Dia­be­tes - die un­ter­schätz­te Ge­fahr

Dresdner Morgenpost - - FRONT PAGE -

Sie sind nicht an­ste­ckend, sie kom­men schlei­chend, ver­ste­cken sich oft vie­le Jah­re im Kör­per. Doch wenn sie aus­bre­chen, kön­nen ih­re Fol­gen ein Le­ben für im­mer ver­än­dern - die gro­ßen Volks­krank­hei­ten. In die­ser Se­rie er­klärt die MOPO die ge­fähr­lichs­ten un­se­rer Zeit. Aber auch, wie ge­hol­fen wer­den kann, was wir durch ei­ne aus­ge­wo­ge­ne Le­bens­wei­se oder Vor­sor­ge selbst da­für tun kön­nen, ein lan­ges und ge­sun­des Le­ben zu füh­ren. Heu­te: Dia­be­tes

Be­reits nach ein paar Wo­chen kann es dra­ma­tisch wer­den: Typ-1-Dia­be­tes ge­hört zu den heim­tü­ckischs­ten Krank­hei­ten über­haupt, vor al­lem, wenn sie klei­ne Kin­der trifft. Die­se Form von „Zu­cker“ent­wi­ckelt sich schnell und kann bei Nich­t­er­ken­nen so­gar töd­lich en­den.

„Sym­pto­me sind enor­mer Durst, star­ker Harn­drang und Ge­wichts­ver­lust. Be­son­ders El­tern soll­ten auf­pas­sen und auf die­se An­zei­chen bei ih­ren Kin­dern so­fort re­agie­ren“, sagt Prof. To­bi­as Loh­mann (54), Chef­arzt der Me­di­zi­ni­schen Kli­nik am Städ­ti­schen Kli­ni­kum Dres­den-Neu­stadt. „Typ-1Dia­be­tes kann be­reits bei Drei­jäh­ri­gen auf­tre­ten, ist aber auch noch mit 80 Jah­ren als Neu­er­kran­kung mög­lich.“

Typ-1-Dia­be­tes ist ei­ne Au­to­im­mun­Krank­heit. Das kör­per­ei­ge­ne Ab­wehr­sys­tem, das vor al­lem krank­ma­chen­de Kei­me be­kämp­fen soll, rich­tet sich - aus bis­lang un­be­kann­ten Grün­den - plötz­lich ge­gen die In­su­lin pro­du­zie­ren­den Zel­len der Bauch­spei­chel­drü­se und zer­stört sie. Fol­ge: In­ner­halb we­ni­ger Ta­ge bis Wo­chen bleibt die In­su­lin­pro­duk­ti­on aus. Die­ses Hor­mon ist aber wich­tig, denn es steu­ert den Trans­port von Glu­ko­se (Trau­ben­zu­cker) aus dem Blut in die Zel­len, die den Zu­cker zur Ener­gie­ge­win­nung be­nö­ti­gen.

Vor­sicht vor den Koh­len­hy­dra­ten

Die Glu­ko­se stammt da­bei vor al­lem aus der Nah­rung, durch die Ver­dau­ung von Koh­len­hy­dra­ten. Bei In­su­lin­man­gel sam­melt sich Trau­ben­zu­cker im Blut an, der Blut­zu­cker­spie­gel steigt. Er­höh­te Wer­te kön­nen auf Dau­er Ge­fä­ße und Or­ga­ne wie Au­gen, Nie­ren, Ner­ven oder das Herz schä­di­gen.

„Be­trof­fe­ne müs­sen ihr Le­ben lang In­su­lin sprit­zen. Pa­ti­en­ten wer­den nach der Dia­gno­se et­wa zwei Wo­chen sta­tio­när be­han­delt, wo­bei ih­nen un­ter an­de­rem er­klärt wird, wie und wie oft sie sprit­zen müs­sen“, er­läu­tert Prof. Loh­mann.

Ei­ne Schu­lung rund um das The­ma Es­sen ist es­sen­zi­ell, denn die In­su­lin­men­ge, die zu­ge­führt wer­den muss, hängt auch da­von ab, wie man sich täg­lich er­nährt. Koh­len­hy­dra­te - bei­spiels­wei­se in Kar­tof­feln, Nu­deln oder Brot ent­hal­ten - er­hö­hen den Blut­zu­cker­spie­gel. „Der­zeit be­treut un­se­re Kin­der­dia­be­to­lo­gie mit Ober­ärz­tin Cor­ne­lia Ammer an der Spit­ze am­bu­lant rund 80 Kin­der und Ju­gend­li­che aus dem Raum Dres­den mit Typ-1Dia­be­tes. Sie ler­nen selbst­stän­dig mit

Was bei Typ 2 an­ders ist

der Er­kran­kung um­zu­ge­hen“, so der Ex­per­te. Jähr­lich gibt es 20 bis 30 Neu­er­kran­kun­gen bei den un­ter 18-Jäh­ri­gen.

An­ders der Typ-2-Dia­be­tes. „Es ist ei­ne meist schlei­chen­de Er­kran­kung, die über Jah­re un­ent­deckt blei­ben kann“, sagt Pro­fes­sor Loh­mann. Die Ur­sa­che ist nur sel­ten In­su­lin­man­gel, son­dern ei­ne so­ge­nann­te In­su­lin­re­sis­tenz - die Zel­len re­agie­ren nicht mehr aus­rei­chend auf das Hor­mon In­su­lin, Glu­ko­se häuft sich im Blut an und er­höht so den Blut­zu­cker­spie­gel.

„Haupt­ur­sa­che ist ne­ben ei­ner erb­li­chen Ver­an­la­gung das Über­ge­wicht“, so der Fach­arzt für In­ne­re Me­di­zin und En­do­kri­no­lo­gie. „90 Pro­zent der Be­trof­fe­nen sind zu dick. Frü­her trat die Krank­heit erst bei über 40-Jäh­ri­gen auf, heu­te auch bei jün­ge­ren Pa­ti­en­ten

Nor­mal­ge­wicht ganz wich­tig

um die 20.“Das zu­neh­men­de Al­ter der Be­völ­ke­rung spielt eben­falls ei­ne Rol­le. Je­der zehn­te Deut­sche ist Dia­be­ti­ker, nur fünf bis zehn Pro­zent da­von ha­ben Typ 1.

„Nach ei­ner Früh­er­ken­nung von Typ2-Dia­be­tes braucht der Pa­ti­ent meist kein In­su­lin zu sprit­zen, son­dern kann durch Er­näh­rungs­um­stel­lung, Ge­wichts­re­duk­ti­on und mehr Be­we­gung sei­ne Blut­zu­cker­wer­te in Ord­nung brin­gen“, so der Fach­arzt. „Wenn das nicht reicht, wer­den Me­di­ka­men­te ver­schrie­ben.“Bei dau­er­haft er­höh­ten Blut­zu­cker­wer­ten sind Ge­fäß­ver­än­de­run­gen wie beim Typ-1-Dia­be­tes zu er­war­ten. Fol­gen die­ser Er­kran­kung kön­nen un­ter an­de­rem Au­gen­schä­den, Nie­ren­schwä­che oder Herz­in­farkt sein. Des­we­gen sind Vor­beu­ge­maß­nah­men von enor­mer Be­deu­tung - für nor­ma­les Kör­per­ge­wicht und aus­rei­chen­de Be­we­gung sor­gen.

Nach­trag: Im Dia­be­tes­zen­trum des Kli­ni­kums wer­den auch über 18-Jäh­ri­ge Dia­be­ti­ker be­han­delt - jähr­lich rund 600 mit Typ 2 und 150 mit Typ 1.

Pa­ti­en­ten mit Typ-1-Dia­be­tes müs­sen mehr­mals täg­lich In­su­lin sprit­zen. Heu­te ma­chen das die meis­ten mit ei­nem so­ge­nann­ten In­su­lin­pum­pen.

Prof. To­bi­as Loh­mann (54) ist Chef­arzt der Me­di­zi­ni­schen Kli­nik am Städ­ti­schen Kli­ni­kum Dres­den-Neu­stadt.

Über­ge­wich­ti­ge Kin­der ha­ben ein hö­he­res Ri­si­ko, spä­ter Typ-2Dia­be­tes zu be­kom­men. Mit Sport und Ge­wichts­re­duk­ti­on

beugt man vor.

Dr. Kris­ti­na Rauh (40), Fach­ärz­tin für Päd­ia­trie, zeigt klei­nen Pa­ti­en­ten am Lö­wen Len­ny, wie ei­ne In­su­lin­pum­pe funk­tio­niert.

Dia­be­ti­ker müs­sen re­gel­mä­ßig ih­re Blut­zu­cker­wer­te mes­sen. Mo­der­ne Mess­ge­rä­te brau­chen nur ei­ne win­zi­ge Blut­men­ge da­für.

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