„Ich hän­ge an die­ser ko­mi­schen, schwie­ri­gen Stadt“

In­ter­view mit Schau­spiel-In­ten­dant Wil­fried Schulz über sei­ne Zeit in Dres­den

Dresdner Morgenpost - - KULTUR -

„Mit ,PE­GI­DA‘ hat mein Ab­schied nichts zu tun.“

Am Staats­schau­spiel geht die Ära des In­ten­dan­ten Wil­fried Schulz (64) mit dem na­hen Aus­klang der Spiel­zeit zu En­de. Nach sie­ben Jah­ren in Dres­den wech­selt er als In­ten­dant nach Düs­sel­dorf. Schulz hat das Dresd­ner Thea­ter zu ei­nem der er­folg­reichs­ten in Deutsch­land ge­macht und zu ei­nem Boll­werk ge­gen Frem­den­feind­lich­keit. Im In­ter­view mit der MOPO blickt er auf sei­ne Dresd­ner Jah­re zu­rück.

MOPO: Herr Schulz, als Sie vor sie­ben Jah­ren aus Han­no­ver im Wes­ten nach Dres­den im Os­ten ka­men - was wa­ren Ih­re Hoff­nun­gen, was Ih­re Be­fürch­tun­gen?

Wil­fried Schulz: Ich war Zeit mei­nes Le­bens in der glück­li­chen Si­tua­ti­on, mir die Auf­ga­ben, die ich be­wäl­ti­gen woll­te, aus­su­chen zu kön­nen. Ich kam nach Dres­den, weil ich nach Dres­den woll­te. Da gab es kei­ner­lei Be­fürch­tun­gen, statt­des­sen Freu­de, Er­war­tun­gen und Zie­le. Ich war ge­spannt auf ei­ne Ge­sell­schaft, die sich seit Wen­de und Wie­der­ver­ei­ni­gung im Um­bruch be­fin­det. Mit Um­bruch ist meis­tens Auf­bruch ver­bun­den. Die­sen mit­zu­ge­stal­ten, über Ge­schich­te, Ge­gen­wart und Zu­kunft mit den Mit­teln des Thea­ters neu nach­zu­den­ken, war mein Wunsch und Wil­le.

Wel­che Er­war­tun­gen ha­ben sich er­füllt, wel­che nicht?

Je­de Stadt braucht Or­te, an de­nen man sich trifft, nach­denkt und strei­tet, oh­ne dass man sich da­bei die Köp­fe ein­schlägt. Wir woll­ten das Staats­schau­spiel als ei­nen sol­chen Ort eta­blie­ren. Es ins Zen­trum der Dresd­ner Ge­sell­schaft und der ge­sell­schaft­li­chen Aus­einan­der­set­zun­gen rü­cken. Dass uns dies ge­lun­gen ist, macht mich glück­lich. Ler­nen muss­ten wir, dass ein ge­sell­schaft­li­cher Um­bruch manch­mal viel kom­pli­zier­ter ist, als wir es uns wün­schen; dass Ve­rän­de­run­gen in der ge­sell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit sehr viel Zeit und mög­li­cher­wei­se meh­re­re Ge­ne­ra­tio­nen be­nö­ti­gen; dass es Rück­schlä­ge gibt. Hier sei das Stich­wort „PE­GI­DA“ge­nannt.

Ist es nicht so, dass Sie erst in Dres­den zu dem Spit­zen­in­ten­dan­ten ge­wor­den sind, den das deutsch­spra­chi­ge Thea­ter heu­te in Ih­nen sieht?

Was soll ich dar­auf ant­wor­ten? Ich will mich nicht selbst ein­schät­zen.

Die Aus­las­tungs­stei­ge­rung auf 250 000 Be­su­cher je Spiel­zeit, die das Staats­schau­spiel zum zweiter­folg­reichs­ten Thea­ter im Land macht, ist schon ein Kunst­stück. Obend­rein hät­te Ih­nen der Er­folg in Dres­den bei­na­he den Chef­pos­ten am Wie­ner Burg­thea­ter ein­ge­bracht.

Ich ha­be nie in mei­nem Le­ben in Kar­rie­re­schrit­ten ge­dacht. Ent­schei­dend ist für mich im­mer die kon­kre­te Auf­ga­be, die es zu be­wäl­ti­gen gilt. Die Auf­ga­be in Dres­den war, dem Staats­schau­spiel auf der Land­kar­te der deutsch­spra­chi­gen Thea­ter wie­der Be­deu­tung zu ge­ben. Wir ha­ben die­se Auf­ga­be recht gut ge­löst. Dass es be­merkt wur­de, ist na­tür­lich ei­ne gro­ße Freu­de für mich.

Un­ser Ein­druck: Der In­ten­dant aus dem Wes­ten und das Pu­bli­kum im Os­ten ha­ben sich ge­sucht und schnell ge­fun­den. Al­lein der enor­me Zu­spruch für die Bür­ger­büh­ne be­weist das. Rei­bungs­ge­winn statt Rei­bungs­ver­lust. Für man­chen war das über­ra­schend.

Ich mei­ne, die Leu­te, die un­se­re Zu­schau­er wur­den, ha­ben mir und mei­nem Team ab­ge­nom­men, dass wir uns mit Ernst­haf­tig­keit und Neu­gier auf die Stadt ein­ge­las­sen ha­ben. Da kam eben kei­ner, der ih­nen ir­gend­ei­ne be­lie­bi­ge Thea­ter­mo­de über­stülp­te, son­dern Thea­ter ma­chen woll­te für sie, die Men­schen in die­ser Stadt, mit den The­men, die sie be­schäf­ti­gen. Dar­aus ist Ver­trau­en er­wach­sen. Man be­sucht heu­te das Staats­schau­spiel wie selbst­ver­ständ­lich, und wenn mal ei­ne Vor­stel­lung nicht ge­fällt, freut man sich auf die nächs­te. Der Be­such un­se­rer Thea­ter ist ein fes­ter Be­stand­teil der Dresd­ner Le­bens­kul­tur ge­wor­den. Das ist wohl un­ser größ­ter Er­folg.

Dank des Er­folgs hät­te Ih­nen der Frei­staat Sach­sen im Fal­le ei­ner Ver­trags­fort­set­zung wahr­schein­lich je­den Wunsch er­füllt. Sie ha­ben sich an­ders ent­schie­den. War­um?

Ich bin kein schnel­ler Wechs­ler und ha­be mir die­se Ent­schei­dung nicht leicht ge­macht. Ich hän­ge an mei­ner Ar­beit, am Pu­bli­kum, an meinen Mit­ar­bei­tern. Auch an die­ser ko­mi­schen, schwie­ri­gen Stadt. Aber ich ha­be im­mer auch den Auf­bruch ge­liebt. Et­was be­gin­nen, Din­ge neu denken, Ant­wor­ten fin­den auf Fra­gen, die ich noch nicht ken­ne. In Düs­sel­dorf er­gab sich die­se Mög­lich­keit noch ein­mal für mich. Ich ha­be aus die­sem Le­bens­ge­fühl her­aus ge­han­delt.

Hat nicht „PE­GI­DA“Sie aus Dres­den ver­trie­ben?

Nein. Die Ent­schei­dung fiel ei­ni­ge Mo­na­te vor „PE­GI­DA“.

In der Süd­deut­schen Zei­tung ha­ben Sie ein­ge­räumt, dass die Zeit seit „PE­GI­DA“für Sie „zer­mür­bend“ge­we­sen sei. Sie kri­ti­sier­ten am Bei­spiel Düs­sel­dorfs, wo es „ei­ne ganz an­de­re Of­fen­heit“ge­be, in­di­rekt das Nicht­zu­las­sen von Fremd­heit in Dres­den.

Es ist zwei­schnei­dig. Frem­de gut zu be­han­deln war schon in der An­ti­ke ei­ne der wich­tigs­ten For­de­run­gen an das zi­vi­li­sier­te Le­ben. Dass die­ses Abc in der heu­ti­gen Zeit, nach den Schreck­nis­sen der Na­zi­zeit, nun aber­mals ge­lernt wer­den muss, ist schon de­pri­mie­rend. Gleich­zei­tig

wa­ren die­se zu­rück­lie­gen­den ein­ein­halb Jah­re, die von „PE­GI­DA“ge­kenn­zeich­net wa­ren, ex­trem wich­tig. Sie ha­ben uns nach­drück­lich be­wie­sen, wie wich­tig en­ga­gier­tes Thea­ter in po­li­tisch schwie­ri­gen Zei­ten ist. Un­se­re Ar­beit hat si­cher da­zu bei­ge­tra­gen, dass Dres­den über­re­gio­nal nicht mehr nur als „PE­GI­DA-Stadt“wahr­ge­nom­men wird, son­dern auch als Ort, wo ei­ne li­be­ra­le bür­ger­li­che Mit­te ver­sucht, das Pro­blem zu lö­sen. Wir ha­ben mit der Bür­ger­büh­ne und dem Mon­tagsca­fé für Ge­flüch­te­te und Ein­hei­mi­sche im Klei­nen Haus ein In­stru­ment ge­schaf­fen, mit dem sich wei­ter­ar­bei­ten lie­ße.

Ei­ne For­de­rung an Ih­re Nach­fol­ger?

Eher an die Kul­tur­ver­ant­wort­li­chen von Stadt und Land. Ein sol­ches Pro­jekt, das Ge­flüch­te­te in die Ge­sell­schaft ein­bin­det, be­darf ei­ner gu­ten Aus­stat­tung, auch fi­nan­zi­ell. Das ist al­lein mit den Mit­teln des Thea­ters auf Dau­er nicht zu ma­chen. Das Mon­tagsca­fé könn­te Keim­zel­le sein für ein in­ter­kul­tu­rel­les Zen­trum, das in Zu­sam­men­ar­beit mit an­de­ren Thea­tern und In­sti­tu­tio­nen in der Stadt auf­zu­bau­en wä­re. Dres­den könn­te auf die­se Wei­se ein Zei­chen set­zen, dass es ei­ne freund­li­che und welt­of­fe­ne Stadt ist.

Sind Sie froh, mit der neu­en Spiel­zeit wie­der im Wes­ten zu sein?

Ach was, nein. Ich bin Ber­li­ner, dort ist Ost und West im­mer gleich­zei­tig. Ich ha­be ger­ne in Dres­den im Os­ten - ge­lebt. Über­haupt wer­den wir ost­deut­sche The­men in den Wes­ten mit­neh­men und in die Thea­ter­ar­beit ein­flie­ßen las­sen. Es geht doch im­mer um ge­mein­sa­me Pro­ble­me von Ost und West. Wir wer­den in Düs­sel­dorf auch als gu­te Bot­schaf­ter Dres­dens auf­tre­ten, ei­nes schwie­ri­gen Dres­dens, das um sei­ne Zu­kunft und sein Selbst­ver­ständ­nis ringt.

Von der Dach­ter­ras­se der vier­ten Eta­ge im Schau­spiel­haus schaut Wil­fried Schulz (64) auf den Post­platz hin­ab.

Schulz im Ge­spräch mit MOPO-Re­dak­teur Gui­do Gla­ner.

Wil­fried Schulz in Hemd und Sak­ko. Kra­wat­te trägt er nur im Aus­nah­me­fall.

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