Wie rea­lis­tisch war der Tat­ort?

Dresd­ner TU-Pro­fes­sor macht den „Big Da­ta“-Kri­mi-Fak­ten­check

Dresdner Morgenpost - - SHOW -

DRES­DEN - Die­ser Kri­mi hat po­la­ri­siert. Im Stutt­gar­ter „Tat­ort: HAL“be­ka­men es die Kom­mis­sa­re mit ei­nem selbst­ler­nen­den Über­wa­chungs­pro­gramm zu tun. Der in na­her Zu­kunft an­ge­sie­del­te Film spielt in ei­ner Fir­ma, die in­tel­li­gen­te Soft­ware ent­wi­ckelt und die Kon­trol­le dar­über ver­liert. Rea­lis­tisch oder noch Zu­kunfts­mu­sik? Für die MOPO hat Dr. Wolf­gang Na­gel, Pro­fes­sor für Rech­ner­ar­chi­tek­tur und Di­rek­tor des Zen­trums für In­for­ma­ti­ons­diens­te und Hoch­leis­tungs­rech­nen (ZIH) an der TU Dres­den, den Fak­ten­check ge­macht. Leis­tungs­fä­hi­ge Sys­te­me, wie sie der Film zeig­te, wür­den längst auf­ge­baut, „da reicht die Phan­ta­sie der Film­leu­te nicht weit ge­nug“. Vie­les aber blei­be Sci­ence-Fic­tion.

The­ma „So­ci­al Ana­ly­sis“: Wä­re ein Pro­gramm tat­säch­lich in der La­ge, durch Aus­wer­tung al­ler ver­füg­ba­ren Da­ten Ver­hal­tens­vor­her­sa­gen für Men­schen ab­zu­ge­ben?

Der Au­tor Isaac Asi­mov hat schon 1957 in „Ge­lieb­ter Ro­bo­ter“dar­über ge­schrie­ben, was pas­siert, wenn ein Groß­rech­ner das Er­geb­nis ei­ner Prä­si­den­ten­wahl so ge­nau vor­her­sa­gen könn­te, dass die Wahl an sich über­flüs­sig wird. Das aber funk­tio­niert auch heu­te noch nicht, In­fas-Pro­gno­sen et­wa lie­gen oft vie­le Pro­zent­punk­te da­ne­ben. Das wä­re bei Men­schen und ih­rem Ver­hal­ten nicht an­ders. Es gibt aber exis­tie­ren­de Pro­gram­me bei der Po­li­zei, die ana­ly­sie­ren al­le Ein­brü­che auf künf­ti­ge Vor­komm­nis­se. Da gibt es ge­wis­se Tref­fer­quo­ten.

The­ma „Künst­li­che In­tel­li­genz“: Wie rea­lis­tisch ist die Vi­si­on ei­nes selbst­ler­nen­den Pro­gramms, das sich ver­selbst­stän­digt?

Es gibt den IBM-Rech­ner „Wat­son“. Der ist in der La­ge, selbst­stän­dig In­for­ma­tio­nen aus Da­ten zu ge­win­nen, Schlüs­se dar­aus zu zie­hen, und er kann prä­zi­se Ant­wor­ten in na­tür­li­cher Spra­che aus­ge­ben. Er hat in den USA mal die Quiz-Show „Jeo­par­dy!“ ge­won­nen. Ein­ge­setzt wird er im me­di­zi­ni­schen Be­reich, um bes­se­re Dia­gno­sen zu er­zie­len. In 15 Jah­ren - viel­leicht schon in zehn, spä­tes­tens aber in 20 Jah­ren - wird es meh­re­re Pro­gram­me ge­ben, die mehr kön­nen als ih­re Pro­gram­mie­rer. Dass sie ein Ei­gen­le­ben füh­ren, das kommt spä­ter.

Aber dass ein Pro­gramm sagt: „Die­sen Be­fehl füh­re ich nicht aus“, das gibt es noch

nicht?

Nein.

Der „Tat­ort“zeigt to­ta­le Über­wa­chung: Aus­ge­schal­te­te Han­dys wer­den ab­ge­hört, per Ge­sichts­scan Pro­fi­le er­stellt. Müs­sen wir da­von aus­ge­hen, dass un­se­re Da­ten tat­säch­lich zu­sam­men­ge­führt und aus­ge­wer­tet wer­den?

Wir wis­sen ja von Vi­deo­über­wa­chun­gen im öf­fent­li­chen Raum. Am Bahn­hof in Mann­heim wur­de un­längst ein Pi­lot­pro­jekt zur Per­so­nen­ent­de­ckung ge­tes­tet, die Er­geb­nis­se sind aber nicht zu­frie­den­stel­lend. Es gibt al­so Ak­ti­vi­tä­ten in die­ser Rich­tung. Und na­tür­lich wer­den un­se­re Da­ten ana­ly­siert: was wir bei Face­book schrei­ben, bei Goog­le su­chen, bei Ama­zon kau­fen. Aber das sind Ein­zel­fa­cet­ten; sie zu­sam­men­zu­füh­ren ist schwie­rig. In Deutsch­land gibt’s das noch nicht, wir ha­ben Da­ten­schutz­be­stim­mun­gen. Amis ma­chen das, die NSA könn­te auch to­te Han­dys aus­le­sen …

Ab­schlie­ßend: Schürt so ein Film zu viel Angst?

Für ei­nen Kri­mi ist ein biss­chen Über­trei­bung in Ord­nung, ein „Tat­ort“muss ja auch et­was rei­ße­risch sein. Schö­ner wä­re es na­tür­lich, wenn Ängs­te ge­nom­men wer­den und ge­zeigt wür­de, dass Ana­ly­se­pro­gram­me für et­was Gu­tes ge­nutzt wer­den - im me­di­zi­ni­schen Be­reich Le­ben ret­ten hel­fen zum Bei­spiel. Wenn aber so ein Film ge­ne­rell da­zu sen­si­bi­li­siert, dass man sei­ne Pass­wör­ter besser schützt, mit sei­nem Smart­pho­ne nicht al­les macht und mit sei­nen Da­ten be­wuss­ter um­geht, dann ist schon viel ge­won­nen.

Be­un­ru­hi­gend: Oh­ne dass sie es mer­ken, wird das Ge­spräch der Kom­mis­sa­re Lan­nert (Ri­chy Mül­ler, 60) und Bootz (Fe­lix Kla­re, 37) über ih­re Han­dys ab­ge­hört.

Dr. Wolf­gang Na­gel von der TU Dres­den ist über­zeugt: „In 20 Jah­ren wird es Pro­gram­me ge­ben, die mehr kön­nen als ih­re Pro­gram­mie­rer.“

Ein Blick auf den Bildschirm ge­nügt: Im „Tat­ort: HAL“führt ein Ge­sichts­scan zum kom­plet­ten Per­sön­lich­keits­pro­fil.

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