­ern wa­ren es 9327, in Ba­den-Würt­tem­berg 6180 und in Ber­lin 6082 Per­so­nen. Setzt man die­se Zah­len in Re­la­ti­on zu den tat­säch­lich er­folg­ten Ab­schie­bun­gen, liegt Nord­rhein-West­fa­len mit ei­ner Ab­schie­be­quo­te von rund 14,2 Pro­zent klar zu­rück. Bay­ern kommt auf 17,1 Pro­zent, Ber­lin auf 18,6 Pro­zent und Ba­den-Würt­tem­berg so­gar auf über 30 Pro­zent.

Dul­dung Und auch das ist noch im­mer nicht die gan­ze Wahr­heit. Denn in der Ver­ant­wor­tung der Län­der und Kom­mu­nen liegt ja auch die Fra­ge, ob Men­schen, die kein Asyl be­kom­men ha­ben, trotz­dem blei­ben dür­fen – weil sie ge­dul­det wer­den. In die­sem Punkt ist Bay­ern im Ver­gleich der vier Län­der ein­deu­tig am strengs­ten: Gut 56 Pro­zent der Men­schen, die ei­gent­lich aus­rei­sen müss­ten, er­hiel­ten hier im ers­ten Halb­jahr den Sta­tus der Dul­dung. In Ber­lin wa­ren es 62 Pro­zent und in Nord­rhein-West­fa­len gut 69 Pro­zent. In Ba­den-Würt­tem­berg wer­den so­gar mehr als 76 Pro­zent der Per­so­nen ge­dul­det, de­ren Asyl­an­trag ab­ge­lehnt wur­de. Ab­schie­be­quo­te Näh­me man die Ge­samt­zahl der Aus­rei­se­pflich­ti­gen (egal, ob ge­dul­det oder nicht) als Maß­stab für die Ab­schie­be­quo­te, lie­ße sich die Kri­tik der CSU an den an­de­ren Län­dern am ehes­ten be­le­gen: Bay­ern liegt mit 7,5 Pro­zent vor Ba­denWürt­tem­berg (7,2) und Ber­lin (7,1) – und mit wei­tem Ab­stand vor Nord­rhein-West­fa­len (4,4). Bi­lanz En­de Ju­ni leb­ten in Deutsch­land 226457 aus­rei­se­pflich­ti­ge Men­schen, 159678 von ih­nen wer­den zu­min­dest vor­über­ge­hend ge­dul­det – al­so gut 70 Pro­zent. Die­se Per­so­nen dür­fen schon mal nicht ab­ge­scho­ben wer­den. Da­zu kom­men wei­te­re Hin­der­nis­se wie feh­len­de Pa­pie­re oder ärzt­li­che At­tes­te, die ei­ne „Rück­füh­rung“ver­hin­dern. Oft wei­gern sich auch die Her­kunfts­län­der, ih­re Lands­leu­te zu­rück­zu­neh­men. Horst See­ho­fer hält es des­halb für „fast un­mög­lich“, Mi­gran­ten ab­zu­schie­ben, „wenn sie ein­mal im Land sind“. In Deutsch­land herr­sche dies­be­züg­lich ei­ne „gro­ße Il­lu­si­on“, sagt der CSUChef. Tat­säch­lich ist die Zahl der Ab­schie­bun­gen bis En­de Ju­ni mit 12 545 im Ver­gleich zum sel­ben Zei­t­raum im Vor­jahr um neun Pro­zent ge­sun­ken. Fakt ist: Nord­rhein-West­fa­len hat im ers­ten Halb­jahr so­gar mehr Men­schen ab­ge­scho­ben als Bay­ern. Ba­den-Würt­tem­berg auch. Und Ber­lin liegt in der bun­des­wei­ten Rang­lis­te di­rekt hin­ter dem Frei­staat. In der Re­la­ti­on zur Ge­samt­zahl der aus­rei­se­pflich­ti­gen Per­so­nen schiebt Bay­ern aber tat­säch­lich kon­se­quen­ter ab. Und auch wenn es um die Fra­ge geht, ob ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber trotz­dem ge­dul­det wer­den, ist Bay­ern ri­go­ro­ser als an­de­re Län­der.

Micha­el Stif­ter

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